OPI - Nachvollziehbare Vorliebe oder Einseitigkeit?

  • ... ein fiktiver HIPpokrates wäre ein Geeigneter, um für das Zitat herzuhalten ;)


    Tatsächlich wurden die Worte Papst Alexander, dem VI. dieses Namens, in der TV-Serie „Borgia“ in den Mund gelegt.


    Ich finde das hier sehr passend. Back to the roots.
    *kiss*

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)

  • Ich habe schon in mehreren Darstellungen gelesen, dass die "Kulturrevolution", die die Bürgerrechts- und Studentenbewegungen der 60er-Jahre darstellten, die hip-Bewegung sichtlich angetrieben hat. Man liest das auch immer wieder in Interviews mit den Akteuren jener hip-Bewegung, die der Sache erst so richtig zum Erfolg verholfen haben, dass zum Beispiel die "Kleiderordnung" der Künstler, die im etablierten Konzertbetrieb immer wieder für Konsterniertheit gesorgt hat, mit diesem hip(ie)-Geist zusammenhing. Auch hat die Rennaisance-Musik anscheinend großen Aufwind bekommen wegen des "Do-it-yourself"-Charakters, der junge Musiker dieser Zeit, weil zum Zeitgeist passend, sehr angesprochen hat.

  • Ich möchte betonen, daß ich im Wesentlichen von den Aufnahmen spreche; von Konzerten und dergleichen habe ich keine Ahnung. Daß sich diese Auffassungen und Dress Codes in der Zeit um 1968 zu verändern begannen, will ich gar nicht groß widersprechen. Doch hat sich das erst allmählich in "tönener Münze" ausgezahlt - im Verlauf der 1970er Jahre, also mit Verzögerung. Das wollte ich betonen.

  • Ich möchte betonen, daß ich im Wesentlichen von den Aufnahmen spreche; von Konzerten und dergleichen habe ich keine Ahnung. Daß sich diese Auffassungen und Dress Codes in der Zeit um 1968 zu verändern begannen, will ich gar nicht groß widersprechen. Doch hat sich das erst allmählich in "tönener Münze" ausgezahlt - im Verlauf der 1970er Jahre, also mit Verzögerung. Das wollte ich betonen.

    Genau, so entspricht das auch dem, was hie und dort zu lesen ist.

  • Sicher. Trotzdem ärgert mich von Jahr zu Jahr mehr; dass es überhaupt nicht mehr möglich ist, auch nur ansatzweise einen Hauch von politischen Aspekten zu berühren. Das ist gebildeten und kultivierten Menschen unwürdig. Und es ist nun mal Fakt, dass diese Denk- und Sprachverbote heutzutage nur aus einer Richtung kommen. Aber sei`s drum; damit ist es eh bald vorbei.


    Nein.
    Es gehörte seit je her zum guten Ton, dass man sich bei Gesellschaften (und dieses Forum gehört in diese Kategorie) weder über aktuelle Tagespolitik, Religion (im Sinne von Glaubensfragen) oder Krankheiten (Rumjammern mit Gebrechen) unterhält.
    Es sei denn man ist auf entsprechenden Zusammenkünften, wo es speziell darum geht.


    Ansonsten sind diese 3 Themen ein No-go, und das hat seinen Grund: Aufgrund ihres extremen Konfliktpotentials vermiesen diese Themen jedwede Stimmung bis hin zum Eklat. Lernt man bei jedem Benimmkurs (übrigens seit dem 18. Jahrhundert) und ist kein 'linksgrün versifftes' und von Merkel und der "BRD-GmbH" befohlenes Dogma, und wird auch in Zukunft sicher nicht anders gehandhabt *sante* . Abgesehen davon, jedes dieser Themen im Bezug zur Interpretation klassischer Musik ist schlicht uninteressant und hier absolut fehl am Platze.

  • HIP ist sehr viel älter als 68! Die Ursprünge gehen zurück und die Zeit um 1900 hundert.

    *yes*


    Die Wiederentdeckung der Blockflöte, Laute und des Cembalos sowie die aufkommende Wertschätzung alter (barocker) Orgeln falllen in diese Zeit und dürften Ausgangspunkt der Bewegung sein. Zwei maßgebliche Namen wären Albert Schweitzer und Arnold Dolmetsch.


    Albert Schweitzer?


    Diesen habe ich persönlich nie als Vorläufer oder Mitläufer einer HIP-Bewegung verstanden. Nach meinem Verständnis war Schweitzer zeit seines Lebens im Orgelbau der französischen Spätromantik verwurzelt (Cavaillé-Coll), ohne dabei allerdings seinen Elsässer Silbermann zu verleugnen.


    Schweitzer, Aus meinem Leben und Denken, Leipzig 1931:


    Zitat

    Die besten Orgeln wurden etwa zwischen 1850 und 1880 erbaut, als Orgelbauer, die Künstler waren, sich die Errungenschaften der Technik zunutze machten, um das Orgelideal Silbermanns und der anderen großen Orgelbauer des 18. Jahrhunderts in höchstmöglicher Vollendung zu verwirklichen. Der bedeutendste von ihnen ist Aristide Cavaillé-Coll… Während mir die monumentale Orgel des 18. Jahrhunderts, wie sie später durch Cavaillé-Coll und andere ihre Vollendung erfuhr, in klanglicher Hinsicht als das Ideal gilt, wollen neuerdings Musikhistoriker in Deutschland auf die Orgel der Zeit von Bach zurückgehen. Diese ist aber nicht die wahre Orgel, sondern nur ihr Vorläufer. Es fehlt ihr das Majestätische, das zum Wesen der Orgel gehört.


    Wobei dieses Zitat natürlich nicht zeigt, dass Schweitzer historische barocke Orgeln in ihrer ursprünglichen Gestalt oder behutsam restaurierte Instrumente nicht geschätzt hätte. Er schreibt in diesem Zusammenhang von "Vorläufern", was wohl eher zeigt, dass sein Denken hinsichtlich des Orgelbaus eher entwicklungshistorisch geprägt war. Erkennt man dies an, kann man sich gut vorstellen, dass Schweitzer bei den überzeugten Vertretern einer barockisierenden Orgelbewegung Anfang des 20. Jhdts. nicht gut gelitten war.

  • Ich finde auch, daß man das seinen Aufnahmen anmerkt: daß er selber lieber die symphonischen Orgeln bevorzugte, mit bestimmten Registern, die aber wenig mit der Bach-Zeit zu tun haben. Ich kenne u.a. BWV 565, die in London 1935 entstand - und die finde ich ungewohnt registriert.

  • Albert Schweitzer hat für den Erhalt einiger Silbermann-Orgeln im Elsaß gekämpft und sich bei der 'Restaurierung' selbiger oft gegen eine Modernisierung ausgesprochen. Ich muß entsprechende Quellen suchen, ich kann dies aber mit Bestimmtheit für zwei Orgeln sagen. Das ist nicht wenig in einer Zeit als Restaurierung nicht auf der Tagesordnung stand und alte Orgeln eigentlich nur durch Geldmangel überlebten.
    Richtig ist aber auch, daß er z. B. In Guinsbach (Elsaß) eine Orgel aus dem Umfeld Cavaille-Colle bauen ließ. Das entsprach dem Stil der Zeit und auch dem Stil der Orgelkompositionen der Zeit.

  • Albert Schweitzer hat für den Erhalt einiger Silbermann-Orgeln im Elsaß gekämpft und sich bei der 'Restaurierung' selbiger oft gegen eine Modernisierung ausgesprochen. Ich muß entsprechende Quellen suchen, ich kann dies aber mit Bestimmtheit für zwei Orgeln sagen.

    Ja bitte, schau doch einmal nach, ob Du etwas findest. Es kann sich ja nach Deinen Worten nur um Instrumente im Originalzustand handeln, d.h. um solche Orgeln, die im 19. Jhdt. zwischenzeitlich nicht, zumindest teilweise, romantisiert worden sind. Da dürfte die Luft im französischsprachigen Raum schon relativ dünn gewesen sein. Interessant wäre auch zu erfahren, wie die Anstrengungen Schweitzers konkret ausgesehen haben, wenn es um die Restaurierung von Orgeln, um die er "gekämpft" habe, wie Du schreibst, ging. Denn vorstellen kann ich mir schon, dass vielleicht der eine oder andere spätromantische Kompromiss eingegangen worden ist (Schwellwerk, pneumatische statt mechanische Traktur, Koppeln, Spielhilfen etc.).

  • Ich kann hier definitiv ein berühmtes Instrument ins Rennen führen: es handelt sich um die Silbermann Orgel der Kirche Saint Thomas zu Straßburg. Albert Schweitzer sitzt du zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch, dass die mechanische Traktur nicht durch eine pneumatische ersetzt wurde. Wohl wurde die Stimmtonhöhe das damals üblichen angepasst (ich denke, das müsste 440 Hz gewesen sein), Albert Schweitzer bedauerte dies jedoch später, und notierte dies auch schriftlich in seinen Aufzeichnungen.
    Wohl wurde irgendwann Anfang des 20. Jahrhundert eine Pneumatische Traktur in die Orgel eingebaut, das war aber zur Zeit als Albert Schweitzer in Lambarene war. Diese Umbauten wurden alle, ich meine 1979, durch die Restaurierung und den Rückbau in einen Original Zustand durch die Firma Kern rückgängig gemacht.


    Anfang des 20. Jahrhundert wurde auf Betreiben Schweizers eine Chororgel gebaut. Diese ist weitgehend von ihren Registern her 'romantisch'. Hier wurde eine Modernisierung des Orga Glanz in der Kirche unter bewusster Erhaltung der originalen barocken Substanz durchgeführt. Das ist Anfang des 20.jh. ein sehr bemerkenswerter Vorgang.


    Quellen muß ich suchen, meine Orgelzeit liegt schon etwas zurück.

  • Saint Thomas zu Straßburg.


    Dürfte diese sein:


    [img]http://www.eroica-klassikforum…um/photo-557-2a92bba8.png[/img]
    Photo: privat.


    Da bin ich 2014 versehentlich mal reingestiefelt ...

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  • Ist der Spieltisch, oder?


    Nehm' ich mal an ... ich war eher Mozarts wegen dort drin. Und siehe: er wartete bereits ... denn Mozart hat dies Silbermann-Orgel seinerzeit traktiret:


    Vicky schrieb:

    Die 1979 von Alfred Kern in Annäherung an das Original restaurierte Silbermann-Orgel von 1741, auf der bereits Wolfgang Amadeus Mozart 1778 spielte; und die 1905 vom Orgelbauer Fritz Haerpfer nach Plänen von Albert Schweitzer angefertigte und 1906 eingebaute Chororgel. Die Silbermann-Orgel hat heute 38 Register auf drei Manualen und Pedal.


    Dabei handelt es sich also um zwei verschiedene Instrumente unter einem Dach.

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  • Der abgebildetes Spieltisch ist der alte Spieltisch (zumindest sind es die alten Klaviaturen) auf denen W. A. Mozart auf einer seiner Reisen 2x (?) konzertierte. Allein deshalb ist er vermutlich erhalten. Ich denke, er wurde anläßlich der Pneumatisierung oder der Elektrifizierung getauscht. Ich meine, Kern hat 1979 wieder einen neuen alten Spieltisch gebaut.

  • Aus dem Vorwort zur Gesamtausgabe der Clavierwerke Johann Andreas Steins beim Dohr-Verlag:


    Zitat

    In seinem 1801 in Wien veröffentlichten kleinen Handbuch über das Klavierspiel (einschließlich des Stimmens und der Pflege des Klavieres) erläutert Streicher detailliert seine Auffassung vom Klavierspiel und nimmt Bezug auf die notwendige Qualität der Instrumente: Ein Fortepiano sei erst dann gut, wenn es "alle Grade der Stärke und Schwäche des Ton’s [sic], auch in den feinsten Abstufungen angibt" [...[


    Zum richtigen Verständnis der Klavierwerke von Johann Andreas Streicher sei daher empfohlen, diese Werke auf historischen (Streicher-)Instrumenten zu spielen, oder zumindest, sich die Bauweise der zeitgenössischen Hammerflügel vorzustellen. Der geringere Tastenweg sowie die zumeist leichtgängige Spielweise erlaubten raschere Tempi als auf den meisten heutigen Flügeln, und der Klangcharakter der Instrumente war wesentlich zarter und farbiger als heute.


    © Christoph Öhm-Kühnle 2005
    Verlag Dohr Köln

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    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


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  • [Es ging an anderer Stelle um die Mozart-Klavierkonzerte mit Viviana Sofronitsky]

    Ich habe den Kauf jedenfalls nicht bereut. Vor Eroica hätte ich drauf gepfiffen, jetzt bin ich froh über die neuen Hörweisen, auch wenn ich weiterhin alle Spielarten schätze.


    Das lese ich doch gerne. Dann hat das Forum ja was bewegt… *sante*


    Ich höre bisweilen auch immer noch omi, allerdings kann ich den "ganz ollen Schinken" einfach nichts abgewinnen… waren in ihrer Zeit epochemachend, und ich SCHÄTZE sie, aber ich LIEBE sie nicht…


    Tatsächlich empfinde ich die historische oder historisierende Aufführungspraxis als echte Bereicherung, die ja auch durchaus ihre Spuren in "konventionellen" Aufführungen und Einspielungen hinterlassen hat.


    Erst am Montag habe ich im Zug zwischen Saalfeld (Saale) und Lichtenfels Beethovens Bläser-Kammermusik omi genossen, einfach weil ich Les Vents Français sehr schätze und alle miteinander für tolle Musiker halte…


    Andererseits drehe ich bei Streichquartetten mit Mega-Vibrato angewidert die Anlage ab; geht bei mir gar nicht mehr. Nicht, weil ich sie aus Prinzip nicht hören will, sondern weil es mir einfach nicht mehr gefällt.

    Lucius Travinius Potellus
    Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety. (B.Franklin)

  • Ich höre bisweilen auch immer noch omi, allerdings kann ich den "ganz ollen Schinken" einfach nichts abgewinnen… waren in ihrer Zeit epochemachend, und ich SCHÄTZE sie, aber ich LIEBE sie nicht…

    In letzter Zeit bin ich zwangsläufig viel mit omi konfrontiert, aber andererseits hat mir heute die Sofronitsky sehr zugesagt - es ist dann etwas Besonderes, opi zu hören; ein Effekt, der durchaus seine Qualitäten hat... *yes*


    Schätzen ist ein gutes Wort - ich kann durchaus nachvollziehen, wie du es meinst. Ich neige auch eher dazu, die Werke lieber in opi zu kaufen als in omi - aber manchmal ist man vor die Wahl gestellt. Tatsächlich ertappe ich mich in letzter Zeit, wie ich in die opi-Liste schaue, um festzustellen, welcher Komponist mit welchen Werken darinnen vertreten ist. Interessant finde ich, wie wenig bestimmte Epochen noch gar nicht erarbeitet sind (z.B. Oper des 19. Jahrhunderts); wenn man mal ein Werk kennenlernen will, stellt man fest, daß es das nur in omi gibt. Und da ich mich nicht so konsequent verweigern will, wird dann danach gesucht.


    Oder ich beginne, bestimmte Werkgruppen, die als omi vorliegen, mit opi zu ergänzen. Ist heute ja mit Mozarts Clavierkonzerten passiert - oder vor einiger Zeit mit Beethovens Claviersonaten. Da wird sicherlich noch Einiges dazukommen.


    -----


    Und dennoch: meine Flohmarkt-Käufe (zumeist Mainstream in omi, Epochen: Klassik/Romantik/früheste Moderne) vertiefen meine Kenntnisse in diesen Bereichen, da es ja nicht mein Kerngebiet ist. Und wenn dann opi dazustößt, wird es für mich besonders deutlich erfahrbar, wie sehr da Unterschiede auftreten können. Bei Chopin habe ich es schon erlebt - wenn Schoonderwoerd gegen die omi-Haudegen antritt, ist ein ganz anderes Hören angesagt. Doch mir wäre es mit großer Wahrscheinlichkeit nicht so sehr ins Ohr gestochen, wenn ich nicht den omi-Chopin im Ohr hätte.


    In einem Jahrzehnt oder so mag ich es anders sehen - aber jetzt bin ich froh über die Massen, die ich dank Flohmarkt zusammengetragen habe.

  • OPI - Nachvollziehbare Vorliebe oder Einseitigkeit?


    Auch Kelly verortet den Aufschwung der Alte-Musik-Bewegung aus verschiedenen Gründen in den gesellschaftlichen Umbrüchen der 60er Jahre; Seiten 8 und 10. Später mehr.

    „Als ich es zuweilen unternommen habe, die ruhelose Geschäftigkeit der Menschen zu betrachten, wie auch die Gefahren und Strapazen, denen sie sich [...] aussetzen, woraus so viele Streitigkeiten, Leidenschaften, kühne und oft unheilvolle Unternehmungen usw. erwachsen, habe ich häufig gesagt, daß das ganze Unglück der Menschen aus einem einzigen Umstand herrühre, nämlich, daß sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können.“ (Blaise Pascal: Gedanken, I, )