Musique à la carte: Konzert-Berichte

  • Spielzeit 2018/2019 - wo geht's hin ...?


    Wenn der Orchesterbereich knackenvoll ist, die Musiker sich mit den Ellenbogen stoßen und manche fast vom Podium fallen, ist klar, dass späteste und fetteste Spätromantik angesagt ist. Das Programmheft windet sich um das Urteil zu Felix Weingartners Ouvertüre zu »Der Sturm« op. 65 Nr. 2, aber wenn man selbst als Fan ehrlich ist, kann man so eine Musik kaum mehr entschuldigen, wenn gleichzeitig Strauss, Strawinski, Sibelius, Prokofjew schufen. Ja, unterhaltsam, ja, gut geklaut; ja, schwelgerisch; ja, kräftige Farben und schillernde Stimmungen. Aber als Programmmusik müsste man wenigstens die Vorlage kennen; da hat sicher außer mir, dessen Lieblingsstück von Shakespeare das ist; kaum jemand im Saal mit- und nachgelauscht.


    Für mich mehr rational der Höhepunkt des Abends Avner Dormans Konzert für Mandoline und Orchester (2006), als Solist zupfte und rockte Avi Avital. Was so ein Instrument im großen Konzert leisten kann, ist schon erstaunlich; und nicht minder, wie virtuos der israelische Jimi Hendrix an der kleinen Klampfe agiert. Natürlich geht da nichts ohne Mikrophon und man kann die Mandoline nur würdigen, wenn das Orchester gerade nicht aufspielt; so dass sich eigentlich wie beim Concerto grosso Solo und Plenum immer nur die Hand reichen, um sich nur hin und wieder zu verschränken. Sehr schöne Stellen sind dann eben solche, wo die Violinen so klingen wie das imitierte Soloinstrument.


    Bei Mahler Erster muss ich daheim am Player den Beginn immer mit etwa 20 Vol. hören, um dann später auf etwa 10-12 zurückzudrehen; weil es sonst zu laut würde. Bei Yutaka Sado und der Staatskapelle Weimar hört man von der ersten Note an alles klar und deutlich, ohne dass man später im Tutti einen Hörsturz fürchten müsste. Dieser Mahler tut niemandem weh, verzichtet auf eine ausgeprägte Dynamik; überschreitet keine Grenzen und wirkt tatsächlich über weite Strecken gefällig wie ein Platzkonzert bei einer Kurpromenade, was ich überhaupt nicht despektierlich meine. Kein Risiko, es sei denn, jenes, die wienerischen und böhmischen Schönheiten über Gebühr herauszustellen und aus den dämonischen Passagen lustige Tänze zu filtern. Das Phänomen an Mahlers Musik ist aber, dass auch das funktioniert und ich wieder emotional einen Höhepunkt hatte und gar nicht aufstehen mochte, als alle Welt sich schon zur Garderobe boxte.


    Neben den anderen schon beschriebenen Malaisen kommt im Alter noch dazu, dass ich nach einem Konzert kaum mehr zu mir selbst finde. Meine Frau entschlief bereits halb Elf, während ich noch drei Stunden bei Bier und Wodka und f6 brauchte, um wieder runterzukommen und bereit fürs Bett zu sein.

    „Als ich es zuweilen unternommen habe, die ruhelose Geschäftigkeit der Menschen zu betrachten, wie auch die Gefahren und Strapazen, denen sie sich [...] aussetzen, woraus so viele Streitigkeiten, Leidenschaften, kühne und oft unheilvolle Unternehmungen usw. erwachsen, habe ich häufig gesagt, daß das ganze Unglück der Menschen aus einem einzigen Umstand herrühre, nämlich, daß sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können.“ (Blaise Pascal: Gedanken, I, )

  • da hat sicher außer mir, dessen Lieblingsstück von Shakespeare das ist; kaum jemand im Saal mit- und nachgelauscht.

    Ah, soooo sicher? Wieviele denken das in gleicher Sekunde? Nur so'ne Idee ...

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)

  • Glaube ich kaum.

    „Als ich es zuweilen unternommen habe, die ruhelose Geschäftigkeit der Menschen zu betrachten, wie auch die Gefahren und Strapazen, denen sie sich [...] aussetzen, woraus so viele Streitigkeiten, Leidenschaften, kühne und oft unheilvolle Unternehmungen usw. erwachsen, habe ich häufig gesagt, daß das ganze Unglück der Menschen aus einem einzigen Umstand herrühre, nämlich, daß sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können.“ (Blaise Pascal: Gedanken, I, )

  • „Glaub' ich für Dich mit“ (O-Ton meiner Mama)

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)

  • Das Orchester musizierete recht fein und artig, haute mich nicht weiter um - mit Ausnahme der Uraufführung im Zuge des frechen "non bthvn project 2020", dessen Aufgabe es ist, zum Geburtsjahr nicht Beethoven zu spielen, schließlich sei der taub gewesen. Lisa Streichs "Händeküssen", wie alle Stücke für das Projekt auf einen Eintrag in LvBs Konversationsheften zurückgehend, wurde eine ruhig verfeinerte Kulisse sich überlagernder Tanzgesten, dem tauben Ohr eines Tanzenden verpflichtet, voller nur dumpfer Klänge und rhythmisch perkussiver Phrasen - eine intelligent geschichtete Komposition, eindringlich gespielt. Klasse war auch Julian Prégardien: umwerfend volltönig nuanciert auch die Schwierigkeiten nehmend (Baumeister-Arie aus dem Serail), keinerlei Gehabe oder Geträller, und: endlich mal wieder einer, der mit seinem Publikum spricht. Letzteres war aufgrund des drohenden Orkans deutlich ausgedünnt, doch der Sänger meinte nur, schön, dass wir da seien, in der Philharmonie unterirdisch und sicher, und ggf. hätten sie noch und nöcher an Zugaben. Es gab dann zwar nur eine (aus "Don Giovanni"), aber auch die bestärkte mich erneut in der Erkenntnis, dass mir diese Stimme und Art sehr behagt.


    *sante*

    Es gibt viele, die nicht reden, wenn sie verstummen sollten, und andere, die nicht fragen, wenn sie geantwortet haben.
    Johann Georg August Galletti (1750-1828)

  • Spielzeit 2019/2020 - wo geht's hin ...?


    Die wunderschöne Lutherkirche als Location, praktisch jeder Platz besetzt und Frau Pastorin reichte höchstselbst die Bockwurst für den bekennenden Bowukoliker Yorick über den improvisierten Tresen. Was sollte da noch schiefgehen?!


    Ach ja, die Musik: William Kinderman, "Professor an der Universität Kalifornien (Los Angeles), bekannter Konzertpianist und renommierter Musikwissenschaftler mit ausgesprochener Beethovenexpertise", wie es im Programmheft hieß, verfiel auf die wundersame Idee, dem Konzert ein paar wenige einführende Worte voranzuschicken. Nun bin ich ein ausgesprochener Fan von Musikpädagogik und Gesprächskonzerten, aber wenn ein Amerikaner mit rudimentären Deutschkenntnissen und unmöglichem Akzent über 20 Minuten versucht, einem überwiegend laienhaften Publikum recht spezielle Aspekte von op.15 zu erläutern und zwar Satz für Satz und Note für Note; dann geschieht eben das, was eben dann geschieht: Erst wird das Orchester unruhig, dann der Dirigent und schließlich das sehr disziplinierte Publikum. Ich glaube, selten war man so froh, dass endlich die Musik begann.


    Für meinen Teil jedenfalls war ich nicht lange froh, wozu ich auch noch sehr lange Zeit hatte; zum Nichtfrohsein nämlich. Ich rede nicht vom massigen Orchester und mangelhafter Spielkultur, nicht vom Dirigat; nicht von der für ein Klavierkonzert ungeeigneten Kirchenakustik, nicht vom Klang des mäßigen Flügels. ich rede davon, dass es der Pianist fertigbrachte, fast eine Stunde zu brauchen, bevor der letzte Ton verklang. Die mir bekannten Aufnahmen schwanken zwischen 38 und 45 Minuten; also kann man sich die quälend langsame Diktion ausmalen, der Sebastian Krahnert sicher hätte gegensteuern wollen, aber er war durch den Solisten in ein Korsett gezwängt. Man sagt ja, Beethoven könne niemand kaputtmachen; zu groß sei seine Kunst; aber ehrlich, am Putz kann man schon katzen, wenn die Tasten mit Leim behandelt wurden und der Mann am Gerät irgendwo zwischen Altersenilität und Hybris rochiert.


    Den Skandinaviern nützten die Schalleigenschaften des Sakralraums schon eher; freilich frage ich mich immer wieder, wie um Himmels Willen solche Laienorchester darauf verfallen, sich so eine Musik in ihr Repertoire zu holen. Ich weiß es natürlich schon, die Klangfarben, das Schillernde der Orchestrierung; das macht Eindruck beim Hörer. Da rate ich aber dann doch eher zu russischen Komponisten, etwa zu den Novatoren. Carl Nielsens etwas platte „Saga Drøm“ op. 39 war Gott sei Dank schnell vorbei; aber die Tondichtung „En Saga“ op. 9 von Jean Sibelius wurde dann so undifferenziert gegeben, dass es einem leid tun konnte um das Stück. Aber das ging wohl nur mir so, denn das Publikum klatschte frenetisch. Meine Frau meinte, ich sei ein Stießel und könne einem jede Lust und Freude verderben. Warum kann ich auch nur mein Maul nicht halten?!

    „Als ich es zuweilen unternommen habe, die ruhelose Geschäftigkeit der Menschen zu betrachten, wie auch die Gefahren und Strapazen, denen sie sich [...] aussetzen, woraus so viele Streitigkeiten, Leidenschaften, kühne und oft unheilvolle Unternehmungen usw. erwachsen, habe ich häufig gesagt, daß das ganze Unglück der Menschen aus einem einzigen Umstand herrühre, nämlich, daß sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können.“ (Blaise Pascal: Gedanken, I, )

  • Spielzeit 2019/2020 - wo geht's hin ...?


    Auf dem Augustusplatz in Leipzig direkt neben dem Gewandhaus liegt mit HANS IM GLÜCK Burgergrill & Bar eine interessante Lokalität, die ich nur betrat, weil das Restaurant Stadtpfeiffer im Gewandhaus zu Leipzig nur mit einer Hypothek auf das Haus zu finanzieren gewesen wäre. Man wird platziert, sofort von vom juvenilen Personal und aller Welt geduzt; sitzt zwischen echten Bäumen auf unbequemen Bänken mit Rückenkontakt zum Nachbarn und weiß nicht recht, was soll es bedeuten. Wenn man aber seinen Cocktail vor sich stehen hat und dann die erstklassigen Burger mit den leckeren Süßkartoffelpommes verdrückt, kommt man aus dem Staunen nicht mehr raus. Ein buntgemischtes Publkum aus jungen urbanen Leuten, Touristen und Kulturfreunden unterhält sich prächtig, ohne dass es jemals lärmig wird. Trotz der angesagten Hipheit gibt es eine Empfehlung von mir; freilich wälzte ich mich dann beim Konzert im Gestühl des Gewandhauses und ächzte, weil ich so vollgefressen war.


    Gidon Kremer, den ich seit den 70ern kenne und schätze, ist alt geworden und verhutzelt. Auf dünnen Beinchen, um die seine Hosen schlackerten, stand er sehr wacklicht auf der Bühne und drohte immer wieder einzuknicken; zumindest schien es mir so, wenn er plötzlich bei intensiven Stellen xte und noch mehr in sich zusammensackte. Er hat ein so großes Verdienst um Weinberg und dessen gegenwärtige Renaissance, dass sich jedes Wort der Kritik verbietet. Ich denke jedoch, dass dieses Violinkonzert, das in jeder Sequenz an Schostakowitsch erinnert, ohne dessen Niveau ganz zu erreichen, nicht zu den besten Stücken des Komponisten gehört und daher auch dem Violinisten nicht soviel Möglichkeiten bietet, zu glänzen oder zu beeindrucken. Der Applaus war warmherzig und anhaltend und galt sicher eher dem Solisten als dem Werk; als Zugabe spielte ersterer noch eine der Preludes op.100 Nr.1-24 für Cello, die er erst jüngst für sein Instrument transkribiert hat. In der Pause signierte er fleißig CDs und die Leute rannten ihm die Bude ein.


    Wenn ich jemals Dmitri Schostakowitsch geschmäht haben sollte, muss ich erneut Abbitte leisten. Diese 5. Sinfonie ist ein großartiges Stück Musik und es braucht dazu nicht ein Jota an außermusikalischen Erklärungen und Erläuterungen, um die Genialität der Komposition zu erfassen. Wenn ich mir nur den entsprechenden Thread bei Capriccio ansehen, zähle ich 12 von den 14 Seiten, die von nichts anderem handeln als von Stalin und irgendwelchen hypothetischen Vermutungen, unmöglichen Biografismen und hanebüchenen Herleitungen. Ann-Katrin Zimmermann schreibt in dem kenntnisreichen und auch stilistisch überzeugenden Programmheft, dass sich manchmal der historisch-biografische Kontext in den Vordergrund schöbe und die Wahrnehmung überschatte und sogar verdränge. Die Musik Schostakowitschs sei lange Zeit kaum in ihrer faszinierenden musikalischen Gestaltung gewürdigt worden, sondern nur als Übermittler geheimer, subversiver Botschaften. Das hindert sie in der Folge aber nicht daran, eben jenen zeitgeschichtlichen Background ausführlich auszuwalzen, bevor sie - immerhin - doch auch sehr detailliert über die Musik schreibt.


    Fest steht, dass das Gewandhausorchester Schostakowitsch kann und Gatti ein ganz hervorragender Schostakowitsch-Dirigent ist, während er ja neulich erst mit Beethovens Neunter eher gelangweilt hat zum Jahreswechsel; aber live ist eben immer anders als vor der Glotze. Von der ersten Minute an gibt es bei berauschender Orchesterkultur ein Feuerwerk der Emotionen und eine schillernde Parade ebenjener musikalischen Gestaltungsmittel. Beim GWO klingt ja alles ein wenig lohengrinen, so hell und durchsichtig; dass selbst die lodernden Bässe leise glimmen und die kiecksigen Höhen immer noch kein Auge blenden. Natürlich hört man ganz genau den Brahms, den Mahler, den Bruckner und sogar den Wagner; also alle jene, die da Pate standen, ohne jemals wirklich als Zeugen namhaft gemacht werden zu können für eine kompositorische Meisterschaft, die eben anverwandelt und daraus Neues schöpft. Diese Melodieführung, die von Instrumentengruppe zu Instrumentengruppe gereicht wird; diese sarkastisch werdende Ironie; dieser Wechsel von choralhafter Einstimmigkeit zu orgiastischen Ausbrüchen mit sämtlichen Perkussionsinstrumenten; dieses Changieren zwischen kontrapunktischer Arbeit und harmonischer Schwelgerei; das alles wird in jedem Detail und auch im Ganzen überdeutlich im Saal. Und ja, das ist der richtige Schostakowitsch, der mit dem stampfenden Rhythmus; einem steifen Gliede gleich, in dem das Blut so hart pocht, dass der Schmerz schon das Vergnügen und die Erwartung der Entladung übersteigt; diese mechanische maschinenhafte Motorik, als ob deutsche Panther und Tiger auf den Ural oder russische T 34 in Richtung Atlantik zurollten. Entsetzlich gut!


    Der Applaus wollte kein Ende nehmen und auch ich schwitzte Blut und Wasser und hatte am nächsten Tag Muskelkater in Oberarmen und Schädel.

    „Als ich es zuweilen unternommen habe, die ruhelose Geschäftigkeit der Menschen zu betrachten, wie auch die Gefahren und Strapazen, denen sie sich [...] aussetzen, woraus so viele Streitigkeiten, Leidenschaften, kühne und oft unheilvolle Unternehmungen usw. erwachsen, habe ich häufig gesagt, daß das ganze Unglück der Menschen aus einem einzigen Umstand herrühre, nämlich, daß sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können.“ (Blaise Pascal: Gedanken, I, )

  • Musique à la carte: Konzert-Berichte


    Vorstehendes Konzert wird übrigens laut Programmheft am 25. Februar ab 20.05 Uhr auf MDR Kultur gesendet. Da das gleiche auch am Folgetag wiederholt wurde, weiß ich nun aber nicht, welches man nimmt oder ob man zusammenschneidet. Die Husterei war jedenfalls extrem in allen Reihen.

    „Als ich es zuweilen unternommen habe, die ruhelose Geschäftigkeit der Menschen zu betrachten, wie auch die Gefahren und Strapazen, denen sie sich [...] aussetzen, woraus so viele Streitigkeiten, Leidenschaften, kühne und oft unheilvolle Unternehmungen usw. erwachsen, habe ich häufig gesagt, daß das ganze Unglück der Menschen aus einem einzigen Umstand herrühre, nämlich, daß sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können.“ (Blaise Pascal: Gedanken, I, )