VIVA LA DIVA - Kermes oder Bartoli?


  • Die Einschätzung der neuen CD durch Haino Rindler auf dradio.de:


    Zitat

    Neben Simone Kermes, schrieb ein Kritiker einmal, wirke ein Auftritt von Cecilia Bartoli wie eine Meditationsübung [...]


    Wie schätzt Ihr die beiden großen Koloraturdiven ein? Kann man sie überhaupt vergleichen? Sollte man dies überhaupt? Und welche ist eure Favoritin?


    :wink:

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)

  • Ich habe jetzt meine Sammlung durchforstet, und konnte mit Bestürzung feststellen, dass Bartolli ganicht, Kermes lediglich mit der "Griselda" von Vivaldi (unter Spinosi) vertreten ist.


    ;(



    LG
    Tamás
    :wink:

  • Guten Abend,


    in direkter Konkurrenz stehen die beiden - rein oberflächlich betrachtet - schon; wenn man Kermes' Lava und Bartolis Sacrificium neben einander stellt, sieht man schon ein paar Überschneidungen im Repertoire - nicht die Stücke selbst, aber Epoche und Charakter.


    Auf den zweiten Blick sind die beiden denke ich doch sehr unterschiedlich und eigentlich nicht miteinander zu vergleichen. Auf der einen Seite die Leipziger BaRocker-Braut mit den gewagten Kleidern und Pumuckl-Haaren; auf der anderen die einem etwas verstaubten Diventypus entsprossene Römerin mit Haus in Zürich und Dolce & Gabbana-Sonnenbrille - beide jedoch ohne jegliche Divenallüren. Kermes die Revoluzzerin, die quasi mit Barock schockt; Bartoli die Überzeugungs-Gewalttäterin, die sich zur Mission aufgeschwungen hat, alle von der Qualität der von ihr dargebotenen Musik zu überzeugen und mitzureißen.


    Beiden gelingt letztlich das gleiche Ergebnis - sie überzeugen, reißen mit und sorgen gleichsam für Bewunderung und Sympathie.


    Bartoli hat freilich das breitere Repertoire der beiden; sie begann als Mozart- und Rossini-Spezialistin, hat sich über Haydn, Salieri und Gluck dem Barock angenähert, die Vivaldi-Renaissance eingeleitet, und nun, quasi durch ihre Erfahrungen bereichert und gewachsen, den Belcanto zurückerobert - ihre Norma im nächsten Jahr wird davon deutlich profitieren.


    Kermes ist eher dem Barock zugetan, obwohl sie auch bewiesen hat, dass sie anderes ebenso gut kann - ihre Leonora im Ludwigsburger Trovatore finde ich einfach nur grandios. Es bleibt auch abzuwarten, ob Kermes sich über einen so langen Zeitraum wie die Bartoli an der Spitze der Allergrößten behaupten kann - man muss es La Ceci erstmal nachmachen, seit nun fast 25 Jahren (!!) Weltkarriere immer wieder mit neuen, unerhörten Entdeckungen zu begeistern, und dabei stets sich selbst treu zu bleiben und die eigene Qualität zu hinterfragen - Hut ab, ob man sie nun mag oder nicht.


    Keine Ahnung ob das alles logisch klingt - hab mir das alles grad so spontan überlegt... schreibt mal, was ihr so denkt!

    "Nichts gleicht der Trägheit, Dummheit, Dumpfheit vieler deutscher Geiger."
    Max Bruch (1838-1920)

  • Bartoli hat freilich das breitere Repertoire der beiden


    Das glaube ich nicht unbedingt... Simone Kermes ist vom Barock über Klassik bis Bernstein und Kurt Weill unterwegs* und (soweit ich dies bisher beurteilen konnte) in allen Fächern auf ihre Weise sehr überzeugend. Da ist aus meiner Sicht doch eher La Bartoli "etwas einseitig" mit Barock und Rossini (was ich aber keinesfalls werte, sondern nur feststelle- jeder soll ja das tun, was er/sie am besten kann).


    *Allerdings sind die moderneren Sachen leider bisher nicht auf Platte erschienen. Einzig die Ihr gewidmete Komposition:



    Bei La Bartoli stellt sich bei mir nach anfänglicher Begeisterung allmählich ein Gefühl des Genervt-Seins ein, inzwischen kann ich Beschreibungen wie "Gegackere" u.äh. durchaus nachvollziehen (auf u2be findet man seit längerem einige grandiose Bartoli-Parodien), wenn ich das auch als nicht besonders nett empfinde. Ich mag sie trotzdem noch immer - schließlich war sie es, welche das verrostete Tor der barocken Arie mit ihren beiden Alben "Vivaldi" und "Opera proibita" aufgetreten hat...



    :wink:

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)

  • Stimmt - Du hast Recht - ich vergaß auch ihre Weill-Entgleisungen :D ...


    Natürlich sind ihre CDs meist die mit barockem Repertoire, weshalb man annehmen könnte, dass sie das nur macht - eine Gefahr des Erfolges auf einer Schiene, wie man z.B. bei Véronique Gens beobachten konnte, die extrem lange gebraucht hat, um auch außerhalb des französischen Barock akzeptiert zu werden. Mittlerweile singt sie ja auch Eva in den Meistersingern... Es geht also, wenn man will - das entscheidet aber ja auch jeder selbst, das kann man nicht pauschalisieren.

    "Nichts gleicht der Trägheit, Dummheit, Dumpfheit vieler deutscher Geiger."
    Max Bruch (1838-1920)

  • ...oder Gauvin?


    Die nächste im Bunde:



    PRIMA DONNA


    Wer hineinhören möchte, kann dies derzeit nur hier tun. Aber Vorsicht: Suchtgefahr! :umfall:


    :wink:

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)