Musique à la carte: Konzert-Berichte

  • Die Akkuratesse der Streicher zeigte sich allerdings im anschließenden Lontano von Ligeti noch deutlicher; da bin ich ja bald vom Stuhl geflogen, wie plötzlich die 9 Bässe ohne Fehler und punktgenau in das Gesumme für den Bruchteil einer Sekunde reinschrammten ...


    ... kommt leider im YT-Video bei 1:05:01 überhaupt nicht zur Geltung ... ich saß direkt davor: das war wie eine Kreissäge, die binnen Sekunden den Raum teilte ... *flöt*

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790

  • Nunja, das Gesamtergebnis lässt sich sicher gut fixieren; Details - wenn man , wie ich bei Currentzis, direkt von den Bässen sitzt - wohl eher nicht; außer: die Aufnahme wäre exakt darauf fokussiert worden. Ist halt so ...

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790

  • 04.02.2k18, Christuschurch, Carlsruhe


    HÄNDEL: ISRAEL IN EGYPT HWV viernfuffzich


    Clara Sophie Bertram, Sopran
    Katharina Sebsastian, Sopran
    Matthias Lucht, Altus (!)
    Marcus Ullamnn, Tenor
    Julian Popken, Baß
    Lorenzo de Cunzo, Baß


    KIT Konzertchor
    Carlsruher Barockorchester
    Nikolaus Indlekofer


    War sehr gelungen! Leider wurde der erste Theil (Klage Israels über den Tod Josephs) ausgelassen1, also das abermals revidierte Werk in der 2teiligen Fassung dargeboten, aber dies sehr angenehm. Besonders hervorzuheben waren die beiden Baß-Solisten, die im Duett „The Lord is a man of war" für mich das Highlight waren. Zwei recht große Chöre standen parat, hin und wieder - besonders in den Trebles - einige Spitzen vergeigt, aber so ein Liveerlebnis kann das nicht trüben.


    Die Akustik in der Christuskirche war atemberaubend gut, hätte ich nicht gedacht; seit der Sanierung vor einigen Jahren hatte ich dieses Gebäude nicht mehr betreten. Dem Carlsruher Barockorchester wohnt noch immer der Pioniergeist inne, der den Freiburger Kollegen, dem Concerto Köln u.a. längst abhanden gekommen ist.


    Wie jemandem bei diesem Oratorium langweilig werden könnte, ist mir schleierhaft ...


    Händel 4 ever! :love:



    1 Wiki: „Die Musik für den ersten Teil, Lamentation of the Israelites for the death of Joseph, übernahm er aus dem Funeral Anthem, der Begräbnismusik für Königin Caroline, die er zwei Jahre zuvor geschrieben hatte. Nur wenig Text musste geändert werden. Bereits beim Druck der Partitur wurde der erste Teil aber wieder weggelassen, sodass das Oratorium endgültig ein zweiteiliges Werk ohne Ouvertüre wurde (Exodus und Moses Song). In dieser Form wird es auch heute zumeist aufgeführt.“

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790

  • Gestern fand im Herkulessaal in München das Benefizkonzert der Kolibri-Stiftung statt.


    Es gab Mozarts 5.Violinkonzert und die Fünfte Mahler.


    Es spielte die Neue Philharmonie München unter der Leitung von Yoel Gamzou, der Solist war Gilles Apap.


    Dazu muss man wissen, dass eine große Anzahl junger Menschen aus verschiedenen Schulen und Berufsschulen über Ticketpatenschaften sowie eine Menge Migrantinnen und Migranten bzw. Geflüchtete das Publikum dort jünger und bunter gestalteten, als das sonst in München der Fall ist.
    Für Viele war ausgerechnet Mahler der Erstkontakt mit einem Klassikkonzert…


    Der Mozart war, wie soll ich das sagen, ohne negativ zu klingen (was ich wirklich nicht möchte), vermutlich die skurrilste Aufführung dieses Konzertes, die ich je gehört habe (und die auch in Zukunft nur schwer zu übertreffen sein dürfte).


    Es fing alles ganz "harmlos an". Gilles Abap spielt eher wie ein, wie beschreibe ich das, eine männliche Version von Patricia Kopatschinskaja mit Schuhen. Nein, das klingt nicht gut. Er ist schon ein Original, keine Version von irgendetwas. Aber er legt deutlich mehr Wert auf das Werk, auf Spielfreude, auf musikalische Gestaltung als auf geschliffenen Schönklang. Seine Geige darf auch mal krächzen, seufzen, knarzen. Aber dadurch gerade wurde das Konzert frisch, jung, mitreißend und konnte hoffentlich auch die "Neulinge" angemessen mitreißen. Soweit, so gut…
    Als dann Yoel Gamzou sich vor dem Finale an das Publikum wandte mit dem Hinweis, Mozart hätte seine Werke so gestaltet, dass die Kadenz dem Solisten die Möglichkeit gebe, das Werk in seine Zeit und seinen Erfahrungshorizont zu holen, und dass was immer Gilles Apap täte, durchaus mit Bedacht und in musikalischem Ernst geschehe, machte das Neugierig auf das, was geschah.
    Zu Beginn war es ein Rondo-Finale, wie man es erwartete. Spielerisch fröhlich, bei Bedarf auszierend und mit Überleitungen versehen gestaltete sich ein lustiges Zwiegespräch zwischen Solist und Orchester.
    Die Kadenz begann mit ein paar musikalischen Gedanken über die Themen des Finales. Dann brach es los. Die Kadenz nahm sich jeweils eines der Themen heraus und setzte sie in einen vollkommen neuen, musikalischen Kontext, begleitet vom Orchester, verstärkt um ein Jazz-Schlagzeug und türkische Trommeln (sic!). Da erklang das Thema im Big-Band-Sound, als Irish Fiddler, als türkische Musik (nicht im Mozartschen, sondern im authentischen Sinne, eine orientalisch intonierte Geige mit dezenten türkischen Handtrommeln — fantastisch), so dass eine musikalische Tour um die Welt entstand — und das alles mit Mozarts Themen! Das All Ungharese als Irish Fiddler Music — das war atemberaubend, überraschend, aber toll. Muss ich nicht jedes Mal haben (dann ist ja auch die Überraschung weg), vielleicht auch nicht als CD im Auto, aber als Erfahrung den Abend wert! Die Kadenz war dann länger als das ganze Finale. Irgendwann beschied Apap dann (mit Worten): "Genug", Yoel Gamzou kam von seinem Sitzplatz im Orchester wieder zum Pult und nahm das Thema wieder auf.
    Das ganze verklang dann in passend verspielter Weise, indem Apap den letzten Skalentönen seiner Geige noch ein paar gepfiffene, hohe Töne folgen lies… tosender Applaus und der Beweis, dass man auch junge Leute für Klassik begeistern kann, wenn man nicht immer als oberlehrerhafter alter Mann im schwarzen Anzug auftritt.


    Größer hätte der Kontrast zum Mahler nach der Pause nicht sein können.


    Kein Humor, keine Spökes, keine Schnörkel, kein glättender Schönklang, sondern Mahler hielt dem Publikum, gemischt aus älteren Münchner Wohlstandsmenschen und jungen Leuten, die gerade ihr ganzes Leben auf Links krempeln oder an ihrer Zukunft in soliden Berufen arbeiten, einen Spiegel vor, der nicht Gesichter sondern Seelen zeigte.
    Mahler führt jeden Dirigenten, jedes Orchester, an seine Grenzen und bisweilen darüber hinaus. Man blickte in konzentrierte und leidenschaftliche Gesichter vorwiegend junger Musikerinnen und Musiker, denen Mahler physisch und psyschisch alles abverlangte.
    Yoel Gamzou hatte eine anspruchsvolle Tempogestaltung, geprägt von starken Kontrasten, Tempowechseln, Übergängen und Rubati, die an das Orchester ebenfalls sehr hohe Ansprüche stellten.
    Nebenbei: die Bläsersolisten (die Trompete im ersten und das Horn im Mittelsatz) haben eine Weltklasseleistung abgerufen und den jeweiligen Sätzen einen stabilen klanglichen und emotionalen Rahmen gegeben. Die Harfenistin verlieh dem Adagietto gleichermaßen Bewegung und Stabilität als Rahmen für einen der melodischsten Sätze Mahlers.
    Das Finale war dann ein orgiastischer Kehraus, der so leichtfüßig tänzerisch daherkommt und dann in die große Emotion mündet.
    Auf Mahler muss man sich einlassen, Mahler lebt vom Mitmachen (zumindest emotional); darauf konnte sich vermutlich nicht jeder einlassen, vor allem im "etablierten, Münchner Block", in dem wir saßen, ging den Menschen um mich herum scheinbar die Bereitschaft dazu ab. Schade. Das Publikum war teliweise der Musiker nicht wert.


    Für mich persönlich enttäuschender Tiefpunkt des Abends: als (leider nur sehr vereinzelt) den großartigen Musikerinnen und Musikern, allen voran Yoel Gamzou und den Bläsersolisten sowie der Harfenistin, standing Ovations dargebracht wurden, bekam man von hinten zu hören, man solle sich gefälligst Hinsetzen, das sei ja wohl eine Unverschämtheit, und wurde sogar betatscht, um der Forderung Nachdruck zu verleihen. Dass man selbst mal den Hintern aus dem Sessel erheben könnte, um die Musikerinnen und Musiker zu feiern, kam den Herrschaften (die sich schon im ersten Satz über den Lärm mokierten) wohl nicht in den Sinn. Traurig. Das Münchner Publikum ist mir schon öfter als undankbar aufgefallen, vor allem in etablierten Konzerten. (Im Gegensatz dazu die zeitgenössische Chormusik unter Currentzis im Prinzregententhater — anderes Publikum, andere Stimmung, weniger Pelz und Seidenkrawatte, mehr Emotion).


    Fazit: ganz große Musik, von der ich hoffe, dass sie unter den zahlreichen jungen Menschen vielleicht wenigstens eine Handvoll für die Klassik begeistern konnte, gelungener Abend, und das nächste Mal möchte ich nicht wieder unter den reichen und vermeintlich schönen sitzen (nur dass dieses Mal die anderen Plätze halt nicht im freien Verkauf waren).
    Ach ja, falls Yoel Gamzou das mal liest: ich wünsche mir eine Einspielung aller Mahler-Sinfonien unter der Leitung von Yoel Gamzou.

    Lucius Travinius Potellus
    Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety. (B.Franklin)

  • Um 20 Uhr 30 begann im intimen Rahmen des Salle de Séjour im Hôtel Alviset (in unmittelbarer Nähe des Geburtshauses Victor Hugos und jenem der Gebrüder Lumiére) das clavierhändige Schubertiadeprogramm mit Arthur Schoonderwoerd und Jérôme Grangon:


    Divertissement à la Hongroise, op. 54 D818 (Imo JG, IIdo AS)
    Grande Marche Funèbre d-moll op. 55 D859 (dto.)
    Lebensstürme op. post.144 D947 (Imo AS; IIdo JG)
    Ländler Es-Dur D814/1 (dto.)*
    Fantasie f-moll op. 103 D940 (Imo JG; IIdo AS)


    Zugabe: Marche charactéristique C-Dur D968B/1 ex D886/1


    Instrument: unrestaurierter Original-Érard-Flügel c1880


    Beide Forteisten, so unterschiedlich sie sich präsentierten, waren in Bestform und bester Laune und präsentierten ein Mammutprogramm, das an gefühlter Leichtigkeit kaum zu überbieten war. Der Abend verging wie im Fluge und doch gab es Momente, die fast eine Ewigkeit dauerten, leider eben nur fast: das Highlight war (wie gewünscht) das Allegretto aus D818 nach der „ungarischen Melodie“. Dafür, daß das Instrument definitiv unrestauriert war, klang es sehr forsch und einnehmend, manches Mal hakte die ein oder andere Taste im oberen Tonbereich, was leicht als „Verspieler" interpretiert werden kann. Den Raum befüllten ca. 30, vielleicht 40 Leute, die Atmosphäre war sehr privat, wie sich das für eine Schubertiade gehört. Ich fand es bemerkenswert, daß Arthur Schoonderword nicht darauf bestand, stets den Primo zu geben, sondern in den Hauptteilen die Baßpartie zu spielen - und das gepaart mit seiner angewachsenen pittoresken Mimik, die sich ganz contraire zu der Jérôme Grangons präsentierte, der stets ernsthaft, machmal melancholisch dreinblickte - so war es wirklich ein hör- und sichtbares Wechselspiel der Gefühle.


    Im Anschluß gab es ausgiebig Gelegenheit, bei Speis und Trank mit den Künstlern zu kommunizieren - wirklich tolle Projekte stehen in den Startlöchern; nur soviel vorab (unter dem Mäntelchen des Schweigens): Schoonderwoerd wird mit seinem Ensemble Cristofori im September in Bonn gastieren und damit beginnen, die Sinfonien eines gewissen B aus B, freiwillig wohnhaft in W, zu spielen ...


    Bilder können derzeit aus Serverplatzmangel nicht eingestellt werden.


    :wink:

    *vorgesehen war lt. Programm ursprünglich der Grande Marche Héroïque en La mineur, opus 66, D.885 (1826) à l’occasion du Sacre de Sa Majesté Nicolas I, Empereur de toutes les Russies (hat aber wohl niemand bemerkt)

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790

  • Konzert zur Eröffnung der Wasserspielsaison


    Am 1. Mai lud der der Verein Bürger für das Welterbe Kassel e.V. zu einem Konzert im Ballhaus Wilhelmshöhe.

    Es spielte das Orchester der Musikakademie Kassel unter der Leitung von Alberto Bertino.


    Das Musikprogramm:

    G.F.Händel: Watermusick (1717)

    L.van Beethoven: Sinfonie Nr.5 in c-moll Op.67 (1808)


    Mitglieder der Cour de Cassel waren auf speziellen Wunsch des Vereins Bürger für das Welterbe Kassel e.V. als Ehrengäste eingeladen, um mit ihrer Präsenz ein wenig lebendiges, historisches Flair zusätzlich zum Konzert zu vermitteln. Die Anwesenheit des Landgrafen mit Entourage kam bisher immer sehr gut beim Publikum an und potenzierte die feierliche Stimmung.

    2017 wurde Cour de Cassel zum ersten Mal zu einem solchen Konzert eingeladen, man feierte den 300. Geburtstag des Kasseler Herkules: Konzert im Ballhaus 2017


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    Unter König Jérôme Bonaparte (reg. 1807–1813) wurde das Erstlingswerk des damaligen Hofarchitekten Leo Klenze (1784–1864) im Jahr 1810 zunächst als Hoftheater errichtet. Kurfürst Wilhelm II. (reg. 1821–1831) hatte nach seinem Amtsantritt jedoch keine Verwendung mehr für das Gebäude und ließ es von 1828 bis 1830 von seinem Architekten Johann Conrad Bromeis (1788–1855) zum heutigen Ballhaus umbauen.


    Das Konzert am 1.Mai 2018 war restlos ausverkauft und ein großer Erfolg.

    Die Musikakademie spielte auf modernen Instrumenten auf einem hohen Niveau – besonders taten sich natürlich die Solisten hervor, an erster Stelle die Konzertmeisterin Silvie Kraus (Gründungsmitglied von Concerto Köln) und Angela Hug, Dozentin für Alte Musik in Kassel (Blockflöte) – ihr Spiel war sicher eines der Highlights des Abends.

    Bei Beethovens berühmtester Sinfonie fühlten sich die jungen Musiker der Akademie sichtlich wohler als bei Händels barocker Wassermusik – Beethoven wurde mit dem nötig Biss zelebriert und wirklich mitreißend gespielt. Vor allem der finale Satz war ein weiterer Höhepunkt des wunderbaren Konzerts.


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    (Dem Landgrafen Karl hatte das Konzert sichtlich gefallen)


    Man kann nur hoffen, dass diese Konzerte auch weiterhin
    stattfinden, das Ballhaus in Wilhelmshöhe ist dafür der Ideale Rahmen.

  • Gestern Mittag ein weiteres Konzert besucht: „Barockmusik aus der Zeit des Landgrafen Carl“


    Diese Konzerte, die insgesamt auf 3 Termine verteilt sind, stehen jeweils unter einen Nationalen Thema: Italien, Frankreich und Deutschland und fassen Komponisten zusammen, die man Hofe des Landgrafen von Hessen-Kassel spielte, bzw. auch Komponisten die als Hofkomponisten tatsächlich in Kassel angestellt waren.

    Außerdem gehören diese Konzerte zu der großangelegten „Landgraf Carl Ausstellung“ im Museum Fridericianum in Kassel. Doch dazu später mehr.
    Das erste Konzert der Reihe stand unter dem Motto „Italien“, Karl besuchte auf seiner Kavalierstour natürlich Italien und die berühmten Terrassengärten inspirierten ihn zu seiner monumentalen Herkulessanlage auf dem Karlsberg.

    Gespielt wurden Werke von Fortunato Chelleri, Antonio Vivaldi, Salvatore Lancetti, G.F.Händel und Arcangelo Corelli.


    Chelleri war der einzige Komponist, der tatsächlich in Kassel als Hofmusiker wirkte, seine Ouverture / Suite in d-moll eröffnete das Konzert. Da Aufnahmen von Chelleris Werken praktisch nicht existent sind (es gibt nur eine CD mit Sinfonien und ein Concerto für Violoncello) muss man auf ähnliche Werke von Venturini und Veracini verweisen. Es sind Kompositionen im vermischten Geschmack, eine Kombination italienischer Sätze und französischer Tänze [Satzfolge: Maestoso - Stricte - Grazioso - Moderato - Courante - Menuett - Gigue] es würde sich allemal lohnen diese Werke aufzuführen.

    Die Studenten der Musikschule Louis Spohr taten sich dennoch ein wenig schwer (Einsätze, saubere Töne…), ambitioniert spielten sie das wunderbare Werk in einer kammermusikalischen Bearbeitung für Streichquartett (2 Violinen, Viola und Violoncello). Der Charakter des Werkes lässt aber vermuten, dass es für ein großes Orchester geschrieben wurde. Es existieren weitere solcher Ouvertures (insgesamt 12 Suiten) in anderen Tonarten, ähnlich wie bei den schon angesprochenen Zeitgenossen Venturini und Veracini. Chelleri gehört vielleicht noch zu den interessantesten Komponisten, die erst wieder entdeckt werden müssen – und ich denke, diese 12 Suiten könnten einen festen Platz neben den großen Standartwerken dieser Zeit einnehmen.


    Vivaldi und Lancetti waren mit Duetten für Barock Violoncello vertreten, die wirklich gekonnt und mitreißend interpretiert wurden.

    Auch eine Arie wurde zum Besten gegeben, Orontes „E un folle, e un vile affetto“ aus der Oper Alcina (1735) von Georg Friedrich Händel.

    Der Höhepunkt des Konzerts war aber zweifellos die Sonate No.5 in g-moll aus Corellis Op.5 in einer zeitgenössischen Bearbeitung für Viola da Gamba. Landgraf Carl selbst spielte Gambe und es finden sich dementsprechend auch zahlreiche Werke im Bestand der Murhardschen Bibliothek, die diese Vorliebe des Landgrafen unterstreichen.

    Laura Frey, Dozentin für Viola da Gamba, die auch das Konzert leitete, spielte atemberaubend schön und man möchte diese Sonaten fast gar nicht wieder für Violine hören.



    Wie Eingangs schon geschrieben, gehören die Konzerte zu der Sonderausstellung, die man in jedem Falle ebenfalls besuchen sollte.

    Landgraf Carl gehört zu den wichtigsten Fürsten seines Zeitalters und auch wenn er neben Figuren wie August dem Starken oder Max Emanuel von Bayern heute kaum wahrgenommen wird, war dies zu Lebzeiten sehr wohl anders. Davon zeugen nicht nur diese Ausstellung, sondern vor allem auch die Bauten in Kassel. Die Ausstellung beeindruckt durch sehr viele Exponate: Beeindruckende Pläne von Bauten und nicht mehr erhaltenen Gartenanlagen, oder der originale Krönungsmantel von Friedrich I. Karls ältesten Sohn, der schwedischer König wurde und nicht zuletzt die vielen faszinierenden Gemälde und Stiche. Mein persönliches Lieblingsexponat war ein (leider im Krieg ziemlich zerstörter) Automat: Eine mittelgroße Statue einer Minerva, mit einer zeitgenössischen Pistole in der Hand. Damals verfügte sie über ein Uhrwerk…mit Weckfunktion: Wenn sie die Pistole abfeuerte rollte sie zusätzlich noch mit den Augen.


    Gegliedert ist die Ausstellung, für die man sich unbedingt Zeit nehmen sollte, in verschiedene Schwerpunkte, wie das Heereswesen, seine Familien- und Machtpolitik, aber auch seine Bautätigkeit und seine vielseitigen Förderungen im Bereich der Wissenschaft und der Kunst.

    Aber es gibt auch ein wenig Anlass zur Kritik, mir erschloss sich nicht, weshalb man den Portraits der landgräflichen Familie eine Art „Glory Hole“ Wand vorgeschoben hat – der einzige Effekt, man macht es dem Besucher schwer, diese Gemälde überhaupt zu betrachten….. Auch der Titel der Sonderausstellung gab nicht selten Anlass zum Spott:


    Landgraf Karl – Groß gedacht!

    Groß gemacht? […]


    Die Ausstellung selbst ist jedoch mehr als gelungen, Ein Besuch lohnt sich unbedingt, vorzugsweise wenn auch das Thema Musik am Hofe des Landgrafen in Form von Konzerten Bestandteil der Ausstellung ist.

    Auch ein kleines Highlight, der „Zwerenturm“ ist zugänglich, er wurde unter Landgraf Friedrich II. dem Fridericianum angegliedert und zu einer Sternwarte umgebaut. Hier sind zwar keine Exponate zu sehen, nur Hinweistafeln, aber der Aufsteig wird mit einem tollen Blick über Kassel belohnt.


    Ich werde in jedem Fall auch die anderen beiden Konzerte besuchen. Leider war das Konzert insgesamt eher mäßig besucht, das mag aber wohl in der Hauptsache an der mangelnden Werbung gelegen haben. Die Öffentlichkeitsarbeit der Museumlandschaft steht schon länger in der Kritik.

    Und es ist bedauerlich, wenn so liebevolle und ambitionierte kleinere Veranstaltungen kaum wahrgenommen werden.