Claviersonaten: Einspielungen (opi)


  • Diese Drei-CD-Box enthält 21 der insgesamt 30 überlieferten Claviersonaten Edelmanns. Wie bereits ein Wiener Freund bemerkte, ist diese Edition teilweise etwas kopflos (die Künstlerin heißt Pécot-Douatte und nicht Pecot-Doucatte), was mitunter an den Todesumständen des Komponisten liegen mag. Auf CD 1 sind Tracks vertauscht: die Sonate op. 2 Nr. 2 beginnt mit dem Largo (2. Satz), es folgt das Tempo di menuetto (3. Satz), den Kopfsatz der Sonate findet man als Track 18 wieder. Die Trackzählung stimmt folglich erst wieder ab Track 19 der ersten CD. Die Sonate steht außerdem in f-moll (alle drei Sätze durchgehend) und nicht, wie im englischen Wikipedia angegeben in F-Dur (sofern es sich bei der dargebotenen Sonate tatsächlich um op. 2 Nr. 2 handelt, was ich ohne Noten leider nicht verifizieren kann: die IMSLP bietet leider noch keine Werke des Gentilhomme an, man kann jedoch beim Cornettoverlag Stuttgart eine preiswerte Ausgabe mit 6 Sonaten erwerben). Das nachfolgend (Tracks 10-12) ebenfalls als Sonate op. 2 Nr. 2 betitelte Werk steht in D-Dur und ist folglich die Sonate op. 3 Nr. 1. Leider sucht man vergeblich danach, welche Instrumente bespielt wurden; die Homepage der Künstlerin gibt immerhin preis, daß opp. 6 Nr. 1 und Nr. 3 (CD3) auf einem Erardflügel von 1834 eingespielt wurden. Auch für CD2 wurde ein Hammerflügel verwendet, die Werke der CD1 wurden auf einem Cembalo präsentiert. Bezüglich der Instrumente habe ich bei der Interpretin angefragt.


    Die Werke an sich begeistern mich sehr; so unterschiedlich auch die erste CD gegenüber den beiden anderen CDs ist: stilistisch erinnern mich die auf dem Cembalo eingespielten Werke eher an Hyacinthe Jadin und gelegentlich an frühe Haydn-Sonaten; die auf den anderen beiden CDs wiederum eher an frühen Mozart und gelegentlich sogar Schubert. Besonders auffallend fand ich, daß ein Thema des ersten Satzes der Sonate A-Dur op. 5 Nr. 1 (CD2, Track 11, leider ist diese Stelle weder bei jpc noch bei Amazon hörbar) frappant eine Wendung aus Mozarts Zauberflöten-Ouvertüre vorwegnimmt (und zwar die Takte 58ff.), welches wiederum angeblich aus der Claviersonate B-Dur op. 24 Nr. 2 von Muzio Clementi stammen soll...


    Ich kann diese Dreierbox uneingeschränkt empfehlen und verspreche jede Menge musikalischen Spaß, Erstaunen, Wehmut und (zumindest auf CD1) eine seltene Tonart: Die Sonate op. 6 Nr. 1 steht in Fis-Dur.


    Der jpc-Neupreis ist im Vergleich zu den Amazon-Gebrauchtpreisen sicher tragbar.


    *salut*

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)

  • Bezüglich der Instrumente habe ich bei der Interpretin angefragt.


    ...und deren Mutter hat umgehend geantwortet, da die Interpretin bereits am 11. Januar 2004 in Paris ihrem Krebsleiden erlag:


    CD1:
    7 sonates pour clavecin de J. F. Edelmann (CD CAL 9237, 1998) sur Clavecin von Nagel, copie d'après François Blanchet, 1730.


    CD2:
    Sonates opus V et VII (CD CAL 9236, 1999) sur pianoforte de l'atelier Marc Ducornet à Paris, copie de trois instruments différents du facteur Johann Andréas Stein d'Augsbourg.


    CD3:
    Sonates 6, 8 et 10, CD édité par Calliope (CD CAL 9296, 2000) sur piano Erard 1834, de la collection Jean-Marc Touron.

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)

  • Nach mehrmaligem Hören und teilweisem Spielen der Sonaten Edelmanns sind mir diese überaus ans Herz gewachsen.


    Die Werke, welche auf CD1 beheimatet sind und auf einem Cembalo wiedergegeben werden, wirken auf den Hörer und Spieler zum Teil eher primitiv und trivial; so mancher Sonatenhauptsatz hat den Charme eines aperitiven Mannheimer Sinfoniesatzes: simpel in der Gestaltung und wild aufbrausend ("Viel Lärm um nichts") und doch sehr gefällig. Dabei erstaunen die langsamen Sätze dieser Sonaten um so mehr; besonders empfohlen sei hier die Fis-Dur-Sonate op. 1 Nr. 6, die allein schon durch ihre ungewöhnliche Tonart be- und heraussticht. Damit nicht genug: im Durchführungsteil wechselt der Komponist die Vorzeichen von 6# zu 5b (b-moll, T.69), streift die Tonarten Ges-Dur und es-moll und gelangt erst kurz vor Ende des Satzes durch erneute enharmonische Verwechslung (T. 98) zur Fis-Dur-Notation zurück. Das nachfolgende Andante steht in mozartischem fis-moll, hat auch den Charakter des Mittelsatzes von KV 488 (ist dabei aber viel früher entstanden) und beiheimatet eine jener unglaublich schönen Stellen (T. 16ff. - in der Einspielung bei 1:02), die - als würde der Komponist die Einzigartigkeit seiner Erfindung unterstreichen wollen - zum Leidwesen des Hörers (oder Spielers) nicht wiederholt wird. Den Spieler sollte dies animieren, diese Stelle besonders schön zu spielen! Der Finalsatz - Allegro molto - ist ein typischer "Rausschmeißer", suggeriert höchste Virtuosität und Staunen, basiert aber letztlich lediglich auf heißer Luft... und macht dennoch Freude beim Hören und Spielen.


    Die A-Dur-Sonate aus op. 6 (Nr. 4) ähnelt eher einem Concertino für das Clavier: mit einem rhythmisch markanten Motiv wird der pompöse Satz eröffnet und spielerisch weitergeführt: einige Übergriffe der rechten über die linke Hand bereiten einiges Spielvergnügen; nach der kurzen und eher belanglosen "Durchführung" hält der Satz nach einer wilden und dramatischen Zuspitzung in h-moll inne... es folgt ein kleines Recitativ, bevor die Reprise einsetzt. Das Adagio steht ebenfalls in A-Dur, ist sehr gefühlgeladen. Die Sonate schließt mit einem Menuetto, dessen Trio wiederum sehr stark das Menuett-Trio aus Mozarts berühmter Alla-turca-Sonate in Erinnerung ruft.


    Ganz wie eine Opera-Seria-Sinfonia beginnt mit einem Allegro maestoso die D-Dur-Sonate op. 1 Nr. 3: man hört hier regelrecht ein virtuelles Orchester spielen. Das Andante (D-Dur) könnte von Johann Christian Bach stammen - es steht auch ganz im Zeichen der italienischen Sinfonia, ist sehr melodiös und wartet mit einem dramatischen Mittelteil auf; wiederum führt ein (wohl frei zu improvisierendes) Lento zur Reprise zurück. Kurz und knackig ist der vife Schlußsatz.


    Alle diese Werke sind gekennzeichnet von ziemlich sturem Einsatz der Triolen- und Albertibässe.


    Einen ganz anderen Charakter präsentieren die CDs 2 und 3, für welche die Clavieristin einen Hammerflügel benutzt. Die Werke wirken hier "reifer", kerniger, ernster oder ernstzunehmender: eine völlig andere Welt offenbart sich einem hier. Während manche Werke der CD1 (z.B. die A-Dur-Sonate op. 1 Nr. 4) sehr deutlich Mozarts Kinderwerke (die ja keineswegs zu verachten sind) in Erinnerung ruft, hört man bei den auf Hammerflügel eingespielten Werken teilweise schon romantische Züge à la Schubert wie bei Hyacinthe Jadin. Auch hier wird man aber ständig an Mozart oder Haydn erinnert, was auch nicht weiter wundern sollte. Zum einen war es der Stil der damaligen Zeit, zum anderen war Edelmanns Ruhm offenbar weit über die Grenzen von Paris aus vertreten und seine Musik dürfte Vorbildfunktion erlangt haben. Offensichtlich hat Edelmann auch das Menuett aus Mozarts „Kleiner Nachtmusik“ zuerst komponiert: man findet die Melodie im Dur-Teil des 2. Satzes der c-moll-Sonate op. 10 Nr. 3. Die Werke der CDs 2 und 3 tragen überwiegend nicht mehr die obligatorischen italienischen Satzbezeichnungen, sondern häufiger programmatische Titel ("La Capricieuse", "La Gémissante", "La Coquette", "La Brillante") wie bei Carl Philipp Emanuel Bachs Charakterstücken oder schlichtweg die französische Form italienischer Satzbezeichnungen ("Avec tristesse", "Aven expression", "(Trés) Gayment", "Trés animé", "Légèrement (et avec gaieté)". Diese Emanzipation unterstreicht wohl die deutliche Abgrenzung zum italienischen Stil, der noch bei den früheren Werken (CD1) vorherrscht. Diese eher französischen Werke wirken z.T. ziemlich proklamativ, weniger verspielt, dafür erdig resp. bodenständig und scheinen weniger mit komposirorischen Unzulänglichkeiten behaftet zu sein, als die "italienischen" Werke (merkwürdig, daß Mozart, der einige Kostproben von Edelmanns Werken in Augsburg spielte, dies nicht kritisierte, wo er doch sonst alles verachtete, was nicht aus seiner eigenen Feder floss...).


    Sylvie Pécot-Douatte spielt alle Werke mit der erforderlichen Kompetenz, Delikatesse und Hingabe. Die Pianistin hat perfekt und sehr differenziert ausgewählt, welche Sonaten sie auf welchem Instrument spielt. Vielleicht stört es den einen Hörer oder die andere Hörerin, daß die Clavieristin oftmals kleine Verzögerungen im Spiel unterbringt (ob beabsichtigt oder nicht, lässt sich nicht mehr herausfinden; man kann sie erst nach der eigenen Abberufung fragen, die Antwort dann aber hier leider auch nicht mehr posten).

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)