HWV 61 - Belshazzar (1745): inszeniert (DVD)

    • Offizieller Beitrag



    Kenneth Tarver (Belshazzar)
    Rosemary Joshua (Nitocirs)
    Bejun Mehta (Cyrus)
    Kristina Hammarström (Daniel)
    Neal Davies (Gobrias)


    Akademie für Alte Musik Berlin
    RIAS Kammerchor


    René Jacobs


    Die Idee, ein Oratorium inszeniert auf die Bühne zu bringen, ist alt und gut. Und hier auch immerhin gelungen, wenn ich mir auch deutlich mehr erwartet hätte: die Kostümierung (aktuell wird dieser Kelly-Family-Look bei H&M angeboten...) gefällt mir ausnehmend gut zum Thema, die Lichtführung ebenfalls. Ein Bühnenbild als solches gibt es jedoch nicht, allein ein paar zweckdienliche (undefinierbare) Aufbauten und Requisiten; insofern kommt dies eher einer konzertanten Operndarbietung nahe. Aber das ist immer noch besser als statisch aufgestellte Solisten und Chormitglieder - das Auge hat schon etwas davon, aber es ließe sich m. E. wesentlich mehr herausholen. Mich hat die Geschichte um den babylonischen König schon immer "brennend" interessiert. Die flammenden Schriftzeichen an der Wand (Ene, mene, Tekel - du bist gleich weg, du Ekel...) vermisse ich z.B. arg... soetwas umzusetzen, sollte heute kein Problem sein. Dennoch ist die entsprechende Szene sehr beeindruckend dank der Stimme Daniels (s.w.u.).


    Die Solisten hatten offenbar alle nicht unbedingt ihren besten Tag: Neal Davies' tolle Stimme lässt sich in weiten Teilen nur erahnen, seinen Zenit hat er offenbar überschritten (dafür aber eine erstklassige Frisur), auch bei Bejun Mehta (eine extrem androgyne Figur mit halblangen Haaren und Miniröckchen, looks like B'Elanna Torres) und den übrigen Solisten gibt es für meinen Geschmack im ersten Teil zu viele Unsauberkeiten, oftmals wird die Stimme auch vom Orchester überdeckt. Kenneth Tarver singt recht ordentlich, vermag mich aber mit seinem Verdi-Tenor nicht wirklich überzeugen. Der regelrechte Hammer ist allerdings Kristina Hammarström mit einem bewundernswerten Contralto (eigentlich Mezzo, die Rolle geht hier aber doch für einen Mezzo m. E. extrem in die Tiefe). Ganz großartig ist der aus etwas mehr als zwei Dutzend bestehende RIAS Kammerchor nebst seiner Solisten (die alle mit wenig Vibrato glänzen): die eingeschobenen Chöre sind die reinste Erholung gegen die teilweise eher fragwürdigen Leistungen der Protagonisten, die aber doch zwischendrin immer mal Lichtblicke präsentieren: Bejun Mehta macht z.B. mit Destructive war, thy limits know alles wieder gut; daß die Arie von Händel sein soll, würde ich im ersten Moment nicht glauben wollen: sie klingt schon fast nach Hasse oder Johann Chr. Bach.


    Die Akademie für Alte Musik Berlin musiziert natürlich gewohnt hervorragend und ist sich auch für keinen Scheiß Spaß zu schade, z.B. Glissandoschmierer im zweiten Teil, der sich insgesamt auch frischer präsentiert als der erste. Der Componist Händel hat natürlich mal wieder die Creme-de-la-creme an Noten aufgefahren... sein Oratorium Belshazzar klingt insgesamt opernhafter als manche wirkliche Oper.


    Jacobs' Stop-and-Go-Dirigat, das gegen das gesetzliche Reißverschlußgebot verstößt, nervt hier nicht so arg wie bei seinem Mozart - es untertützt sogar ein wenig die Handlung, ist aber doch auffällig - also auch nicht besser als sonst. Mir ist schon klar, daß es sich um einen Live-Mitschnitt handelt, aber für Aix-en-Provoence ist das eher Mittelmaß, insgesamt aber doch mindestens befriedigend - allein der Musik wegen.


    ^^

    Alles sollte sein wie es war - und nicht wie wir es uns wünschen!

    (HIPpokrates)