Cantate di camera

  • Hallo,


    mir ist die Form der Mini-Oper oder des Mini-Oratoriums sehr lieb. Ich meine damit die chorlosen Cantate des Barock und Spätbarock: eine Solostimme trägt in Arien und Rezitativen orchesterbegleitete Gesänge vor. Diese Form nennt man Kammerkantate (Cantate di camera). Vertreten sind derlei Werke bei Antonio Vivaldi, Domenico Scarlatti, Händel, Giovanni Battista und Antonio Maria Bononcini, Francesco Bartolomeo Conti und vielen anderen.


    Zu meinen liebsten Cantate di camera und deren Interpretationen gehören:



    Antonio Maria Bononcini (1677-1726)
    Cantate in Soprano


    Radu Marian
    Ars Antiqua Austria
    Gunar Letzbor



    Domenico Scarlatti (1685-1757)
    Cantate d'Amore


    Max Emanuel Cencic
    Ornamente 99
    Karsten Erik Ose



    Domenico Scarlatti (1685-1757)
    Cantatas


    Max Emanuel Cencic
    Aline Zylberajch, Hammerflügel
    Maya Amrein, Violoncello
    Yasunori Imamura, Theorbe & Barockgitarre



    Antonio Vivaldi (1678-1741)
    Cantate


    Max Emanuel Cencic
    Ornamente 99
    Karsten Erik Ose



    Antonio Vivaldi (1678-1741)
    Concerti e Cantate


    Sara Mingardo
    Concerto Italiano
    Rinaldo Alessandrini



    Francesco Bartolomeo Conti (1681-1732)
    Cantate con istromenti


    I Lontananza dell'Amato
    II Ride il Prato
    III Con più Lucidi Candori
    IV Vaghi Augelletti


    Bernarda Fink
    Ars Antiqua Austria
    GunnarLetzbor



    Leonardo Vinci (1690-1730)
    Adónde fugitivo
    Triste, ausente, en esta selva
    Cuando infeliz destino


    Roberta Invernizzi, Cristina Calzolari,
    Giuseppe de Vittorio, Giuseppe Naviglio
    Capella della Pietà de' Turchini
    Antonio Florio


    Die Cantata di camera ist zumeist vierteilig und besteht aus je zwei Rezitativen (Recitativo semplice) und zwei Arien (da-capo-Arien), wobei die Cantate mal mit einem Rezitativ, mal mit einer Arie beginnt. Zur Begleitung gehören in der Regel Generalbassinstrumente und Streicher, in selteneren Fällen gesellen sich einige wenige Holzbläser, bei Conti z.B. die Chalumeau, hinzu. So bleibt der kleine Rahmen des Kammerstils stets gewahrt. In wenigen Ausnahmen können diese Cantate auch sieben oder mehr Sätze haben. Diese Cantate haben nicht zwingend einen "Inhalt" (Handlungsstrang), sondern sind meistens vielmehr beschreibender Natur. Zu diesen Schilderungen gehören überwiegend solche aus der Gefühlswelt oder es handelt sich um Beschreibungen der Natur, so daß die Arien prinzipiell auch als Einlage an passender Stelle in einer x-beliebigen Opera seria untergebracht werden könnten. Die Amtssprache ist italienisch (in seltenen Ausnahmen auch spanisch).

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est.

  • Zitat

    eine Solostimme trägt in Arien und Rezitativen orchesterbegleitete Gesänge vor


    Das ist nicht zwingend, es gibt auch Kantaten für mehr Stimmen, ohne dass sie zu einer Serenata ausufern würden. Ziemlich häufig gibt es "Duetti da Camera", die aber zur gleichen Gattung gehören wie die Kantaten. Die Kantaten von Agostino Steffani sind da besonders schön, weil er auch sehr qualitiv hochwertige Texte benutzte:



    Bei den Franzosen, die ab 1700 auch von der italienischen Mode angesteckt wurden, gibt es das auch häufiger. Diese Werke stehen ohnehin den italienischen in nichts nach, es gibt da eine ganze Reihe von Komponisten, die sich intensiv mit der Kantate beschäftigten: André Campra, Jean Pignolet de Monteclair, Louis Nicolas Clérambault... da gibts auch reichlich Aufnahmen:




    Zitat

    Vertreten sind derlei Werke bei Antonio Vivaldi, Domenico Scarlatti, Händel, Giovanni Battista und Antonio Maria Bononcini, Francesco Bartolomeo Conti und vielen anderen.


    Vor allem aber bei Alessandro Scarlatti, er hat nicht nur wohl das größte Œuvre an Kantaten innerhalb seiner eigenen Werke - es dürfte wohl auch kaum einen anderen Komponisten geben, der mehr Kantaten schrieb, 799 (!) sollen erhalten sein. Wenn es um die barocke Kantate geht - dann muss er an erster Stelle genannt werden.


    Einige wunderbare Aufnahmen zum Kennenlernen:



    Da die Kantate ohnehin das freieste und liebste Experimentierfeld der Komponisten des Barock war, findet man auch bei fast allen Komponisten entsprechende Werke, man stöbere ruhig auch mal bei Charpentier, Caldara, Carissimi, Rossi....


    Mit dieser Box (5 CDs) kann man einen wunderbaren Einblick in die barocke Kantate erhalten:



    Überblick über den Inhalt:


    СD1: Lambert du Buisson (+1710), Louis-Nicolas Clerambault (1676-1749), Philippe Courbois (fl.1705-1730), Nicolas Bernier (1665-1734), Jean-Baptiste Stuck (c1680-1755)


    CD2: Alessandro Scarlatti (1660-1725)


    CD3: Antonio Caldara (c1670-1736)


    СD4: Giovanni Battista Bononcini (1670-1747)


    СD5: George Frideric Handel (1685-1759)

  • Guten Tag


    Fünf Kammerkantaten für Alt und kleines Orchester, die Vivaldi für genau bezeichnete Auftraggeber und bestimme Gelegendheiten schrieb, hat Philippe Jaroussky, begleitet vom Ensemble Artaserse auf dieser



    CD eingespielt. Jarousskis warme Stimme gefällt in den des halsbrecherischen Bravoustücken als auch den lyrischeren Gesangsstücken; das Ensemble Artaserse begleitet einfühlsam und kundig.


    Einen schönen Querschnitt durch Vivaldis Cantate da camera hört man auf dieser



    CD, auf der Allessandra Ruffini und Caterina Calvi, begleitet vom Ensemble Concerto fünf Kammerkantaten mit Stil und Freude eingespielt haben.



    Gruß :wink:


    aus der Kurpfalz


    Bernhard

  • Die Gattung entstand übrigens aus dem Madrigal: man könnte sie auch als hochbarocke Solomadrigale betrachten... entstanden ist de Gattung, als Monteverdi (und seine Zeitgenossen und - genossinnen) die Form des Solo- Duett- und Zerzettmadrigals mit Continuo und eventuell Instrumentalbegleitung entwickelt haben:


    LG
    Tamás
    :wink:

  • Guten Tag


    zwei Kammerkanaten von G.F. Händel und drei Kammerkantaten von J. A. Hasse hat das kleine Ensemble Raccanto auf dieser



    CD eingespielt. Die nur aus Blockflöte, Fagott, Laute/Gitarre, Cembalo, Violone und dem Countertenor Andreas Pehl bestehende Formation bringt diese wenig bekannten und reizvollen Kabinettstücke klangschön und mit Sachverstand zur Aufführung.



    Gruß :wink:


    aus der Kurpfalz


    Bernhard

  • Guten Tag


    Musikalische Kostbarkeiten sind eine Reihe Kammerkantaen von Francesco Gasparini, Benedetto Marcello, Alessandro Scarlatti, Bernardo Pasquini und Arcangelo Corelli, die mit Andreas Scholl und der Accademia Bizantina auf dieser



    CD " Arcadia " aufgenommen wurden. Es wird lebendig und präzise der Academia Byzantina musiziert, Andreas Scholl deklariert leicht und ätherisch die pastoralen Texte.
    Unter den Namen "Arcadia" trafen sich ab Ende des 17. Jahrhunderts Dichter um die in Rom lebende Königin Christine von Schweden zum literarischen Gedankenaustausch. Ab 1706 wurden auch Komponisten wie etwa Alessandro Scarlatti, Bernardo Pasquini oder Arcangelo Corelli in die Akademie aufgenommen; sie schufen eigens diese Kammerkantaten für den erlauchte Zirkel.



    Gruß :wink:


    aus der Kurpfalz


    Bernhard

  • Ein weiterer höchst erfreulicher und hinreißender Zugang:



    Joseph de Nebra (1702-1768)
    Cantada al Santísimo Bello pastor para alto, oboe, 2 violines y continuo
    Cantada al Santísimo Dulzura espiritual para alto, oboe, 2 violines y continuo


    Joseph de Torres (1670-1738)
    Cantada al Santísimo Vuela abejuela para alto, oboe, 2 violines y continuo
    Cantada al Santísimo Panal de amor divino para alto, oboe, 2 violines y continuo


    Anonymous (c1700) / ggfs. Diego Xaraba y Bruna (1650-1716)
    Obra de segundo tono (Clavecin)


    Carlos Mena, Alto


    AL AYRE ESPAÑOL
    Olivia Centurioni, Violine
    Guadalupe del Moral, Violine
    Nils Wieboldt, Violoncello
    Xisco Aguiló, Violone
    Jasu Moisio, Oboe
    Mike Fentross, Chitaronne & Barockguitarre
    Eduardo López Banzo, Clavecin


    Die Kombination von Oboe und diesem (mir bislang unbekannten) Altus ist einfach himmlisch!


    :love::umfall::umfall::umfall::love:

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est.

  • Die Kombination von Oboe und diesem (mir bislang unbekannten) Altus ist einfach himmlisch!


    Carlos Mena ist ein fantastischer Countertenor!


    Ich empfehle noch diese CD mit ihm:


    Habe dazu auch bereits etwas geschrieben:
    Motetten und weitere kleine geistliche Werke


    LG
    Tamás
    :wink:

  • Den da kannte ich bislang auch nicht - und neben der "sehr speziellen" Interpretation der "vier Bahnhöfe" hat mich gerade die bekannte Cantate zusätzlich gereizt - die Combination ist so krass wie gerecht:



    Antonio Vivaldi (1678-1741)


    Quattro Concerti op. 8 (RV 269, 315, 293, 297)
    "Die vier Bahnhöfe"


    nebst
    Cessate, omai cessate Cantate per contralto, archi e continuo RV 684
    Gelido in ogni vena aus Farnace, atto IIdo, scena 5


    Dmitry Sinkovsky, Countertenor, Violine, Leitung
    La Voce Strumentale


    So sehr die Geige bei Sinkovsky freiwillig zu Asche wird, wenn er in op. 8 seine Soloauftritte hat, so sehr brennt er Herz und Seele mit seinen Stimmbändern in der Cantate (und natürlich auch in der Farnace-Arie) nieder...


    :umfall::umfall::umfall:

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est.

  • Übrigens auch eine sehr schöne thematische Zusammenstellung von Kantaten bietet diese eben erst erschienene CD:



    Kantaten über den Orfeusmythos von Pergolesi, Clerambault, Scarlatti und Rameau. Akamus musiziert sehr plastisch und engagiert, das kennt man ja, Sunhae Im muss man mögen, ich mag sie. Der Reiz der CD ist allerdings tatsächlich die Zusammenstellung, zwei unterschiedliche italienische und zwei unterschiedliche französische Varianten über ein Thema, sehr wirkungsvoll.

  • So sehr die Geige bei Sinkovsky freiwillig zu Asche wird, wenn er in op. 8 seine Soloauftritte hat, so sehr brennt er Herz und Seele mit seinen Stimmbändern in der Cantate (und natürlich auch in der Farnace-Arie) nieder...


    Besonders gut gefallen mir auch die gelungenen sehr emotionalen Auszierungen im da-capo-Teil der Aria (dto. bei der Farnace-Aria).

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est.

  • Für mich zu viel Hall und zu wenig Counter, dafür aber viel Vinci:



    Leonardo Vinci (1690-1730)
    Mesta, oh Dio, fra queste selve
    Mi costa tante lacrime
    Amor di Citerea gentilissimo figlio
    Parto ma con qual core


    Alessandro Scarlatti (1660-1725)
    Fille, tu parti, oh Dio


    Emanuela Galli, Francesca Cassinari
    Stile Galante


    Überzeugt mich nicht...

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est.