Sinfonie Nr. 9 e-moll op. 95: Einspielungen (omi)

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    Diese Sinfonie wurde zum Ausgangspunkt und Sammelbecken meiner alleingelassenen Seele nach 13 Jahren UNBEDARFTHEIT. Ich konnte einen unglaublichen Schatz an Gefühlen, verschiedenen Welten von Empfindungen jeder Art und unterschiedlicher Herkunft entdecken. PLÖTZLICH wurde mein Herz/mein Leben VOLL... LEERE und Kränkung als Kind nicht ernst genommen worden zu sein, wurden kleiner und kleiner...


    ...schrieb Arnulfus zum Thema Warum ausgerechnet Klassikl?


    Diese Aussage hat mich animiert, das mir nicht völlig unbekannte Werk aus dem Orkus meiner Sammlung hervorzuzaubern. Da war doch was? Genau: der Glücksfall, daß aktuell die Sinfonie "aus der neuen Welt" kostenlos zum Download beim SWR2-Musikstück der Woche parat steht (Link).


    Mein erster Eindruck war folgender: "Ich finde die Aufnahme zwar zum Teil etwas unausgeglichen, manchmal zu dünn und skelettartig, umso mehr überraschen dann aber die aufbrausenden Teile des Werkes, besonders natürlich der Finalsatz. Die Bläser klingen mir hier zu plastikartig, der volle Orchestersound ist hingegen sehr eindrucksvoll." Nun habe ich das Werk mehrfach in dieser Aufnahme gehört und mich fasziniert diese Aufnahme immer mehr. Ich wollte mir ggfs. zum Vergleich Norrington mit dem Radio-Sinfonie-Orchester Stuttgart des SWR als mp3-Download kaufen:



    Die Hörproben überzeugen mich allerdings im direkten Vergleich nicht echt; da kommt mir Sylvain Cambreling mit dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg doch weitaus knackiger daher (aber vielleicht sind auch nur die "falschen" Stellen bei den Teasern hinterlegt?). Ganz überzeugt bin ich jedenfalls noch nicht.


    Das Werk an sich erstaunt mich zunehmend: ich höre sehr viel, was mich an Schuberts "Große C-Dur" (Nr. 7, D849) erinnert, insbesondere der lyrische Mittelteil des Scherzo, aber auch viele andere Großorchestrale Klangwolken. Für die Betrachtung von Schuberts Werk im Licht seiner Zeitgenossen heißt das wohl schon, daß Schubert seiner Zeit weit voraus war: zwischen 1828 und 1893 liegen gute 64 Jahre... ein durchschnittlich langes Menschenleben also, und nur Schumann knüpfte an Schubert m. E. bewusst an. Andererseits höre ich im Ansatz auch etwas, das man Mahler zuordnen könnte, allerdings vergleichsweise harmlos: Mahlers erste war bereits 1889 uraufgeführt, die zweite folge 1895. Und das Scherzo aus Beethovens Neunter ist m. E. in den Anfangstakten von Dvořáks Scherzo versteckt (harmonisch ist der T-D-Abwärtssprung jedenfalls absolut deckungsgleich).


    Wer erfährt hier Ähnliches und welche knackigen Einspielungen sind dringend anzuraten?


    :wink:

  • Hallo zusammen,


    vielen Dank an Ulli für die Verlinkung des SWR Downloads.


    Die Aufnahme ist wirklich gut, aber sie überzeugt mich nicht gänzlich. Besonders der Anfang ist für meinen Geschmack zu verhalten. Ich liebe diese Sinfonie, weil sie für mich den Inbegriff für Dramatik, Wildheit und tiefe sinnliche Gefühle darstellt. Also alles das, was etwas Neues, noch nie Dagewesenes versinnbildlichen soll, eben eine "neue Welt". Ich besitze mehrere Aufnahmen, aber es fällt mir schwer zu sagen welche mir davon am besten gefällt.


    Diese beiden Aufnahmen sind die von mir bevorzugten.



    LG


    Maggie

    Annere Tiden - annere Lüden - annner Bedüden. (Fritz Reuter - Montecchi un Capuletti)

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    Einst besaß ich auch diese CD, mit der ich das Werk kennengelernt hatte:



    Wiener Philharmoniker
    Kyrill Kondrashin


    Außerdem enthält die CD die Tschechische Suite op. 39 und die Prager Walzer (Detroit Symphony Orchestra, Antal Dorati). Wo diese CD abgeblieben ist, ist mir leider unbekannt.


    Ich habe diese Einspielung der Sinfonie nicht als überwältigend in Erinnerung, ich lauschte lieber den Prager Walzern... aber vielleicht kennt jemand die Aufnahme und kann dazu noch etwas Positives schreiben?


    :wink:

  • Neben der Moldau war das No. 2 auf der Folter-Liste, die man auch Lehrplan nannte (so wie ich festelle, wahrscheinlich, weil beide Werke häufig auf einer CD zu finden sind :wacko: ). Es hat Jahre gedauert, bis ich beide Werke wieder einigermaßen unbefangen hören konnte und die Tortour des Musikunterrichts vergessen konnte.


    In meiner Sammlung befinden sich dennoch einige Aufnahmen ( 8| )
    Darunter wohl auch zwei, die mittlerweile als "klassisch" gelten :D



    Kubelik



    Fricsay


    Wohl auch durchaus gelungene Interpretationen, aber ich gebe freimütig zu, dass mich die Musik des 19. Jh. emotional nicht erreicht, daher spare ich mir auch ausschweifende Erörterungen. Ich höre das Werk höchst selten, vielleicht ein Mal alle 5 Jahre, was mir dann aber auch genügt.


    :wink:

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    Zitat von Ulli


    Die Hörproben überzeugen mich allerdings im direkten Vergleich nicht echt; da kommt mir Sylvain Cambreling mit dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg doch weitaus knackiger daher (aber vielleicht sind auch nur die "falschen" Stellen bei den Teasern hinterlegt?). Ganz überzeugt bin ich jedenfalls noch nicht.


    Ich hab sie mir nun doch als Amazon-mp3-Download besorgt.


    *hmmm* Sicherlich nicht eine der schlechtesten Einspielungen; ich finde allerdings, es könnte mehr rhythmische Betonungen geben, die mitreißen. Als sehr gelungen empfinde ich die letzten ausgekosteten Takte des Finalsatzes: ein schönes Nonvibrato, Spannung und Entladung. Sehr toll!


    Man hört es der Aufnahme übrigens nicht an, daß es sich um einen Livemitschnitt handelt (wie bei Norringtos SWR-Produktionen allgemein üblich). Lediglich der Schlußapplaus erinnert daran, daß hier echte Menschen mitgewirkt und beigewohnt haben.


    :sleeping: Insgesamt sind mir die Pauken auch etwas zu dumpf: die Watte an den Schlegeln sollte man lieber an wehleidiges und empfindliches Publikum verteilen, damit es sich diese im Notfall in die Ohren stopfen kann...


    *juck* Warum erinnert mich der Finalsatz stets an diverse SciFi-Filme?


    Conclusio: eine überaus genießbare Einspielung mit deutlich Luft nach oben (imo).


    :wink:

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    Je mehr ich mich mit der Sinfonie befasse, desto interessanter wird es. Zum einen entdecke ich im markanten Finalsatzthema Parallelen zur Dies-irae-Sequenz: es werden zumindest die selben Töne in anderer Abfolge verwendet. Außerdem empfinde ich, daß das Thema rhythmisch wiederum sehr an das Eröffnungsthema von Schuberts "Großer" erinnert:



    Es sind also die Dies-Irae-Töne im Schubert-Große-Rhythmus... ob das so beabsichtigt war, vermag ich nicht zu sagen oder zu behaupten. Mir gefällt es jedenfalls so.


    Auch wird ja das Thema am Schluß des Finalsatzes eben wie bei Schubert auch ganz exponiert unisono dargeboten, bevor der Showdown beginnt:


    ...
    [Dvořák vs. Schubert, Quelle: IMSLP]


    Und dann noch die Parallele zu Mahlers Zweiter, die ja witziger Weise beinahe zeitgleich entstanden ist: Dvořáks Ganztonabwärtsleiter (c-b-as-g-f-es-des-c, T. 291ff.) kommt in fast gleicher Weise bei Mahler vor, der wiederum ein ähnliches Dvořák-Schubert-Modell vorannstellt:



    [Quelle: IMSLP]


    Irgendwie muß da was dran sein... wieder viele Noten (aber Musik besteht nun mal daraus...). Vielleicht kann das dennoch jemand hörend nachvollziehen?


    *hä*

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    Diese:



    Antonín Dvořák (1841-1904)
    Sinfonie Nr. 9 e-moll op. 95


    Royal Philharmonic Orchestra
    Paavo Järvi


    Gefällt mir auch insgesamt sehr gut. Zwar nerven mich alleweil die Tempoinkontinenzen im ersten Satz, aber die knallenden Pauken sind sehr beeindruckend - so muß das klingen. Inzwischen habe ich auch nochmals die SWR-Aufnahme (Musikstück der Woche) mit Sylvain Cambreling vergleichsgehört. Auch im Vergleich zu Järvi ist der Schluss des Finalsatzes mit den "schreienden Violinen" für mich eindeutig bei Norrington so richtig herzzerreißend, wenn auch Norrington ansonsten "nur" gehobene Mittelklasse ist.


    Järvi swingt insgesamt sehr und wartet mit jeder Menge Bombast auf. Dabei bleibt er im Orchesterklang dennoch schön transparent, sehr gelungen ist hier z.B. wenn sich im Largo das Fagott (hörbar!) zum Englischhorn gesellt.


    Zu dem Preis eine tolle Aufnahme, die ich Empfehlen kann. Diese (noch preiswertere) hier dürfte die gleiche Aufnahme sein:



    *yepp*

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    Bin gespannt, was Du zu dieser sagst:


    Dies ist in der Tat eine sehr feurige Einspielung mit sehr schönen und gut hörbaren (besser als bei allen bisherigen) Bläserstellen. Leider verdecken diese aber auch im Finale die "schreienden Geigen", die ich so liebe. Für Partiturleser: es handelt sich um das c4 der Takte 334ff. des Finalsatzes (Showdown-Allegro con fuoco), speziell bei dieser Aufnahme: 10'27" - die anschließende harmonische Folge finde ich auch immer wieder sehr spannend, da sie so anders ist als bei "herkömmlichen" Werken - das ist kein reiner (echter, gewöhnlicher, gemeiner) Neapolitaner, sondern ... (bitte ergänzen) :D


    :wink:

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    Mich würde interessieren, wie Dir mein persönlicher Favorit gefällt: Die Tschechische Philharmonie unter Václav Neumann von 1981:


    Meine Frau bevorzugt aus persönlichen Gründen Lorin Maazel mit den Wienern:

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    Staatskapelle Berlin
    Otmar Suitner


    *yepp*


    Diese Einspielung überzeugt durch sehr tänzerische Rhythmen, sehr präsente Pauken und föhnendes Blech. Erstmals fällt mir die sukzessive Streicherhalbierung im Largo (ab T. 101ff. - meno mosso) auf: hier wird zunächst auf 4, dann auf 2, dann auf Solostreicher reduziert (halbe und Viertelgeige würden noch zur Verfügug stehen... *flöt* ). Nur in dieser Aufnahme habe ich bisher diese außergewöhnliche Zartheit an dieser Stelle im Largo vernommen. Ich dachte erst, es handele sich um einen Gag des Dirigenten, doch weit gefehlt: es steht so in der Partitur. Ich nehme ja an (ohne es nachträglich geprüft zu haben), daß diese Stelle in den anderen Aufnahmen, die ich bisher hörte, auch so gespielt wird; nur fiel es mir da nie so ohrenfällig auf. Insgesamt wartet Suitner mit straffen, aber nicht gehetzten Tempi auf: die Aufnahme ist sehr stark mit positiver Energie geladen, brillant, selten markant, aber auch nicht zu rund.


    Die letzten Takte des Finales sind dann aber für meinen persönlichen Geschmack doch leider etwas zu gehetzt, das hätte bei aller Brillanz mehr ausgekostet werden können. Wären da nicht diese "verhuschten" Schlußtakte: es könnte meine bisherige Lieblingsaufnahme sein.


    Conclusio: eine umwerfende Aufnahme ---> :umfall:

  • Diese Einspielung überzeugt durch sehr tänzerische Rhythmen, sehr präsente Pauken und föhnendes Blech.


    Genau aus diesem Grund, liebe ich diese Aufnahme.



    :thumbup:



    LG


    Maggie

    Annere Tiden - annere Lüden - annner Bedüden. (Fritz Reuter - Montecchi un Capuletti)

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    Irgendwie muß da was dran sein... wieder viele Noten (aber Musik besteht nun mal daraus...). Vielleicht kann das dennoch jemand hörend nachvollziehen?


    Hmm... bei dem Dies Irae-Zitat kann ich Dir akkustisch nicht so recht folgen. Die Parallelität zu Mahler halte ich auch eher für Zufall.


    Wo ich bei Dir bin ist bei den Schubert-Anspielungen. Schubert-Zitat würde ich das nicht nennen, aber eine Anspielung ist es allemal. Auch die Exponierung gegen Ende ist möglicherweise eine Anspielung an Schubert. Ist das die finale Synthese der Kulturen von alter und neuer Welt?


    Ansonsten ist das eine meiner absoluten Lieblingssymphonien. Das Englischhorn-Solo im langsamen Satz treibt mir regelmäßig die Tränen der Rührung in die Augen.

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    Hmm... bei dem Dies Irae-Zitat kann ich Dir akkustisch nicht so recht folgen.


    Schade. Versuche einmal, beide Melodien abwechselnd mehrfach hintereinander zu summen... ich finde das sehr schwierig, da sie extrem ähnlich sind (wenn auch die Anordnung der Noten etwas anders ist).


    Zitat

    Die Parallelität zu Mahler halte ich auch eher für Zufall.


    Ja, vermutlich schon. Dann dürfte es aber soetwas wie "Zeitgeist" sein, also etwas nicht ganz rein Zufälliges, vielleicht vergleichbar mit den Floskeln der Wr. Klassik?


    Zitat

    Schubert-Zitat würde ich das nicht nennen, aber eine Anspielung ist es allemal. Auch die Exponierung gegen Ende ist möglicherweise eine Anspielung an Schubert.


    Ein einhundertprozentiges Zitat ist dies sicher nicht, obwohl eben auch hier die Melodien recht ähnlich sind. Aber die Art der Verarbeitung und Präsentation sind schon sehr verräterisch: 2 Takte Streicher-Unisono im ff, dann mit Holz und Blech... (bei Schubert wegen des Alla-Breve-Taktes in doppelt so wertigen Noten und daher doppelter Taktanzahl, vom relativen Tempo her allerdings fast gleich).


    Zitat

    Ist das die finale Synthese der Kulturen von alter und neuer Welt?


    Hm... in der Abfolge Beethoven IX - Schubert VII - Dvořák IX wohl eher nicht?


    :wink:

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    Mein Erstkontakt seinerzeit auf CD, Anfang der 90er. Auf Platte kenne ich die Sinfonie seit den 70ern und in den 80ern wurde sie im Musikunterricht behandelt. Interessanterweise habe ich Dvorak 9 nie so totgedudelt wie andere Klassiker, zu stark war ich auf Beethoven und später Bruckner fixiert.

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    Ich war hier Jetzt im Ohr (2015) ungerecht; nach nun mehrmaligem Hören muss ich Otto Klemperer Gerechtigkeit widerfahren lassen.

    Otto Klemperer, Philharmonia Orchestra, 1963

    Ich hieraus: CD 8


    Einzeln:


    I. Adagio—Allegro molto 12:38
    II. Largo 12:07
    III. Molto vivace 8:34
    IV. Allegro con fuoco 12:18


    Aufnahme: 30./31. Oktober und 1./2. November 1963, Kingsway Hall, London


    Der Rezensent, der bei Amazon von rhythmischen Feinheiten, dynamischen Abstufungen und herrlichen Steigerungen spricht, hat durchaus Recht. Auch, wenn er Ulrich Schreiber zitiert, der Klemperers Deutung als "ein faszinierendes Beispiel eines gegen den Strich gebürsteten Dvorak, deren innere Querständigkeit den Komponisten mit den Ohren dessen aushört, der schon die Klänge Gustav Mahlers im Kopf hat", charakterisiert. Und wirklich muss man hier einmal mehr konstatieren, dass Klemperer jede plakative Wirkung vermeidet, er gänzlich unsentimental ohne vordergründigen Dramatik darbietet und die gemessenen Tempi ihren eigenen langen, nie langweiligen Atem generieren. Mahlernähe hin oder her - die Gefahr der Überinterpretation bei dieser wohl weltweit beliebtesten Sinfonie ist groß, zu schnell schlägt das Pendel in das eine oder andere Extrem aus, weshalb ich mich insgeheim ein wenig vor Krivine fürchte. An rythmischer Strenge und analytischer Durchleuchtung jedenfalls lässt es diese Deutung des letzten großen Alten nicht fehlen.


  • (P) 2009 SWR Music / Hänssler Classic CD 93.251 [42:32]
    rec. 09.-11. Juli 2008 (Beethovensaal, Liederhalle Stuttgart) live


    Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR
    D: Roger Norrington


    Das klingt schon sehr elegant und flüssig - frei von übergroßer Schwere, geradezu tänzerisch im Scherzo, straff im Finale, lyrisch im Largo. Norrington bringt den alten Mainstream-Drachen gehörig auf Zack... *sante*
    :thumbup: :thumbup: :thumbup: :thumbup: :thumbup: