Musique à la carte: Konzert-Berichte

  • Danke für diesen schönen Bericht, lieber Arnulfus. :)

    sah + hörte ich in Gelsenkirchen "Tristan + Isolde"

    Ich habe live noch nie einen guten gesehen.

    Ich besitze vor allem historische Schallplattenaufnahmen der Passion, nämlich unter Günter Ramin, Furtwängler, Richard Kraus und Fritz Lehmann.

    Hip und opi also nicht, aber wie sieht es mit den omi-Klassikern aus, Klemperer, Rilling, Schreier?

    Wir sollten Karoline Stöhr aus Thomas Manns "Zauberberg" zur Schutzpatronin unseres Forums machen; auch sie liebt die "Erotika" ...

  • Homepage


    Zitat

    Macht hoch die Tür
    Vierklang in den dritten Advent
    Das dem Dresdner Kreuzchor entstammende Männerchorensemble echo präsentiert uns vierstimming ein Programm mit Praetorius, Bach, Händel und herrlichen Weihnachtsliedern.


    Ich war nach überaus anstrengender Woche totmüde, musste aber mit. Nicht übel; sehr atmosphärisch und da bald der ganze "Saal" mitsang, wurde man sich wieder bewusst, wieviel a capella dem Instrumentalen voraushat und welche verbindende Macht der Musik innewohnt. Man sollte statt vor der Glotze zu hängen viel öfter zusammen schwatzen, singen, stricken; Musik hören; aber was rede ich. Gerne hätte ich die Sänger besser in Form gesehen, gerne hätte ich ihre Abstimmungsprobleme ignoriert und zu gerne hätte ich meiner Guten verschwiegen, was ich denke und dass ich mich sehr über etwas Dufay, Monteverdi oder Schütz gefreut hätte; aber so gut sind die sympathischen Burschen noch nicht und wollen es wohl auch nicht werden. Ich hasse mich dafür, dass ich mein Maul nicht halten kann und dem "Laien" so genussfeindlich und überintellektuell erscheine. Aber ich kann nicht aus meiner Haut ...

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  • Sonderkonzert 1 Freiburg | Beethoven – Klavierkonzerte 4&5
    20.12.2017 (20:00)


    L. v. Beethoven
    Ouvertüre „Die Geschöpfe des Prometheus“ op. 43
    Clavierkonzert Nr. 4 G-Dur op. 58


    (zu kurze) Pause


    Ouvertüre zu „Coriolan“ op. 62
    Clavierkonzert Nr. 5 Es-Dur op. 73


    Zugabe: op. 27 Nr. 2, 1


    Christian Bezuidenhout, Hammerflügel
    Freiburger Beethoven- Barock-Orchester


    Nicht zu beanstanden.


    Für ein Durchschnittspublikum sicher mehr als geeignet; 4/5 des Saales hätten meinetwegen sowohl platz- als auch publikumsbezogen eingespart werden können. Die Werke wirken bei mir auf 20 m Entfernung einfach nicht, ich muß mittendrin sitzen oder direkt davor. Es kam bei mir (Reihe 26) wie eine viel zu leise gedrehte CD an ... Der Übergang bei der Cadenz in op. 58, 2 von una zu due und zu tre corde war leider nicht vernehmbar (falls auf dem Graf-Keyboard umgesetzt, wozu der eigentlich imstande wäre).


    Souverän und solide gespielt, natürlich - ich wünschte, ich könnte das (vor allem: beide Konzerte so hintereinander weg ... stolze Leistung!), aber ich wünschte auch: ich könnte es besser ... und anders.


    Das Durchschnittspublikum tobte.

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790

  • Ich habe das im Wesentlichen ähnlich erlebt wie Ulli. Das nächste Mal werde ich wohl noch mehr Geld ausgeben müssen, um mindestens 16 Reihen weiter nach vorn zu rücken, noch schöner in einem kleineren Saal. Allerdings hat mich, ohne dass ich es genau begründen könnte, auch Bezuidenhout nicht restlos überzeugt, da wäre noch mehr Kontrast, mehr Drama möglich gewesen, gerade bei diesen Konzerten. Trotzdem war es beeindruckend, die beiden Konzerte an einem Abend zu hören und allemal lohnend. Am beeindruckendsten für mich war das Andante con moto in op. 58.

  • Komm halt mal mit nach Besançon ... mit 25 € wesentlich erschwinglicher und alle anderen Umstände passen ... :beatnik:


    Ich denke, Beduinenhut - wie ich ihn zärtlich nenne - werde ich nicht weiter verfolgen. Publikumslieblinge sind ohnehin eher selten mein Metier ... wenn er tatsächlich - Gerüchten zufolge - das FBO übernehmen sollte, dann wird das auch weniger interessant werden in Zukunft.


    Ich freu mich jetzt erstmal auf den beklopften Franzosen am Cembalo in ein paar Wochen, 2018 ...

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790

  • ... wenn er tatsächlich - Gerüchten zufolge - das FBO übernehmen sollte

    Das sind schon mehr als Gerüche, das sind Ankündigungen - stand auch so in seiner Vita im Programmheft. Auf der verlinkten Seite wird er im Übrigen als Cembalospezialist beschrieben. Vielleicht ist das Hammerclavier ja gar nicht so seins.
    Was Besancon (wo nimmst du eigentlich die Cedille her? Ah, so: ç), also Besançon betrifft, bin ich im Augenblick ein bisschen überfordert. Mal für nächstes Jahr langfristiger planen.

  • Cedille


    Unterschiedlich:


    a) am MAC: c gedrückt halten und eine Auswahl erscheint
    b) bei Windoofs: Besancon googeln und das (korrekt geschriebene) Wort kopieren


    *vic*

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790

  • (wo nimmst du eigentlich die Cedille her? Ah, so: ç),

    Für Firefox gibt es da eine interessante Erweiterung:


    https://addons.mozilla.org/de/firefox/addon/abctajpu/


    Ich arbeite da auch noch immer mit kopieren des Buchstabens in der jeweiligen Sprache/Schrift - aber es soll auch über Keys bequemere Möglichkeiten geben, die sich mir (mangels Englisch-Kentnnissen, um die Beschreibung zu verstehen), aber ich bin mit den Möglichkeiten schon sehr zufrieden.


    lg vom eifelplatz, Chris.

  • Es geht auch via Tastenkombination Alt&C für ç und SHIFT&Alt&C für Ç (beim MAC Alt gegen ctrl ersetzen).

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790

  • Es geht auch via Tastenkombination Alt&C für ç und SHIFT&Alt&C für Ç (beim MAC Alt gegen ctrl ersetzen).

    Wenn es nur um die üblichen diakritischen Zeichen geht, gibt es sicher noch andere, einfache Möglichkeiten, z.B. hier


    abctajpu bietet mehr Sprachen/Schriften, besonders interessant finde ich es für die osteuropäischen Sprachen, da habe ich bei der korrekten Schreibung eines Namens oft geschlabbert, und das fand ich dann selbst etwas respektlos und nicht so gut.



    lg vom eifelplatz, Chris.

  • Danke, ich hatte mir die Frage ja schon selbst beantwortet, aber wenn ich mal Zeit habe über die Feiertage, werde ich das mit dem Besançon einkopieren auch mal probieren. Wikipedia gab mir ein paar hilfreiche Hinweise. Unter Linux-Distributionen (so auch bei mir) funktioniert Alt Gr+Accent-Tate (oben rechts neben löschen) und dann c: ç. Hört sich komplizierter an, als es ist, für Windows und Mac gibt es, glaub ich, auch Tastenkombinationen.


  • Im gelungenen Rahmen von Freunde-, Bekannte- und Verwandte-Wiedertreffen spielte gestern Abend Jean Rondeau Bachs 988er im Schloß Bad Krozingen. Er stellte dem Werk eine kurze, wohl freie, Improvisation voran. Nach etwa 55 Minuten wurde der Saal leicht unruhig (es gibt gegenteilige Auffassungen, aber ich bin mit meiner Empfindung nicht allein geblieben). Ich selbst empfand mich als tapfer und aufmerksam, konnte aber Bachs Werk leider noch immer nichts abgewinnen. Von den 30 Variationen empfand ich vielleicht die ein oder andere gelungen und bemerkenswert, die übrigen haben mich eher gelangweilt - was auch nichts neues für mich war. Ein paar mal hat sich Rondeau ein klein wenig vertippt, aber das soll kein Vorwurf sein - live gehört das dazu. Sein Spiel war jedenfalls fesselnd, aber auch er hat es leider nicht geschafft, mir die ClÜ4 (feines Wortspiel) näher zu bringen.



    Gespielt hat er auf einem zur Sammlung Neumayer-Junghanns-Tracey gehörigen - und, wie Bachseits vorgesehen: zweimanualigen - Instrument, einer Nachmodellierung eines Cembalos des Hamburgers Christian Zell (1728) von John Koster, Boston, 1980 (ein Zell-Clon, wie mein Wr. Freund zu meiner Wortspielfreude anmerkte). Ich meine, daß nicht alle Ungereimtheiten des Vortrags dem Cembalisten zuzurechnen waren: ein paar Mal hat die Mechanik gehakt ... was mich bei einem Nachbau doch eher wunderlich stimmt.


    Der angenehme Vortrag dauerte rund 70 Minuten, Zugaben gab es keine, der Grund war einleuchtend: Rondeau stand noch Sekunden vor mir im Schloßpark; beide Exekutive bewaffnet mit Rotwein und Fluppe ...


    Es war für mich nicht das bisher beste Konzerterlebnis in Bad Krozingen, allerdings bin ich heute Morgen sehr ruhig und ausgeglichen mit wohligem Gefühl von Freiburg in mein Büro gefahren.


    :)

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790

  • Ich war auch in Bad Krotzingen dabei und komme erst jetzt nach einem etwas vollen WE und einer hektischen Woche dazu, etwas zu berichten. Im Gegensatz zu Ullis Erleben, war das Konzert für mich in gewisser Weise eine Offenbarung. Ich muss dazu sagen, dass ich das Cembalo noch nie als Solo-Instrument live erlebt habe. Als ich zum ersten Mal die Goldberg-Variationen in der Brilliant-Aufnahme mit Pieter-Jan Belder gehört habe, war ich zwar vom silbrigen Klang durchaus angetan, konnte mich aber dennoch nur schwer zurecht finden. Es erschien mir schwer, den Noten zu folgen. Nun bei der Aufführung durch Rondeau ging es mir völlig anders. Ich habe noch nie so viel Spannung empfunden bei diesem Stück. Überraschenderweise kann ich nun auch die CD-Interpretation Belders viel besser genießen, wobei ich allerdings sagen muss, dass es da auch große Unterschiede gibt.
    Zunächst hatte Rondeau, wie Ulli geschrieben hat, ja auch mit technischen Hakeligkeiten des Instruments zu kämpfen. Das ist mir gerade beim zweiten oder dritten Takt schwer aufgestoßen, nach Rondeaus freier Einleitung, da er hier entweder daneben griff oder eben das Instrument nicht mitspielte. Im Folgenden zeigte er sich als äußerst kunstfertiger Virtuose, der insbesondere bei den schnell gespielten Variationen (z.B. Var. 14) ein gewaltiges Tempo vorlegte. Das wirkte furios auf mich und blieb trotzdem durchsichtig. Mehrfach legte Rondeau Pausen vor einzelnen Variationen ein, in denen er sich sammelte, um dann mit einem Paukenschlag einzusteigen. Die Tempi gestaltetet er auf jeden Fall kontrastreicher als Belder. Es mag die Nähe zum Instrument gewesen sein, die hervorragende Akustik in dem kleinen Saal im Bad Krotzinger Schloss, sicher auch die Performance Rondeaus, auf jeden Fall war das Erlebnis höchst eindringlich, so dass ich nun erstmals beim Cembalo das Erlebnis hatte, wie ich es bisher vor allem bei Aufführungen von Orchesterwerken auf OPI-Intrumenten hatte oder auch bei Hammerclavieren. Ich hoffe insofern (und nehme es auch an), dass die Goldberg-Variationen, von Rondeau gespielt, auch auf CD erscheinen werden.
    Die Sichtweise in Ullis verlinkter Kritik kann ich nur bedingt teilen. Ich verstehe nicht, inwiefern Rondeau sich hier außerhalb der Tradition positioniert haben sollte. Für mich war es einfach eine inspirierte Interpretation, leider mit ein paar Rucklern, die mich ein bisschen durchgeschüttelt haben. Dagegen fand ich den vollen Klang und die Differenzierung der Manuale sehr eindrucksvoll. Das - wohl untere - ich hatte keinen Einblick, klang sehr prachtvoll, volltönend, das obere etwas gedämpft, was wiederum für Abwechslung sorgte. Die technischen Zusammenhänge kenne ich (noch) nicht.
    :wink:

  • Mehrfach legte Rondeau Pausen vor einzelnen Variationen ein, in denen er sich sammelte, um dann mit einem Paukenschlag einzusteigen.


    Stimmt absolut; Danke, daß Du das erwähnst, das hatte mir nämlich auch sehr gut gefallen, zumal dadurch auch nicht directement jede Variation schlagartig auf die andere folgte und dadurch auch der Rezipient eine kleine Verschnaufpause hatte; drei oder viere waren's ...
     *yepp*

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    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790

  • Spielzeit 2017/2018 - wo geht's hin...?


    Ein schönes Konzert, aber es begann mit einem Schurkenstreich, indem man das Programm einfach umkehrte und Barber plus Schubert ans Ende setzte. Es hatte mich ohnehin gewundert, dass man die moderne Musik zum Schluss spielen wollte, da hätten sich sicher zur Pause die Reihen gelichtet.


    Der gebürtige Ukrainer Valentin Silvestrov, derzeit „Composer in Residence“ der Staatskapelle 2017/18, erscheint gleich mit zwei Stücken; eins davon als Uraufführung. Mit der Beschreibung der zeitgenössischen Musik ist das immer so eine Sache; man erwartet wenig und fürchtet viel, verwendet als Hörer zur Deskription die Versatzstücke, die man eben kennt und an denen man nur messen kann.


    Also drängen sich bei der einführenden Sinfonie Nr. 7 (»Vollendete Unvollendete«) natürlich die üblichen Verdächtigen auf; man hörte besonders Mahler heraus, aber auch Ligetti, Messiaen oder Pärt. Unter einer Sinfonie verstehe ich schon eine wie auch immer geartete Einheit, ein Konzept; dem alle Sätze unterworfen sind. Die Aneinanderreihung von komplett heterogenen Elementen, die bloßen bezugslosen Klangflächen; die konzeptionslosen Klangschichtungen ergeben für mich keine Norm, welche die Gattung fordert. Silvestrov liebt die leisen, zarten Töne, das Melodische; die Mischung der Stile, vor allem der Kleinformen. So wechseln eben Mahlersche Adagio-Anklänge, freilich ohne jede verzerrte Physiognomik, mit Pop-Elementen, ja Kitsch und Konvention. Viele Details, viele Ebenen, eine stets extrem schwankende Dynamik mit Vorliebe für die Generalpause, ständige Takt- und Tempowechsel und das langsame Verklingen bei moderaten Ausbrüchen. Eine Einheit wird hier nicht angestrebt, aber auch nicht dekonstruiert; Haltetöne und zuckende Wechselschläge wie auch das mehrfache piano können einem auf die Dauer schon auf den Wecker gehen; nerven in ihrer nicht voraussehbar sollenden Voraussehbarkeit. Beliebigkeit und Konzeptionslosigkeit drängen sich hier als Gesamteindruck auf.


    Die gleiche Resignation angesichts eines wirklichen schöpferischen Prozesses scheint beim uraufgeführten Violinkonzert zu obwalten. Man erwartet gattungsgerecht ein Mindestmaß an Zusammenspiel zwischen Soloinstrument und Orchester; aber davon kann keine Rede sein. Im Programmheft heißt es, wie ich finde, denunzierend; das Violinkonzert „folgt in Vielem den Grundideen der 7. Sinfonie bezüglich eines konfliktfreien Bekenntnisses an das Schöne, der meditativen Versenkung und der Reduktion auf wenige Gedanken.“ Das musikalische Material ist demzufolge karg, die technischen Schwierigkeiten (keine Doppelgriffe z.B.) tendieren gegen Null; im Grunde singt hin und wieder die Violine eine schlichte Weise; bevor das Orchester ohne wirkliche Anbindung oder gar Verschmelzung trotz größerer Besetzung kaum mehr hinzufügt als weitere, komplett isolierte Versatzstücke. Das alles tut niemandem weh, ist stellenweise schön anzuhören; aber auf Dauer ermüdend. Irgendwie wirkt das alles, als wolle der Komponist sagen; alle schöne Musik der Welt wurde schon komponiert (siehe Schubert); ich plätschere nur vor mich hin, um nicht ganz aufgeben und verscheiden zu müssen. Zeitgenössische Musik stelle ich mir anders vor.


    Ich mag ja Samuel BarbersAdagio for Strings“ seit Platoon sehr; mit seinem Violinkonzert weiß ich indes wenig anzufangen. Diese Mischung aus heillos schwelgerischen, süßlichen; ja primitiven Kantilenen mit gesucht modernem Orchesterklang erscheint mir persönlich wie eine Kapitulation vor der Macht fremder Kreativität; zumal der letzte Satz in seiner Unmotiviertheit eine seelenlose Virtuosität auszustellen scheint nach dem Motto, seht, das kann ich auch. Ich mag ungerecht sein; aber so klang das zumindest in der Interpretation von Valeriy Sokolov.


    Zu Schubert Unvollendeter muss man nichts mehr sagen; das ist so große Musik; die kann niemand kaputt machen und die muss man schon zehnmal am Stück hören, ehe man sie überhat. Diese Dualität von Tag und Nacht, Idylle und Schrecken, Ordnung und Chaos hat wohl niemand vor und nach ihm so in Töne und Melodie gegossen. Dieses Wechselspiel von Streichern und Bläsern; diese Handhabung der Pausen; diese Tremoli, die einem kalt den Rücken runterlaufen; dieser Sog im 2. Satz, der die eigene Bukolik einzusaugen scheint in rastloser Schönheit. Aber was machen unsere deutschen Provinz wie Weltklasseorchester? Sie sind laut, vollmundig und extrem; sie machen aus Schubert einen späten, natürlich genauso falsch verstandenen Beethoven mit viel zu starken Kontrasten, viel zu fetten Farben und einem Zeigefinger, hier, so mächtig geil ist der Schubert; dass man eher von einer Faust sprechen möchte. Da ist man doch froh, mittlerweile neben Klassikern wie Karajan und Bernstein sein halbes Dutzend opi-Aufnahmen im Regal stehen zu haben.

    Wir sollten Karoline Stöhr aus Thomas Manns "Zauberberg" zur Schutzpatronin unseres Forums machen; auch sie liebt die "Erotika" ...

  • Currentzisch war es für mich durchaus, entgegen anderer Meinung, allerdings nicht so exzentrisch - und da gebe ich dem Doppelscheinwerfer recht - wie man/frau/trans dies von Currentzis erwarten würde; nichtsdetotrotz: er hatte einmal mehr jeden einzelnen Musiker mit einer Strippe fest in der Hand, als er am Freitag, 19.01.2018, Bruckners 9te im Beethovensaal der Stuttgarter Liederhalle präsentierte.


    Das entsprechende Video wird wohl (hoffentlich) irgendwann in den SWR-YT-Kanal übersiedeln.


    Factum est (Nachtrag 25.01.2018):



    Das Orchester war auffallend positiv gestimmt, sog die Spannung auf und gab sie an die Zuhörer weiter; mit Currentzis - STOP: CurrentZisch müßte er heißen (daher auch die Thread-Überschrift), denn bei verschiedenen Einsätzen (besonders bei den lyrischen, weniger lautstarken, ist sein unkontrolliertes Zischen stets zu hören; ich meine, dies war auch bei der Don-Giovanni-Produktion der Fall ... mir gefällt das nicht, aber das wird er sich wohl nicht abgewöhnen lassen) - hat das neue SWR Symphonieorchester sicher einen sehr, sehr guten, experimentellen, ansprechenden und mitreißenden Publikumsmagneten gefunden; mögen sie ihn lange erhalten.


    Irgendwo habe ich sinngemäß gelesen, Currentzis habe Bruckners 9te zu einem Inferno (oder ähnlich; die tatsächliche Formuielerung ist mir bereits wieder entfallen) umgebaut; diesen Eindruck hatte ich am Freitag nicht (vielleicht bezog sich dies auch auf die Veranstaltung vom Vortag?), vielmehr schien mir die Produktion fröhlich angehaucht mit allerdings auch beeindruckenden Explosionen, die mir mitunter sehr nahe gingen. Ich saß in Reihe 3 (die keine 2te und 1te vor sich hatte); Hallo? Stuttgart?, also direkt vor den Kontrabässen, was mir sehr gefiel. Vom Bläserapparat war von dort aus nichts zu sehen, aber dieser Perspektivenwechsel, quasi mal vom Fundament aus das Werk zu hören, war für mich sehr gelungen, auch die Bratschen waren für meine Ohren sehr im Vordergrund, was mir sehr gefiel. Es war sehr spannend, den Bassisten und -innen zuzuschauen, wie sie sich einen von der Palme wedelten (das hatte ich schon einmal bei Schuberts 7ter D849, der lezten vollendeten also). Man unterschätzt einzelne Musiker(gruppen)leistungen sehr schnell, wenn man nur das Werk als Ganzes aufnimmt - „9 Bässe vor der Fresse" war das Motto dieses Abends für mich.


    Die Gelegenheit war günstig, Bruckners Anweisung „Arco" im Scherzo bei den Bässen zu beobachten: hier wurde mit der besaiteten Bogenseite regelrecht auf die Saite eingeschlagen, wodurch so ein Streichinstrument (das gilt für die gesamte Streichergruppe im Scherzo) mal eben zu einem Schlaginstrument wird (T42 der Originalpartitur). Für mich galt arco bislang immer als „Auflösung“ des (vorangehenden) pizzicato-Spiels, hier aber war das so eine Art arco battuto (ähnlich dem (col) legno battuto, bei dem mit der hölzernen Bogensaite auf das Instrument eingedroschen wird; hier nur eben umgekehrt) - das hatte ich bislang so nicht gesehen/gehört. Das sah teils so aus, als hätten die ein, zwei Wochen von dem Konzert Onanierverbot gehabt ... ab Minute 33 zu erahnen, bei 39:44 bis 39:51 besser zu sehen; aus der Nähe war das enorm viel präsenter.


    Daneben waren die Blechbläser sehr intensiv zu hören, viele der Explosionen ließen mich an spätere Mahler-Cluster denken (auch die Querstände in der Flöte), der Boden bebte, auch unterstützt durch die Pauken, die mitunter sehr melodisch hervortraten: so muß das sein. Ich denke, die Akustik ist im Beethovensaal der Liederhalle deutlich besser (und vor allem ziemlich identisch mit meiner Zimmerlautstärke) als im Freiburger Konzerthaus, in dem das Konzert morgen, 21.01.2018, wiederholt wird.


    Bruckner funktioniert omi für mich ausgesprochen gut, aber: die Klarinetten fand ich auffallend plastikartig ... das wäre mir HIP doch deutlich lieber gewesen; vielleicht macht Currentzisch das nochmal mit seinem Hausorchester? Wünschenswert ...


    Dies Stelle ab 1:02:17 fand ich jetzt eher analytisch als - wünschenswert und gewohnheitsgemäß - vorwärtsdrängend; die Explosion allerdings gelingt.


    Die Akkuratesse der Streicher zeigte sich allerdings im anschließenden Lontano von Ligeti noch deutlicher; da bin ich ja bald vom Stuhl geflogen, wie plötzlich die 9 Bässe ohne Fehler und punktgenau in das Gesumme für den Bruchteil einer Sekunde reinschrammten ... prinzipiell fand ich es etwas schade, daß das Werk Ligetis attacca gespielt wurde; ich hätte gern die spannungsgeladene Schweigeminute, die es am Schluß des Konzertes gab, schon am Ende der 9ten gehabt. Allerdings fand ich dann doch, daß sich Ligetis Werk recht gut anschloß; bedauerlicher Weise hatte ich damit bei der Dosierung meiner Beruhigungstabletten nicht gerechnet, so daß ich den Ligeti deutlich verhustet habe. Ich halte das Werk übrigens für sehr hörenswert und gelungen; aber man sollte es doch separieren; denn das hat es auch erstens verdient und es zweitens nicht nötig, einem nichtfliehenkönnenden Publikum „untergejubelt" zu werden.


    Currentzis, der m. E. eine Frisurenberatung benötigt, badete im Applaus. Ganz zu Recht. Das Orchester war stolz. Auch zu Recht.


    Der 2te Kontrabassist von rechts geht mir nicht aus dem Kopf ... :love: der ist in der online-Besetzungsliste - zumindest bildtechnisch - nicht gelistet ... :boese:


    Jetzt das ganze nochmal vom Video mit Whisky ... da wird das dann doch noch zum Inferno ... 8o8-) :umfall:

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790

  • Ich kann dem gar nicht so viel hinzufügen. Nur so viel, dass wir diesmal den richtigen Riecher hatten und sich die Investition in Reihe 3 sehr gelohnt hat. Ich hatte in diesem Konzert Momente, in denen ich ganz von der Musik mitgerissen wurde. Ein schönes Erlebnis, für das sich die mühsame Anreise allemal gelohnt hat.
    :wink: