Die Familie der Clarinetten - Eine Übersicht

  • Clarinette und Bassetthorn.


    Was nach zwei gänzlich verschiedenen Instrumenten klingt, sind tatsächlich beides Vertreter ein und derselben Familie von Instrumenten: Nämlich, nach dem Namen der ersteren, aus der Familie der Clarinetten. Dies wird ersichtlicher, wenn man als weiteren Vertreter der gleichen Familie die Bassettclarinette nennt. Daneben existieren jedoch noch etliche weitere Bauformen, so dass ein Blick auf die Familie der Clarinetten oftmals recht verwirrend sein kann.


    Bezieht man sämtliche Exoten mit ein, gibt es tatsächlich derart viele Bauformen, bzw. Stimmungen von Clarinetten, dass es fast den Artikel sprengen würde sie hier alle übersichtlich aufzulisten. Andererseits sind zahlreiche dieser Instrumente im wahrsten Sinne des Wortes Exoten: Sie werden nur ganz selten in ganz ausgefallenen Werken eingesetzt. Es mag dagegen jedoch hilfreich sein, im Folgenden die wichtigsten Vertreter der Clarinettenfamilie vorzustellen, die gleichzeitig auch das größte Spektrum an Unterschieden abdecken.


    Clarinetten können einen großen Reichtum an Klangfarben produzieren. Vereinfacht gesagt klingen dabei die verschiedenen Register recht unterschiedlich: Von dunkel, warm und weich in den Tiefen, bis hin zu durchdingend laut und fast schrill in den Höhen. Diesen Klangcharakter besitzt jede Clarinette, unabhängig davon, ob sie insgesamt eine hohes, oder tiefes (kleines, oder großes) Instrument ist. Diese Tatsache liefert den Hauptgrund, für die zahlreichen verschiedenen Bauformen: Denn fällt ein Ton, sagen wir ein c', bei einer "normalen" Clarinette in das mittlere Tonregister, mit seinem spezifischen Klang, liegt der gleiche Ton bei einer höheren (kleineren) Clarinette im unteren, warm und weich klingenden Register, bei einer tieferen (größeren) Clarinette dagegen im hohen Register, wiederum mit dessen spezifischen Klang. Man sieht, dass der gleiche Ton c' also auf drei verschieden großen Clarinetten in ein jeweils anderes Register fallen und damit völlig anders klingen kann, obwohl es absolut von der Tonhöhe her gesehen jeweils der gleiche Ton ist. Daher gibt es Clarinetten von tief bis hoch (von groß bis klein); vereinfacht gesagt: Bass-, Tenor-, Alt- und Sopran-Clarinetten.


    Jede dieser Bauformen existiert wiederum in verschiedenen Stimmungen, da eine Clarinette bei reiner Stimmung lediglich über reine Oktaven, Terzen und Quinten verfügt; somit nur drei Tonarten (Tonika, Dominante und Subdominante) in reiner Stimmung gespielt werden können. Für andere Tonarten braucht man dementsprechend weitere Instrumente in anderer Stimmung. Dies galt zumindest in der Vergangenheit. Heute sind Clarinetten auch in gleichschwebender Stimmung üblich, so dass man (in den jeweiligen Grenzen des Tonumfanges natürlich) auf einer Clarinette sämtliche Tonarten spielen kann, wie auf einem Clavier auch. Jedoch: Man nutzt in Orchestern heute weiterhin sowohl (Sopran-)Clarinetten in B, als auch in A, da sich damit die Clarinetten Stimmen mit jeweils bedeutend weniger Vorzeichen notieren lassen. Während die Tonarten-Charaktistiken bei den gleichschwebend gebauten Clarinetten mehr oder weniger obsolet geworden sind, gibt es doch noch Komponisten, bzw. Interpreten, die A, oder B-Clarinette nach ihrer Klangfarbe verwenden. Denn obwohl sie nur einen Ton auseinander liegen, macht sich bereits zwischen A- und B-Clarinetten der oben beschriebene Klangunterschied des absolut gleichen Tons bemerkbar.


    Hauptformen

    • Sopran-Clarinette: Die Sopran-Clarinetten sind die "üblichen, allseits bekannten" Clarinetten, die, wie oben schon gesehen, vorwiegend in der Stimmung A, oder B, seltener auch in C gebaut werden.
    • Alt-Clarinette: Die Alt-Clarinette klingt zumeist eine Quart tiefer, als die gewöhnliche Sopran-B-Clarinette und ist demnach in Es-Stimmung gebaut. Da sie ähnlich tief reicht, wie ein Bassethorn (s.u.), wird sie heute oftmals anstelle eines solchen verwendet, da Alt-Clarinetten heute weit verbreitet sind, während das Bassethorn im Laufe der Zeit eher ein Exot gewesen, zumindest jedoch geworden ist. Den Klang eines Bassethorns erzielt man auf diese Weise, aufgrund der oben erläuterten Klang-Charakteristiken einer Clarinette, natürlich nicht völlig identisch.
    • Bassethorn: Wo das Bassethorn seinen Namen her hat, ist nicht zweifelsfrei zu ermitteln, jedenfalls ist er schlichtweg falsch, da das Instrument mit einem Horn nichts zu tun hat. Vielmehr handelt es sich um das Tenor-Instrument der Clarinettenfamilie. Wobei es meistens in der Stimmung F, oder G gebaut ist, womit es nicht allzu weit von einer Alt-Clarinette in Es entfernt ist. Dennoch erzeugt ein Bassethorn einen nochmals sonoreren, wärmeren Klang.
    • Bassclarinette: Hier ist der Name wieder Programm. Die Bass-Clarinette wird gemeinhin ebenfalls in B-Stimmung gebaut, jedoch (natürlich) eine Oktave tiefer, als eine Sopran-B-Clarinette.


    Sonderformen

    • Bassettclarinette: Die Bassettclarinette wurde von dem Wiener Hofinstrumentenmacher Theodor Lotz erfunden und von Mozarts Freund und Clarinettist Anton Stadler weiter entwickelt und verbessert. Sie ist - entgegen der landläufigen Meinung - weder identisch mit einem Bassethorn (trotz des Namens), noch mit der (moderneren) Alt-Clarinette. Vielmehr handelt es sich dabei zunächst um eine gewöhnliche Sopran-B-Clarinette, deren Tonumfang dann um vier Halbtöne (Dis, D, Cis, C) erweitert wurde. Damit weißt die Bassetclarinette ein besonders tief hinab reichendes tiefes Register auf, welches also besonders warm und sonorig klingt (zur Erinnerung: die gleichen vier Halbtöne lägen auf der folgenden Alt-Clarinette verhältnismäßig in einem leicht höheren Register und hätten damit trotz gleicher Tonhöhe andere Klangeigenschaften). Dieser Klang erinnert tatsächlich (trotz der an sich kleineren/höheren Bauform der Sopran-B-Clarinette) an den Klang eines Bassethorns, daher der Name Bassett-Clarinette.
    • Es gibt daneben viele weitere Sonderformen, wie die Contrabass-Clarinette, die Contra-Alt-Clarinette, oder nach oben hin die Sopran-Es-Clarinette in hoher Es-Stimmung, oder gar noch die Piccolo-Clarinette. Es sei dazu noch angemerkt, dass die Sonderformen (die Bassetclarinette ausgenommen) nicht einheitlich benannt sind und auch teilweise unterschiedlich klassizifiert werden.


    In jedem Fall ist die Familie der Clarinetten eine sehr facettenreiche Gruppe von Instrumenten, deren schöner Klang von vielen als derjenige bezeichnet wird, der der menschlichen Stimme am nächsten kommt (von allen Instrumenten).


    :wink:

    "erhaben, schön, alles was sie wollen – allein – zu übertrieben schwülstig für meine feinen ohren"
    W. A. Mozart (28.12.1782)

    • Offizieller Beitrag

    Danke für den schönen Beitrag, Pierre!


    In jedem Fall ist die Familie der Clarinetten eine sehr facettenreiche Gruppe von Instrumenten, deren schöner Klang von vielen als derjenige bezeichnet wird, der der menschlichen Stimme am nächsten kommt (von allen Instrumenten).


    Wer hierzu etwas im Internet nachschaut, wird zu anderen Ergebnissen kommen (nachfolgend meine Recherche vom 12.10.2005):


    Zitat

    Das Saxophon gilt als Instrument, das der menschlichen Stimme am nächsten kommt.


    Zitat

    Vasks liebt die der menschlichen Stimme am nächsten stehenden Instrumente, wie beispielsweise Flöte und Cello, am meisten


    Zitat

    Sein [Till Brönner] Instrument ist die Trompete, von der man sagt, daß sie der menschlichen Stimme am nächsten sei.


    Zitat

    Von der Arbeit der Hände eines Geigenbauers wird aus einem Stück eines Baumes der ca. 250 Jahre heranreifte ein Klangkörper, der der menschlichen Stimme am nächsten ist.


    Zitat

    Man sagt, die Oboe komme der menschlichen Stimme am nächsten. Tatsächlich kann man mit ihr vieles ausdrücken: Freud und Leid, Trauer und Schmerz, ...


    Zitat

    Im Mittelalter zählte die Traversflöte zu den beliebtesten Instrumenten, weil sie der menschlichen Stimme am nächsten kam.


    Zitat

    ... wenn man bedenkt, daß die Posaune der menschlichen Stimme am nächsten kommt.


    Zitat

    Die Klarinette ist das Instrument, das der menschlichen Stimme am nächsten kommt.


    Zitat

    Die Beobachtung, daß ihre beiden Blasinstrumente [Zink und Trompete] zu ihrer Zeit jeweils mutmaßlich jene waren, welche der menschlichen Stimme am nächsten kamen und kommen, ...


    Zitat

    Die bundlosen Instrumente kommen dem Klang der menschlichen Stimme am nächsten,...


    Zitat

    Neu ist die Pfeifenorgel, die als Summe von Blasinstrumenten der menschlichen Stimme am nächsten steht.


    Zitat

    Ich spiele Alphorn, weil es das Instrument ist, das der menschlichen Stimme am nächsten kommt.


    Zitat

    Er spielte diesmal nicht auf der Gambe, sondern auf alten Streichinstrumenten, das älteste ein mittelalterlicher Rebab aus Afghanistan - angeblich dem Klang der menschlichen Stimme am nächsten...


    Dies dürfte wohl beliebig fortsetzbar sein.


    Ergänzend:


    Das bekannteste Clarinetteninstrument ist wohl die heutige Böhm-Clarinette. 1844 wurde sie von Auguste Buffet zum Patent angemeldet, müsste daher eigentlich Buffet-Clarinette heißen [fände ich auch schöner]. Jedoch baute Buffet in sein Instrument das Griffsystem der Flöte nach Theobald Böhm ein, daher also der Name. Daneben ist auch als Opposition die „Deutsche Klarinette“ präsent. Zur Familie der Clarinetteninstrumente gehören auch unter anderem die von Anton Stadler ausgangs des 18. Jahrhunderts entwickelte Bassettclarinette sowie das Bassetthorn. Die Geschichte der Klarinette ist damit sicherlich nicht von Beginn an und auch nicht abschließend dargestellt: Auch das Saxophon gehört zur Familie der Clarinetten – das MGG notiert dazu „Ab-Art der Klarinette“; ich denke, dem Saxophon könnte man einen eigenen Thread widmen.


    Die Clarinette entwickelte sich im Laufe der Zeit neben dem Fagott zu meinem Lieblingsinstrument, da die Klangfarben und der Tonumfang tatsächlich so wahnsinnig vielfältig sind, dass es mir dabei einfach an nichts fehlen kann: Von himmelhochjauchzend bis zutodebetrübt ist einfach alles möglich... Schreien und Flehen, neckischer Witz und Charme!


    Neben den berühmten und allzu bekannten Clarinettenwerken Mozarts [Clarinettenkonzert A-Dur KV 622, Clarinettenquartett A-Dur KV 581] , beide ursprünglich für die Bassettclarinette komponiert und daher auch dem Guru dieses Instrumentes [Anton Stadler] gewidmet, finden sich noch einige Werke für Bassetthorn in Mozarts Werkkatalog, die meisten sind jedoch – was zu bedauern ist – Fragment geblieben.


    Man sagt, Johann Christian Bach sei es gewesen, der das Instrument „stubenrein“ machte und erstmals in einer seiner Sinfonien verwendete. In der Tat findet die Klarinette, obwohl schon lange Zeit bekannt, erst ab etwa 1770/1780 förmlich Einzug in die höfischen Orchester. Paris – als Modestadt bekannt – verfügte sogleich über viele brillante Clarinettisten. Der Mannheimer Hof dürfte einer der ersten „teuschen“ Höfe gewesen sein, welcher über dies Instrument verfügte, es folgte München, spätestens nach dem Umzug Carl Theodors. So kann man feststellen, dass beispielsweise in Mozarts Werken die „Salzburger“ und zunächst auch die „Wiener“ Werke keine Klarinetten enthalten, jedoch die „Pariser“ Sinfonie, sowie auch die für München komponierte Oper „Idomeneo“. Mozart setzte das Instrument auch gerne solistisch in Opern ein [La Clemenza di Tito, Arie „Non piú di fiori“] und änderte gar die Instrumentierung seiner g-moll Sinfonie KV 550 durch Hinzufügen des schönen Instumentes.


    Nicht vergessen werden sollte die Chalumeaux, ein Instrument, das vornehmlich im 17., aber auch noch im 18. Jahrhundert Verwendung fand und das als Vorgängerin der Clarinette gilt. Hierzu hat der Lullist sicher mehr beizutragen als ich - vielleicht aber auch sinnvoller Weise in einem separaten Thread mit einschlägigen Einspielungsempfehlungen.


    Ein paar Einspielungsempfehlungen meinerseits zu klassischen Clarinettenkonzerten:



    Antonio Rosetti (1750–1792)
    Klarinettenkonzerte Nr.1 & 2 (Murray C62 & 63)


    Dieter Klöcker, Klaus Wallendorf, Sarah Willis (omi)
    SWR Sinfonieorchester
    Schröter-Seebeck



    Franz Xaver SÜßmayr (1766-1803)
    Konzertsatz D-Dur für Bassettklarinette & Orchester


    Thea King
    English Chamber Orchestra
    Leopold Hager



    Michel Yost (1754–1786)
    Klarinettenkonzerte Nr.7-9,11


    Dieter Klöcker
    Kammerorchester Prag


    :wink:

    • Offizieller Beitrag

    An der Stelle möchte ich mal eine Lanze für das 20.Jahrhundert brechen mit drei großartigen Sonaten:

    • C. Saint-Saëns: Klarinettensonate, op.167
    • F.Poulenc: Klarinettensonate, FP 184
    • P.Hindemith: Klarinettensonate B-dur



    Aktuell erschienen und, wie ich finde, ein großartiges Pladoyer für das Instrument sind die vier Konzerte von L.Spohr mit Paul Meyer:


    Das Zusammenspiel von Klarinette und Bassetthorn kann man mit Baermann und Mendelssohn genießen:


    Und den Mozart habe ich ganz neu zu genießen gelernt mit einer oben erwähnten Bassettklarinette:


    Bei Graupner und Telemann kann man einen direkten Vorläufer der Klarinette, das Chalumeaux, hören — ein ganz eigenes Klangerlebnis:

    • Offizieller Beitrag

    Noch ein Nachtrag. Ich kenne nicht viele Werke für Klarinette alleine. Von Strawinski gibt es Drei Stücke für Klarinette solo, zur Zeit aber anscheinend nur noch innerhalb der Box erhältlich:

    Obwohl ich nicht glaube, dass Boulez die Solostücke dirigiert... sähe auch affig aus...


    Die Box ist aber m.E. ohnehin eine Empfehlung, nicht wegen der Klarinette, sondern wegen der großartigen Strawinski-Interpretationen von Meister Boulez.

  • Lieber Peter, ganz herzlichen Dank für den interessanten Eingangsbeitrag zur Clarinette.

    Jede dieser Bauformen existiert wiederum in verschiedenen Stimmungen, da eine Clarinette bei reiner Stimmung lediglich über reine Oktaven, Terzen und Quinten verfügt; somit nur drei Tonarten (Tonika, Dominante und Subdominante) in reiner Stimmung gespielt werden können.

    Könntest Du das mit den reinen Terzen und Quinten bitte etwas näher ausführen ?
    Bei einem Saiteninstrument (z.B. Clavichord oder Streichinstrument) muss man sich beim Stimmen ja entweder für reine Quinten oder reine Terzen entscheiden (und entsprechend Kompromisse eingehen :( ). Irgendwie sehe ich nicht so ganz, wieso es bei einer Clarinette dennoch möglich ist, sowohl reine Quinten wie reine Terzen zu spielen. Vermutlich mache ich einen Ansatzfehler. Vielen Dank.

    • Offizieller Beitrag

    Bassethorn: Wo das Bassethorn seinen Namen her hat, ist nicht zweifelsfrei zu ermitteln, jedenfalls ist er schlichtweg falsch, da das Instrument mit einem Horn nichts zu tun hat. Vielmehr handelt es sich um das Tenor-Instrument der Clarinettenfamilie.


    Vielleicht eher Bariton nach meinem Empfinden?