Gedichte von allen für alle ... :)

  • Träumerei in Hellblau


    Alle Landschaften haben
    Sich mit Blau gefüllt.
    Alle Büsche und Bäume des Stromes,
    Der weit in den Norden schwillt.


    Blaue Länder der Wolken,
    Weiße Segel dicht,
    Die Gestade des Himmels in Fernen
    Zergehen in Wind und Licht.


    Wenn die Abende sinken
    Und wir schlafen ein,
    Gehen die Träume, die schönen,
    Mit leichten Füßen herein.


    Zymbeln lassen sie klingen
    In den Händen licht.
    Manche flüstern, und halten
    Kerzen vor ihr Gesicht.


    Georg Heym (1887-1912)

    Habe hier einen neuen Thread installiert, weil dieser nach Absprache Melina vorbehalten ist. Mod. Yorick

  • Die Musik ist heutzutage
    Wohl der Menschheit grösste Plage:
    Schauervolles wird erreicht,
    Wenn der Mensch die Geige streicht,
    Oder um die Abendröthe
    Zwecklos bläst auf einer Flöte.
    Und ich hege die Vermutung,
    Dass auch der Posaune Tutung
    Manchem wohl bei Tag und Nacht
    Keine grosse Freude macht.
    Dieser schlägt mit viel Gebimbel
    Grausamlich das Klavezimbel
    Jener aber gnadenlos,
    Kneift das Cello – Gott ist gross!
    Seine Langmuth ist unendlich,
    Treibt’s der Mensch auch noch so schändlich.
    Andre wieder, wie wir wissen,
    Sind der Poesie beflissen,
    Kochen zu der Menschheit Schauer
    Tag für Tag ihr Herz in Sauer,
    Wandeln auf geblümter Au.
    Viele Trauer-, Lust- und Schau-
    Spiele fliessen zäh wie Leder
    Aus der öden Dichterfeder,
    Und es rinnt die trübe Fluth
    Ohne Ende! – Gott ist gut,
    Dass er solches lässt geschehn,
    Ohne ins Gericht zu gehn!


    Andre, zu der Menschheit Qualen,
    Legen wieder sich aufs Malen
    Und beschmieren ohne Ende
    Viele schöne Leinewände
    Und viel herrliches Papier,
    Zum Erbarmen ist es schier! -


    Wär’ mit Rosen und Kamillen
    Ihre Schmierwuth nur zu stillen
    Nein, sie wagen frech und wild
    Sich an Gottes Ebenbild,
    Und sie pinseln und sie kratzen
    Süsslich, wabblich ihre Fratzen,
    Dass die liebe Sonne weint,
    Wenn sie solchen Schund bescheint.
    Und so reiht sich Bild zu Bilde
    Unermesslich! – Gott ist milde,
    Denn er warf noch nie mit Feuer
    Unter solche Ungeheuer!


    Doch, wenn mal ein grosser Geist
    Sich empor zum Himmel reisst
    Und vom ew’gen Born der Klarheit
    Nieder bringt das Licht der Wahrheit,
    Muss man sehen diese Ekel,
    Diese krummgebeinten Teckel
    Wie sie ihn herunter reissen
    Und ihn in die Waden beissen,
    Denn sie schätzen jeder Frist
    Nur, was ihres Gleichen ist!




    Heinrich Seidel (1832-1906)



    lg vom eifelplatz

  • Die weite bucht erfüllt der neue hafen
    Der alles glück des landes saugt · ein mond
    Von glitzernden und rauhen häuserwänden ·
    Endlosen strassen drin mit gleicher gier
    Die menge tages feilscht und abends tollt.
    Nur hohn und mitleid steigt zur mutterstadt
    Am felsen droben die mit schwarzen mauern
    Verarmt daliegt · vergessen von der zeit.


    Die stille veste lebt und träumt und sieht
    Wie stark ihr turm in ewige sonnen ragt ·
    Das schweigen ihre weihebilder schüzt
    Und auf den grasigen gassen ihren wohnern
    Die glieder blühen durch verschlissnes tuch.
    Sie spürt kein leid · sie weiss der tag bricht an:
    Da schleppt sich aus den üppigen palästen
    Den berg hinan von flehenden ein zug:


    ›Uns mäht ein ödes weh und wir verderben
    Wenn ihr nicht helft – im überflusse siech.
    Vergönnt uns reinen odem eurer höhe
    Und klaren quell! wir finden rast in hof
    Und stall und jeder höhlung eines tors.
    Hier schätze wie ihr nie sie saht – die steine
    Wie fracht von hundert schiffen kostbar · spange
    Und reif vom werte ganzer länderbreiten!‹


    Doch strenge antwort kommt: ›Hier frommt kein kauf.
    Das gut was euch vor allem galt ist schutt.
    Nur sieben sind gerettet die einst kamen
    Und denen unsre kinder zugelächelt.
    Euch all trifft tod. Schon eure zahl ist frevel.
    Geht mit dem falschen prunk der unsren knaben
    Zum ekel wird! Seht wie ihr nackter fuss
    Ihn übers riff hinab zum meere stösst.‹

    Wir sollten Karoline Stöhr aus Thomas Manns "Zauberberg" zur Schutzpatronin unseres Forums machen; auch sie liebt die "Erotika" ...

  • Vor seiner Hütte ruhig im Schatten sizt
    Der Pflüger, dem Genügsamen raucht sein Herd.
    Gastfreundlich tönt dem Wanderer im
    Friedlichen Dorfe die Abendglocke.


    Wohl kehren izt die Schiffer zum Hafen auch,
    In fernen Städten, fröhlich verrauscht des Markts
    Geschäft'ger Lärm; in stiller Laube
    Glänzt das gesellige Mahl den Freunden.


    Wohin denn ich? Es leben die Sterblichen
    Von Lohn und Arbeit; wechselnd in Müh' und Ruh
    Ist alles freudig; warum schläft denn
    Nimmer nur mir in der Brust der Stachel?


    Am Abendhimmel blühet ein Frühling auf;
    Unzählig blühn die Rosen und ruhig scheint
    Die goldne Welt; o dorthin nimmt mich,
    Purpurne Wolken! und möge droben


    In Licht und Luft zerrinnen mir Lieb' und Leid! -
    Doch, wie verscheucht von thöriger Bitte, flieht
    Der Zauber; dunkel wirds und einsam
    Unter dem Himmel, wie immer, bin ich -


    Komm du nun, sanfter Schlummer! zu viel begehrt
    Das Herz; doch endlich, Jugend! verglühst du ja,
    Du ruhelose, träumerische!
    Friedlich und heiter ist dann das Alter.

    Wir sollten Karoline Stöhr aus Thomas Manns "Zauberberg" zur Schutzpatronin unseres Forums machen; auch sie liebt die "Erotika" ...

  • Der schnelle Tag ist hin/ die Nacht schwingt jhre fahn/
    Vnd führt die Sternen auff. Der Menschen müde scharen
    Verlassen feld vnd werck/ Wo Thier vnd Vögel waren
    Trawrt jtzt die Einsamkeit. Wie ist die zeit verthan!
    Der port naht mehr vnd mehr sich/ zu der glieder Kahn.
    Gleich wie diß licht verfiel/ so wird in wenig Jahren
    Ich/ du/ vnd was man hat/ vnd was man siht/ hinfahren.
    Diß Leben kömmt mir vor alß eine renne bahn.
    Laß höchster Gott mich doch nicht auff dem Laufplatz gleiten/
    Laß mich nicht ach/ nicht pracht/ nicht lust/ nicht angst verleiten.
    Dein ewig heller glantz sey vor vnd neben mir/
    Laß/ wenn der müde Leib entschläfft/ die Seele wachen
    Vnd wenn der letzte Tag wird mit mir abend machen/
    So reiß mich auß dem thal der Finsternuß zu Dir.

    Wir sollten Karoline Stöhr aus Thomas Manns "Zauberberg" zur Schutzpatronin unseres Forums machen; auch sie liebt die "Erotika" ...

  • Das Köhlerweib ist trunken
    Und singt im Wald;
    Hört, wie die Stimme gellend
    Im Grünen hallt!


    Sie war die schönste Blume,
    Berühmt im Land;
    Es warben Reich’ und Arme
    Um ihre Hand.


    Sie trat in Gürtelketten
    So stolz einher;
    Den Bräutigam zu wählen,
    Fiel ihr zu schwer.


    Da hat sie überlistet
    Der rote Wein -
    Wie müssen alle Dinge
    Vergänglich sein!


    Das Köhlerweib ist trunken
    Und singt im Wald;
    Wie durch die Dämm´rung gellend
    Ihr Lied erschallt!


    Danke Gottfried, danke Paul, danke Juliane Banse und Axel Bauni und tausend Dank dir, lieber Helmut.

    Wir sollten Karoline Stöhr aus Thomas Manns "Zauberberg" zur Schutzpatronin unseres Forums machen; auch sie liebt die "Erotika" ...