OPI - Nachvollziehbare Vorliebe oder Einseitigkeit?

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    On Period Instruments - also auf zeitgenössischen Instrumenten
    On Modern Instruments - auf modernen Instrumenten.


    Bitte verstehe diese Unterteilung im Forum nicht wertend: es dient nur der besseren Findbarkeit der entsprechenden Diskussionen.


    LG
    Tamás
    *castor*


    Danke! Nein, keine Gefahr ... :-|

    • Offizieller Beitrag

    Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, was daran so gewagt sein soll:


    Naja, man könnte es missverstehen wollen, daß omi nur "dem einen Zweck" dient(e): nämlich opi zu Tage zu fördern und dadurch abgewertet würde...


    opi und omi (was soll das eigentlich wörtlich heißen?)


    Dazu haben wir auch ein kleines Glossar


  • Naja, man könnte es missverstehen wollen, daß omi nur "dem einen Zweck" dient(e): nämlich opi zu Tage zu fördern und dadurch abgewertet würde...

    Hast du es so aufgefaßt? Nein, so war es nicht gemeint. Denn dann müßte ich ja auch der Meinung sein, daß z.B. alle alten historischen Aufnahmen vernichtet werden müssen, weil sie nicht HIP und OPI sind.


    Aber eine Differenzierung in Bezug der Entstehungszeit der Kompositionen hat sich durchaus als sinnvoll erwiesen, wenn man die Instrumente betrachtet. Zwar bin ich nicht so streng wie der Lullist , aber ich empfinde es als Gewinn, Alte Musik HIP und OPI zu hören. Die andere Seite kenne ich zum Teil auch, aber ich empfinde sie in der Regel einfach als zu groß, zu schwer, zu mächtig. Karl Richter hat es zur Zeit etwas schwer mit mir... *yes*


    Allerdings: Schostakowitsch-Symphonien HIP und OPI - naja, das sind sie doch schon immer gewesen. Da wäre es kontraproduktiv, sie auf Darmsaiten und ventillosen Hörnern zu spielen... :D


    Aber wer weiß, ich habe sie bisher noch nicht so gehört - voran Herr Herreweghe... *lol*



    jd *hüpf*


  • Ich weiß, es ist eine gewagte These, die gleich folgt und ich begebe mich auf rissiges Eis: aber könnte nicht omi als Wegbereiter und auch als Erfahrungsschatzgrube zu opi angesehen werden...?

    Zumindest kann man laut Aussage der Profi-Instrumentalistin nur dann ein Instrument opi richtig spielen, wenn man omi gelernt hat. Von daher hättest Du mit Deiner Aussage recht. (Allerdings frage ich mich dann, wie es Vivaldi und Bach geschafft haben, ihre Instrumente zu meistern ...)

    • Offizieller Beitrag

    Hast du es so aufgefaßt?


    Naja, ich habe es immerhin geschrieben... und der Interpretation durch den Leser zunächst unbeabsichtigt offene Türe gelassen...


    Allerdings: Schostakowitsch-Symphonien HIP und OPI - naja, das sind sie doch schon immer gewesen. Da wäre es kontraproduktiv, sie auf Darmsaiten und ventillosen Hörnern zu spielen...


    Das ist m. E. auch nicht Sinn der Sache (wenn auch als Bearbeitung sicher interessant). Die Instrumente der jeweiligen Entstehungszeit des Werkes gehören für mich zur Musik unabdingbar dazu - das eine kann ohne das andere für mich nicht existieren. Schosti auf Instrumenten des 17. oder 18. Jahrhunderts würde sicher neue Klangfarben eröffnen, aber das ist für mich ebensowenig "das Werk" wie Händel auf dem Steinway... (aber andere Baustelle).

  • (Allerdings frage ich mich dann, wie es Vivaldi und Bach geschafft haben, ihre Instrumente zu meistern ...)

    Nun ja, sie hatten keine modernen Instrumente, weil es sie damals noch nicht gab - aber immerhin waren sie als Komponisten so gut, daß sie mögliche bauliche Veränderungen gleich in ihre Partituren einfließen lassen konnten...



    jd *deibel*

    • Offizieller Beitrag

    Zumindest kann man laut Aussage der Profi-Instrumentalistin nur dann ein Instrument opi richtig spielen, wenn man omi gelernt hat. Von daher hättest Du mit Deiner Aussage recht. (Allerdings frage ich mich dann, wie es Vivaldi und Bach geschafft haben, ihre Instrumente zu meistern ...)


    Ja, frag sie das mal...


    Versteh' mich jetzt bitte nicht bewußt falsch - damals konnte man das natürlich und diese vergessenen Traditionen mußten natürlich (via omi) erst wieder reaktiviert werden.


    ^^

  • Die Instrumente der jeweiligen Entstehungszeit des Werkes gehören für mich zur Musik unabdingbar dazu - das eine kann ohne das andere für mich nicht existieren.

    Etwas anderes als das wollte ich auch nicht schreiben. Meine Erfahrung als Hörer zeigt mir immer mehr, daß ich diese Kombination stets bevorzuge. Damit wird Bach OMI und unHIP nicht obsolet - das war die Tradition, die man bis in die 1980er Jahre hinein zumeist praktizierte. Die rund dreißig Jahre, die nun dazwischen liegen, lassen das Alles nicht einfach verschwinden, aber eine merkliche Veränderung ist meines Erachtens eingetreten.


    Vielleicht hätte ich schreiben sollen, daß ich bei den historischen Aufnahmen von solchen der Alten Musik gesprochen habe. Musik von z.B. Brahms, Mahler oder Wagner kam mir in der Beziehung gar nicht in den Sinn.



    jd :wink:

    • Offizieller Beitrag

    Ein konkretes Beispiel, was mir gestern in den Sinn kam. In der Brilliant-Box zu Bachs Gesamtwerk sind sämtliche Klavierwerke mit Cembalo ausgeführt - mir käme es gar nicht mehr in den Sinn, sowas wie die Goldberg-Variationen oder das Wohltemperierte Clavier mit Klavier anhören zu wollen, auch wenn ich einige Klavier-Aufnahmen habe.


    Das ist lustig, bei mir mal wieder gerade anders.
    Ich bin inzwischen auch schon "opi-infiziert", und das nicht zuletzt durch Ullis unermüdliche Bekehrungen.
    Ich tue mich heute schwer damit, Mozart, insbesondere die Klavierkonzerte, noch mit modernem Geflügel zu genießen, obwohl ich hier nachsichtiger bin, als die Puristen, also auch Interpretationen wie die von Brautigam, Immerseel und Sofronitzky zu genießen, obgleich die in häristischer Manier belederte Instrument tractieren...


    Gerade Bachs "große" Klavierwerke wie die Goldbergvariationen, die Kunst der Fuge und den wohltemperierten Kaviar genieße ich parallel auf modernen Instrumenten mit bestimmten Pianisten. Insbesondere diese Werke stehen für mich irgendwie außerhalb ihrer Schöpfungszeit als zeitlose Werke, denen man auf mannigfachen Instrumenten verschiedene Façetten entlocken kann (hier sind wir vielleicht wieder bei der Doppelbödigkeit, vielschichtigkeit oder Komplexität im anderen Thread). Ich habe hier vor allem Angela Hewitt sehr schätzen gelernt.

  • Insbesondere diese Werke stehen für mich irgendwie außerhalb ihrer Schöpfungszeit als zeitlose Werke, denen man auf mannigfachen Instrumenten verschiedene Façetten entlocken kann


    Da fällt mir die Diskussion bei T. ein, wo es um Hildegard von Bingens Ordo Virtutum von Belcanto geht. Ich hatte die Hörbeispiele laufen lassen - bei 51 Tracks immerhin rund 25 Minuten Länge, wodurch ich einen generellen Eindruck gewann, was das Ensemble eigentlich gemacht hat. Es ist aber erstaunlich, wie hier der einzige Fürsprecher der CD so eisigen Gegenwind bekam, daß man übers Lesen wirklich ins Staunen geriet.


    Plötzlich waren die Verfechter des HIP tatsächlich die Fundamentalisten, die es ablehnten, diese Musik an sich heranzulassen. Ohne Frage: die Originalkompositionen waren durch eine Bearbeitung klanglich erweitert worden, womit sie ganz anders klingen als unbegleitet. Aber es war seltsam, wie sehr hier der liebe Doktor Kaletha unter Feuer geriet. Ich gebe zu: mich hat das ebenso überhaupt nicht angesprochen, aber der Versuch an sich sollte nicht gleich "strafbar" sein. Immerhin kann man Ensembleleiterin Dietburg Spohr nicht absprechen, daß sie damit ein klares Konzept verfolgte, über daß es sich lohnt zu diskutieren.


    So, lieber Travinius, werde ich dir Angela Hewitt gewiß nicht madig machen - und wenn ich die CDs aufm Flohmarkt fürn Appel und nen Ei mitnehmen kann, werde ich sie gewiß nicht liegenlassen... :D


    Mit Daniel habe ich es doch auch gemacht:



    Und ganz ehrlich - Barenboim kann Klavier spielen, auch wenn es genug Leute gibt, die meinen, er könne es nicht, sondern nur die richtigen Noten treffen... *lol*


    Zum Glück geht wegen sowas nicht gleich die Welt unter - oder zumindest das Abendland, das Vielbeschworene... *opi* *omi*



    jd ;)

    • Offizieller Beitrag

    So, lieber Travinius, werde ich dir Angela Hewitt gewiß nicht madig machen - und wenn ich die CDs aufm Flohmarkt fürn Appel und nen Ei mitnehmen kann, werde ich sie gewiß nicht liegenlassen... :D


    Je nach Stadt kannst Du auch mal in der örtlichen Bibliothek nachschauen. In München habe ich da schon das eine oder andere gefunden. Ist aber auch die größte ihrer Art in Deutschland.

  • Zitat von Josquin Dufay

    Ein konkretes Beispiel, was mir gestern in den Sinn kam. In der Brilliant-Box zu Bachs Gesamtwerk sind sämtliche Klavierwerke mit Cembalo ausgeführt - mir käme es gar nicht mehr in den Sinn, sowas wie die Goldberg-Variationen oder das Wohltemperierte Clavier mit Klavier anhören zu wollen, auch wenn ich einige Klavier-Aufnahmen habe.


    Ich verstehe langsam diese rechthaberischen Ansichten nicht mehr. Uns macht doch die Vielzahl und Vielschichtigkeit in der Musik >reich<. Die >einseitigen< Verfechter beider Lager sollten sich klarmachen, dass jeder Mensch von Omi und Opi profitieren kann. Nimmt diese Metapher gerne auf die Großeltern bezogen, vielleicht dämmert es dann ein bisschen, dass wir Omi und Opi brauchen. EINSEITIGKEIT war schon immer eine gefährliche Sache...Fanatismus gar... würde irgendwann das Ende dieses Forums bedeuten und das wäre eine Katastrophe.


    P.S. Auch wenn es meine Xste Goldberg-Aufnahme ist diese neue Interpretation (OPI !) möchte ich niemals missen! Die Discographie dieses singulären Werkes ist nur mit OMI und OPI Aufnahmen in seiner Vielschichtigkeit angemessen kolportiert.



    PS. die letzte Aufnahme von Abbado und der Argerich ist ein Geschenk, das man nur annehmen kann, wenn man die Gefahr erkennt, eventuell OMI-Scheuklappen aufzuhaben.


    • Offizieller Beitrag

    Zumal es ein Trugschluss ist, zu glauben; mit den Originalinstrumenten käme man der zeitgenössischen Rezeption besonders nahe oder auch nur näher. Abgesehen davon, dass Kunstwerke ohnehin in die Ferne wirken und sich die großen dadurch auszeichnen, dass sie eben nicht zeitgebunden rezipiert werden; lässt sich der "Originalklang", den es meines Erachtens also gar nicht geben kann; eben nicht rekonstruieren, weil ja noch so viele andere Aspekte eine Rolle spielen, die wir nicht nachempfinden können, die Vorstellungen, die Gedankenwelt und Hörgewohnheiten der Zeitgenossen etwa. Das Kunstwerk gibt es nicht, es konstituiert sich in der jeweiligen Rezeption! Wer weiß denn schon, welche Klangvorstellungen ein Bach hatte? Und wie er instrumentiert hätte, stünden ihm andere Möglichkeiten zur Verfügung. Wenn nur Instrumente der Zeit den richtigen Zugang böten, was ist dann mit dem Genuss von Literatur und Malerei etwa des 17. oder 18. Jahrhunderts und deren Instrumentarium? Richtig ist, dass man mit opi vielleicht der Klangvorstellung, also einem Aspekt der Rezeption, näher kommt; aber das ist eben nur einer unter vielen. Das Wesen eines musikalischen Kunstwerkes macht viel mehr aus; sei es Melodie, Rhythmus, Verhältnis Text-Musik, Harmonik, Agogik etc. - das wenigste davon hat mit der Wahl des "korrekten" Instruments zu tun. Es wäre ja nun gerade ein Widerspruch an sich, dass ausgerechnet Glenn Gould auf einem modernen Klavier für den modernen Hörer Bachs Strukturen offengelegt hat, indem er ihn zur Kenntlichkeit entstellte. Eine reine Archäologie musikhistorischer Ansätze wäre letztenendes unfruchtbar. Aber ich glaube, das wissen alle hier.

    • Offizieller Beitrag

    Komischer Weise weiß "die andere" Seite immer ganz genau Bescheid... ich werde später dazu Stellung nehmen, auch, wenn das alles schon x-mal abgekaut wurde... dann fangen wir eben von vorne an...


    :wink: