1770 - Mitridate, Ré di Ponto

  • MITRIDATE, Ré di Ponto
    Opera seria in tre atti


    Libretto von Vittorio Amadeo Cigna-Santi
    nach der Übersetzung der Tragödie von Jean Racine
    durch Abbate Giuseppe Parini


    Uraufführung: 26. Dezember 1770 in Mailand


    Die erste großen Italienreise der Familie Mozart findet vom 13.12.1769 bis 28.03.1771 statt, damit nicht der Wolfg: in die Jahre und denjenigen Wachsthum kommt, die seinen Verdiensten die Verwunderung entziehen (Leopold Mozart, 11.05.1768 ). Bereits fünf Jahre zuvor hat Wolfgang Amadé Mozart von dem Kastraten Giovanni Manzuoli (1720-1782) in London Gesangsunterricht erhalten - Anfang Februar 1770 komponiert der gerade 14jährige zwei (heute leider verschollene) lateinische Motetten für 2 junge (15- und 16jährige) Kastraten in Mailand. Er hört Opern von Johann Christian Bach (1735-1782), Nicola Piccini (1728-1800), Niccolò Jommelli (1714-1774) und Johann Adolf Hasse (1699-1783). Während einer Soirée des Grafen Karl Josef von Firmian (1712-1782) in Mailand werden drei Arien Mozarts aufgeführt. An diesem 12. März (1770) erhält Mozart den Auftrag (Scrittura), für die kommende Saison des Mailänder Regio Ducal Teatro eine abendfüllende Opera Seria zu komponieren. Die Gage wurde mit 100 Goldgulden sowie freier Logie während des Aufenthaltes in Mailand festgesetzt.


    Die Mozarts setzten Ihre Tournee durch Italien fort. Der junge Komponist hatte bis Oktober die Rezitative für die ersten Proben nach Mailand zu senden und die Arien vor Ort den Sängerinnen und Sängern auf den Leib zu schreiben. Dieses Verfahren wurde seinerzeit von allen bekannten Seriakomponisten angewandt: Die Rezitative wurden am jeweiligen Aufenthaltsort der vielbeschäftigen Meister in Standardstimmlagen vorgefertigt, die Arien auf die jeweiligen Künste der begnadeten Kastraten und Primadonnen detailliert und vor Ort zugeschnitten, so daß auch noch Änderungswünschen entsprochen werden konnte. So erschien beispielsweise Johann Christian Bach Mitte August 1778 (im Gepäck: Rezitative seiner neuen Oper 'Amadis de Gaulle' und sein Kastrat Tenducci) in Paris, um seine Oper fertigzustellen.


    Die Reise der Mozarts geht von Mailand aus weiter über Bologna (wo sie den Kastraten Carlo Broschi gen. Farinelli besuchen), Florenz (3. April: Der Kastrat Giovanni Manzuoli singt Arien Mozarts), Siena, Orvieto, Rom, Neapel (30. Mai: Besuch der Oper 'Armida abbandonata' von Jommelli in Teatro San Carlo), erneut Rom (Juni, im Juli wird Mozart zum 'Ritter vom Goldenen Sporn' ernannt), Bologna (27. Juli: Mozart bekommt das Textbuch zu 'Mitridate', Treffen mit Joseph Myslivecek und dem Kastraten Giuseppe Manfredini, 29. September: Mozart beginnt mit der Komposition der Rezitative!) zurück nach Mailand, wo sie am 18. Oktober einreffen.


    Das Gros der Rezitative wurden also in der knappen Zeit von etwa drei Wochen komponiert, was für den jungen Komponisten nicht folgenlos blieb: Ich kan nicht viell schreiben dann die finger thuen sehr weh von so viel Recitativ schreiben [...] (20. Oktober 1770). Anfang Dezember 1770 (nicht einmal vier Wochen vor der Premiere!) beginnen die wirklichen Proben zur Oper mit auf 16 Musiker reduziertem Orchester. Die Uraufführung findet am Abend des 26. Dezember 1170 statt. Die Besetzung war die folgende:


    Mitridate (Tenor) Guglielmo d'Ettore
    Aspasia (Sopran) Antonia Bernasconi
    Sifare (Soprankastrat) Pietro Benedetti
    Farnace (Altkastrat) Giuseppe Cicognani
    Ismene (Sopran) Anna Varese
    Marzio (Tenor) Gaspare Bassano
    Arbate (Soprankastrat) Pietro Muschietti


    Besetzungsstärke des Orchesters: 54 (56) Musiker
    14 erste Violinen
    14 zweite Violinen
    6 Bratschen
    2 Violoncelli
    6 Kontrabässe
    2 Flöten
    2 Oboen
    4 Hörner
    2 Trompeten
    2 Fagotte


    1. Cembalo und Leitung: Wolfgang Amadé Mozart
    2. Cembalo: Giovanni Battista Lampugnani


    Drei Kastraten also, die knappe 50% der Solistenbesetzung ausmachten, wie es sich für eine sogenannte Kastratenoper gehört.


    Der Erfolg war atemberaubend: Was sich zunächst eher nüchtern liest, nämlich: die Oper sei mit allgemeinem Beyfall vorsich gegangen (L.M. 29.12.1770), muß wie folgt präzisiert werden: Wider aller Gewohnheit und in Mailand erstmals mußte eine Arie der Primadonna gemäß Leopold Mozarts Bericht wiederholt werden, nach beinahe jeder Arie folgte ein erstaunliches Händeklatschen und Viva-il-Maestro- oder Viva-il-Maestrino-Rufen. Am Abend darauf wurden zwei Arien der Primadonna wiederholt, die Wiederholung des Duetts wurde wegen zu weit vorgerückter Stunde abgewürgt. Das gesamte Event dauerte 6 Starke Stund, denn die Oper wurde nach jedem Akt noch mit Balletten von Francesco Caselli garniert. Die Balletteinlagen wurden mit zunehmender Häufigkeit der Aufführungen immer weiter gekürzt... Insgesamt wurde Mitridate 20 Mal in der Saison 1770/1771 gegeben. Es ist davon auszugehen, daß Mozart selbst lediglich seinen musikalischen Part dirigierte und die Leitung der Balletteinlagen vom 2. Cembalisten übernommen wurden.


    Leider hält sich das Autograph zur Oper noch versteckt. Allerdings zeugen etliche erhaltene Erstfassungen der Arien von dem nervenaufreibenden 'Arrangement' mit den Sängern der Uraufführung. Folgende Erstfassungen sind erhalten (und - soweit möglich - eingespielt):


    Aria N° 1 (G-Dur anstelle C-Dur) Al destin che la minaccia (Aspasia)
    Aria N° 9 (mit Oboen, 2 Hörnern, 2 Trompeten) In faccia all' oggetto (Ismene)
    Aria N° 13 (unvollständig) Lungi date, mio bene (Sifare)
    Aria N° 13 (Variante ohne Solohorn)
    Aria N° 14 (unvollständig) Nel grave tormento (Aspasia)
    Arie N° 16 Son reo, l'error confesso (Farnace)
    Duetto N° 18 (Es- anstelle A-Dur, 2 anstelle von 4 Hörnern) Se viver non degg'io (Aspasia, Sifare)
    Aria N° 20 Vado incontro al fatto (Mitridate)


    Je drei Änderungen für Aspasia und Sifare, sowie je eine (als sei es das Mindeste, was man verlangen muß!) für Ismene, Farnace und Mitridate sprechen für sich: was müssen insbesondere die Kastraten für Dramaqueens gewesen sein...



    Quellen:
    (1) Wolfgang Amadeus Mozart: Neue Ausgabe sämtlicher Werke, Band IV, Bühnenwerke I (Bärenreuter/dtv)
    (2) Chronologisch-thematisches Verzeichnis sämtlicher Tonwerke Wolfgang Amadé Mozarts von Dr. Ludwig Ritter von Köchel, 8. Aujflage, 1983 (Breitkopf & Härtel)
    (3) Mozart, Briefe und Aufzeichnungen, Gesamtausgabe, Band I (Bärenreiter/dtv)
    (4) Wolfgang Amadeus Mozart, Chronik eines Lebens, zusammengestellt von Joseph Heinz Eibl (Bärenreiter, 1965)

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est.

  • Die Handlung spielt in Ninfea, einer Stadt im Königreich Pontus.


    Die Personen


    Mitridate, Re di Ponto [Tenor]
    König von Pontus


    Aspasia, Promessa sposa di Mitridate [Sopran]
    Mitridates Verlobte


    Sifare, Figliuolo di Mitridate [Sopran]
    Mitridates Sohn


    Farnace, Primo figliuolo di Mitridate [Alt]
    Mitridates erstgeborener Sohn


    Ismene, Figlia del Re dei Parti [Sopran]
    Tochter des Königs von Parthien


    Marzio, Tribuno romano [Tenor]
    Römischer Tribun


    Arbate, Governatore di Ninfeo [Sopran]
    Statthalter von Ninfea




    Die Handlung


    Vorgeschehen


    Der greise Mitridate, König von Pontus – einer Küstenlandschaft des nördlichen Kleinasiens – ist zu einem Feldzug gegen Rom aufgebrochen, er residiert zur Zeit in Ninfea. Seine Verlobte Aspasia, eine blutjunge Griechin, hat er in der Obhut seiner beiden Söhne Farnace und Sifare zurückgelassen. Von dem Gerücht getäuscht, König Mitridate sei im Kampf gefallen, reisen die ungleichen Halbgeschwister Sifare und Farnace nach Ninfea, um den Thron und später Aspasia zu besteigen. Während Sifare mit den Griechen sympathisiert, ist Farnace den Römern zugeneigt.


    ERSTER AKT


    [Szene 1] Die Geschichte beginnt auf dem Marktplatz der Residenzstadt Ninfea. Dort treffen zunächst Sifare und der Statthalter Arbate aufeinander. Im Gespräch gesteht Sifare dem Statthalter, dass sich seine Graecophilie insbesondere auf die junge Griechin Aspasia bezieht, welche jedoch die Verlobte seines Vaters ist. Diesen Umstand teilt er übrigens mit seinem Halbbruder Farnace, weshalb sich die beiden weniger zugeneigt sind. Der Statthalter Arbate versichert Sifare seine bedingungslose Treue und Protektion bei dessen Vorhaben, die junge Griechin ebenso in seinen Besitz nehmen, wie die politische Macht erhalten zu wollen.


    [Szene 2] Die bildhübsche Aspasia tritt ins Geschehen ein. Sie fühlt sich von Farnace, der sie mit Dreistigkeit zur Liebe zwingen will, erheblich belästigt. Sie bittet Sifare, den sie als ‚besseren Sohn’ des Mitridate bezeichnet, sie vor Farnace zu beschützen. Dieser offenbart ihr sogleich, dass er nicht weniger schuldlos sei, als der verruchte Halbbruder und sie ebenfalls abgöttisch liebe. Seine Liebe zu ihr sei jedoch völlig anders: Er werde sie vor Farnace beschützen und sie nicht als Beute für seine Taten betrachten, sondern sie in seiner Edelmut niemals mehr wieder sehen wollen. Aspasia ist gerührt vor soviel Uneigennützigkeit, bezweifelt aber, dass Sifare fähig sein würde, auf ihre Gegenwart zu verzichten. Er beteuert nochmals seine Stärke, woraufhin Aspasia ihm die auferlegte Gewalt gegen sich selbst erlässt und ihm weitere Blicke auf sie gewährt, damit er ihr Herz besser kennen lerne. Aspasia verabschiedet sich vorerst mit der Arie [Nr. 1] Al destin, che la minaccia [Entreiße die bedrückte Seele dem Schicksal, das ihr droht].


    [Szene 3] Sifare schöpft Hoffnung aus diesen Worten, zugleich aber resigniert er wieder bei der Vorstellung an den blutsverwandten Rivalen. Sein diesbezüglicher Zorn ist Thema der Arie [Nr. 2] Soffre il mio cor con pace un beltà tiranna [Mein Herz erduldet in Frieden die Tyrannei der Schönheit].


    [Szene 4] Im Venustempel nervt Farnace erneut Aspasia, seine Frau und damit Königin von Pontus zu werden. Aspasia jedoch weist ihn zurück. Doch erweist es sich als völlig nutzlos, dass sie dezent darauf hinweist, dass sie ja eine Griechin und keine Römerin sei: Farnace wird handgreiflich und die Begehrte ruft Sifare zur Hilfe, der sogleich mit Gefolge erscheint und seine Unterstützung anbietet.


    [Szene 5] Sifare fordert den Halbbruder auf, Aspasia und ihm den angemessenen Respekt zu zollen. Farnace versteht, was da gespielt wird und ist sauer. Er glaubt, der Grund dafür, dass Aspasia seine Liebe abweist, sei der Halbbruder. Sifare stellt jedoch klar, dass er hier wunschgemäß nur als Beschützer der Aspasia handelt und er solle bloß nicht auf die Idee kommen, Aspasia anzufassen – und schon kommt es zum Streit zwischen den beiden Halbgeschwistern. Als beide Hand an ihr Schwert legen wollen, ist es Aspasia, die beiden Einhalt gebietet.


    [Szene 6] Unverhofft trifft der Statthalter Arbate ein und überbringt die Botschaft, König Mitridate sei im Begriff, im Hafen von Ninfea einzutreffen. Mitridate ist nicht tot? Man ist überrascht. Arbate ermahnt die Streithähne, den Zwist zu beenden, der Grund sei ja nun entfallen. Er verabschiedet sich mit einer mahnenden Arie [Nr. 3] L’odio nel cor franate [Zähmt im Herzen Euren Haß].


    [Szene 7] Aspasia reflektiert ihre Unentschlossenheit zwischen Mitridate und Sifare in der folgenden Arie [Nr. 4] Nel sen mi palpita dolente il core [Schmerzlich pocht mir das Herz in der Brust] und zieht sich verzweifelt zurück.


    [Szene 8] Farnace versucht, den Halbbruder zu überreden, Mitridate den Zugang zur Stadt zu verweigern, doch das geht Sifare absolut gegen den Strich, er bleibt in jedem Fall dem Vater treu. Man einigt sich hingegen darauf, das gemeinsame Liebesgeheimnis zu wahren. Bevor Sifare mit seinen Soldaten das Geschehen verlässt, verabschiedet er sich mit der Arie [Nr. 5] Parto: Nel gran cimento sarò germano e figlio [Ich gehe: Ich werde gleichermaßen Bruder wie Sohn sein].


    [Szene 9] Farnace muss sich eingestehen, dass all seine Pläne vernichtet sind. Der Tribun Marzio jedoch stimmt Farnace um: Er solle sein Schicksal in die Hände Roms legen. Farnace dankt dem Tribun für seine Treuekundgebung und besingt seine Unbeugsamkeit in der Arie [Nr. 6] Venga pur, minacci e frema l’implacabil genitore [Er soll nur kommen und drohen und schnauben, der tobende Vater]. So erfüllt von Mut und Überheblichkeit zieht er mit Marzio und im Gefolge seiner Soldaten ab.


    [Szene 10/11] Während eines Marsches [Nr. 7] legt das Kriegsschiff des Mitridates im Hafen von Ninfea an. Der Statthalter Arbate empfängt Mitridate und die Königstochter von Parthien, welche dem Schiff als erste entsteigen. Peu á peu folgen die Soldaten, welche sich in bella ordinanza am Strand positionieren. Eine herzlich warme Cavata [Nr. 8] macht uns mit Mitridate bekannt: Se di lauri il crine adonro – leider ist des Königs Rückkehr wenig ruhmreich, denn der Römer Pompejus hat ihn besieht und gedemütigt. Als Mitridates Söhne erscheinen [Szene 11], zeigt sich der König zunächst ungehalten darüber, dass seine Kinder ihren Posten verlassen haben – dann aber ist er nachsichtig, als er den Grund ihres Erscheinens hier zu Ninfea – die nämliche Todeskunde - erfährt. Die Parthenische Königstochter Ismene ist auch wenig begeistert über Farnaces Zurückhaltung, hatte er sie doch einst innig geliebt. Farnace fühlt sich ertappt, weist aber den Vorwurf zurück. Mitridate befiehlt ihm, Ismene zu ehelichen. Während Farnaces Widerspruch untergeht, ist Ismene sichtbar erfreut darüber, jedoch plagt sie eine gewisse Vorahnung dessen, was sie erwarten wird: Arie [Nr. 9] In faccia all’oggetto, che m’arde d’amore [Nur Freude und Entzücken sollte ich im Herzen fühlen…]. Die Gesellschaft betritt die Stadt, Mitridate und Arbate bleiben zurück.


    [Szene 12] Nun gibt Mitridate dem vertrauten Statthalter ein Geheimnis preis: Er selbst habe das Gerücht in die Welt gesetzt, dass er bei den Kriegwirren um sein Leben gekommen sei. Welche Schmach nun leidet er durch seine undankbaren Söhne! Mitridate weiß sicher, dass in beiden Söhnen die Liebe zu seiner Verlobten brennt. Wie soll er sich verhalten? Der Statthalter klärt den König darüber auf, wo Farnaces und wo Sifares Absichten liegen. Während der König Farnace verdammt, beauftragt er Arbate, dem anderen Sohn seine väterliche Liebe versichern zu lassen. Arbate eilt fort, um des Königs Weisung auszuführen. [Szene 13] Mitridate ist sehr ungehalten über Farnace und schwört, den Rebell ohne Rücksicht auf familiäre Bande zu vernichten. Der erste Akt endet mit der Arie [Nr. 10]


    Quel ribelle e quell’ingrato
    Vuò, che al piè mi cada esangue.
    E saprò nel empio sangue
    Più d’un fallo vendicar.

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est.

  • ZWEITER AKT


    [Szene 1] In ihren Gemächern im Königlichen Palast stellt Ismene den Prinzen Farnace zur Rede. Farnace gibt zu, dass sich die Flamme seiner Liebe zu ihr durch die lange Zeit verringert hat, ja – nach und nach sei sie ganz erloschen. Bei Ismene hingegen habe sich durch die Zeit der Trennung ihre Liebe zu Farnace noch verstärkt… nun aber will sie mit Hilfe ihres Vaters den Verräter bestrafen. Farnace steht darüber, Arie [Nr. 11] Va, l’error mio plesa [Geh, verrate nur meinen Fehler]. Doch teuer soll die Rache sein! Er verlässt Ismene und während sie ihm nachruft, betritt Mitridate die Gemächer [Szene 2]. Dieser liest der Königstochter den Wunsch von ihren Augen ab – Farnace soll sterben! Schnell soll Ismene den Treulosen aus ihrem Gedächtnis streichen und durch seinen besseren Sohn Sifare ersetzen. Ismene ist verzweifelt und zieht sich zurück. Mitridate lässt seine Verlobte rufen, die sogleich erscheint.


    [Szene 3/4] Mitridate möchte Aspasia umgehend zur Frau nehmen. Diese willigt ein, doch Mitridate spürt, dass sie sich nur gezwungen fühlt und sich dem Willen des Königs nicht zu widersetzen vermag. Ganz unverblümt berichtet er davon, dass er um alles in Kenntnis ist. Er lässt Sifare rufen. Nun wird es Aspasia leicht mulmig, doch als der Vater Sifare beauftragt, Farnace zutöten, weil dieser in Liebesbande mit seiner Verlobten steht, atmet sie auf. In einer doppelstöckigen Arie [Nr. 12] besingt Mitridate einerseits die Treue des Sohnes Sifare und zu Aspasia gewandt deren Undankbarkeit – und geht. [Szene 5] Zwischen Sifare und Aspasia entwickelt sich ein interessantes Gespräch: Aspasia klärt den Prinzen auf, dass sie Farnaces Liebe keinesfalls erwidere – sie öffnet ihm die Augen: Nur ihn liebt sie! [Szene 6] Arbate eilt herbei, um eine Botschaft des Königs zu überbringen: Der Vater ruft seine beiden Söhne sowie Aspasia und Ismene ins Lager zu einer Unterredung. Sogleich geht der Bote wieder ab. Vom Pflichtbewusstsein übermannt, wollen Aspasia und Sifare von einander lassen. Es folgt die Arie [Nr.13] des Sifare Lungi da te, mio bene [Weit sollen meine Füße mich von Dir tragen, Geliebte] und nachdem Sifare sie verlassen hat, heult Aspasia ihm hinterher: Arie [Nr. 14] Nel grave tormento [In bitterer Qual…].


    [Szene 9] In Mitridates Feldlager hat sich bereits Ismene eingefunden. Nach einer kurzen Unterredung über das noch nicht endgültig gefällte Urteil über Farnaces Verbleiben erscheinen die beiden Söhne. [Szene 10] Der schlaue König greift erneut zu einem Trick: Er informiert darüber, dass er einen Feldzug gegen Rom plane! Farnaces Betroffenheit darüber ist für den Vater Zeugnis genug, dass der Sohn ein Verräter ist. [Szene 11] Der Verdacht bestätigt sich, als Marzio ins Lager gebracht wird und ein Friedensangebot mit Rom unterbreiten will. Sofort lässt Mitridate den verräterischen Sohn Farnace entwaffnen. Marzio wird ignoriert und rausgeworfen – woraufhin dieser mit der Rache Roms droht. [Szene 12] Ismene bittet Mitridate, sich nicht zu grämen: Arie [Nr. 15] So quanto a te dispiace l’error [Ich weiß, wie sehr die Verfehlung Dich trifft…]. Sie entschwindet, gefolgt von den Parthern.


    [Szene 13] Farnace gesteht seine Beziehungen zu Rom, Arie [Nr. 16] Son reo; l’error confesso [Ich bin schuldig. Ich gestehe den Fehler]. Er verweist aber auch auf Sifare, den eine noch größere Schuld treffe. Danach wird er von Arbate und den Wachen abgeführt. [Szene 14] Auf Sifares Frage, ob Mitridate dem Verräter Glauben schenke, erwidert dieser: Was ich glauben muß, werde ich bald wissen. Aspasia naht heran und Sifare soll sich verbergen und schweigen. Mitridate droht mit dem Tod für beide, sofern sich nun herausstellt, dass sich die Anzeige Farnaces bewahrheitet. Zitternd begibt sich Sifare hinter das Zelt und bleibt unsichtbar. Arglistig bietet Mitridate der Verlobten an, auf sie zu verzichten und bietet ihr Sifare als Ersatz an. Doch Aspasia bleibt gelassen und besteht darauf, Mitridate zu heiraten. Hinterlistig entlockt der König ihr endlich, dass Aspasia doch Sifare liebt. Mitridate schwört Rache: Arie [Nr. 17] Già pietà mi spoglio anime ingrate [Das Mitleid schwindet schon aus meiner Brust]. Wutentbrannt räumt Mitridate das Feld und lässt Aspasia und Sifare allein.


    [Szene 14] Völlig verzweifelt bittet Aspasia ihren Geliebten, sie zu töten und hält ihm bereits den Dolch entgegen. Sifare hingegen verhält sich weiterhin edel und bittet die Geliebte, den Thron mit Mitridate als Gatten zu besteigen. Ihn selbst solle sie schnellstens einfach wieder vergessen. Doch Aspasia sträubt sich nun mit Händen und Füßen, die Zukunft mit einem Ungeheuer zu teilen; erst jetzt erkenne sie die Barbarei dieses Tyrannen und dann beschließen beide, gemeinsam in den Tod zu gehen. Der zweite Akt endet mit einem entsprechenden Duett [Nr. 18], in dem sie sich noch einmal ihre grenzenlose Liebe gestehen.


    DRITTER AKT


    [Szene 1] In den ‚Hängenden Gärten’ gibt Mitridate den Befehl zur Tötung Farnaces. Die wutentbrannte Aspasia stürmt herbei und wirft dem Exverlobten das einst aus Liebe geschenkte königliche Diadem zu Füßen und geigt ihm gehörig die Meinung. Auch Ismene mischt sich ein, ihr Wirken aber ist beschwichtigend und sie entfernt sich von dem einstigen Wunsch, dass Farnace getötet werde. Ihr Herz spricht in der Arie [Nr. 19] Tu sai per chi m’accese [Du weißt, wer mich in Liebe entbrennen ließ…]. Nachdem sich die Königstochter entfernt hat, fürchtet Aspasia, dass ihr geliebter Sifare bereits der Wut des Königs zum Opfer gefallen ist [Szene 2]. Umso erfreuter ist sie, als Mitridate ihr eröffnet, dass Sifare noch lebe. Allerdings nur so lange sie sich seinem Ehewunsch nicht weiter widersetze. Das jedoch schlägt Aspasia diesmal eiskalt aus – sie bittet forsch um die Freilassung Sifares. Während der verbalen Auseinandersetzung eilt plötzlich Arbate [Szene 3] herbei und berichtet, dass der römische Feind dabei ist, die Stadtmauern einzunehmen und die Truppen des Mitridate einstweilig in die Flucht geschlagen haben. Dies fasst Mitridate als schlag der Götter gegen ihn auf! Doch er bereitet sich auf den Kampf vor und mahnt Aspasia, dass sie dennoch vor ihm im Reich des Todes weilen werde [Arie Nr. 20] Vado incontro al fato estremo. Mürrisch zieht er mit seiner Wache und Arbate von Dannen.


    [Szene 4] Ein Mohr bringt Aspasia einen Giftbecher – Mitridates letzte Gabe an die schöne Geliebte! Ihr Abschied ist eine Cavatine [Nr. 21] Pallid’ombre, che sorgete dagli Elisi… [Bleiche Schatten blicken vom Elysium herab…]. Gerade als sie im Begriff ist, den Inhalt des Bechers einzunehmen, kommt Sifare mit seinem Gefolge [Szene 5]. Während sich Aspasia über den noch Lebenden wundert, entreißt ihr dieser den Becher mit Gift und wirft ihn zu Boden. Ismene habe ihn befreit und er möchte dem Vater nun im Kampfe beistehen. [Szene 6] Dabei scheut er nicht den Tod, der ihn dann von der Schmach des Verrates befreien wird, Arie [Nr. 22] Se il rigor d’ingrata sorte [Wenn auch des gnadenlosen Schicksals Strenge…].


    [Szene 7] Im Gefängnisturm – Farnace, in Ketten gelegt, bedauert sein grausames Los, als unverhofft. [Szene 8] Marzio in die Mauern eindringt und mit Hilfe seiner Soldaten den Gefangenen befreit. Farnace erhält von einem Römer Waffen zugeteilt. Gewissensbisse plagen den befreiten Prinzen, gegen den eigenen Vater auf gegnerischer Seite zu kämpfen, obgleich ihm Marzio die Thronbesteigung schmackhaft macht, Arie [Nr. 23] Se di regnar sei vago… [Wenn Du nach Herrschaft drängst…]. [Szene 9] Er will auf den Thron, Aspasia und die Freundschaft der Römer verzichten und künftig den Pfad der Tugend begehen, Arie [Nr. 24] Già dagli occhi il velo è tolto [Schon weicht der Schleier von den Augen…].


    [Szene 10] Der schwer verwundete Mitridate wird auf einer Bahre aus gekreuzten Schildern in das Atrium des Schlosses getragen. An seiner Seite geleiten ihn Sifare und Arbate – sowie einige Soldaten. Um dem Sieg des Feindes vorzubeugen und um seinem Ehrenkodex gerecht zu werden, hat sich Mitridate in sein eigenes Schwert gestürzt. [Szene 11] Er vergibt Aspasia und legt ihr Schicksal in die Hände des treuen Sohnes Sifare, der aber unbedingt noch den schuldhaften Farnace bestrafen will, bevor er sein neues Glück in die Hand nimmt. [Szene 12] Ismene setzt sich für Farnace ein – immerhin habe er Feuer bei den Römern gelegt und somit seine Treue zum König unter Beweis gestellt. Nun denn, auch Farnace vergibt er und haucht sein Leben aus. Die Oper endet mit einem Quintett [Nr. 25], einem Loblied auf den Widerstand und zügellosen Stolz auf das Vaterland.

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est.