Ein paar "exotische" Passionen...

    • Offizieller Beitrag

    Hallo,


    passend zur Passionszeit möchte ich ein paar "exotische" Passionen vorstellen - der ein oder die andere mögen sie bereits kennen. Es muß ja nicht immer "der olle" Bach sein:


    Beispielsweise hat auch der m. E. fähigste Sohn des Leipzigers, nämlich Carl Philipp Emanuel Bach, eine Passion komponiert:



    Carl Philipp Emanuel Bach (1714–1788)
    Markuspassion


    Bovet, Labusch, Türk, Sigrist, Pachner, Koch
    Knabenkantorei Basel
    Ensemble Ad Fontes
    Beat Raaflaub
    (opi)


    Die Musik (entstanden Ende der 1780er Jahre) ist nicht besonders originell, gefällt mir aber. Ein Wechselspiel zwischen Rezitativ, Arie, Chor und (altbewährten) Chorälen.


    Die Solisten und das Orchester sind wunderbar. Beim Knabenchor komme ich zu keinem exakten Urteil: da ist von perfekt intoniert (insbesondere die Choräle) bis hin zu völlig verjodelt (Chöre) alles drin... anscheinend sind die Grenzen des Chores nicht besonders hoch gesteckt.


    Summa sumarum aber keine schlechte Sache. Die Textverständlichkeit ist besonders gut.


    Carl Philipp Emanuel hat daneben auch die drei anderen Evangelisten vertont, vielleicht kennt sie jemand?



    Johannespassion Wq 785


    Das Werk galt lange als verschollen und erklingt hier seit 1772 erstmals wieder...



    Lukaspassion Wq 234 (H800)



    Matthäuspassion Wq 798


    Ich werde mich zu gegebener Zeit durch die 21 :!: Passionen CPE Bachs, von deren Existenz berichtet wird, pflügen. Einige sind bis heute verschollen, andere wieder aus dem Dunkel und Staub der Archive aufgetaucht...


    Oder aber ein ebenfalls Post-Bachisches Werk:



    Gottfried Homilius (1714–1785)
    Johannespassion HoWV I.4


    Jana Reiner, Sopran
    Katja Fischer, Sopran (Magd)
    Franz Vilzthum, Countertenor (Diener)
    Jan Kobow, Tenor (Evangelist)
    Tobias Berndt, Baß (Jesus)
    Clemens Heidrich, Baß (Pilatus)
    Kruzianer Stephan Keucher, Tenor (Knecht)
    Kruzianer Christian Lutz, Tenor (Petrus)


    Dresdner Kreuzchor
    Dresdner Barockorchester
    Roderich Kreile
    (opi)


    Ich mag dieses Werk - unabhängig von der Passionszeit - sehr gerne! Es wurde sehr textbezogen auskomponiert, und das gefällt mir. Auch diese Darbietung ist sehr gelungen - sehr lyrisch und sehr passende, unaufdringliche Stimmen.


    Ich würde die "musikalische Machart" durchaus in die Nähe von Kraus' Tod Jesu rücken, in dessen zeitlicher Unmittelbarkeit (komponiert 1775) es ja auch gehört: Zwischen den hervorragend ausgearbeiteten Rezitativen und den wunderschönen Arien werden immer wieder einfache vierstimmige Chorsätze - ohne große Schnörkeleien - sowie beeindruckende "Sprechchöre" eingefügt. Ein sehr homogenes Werk!


    Und schließlich:



    Josef Martin Kraus (1756–1792)
    Der Tod Jesu (1776)


    Gunnars, Schneiderman, Iturralde
    Philharmonia Chor Stuttgart
    Stuttgarter Kammerorchester
    Helmut Wolf
    (omi)


    Das Baß-Rezitativ (Nr. 7) endet mit den Worten …und er gab seinen Geist auf. – und es gibt keinen obligatorischen Schlussakkord (IV - I oder D-T) – die Worte verhallen, die Musik erstirbt, es herrscht im wahrsten Sinne des Wortes Totenstille – Kraus hat hier das Nichts komponiert. Erst nach einer bedächtigen Pause setzt das Intermezzo (Nr. 8) ein, in versöhnlichem Es-Dur…


    Den Text dazu verfasste der literarisch gebildete Komponist selbst. Er entschied sich für ein System, welches jenem von Pietro Metastasio (vertont u.a. von Joseph Myslivecek und Giovanni Paisiello) entsprach und teilte das Werk in zwei Teile: Teil 1 erzählt die eigentliche Leidensgeschichte Jesu, während sich Teil 2 mit "Kommentaren" befasst.


    Die Tonart ist d-moll. Die Introduktion beginnt auch mit einem musikalischen Thema, welches dem Agnus Dei des Requiems KV 626 von W. A. Mozart (bzw. F. X. Süßmayr) sehr ähnelt. Die Introduktion ist typische Krausmusik. Nach dem langsamen Teil folgt ein schnellerer im typischen Strum- und Drangstil, markant ist hier ein sehr hohes Hornsolo, wie es auch in der Symphonie funêbre und der Sinfonie e-moll zu finden ist.


    Es folgt ein eindringliches Alt-Rezitativ zu den Worten Kommt! Geliebte, zur Schädelstätte, zu dem Orte, wo unser Heiland blutig sein Opfer ward. Die folgende Sopranarie Er starb, um uns von ewigem Tod zu retten steht in g-moll und ist musikalisch vergleichbar mit Mozarts Arie Traurigkeit aus der Entführung aus dem Serail, nur dass hier nicht die Bläsersoli eingesetzt werden. Nach einem weiteren Alt-Rezitativ folgt ein Duett zwischen Alt und Baß, was ungewöhnlich im Sinne von selten ist. Das Duett Weine, Sünder, weine! steht wiederum in d-moll und ist wirklich grandios! Der gewählte ¾-Takt wirkt beinahe selbstzynisch.


    Sehr stark an Johann Sebastian Bach angelehnt ist der Choral Jesus ruft dir, o Sünder mein, erneut in d-moll. Es überwiegt aber die zentrale Tonart F-Dur, sehr warm und weich. Im Anschluß folgt das eigentliche Kernstück des Werkes, das Rezitativ Ja, man schleppte ihn vor den Richter. Das Wort-/Tonverhältnis ist mehr als genial, überhaupt sind alle Rezitative mit Streichern und Orgel begleitet und haben somit Bühnencharakter.


    Die beiden Teile des Oratoriums werden durch ein Intermezzo in Es-Dur getrennt. Das ist die versöhnliche Tonart von Joseph Martin Kraus. Zunächst stellt sich das Intermezzo als Balletteinlage mit Streicherpizzicati dar, es geht aber in einen nachdenklich Teil über und bereitet damit auf den kommentierenden 2. Teil des Werkes vor.


    Dieser beginnt mit dem Chor Der Rächer kommt – quasi dem "Dies irae" des Werkes. Der Satz ist ähnlich jenen des Krausschen Requiems sehr abgehackt und direkt, seriahaft. Er steht selbstverständlich in g-moll und verwendet thematisches Material aus Vanhals c-moll-Sinfonie und wird unter Verwendung von Trompeten und Pauken zu einem mächtigen und ebenfalls zentralen Bestandteil des Oratoriums.


    Der Chor wird abgelöst von einem Rezitativ und einer folgenden Alt-Arie Sei ewig mir gesegnet. Der Choral O Traurigkeit, o Herzeleid könnte beinahe aus Brahms Deutschem Requiem stammen, wenn man es nicht besser wüsste. Den Abschluß bereitet ein Rezitativ, gefolgt von einer Baßarie Wenn einst die Ungewitter vor. Das musikalische Material ist hier absolut identisch mit der Ariette J’en suis encore tremblant aus dem 3. Akt der Oper Zémire et Azor von André Modeste Ernest Grètry (1741-1813), ich war hier sehr erstaunt! In der Manier eines sehr innigen und ruhigen Dona nobis pacem schließt das Oratorium eher unauffällig mit dem Schlußchor Erbarme Dich unser.


    Frohe und musikalische Feiertage!


    :wink:

    Alles sollte sein wie es war - und nicht wie wir es uns wünschen!

    (HIPpokrates)

  • Sehr interessant!! Ich hoffe du hast Dich bald durchgegraben und berichtest welche sind wirklich schön oder interessant (also anderes als die andere...)
    Und die von Kraus ist wirklich sehr schön, die mag ich auch sehr gerne.
    Habe ich auch von Dir! *lol*


    P.S. Super Thema übrignes! Wie für mich geschaffen! Ich bin ein Passionsmensch (aber nur akustisch! :D )
    Sollte man nicht von "ollen Bach" :boese: auch die zwei weniger bekannte Passionen erwähnen??
    Eine von denen wäre hier:



    beim hören überspringe ich alledings "das Gequatsche" ! Tut mir leid, aber ich kann das nicht haben, ich erlebe das als Unterbrechung! *hä*


    "Wenn du von allem dem, was diese Blätter füllt,
    Mein Leser, nichts des Dankes wert gefunden:
    So sei mir wenigstens für das verbunden,
    Was ich zurück behielt."
    (Lessing)

  • ich hätte noch folgende Passionsmusiken anzubieten:



    J.G.Naumann: La Passione di Gesu Cristo
    La Stagione Armonica, Orchestra di Padova e del Veneto, Sergio Balestracci



    wirklich sehr hörenswert und im Gegensatz zu anderen Passionswerken dieser Zeit, passt der musikalische Ausdruck auch zum Thema. Wenn ich da an Mysliveceks Passion denke :D:D:D
    Naumanns Werk überzeugt mit wunderschönen Arien und einfühlsamen Melodien.


    Aber Mysliveceks Passion sollte man durchaus auch einmal gehört haben:


  • Guten Tag


    von Johann Friedrich Fasch habe ich diese



    " Passio Jesu Christi ", mit der Schola Cantorum Budapestiensis und der Capella Savaria Baroque Orchestra, die mich im vokalen Bereich nicht so vom Hocker reißt.


    Sehr dramatisch und drastisch in ihrer Ausdrucksweise ist


    Georg Philipps Telemanns



    " Brockes Passion " mit einer solide singenden Solistenriege, dem manchmal etwas behäbe wirkenden RIAS Kammerchor und der qualitätsvoll spielenden Akademie für Alte Musik Berlin; leider hat Rene Jacobs die Passion etwas gekürzt.



    Gruß :wink:


    aus der Kurpfalz


    Bernhard

    «Es ist wurscht, ob das jemand versteht, aber es muss gesagt werden» (Samuel Beckett)

  • Einfach wunderschön ist die Johannespassion von Alessandro Scarlatti: von der ersten Note bis zum letzten in schönem Arioso-Stil komponiert, schwankt zwischem Rezitieren und Gesang hin und her.



    Sehr-sehr schön!



    Schön ist auch die Passioverstonung von Lassus:



    Hier werden freilich nur die Turba-Stellen vertont, wie im Renaissance üblich.


    Victoria hat auch sowohl die Mathhäus-, als auch die Johannespassion in seinem Officium Hebdomadae Sanctae vertont:



    auch sehr schön!


    Cipriano de Rore hat nicht nur die Turba-Stellen, sondern die ganze Johannespassion mehrstimmig veront. Das Huelgas Ensemble bietet eine mit Instrumenten verstärkte stimmungsvolle Einspielung:



    Zum Schluss möchte ich noch die wunderschönen Passionsvertonungen von Schütz erwähnen:


    LG
    Tamás
    :wink:

    Alle Wege führen zum Bach,
    .................................... wo der kleine Biber lebt!

  • Ich kann noch einige nennen:


    Carl Heinrich Graun
    Der Tod Jesus

    Passionskantate für Soli, Chor und Orchester
    (Text: Carl Wilhelm Ramler)

    1754/55 komponiert, wurde sie in der Karwoche 1755 in Berlin uraufgeführt und hielt sich sehr lange im Repertoire der Ostertage. Inzwischen scheint sie kaum jemand noch zu kennen, was mehr als schade ist.



    Christoph Demantius
    Johannes-Passion


    Das ist die letzte durchgängig mehrstimmig gesetzte Vertonung einer Passion: sie ist als Motette in drei Teilen konzipiert und wird in Deutsch gesungen. Sie erschien 1631 im Druck.



    Dann noch etwas Modernes:


    Frank Martin
    Golgotha


    1948 fertiggestellt, geht sie mit der Erzählung der Passion sehr eigen um. Martin verwendet Texte der Psalmen und der Evangelien sowie welche von Augustinus und ordnet sie in zehn Bildern. Ich schrieb im Nachbarforum etwas darüber:


    Frank Martin: GOLGOTHA (1945-48) - Ein Oratorium zur Passion Christi



    .
    jd :wink:

  • Da kann ich auch noch einiges beitragen:


    Nicht nur Graun und Kraus haben Ramlers "Der Tode Jesu" vertont, auch von Georg Philipp Telemann existiert eine omposition, zudem aus dem gleichen Jahr wie Grauns Werk:



    Noch weitere Kompositionen Telemanns auf einen "freien" Passionstext muß man erwähnen:




    Ein spätes Passionsoratorium (1755), das in seiner musikalischen Sprache dem "Tod Jesu" nahe steht.




    Ebenfalls ein Passions-Oratorium, aber noch etwas barocker in der Musiksprache



    Und schließ noch Passionskantaten:

    Sehr dramatische Kantaten für Bass solo, die in der Tat schon fast als geistliches Theater bezeichnet werden sollten




    Überhaupt hat Telemann uns einen reichen Schatz an Passionsvertonungen hinterlassen. Ich zähle hier stellvertrend einmal folgende auf:



    Die Lukas-Passion von 1748 ist Telemanns vermutlich drammatischste Passion. Sehr aufwühlend, stilistisch schon viel eher im Sturm und Drang stehend.




    Ganz anders diese "Danziger" Matthäus-Passion. Diese Passionsvertonung verzichtet ganz auf Arien, vielmehr gibt es Accompagnati, also instrumental reicher begleitete Rezitative. Auch die Choräle sind nicht mehrchörig besetzt. In der PArtitur stehen nur Verweise auf die entsprechenden Choräle im Danziger Gesangbuch. Daher geht man davon aus, daß hier die Gottesdienstgemeinde in das Geschehen eingebunden war.




    Ganz ähnlich arbeitet diese Matthäus-Passion mit reduzierten Mitteln, beispielsweise sind Chöre nur zweistimmig gesetzt. Dennoch sehr ergreifend, auch die Arien!




    Bei dieser Vertonung des Passionsgeschehens nach Matthäus liegt der Schwerpunkt eindeutig auf der Arie. Choräle und Turba-Chöre sind demgegenüber deutlich zurückgenommen. Dennoch für mich die vielliecht schönste Vertonung aus Telemanns Hand. Auch hier tendiert die Musiksprache schon eindeutig in das empfindsame Zeitalter, die instrumentale Besetzung (u. a. Hörner) ist luxuriös.

  • Guten Abend


    Auch diese "exotische" Brockes-Passion



    von Reinhard Keiser ziert mein Plattenschränkchen.
    Von den Ensembles Vox Luminis und Les Muffatti abwechslungsreich und mit Begeisterung musiziert.



    Gruß :wink:


    aus der Kurpfalz


    Bernhard

    «Es ist wurscht, ob das jemand versteht, aber es muss gesagt werden» (Samuel Beckett)