Missa solemnis op. 123: Einspielungen (opi)

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    Marlis Petersen, Gerhild Romberger,
    Benjamin Hulett, David Wilson-Johnson
    Collegium Vocale Gent
    Orchestre des Champs-Elysées
    Philippe Herreweghe (2012)



    Mannion, Remmert, Taylor, Hauptmann
    Orchestre des Champs Elysées
    Philippe Herreweghe (1994)



    Margiano, Robbin, Kendall
    Monteverdi Choir
    English Baroque Soloists
    John Eliot Gardiner (1990)


  • (P) 1990 Archiv Produktion 429 779-2 [71:42]
    rec. November 1989 (All Saints' Church, Tooting, London)


    Charlotte Margiono (s)
    Catherine Robbin (ms)
    William Kendall (t)
    Alastair Miles (b)
    The Monteverdi Choir
    Alastair Ross (Orgel)
    Orchestre Révolutionnaire et Romantique
    D: John Eliot Gardiner


    Ich bin dieser Einspielung erst durch die Magnificat-Box begegnet, meine zweite nach Böhm 1975. Um so mehr erstaunt es mich, wie wenig Eindruck sie anfangs auf mich machte, obwohl sie seitdem mehrere Male lief.


    Was Gardiner präsentiert, ist beste Kapellmeisterkunst: ein exzellenter Chor, ein tolles Orchester und gut aufgelegte Solisten. Alles ist gut abgestimmt und perfekt ausgeführt. Klanglich ist das eine vorzügliche Aufnahme mit einer tollen Klangbühne und breitem Stereo-Panorama. Das Tempo ist flott, aber nicht hektisch, die Details sind erhörbar, die Dynamik weit gefächert. Im Tutti ist alles stramm umgesetzt, die leisen Stellen sehr fein gearbeitet. Kurz: damit macht man nichts falsch.


    Und trotzdem bleibt mir Vieles fremd - auch jetzt. Daß die Missa Solemnis nicht wirklich als Weihefestspiel realisiert werden muß wie bei Böhm, leuchtet mir natürlich ein, aber irgendwie fehlt mir bei Gardiner die Empathie. Da steckt ein klarer Kopf mit einer guten Konzeption dahinter, der Beethoven entromantisiert, ohne dessen Wucht vermissen zu lassen; aber dafür fehlt es an Ausdruck, alles wirkt so distanziert.


    Gut - vielleicht erreicht mich das Werk an sich nicht wirklich. Aber Böhm wirkte tröstlicher... *hä*



    jd :wink:

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    Gut - vielleicht erreicht mich das Werk an sich nicht wirklich.


    Ich finde, die Missa solemnis ist kein Werk für eine CD ... ich kann das Werk nur live „ertragen"; auch mich hat Gardiner, so vorzüglich er das Werk präsentiert, leider nicht angemacht.

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    Ich finde, die Missa solemnis ist kein Werk für eine CD ...

    Das stimmt pauschal so nicht; auch ich habe recht lange für den Zugang gebraucht, dann aber ... dennoch, auch ich schaue lieber meine zahlreichen DVDs statt nur den CDs zu lauschen ...


    Hinzu kommt - und ich kenne zwei Dutzend Aufnahmen - dass Gardiners Interpretation wirklich öde ist! 8-)

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    Das war ganz und gar nicht pauschaliert gemeint; ich hatte seinerzeit etliche omi-Versuche gestartet, die alle in die Hose gingen. Als endlich Gardiner kam, was ich dann sehr enttäuscht. Auch hier funktioniert es ebensowenig wie mit dem Schlußchor der Neunten (bis auf Norrington): wenn ich die Partitur nur lese, höre ich großartige Musik - aber umsetzen konnte das für mich im Falle der Solemnis bislang niemand.


    Live allerdings war ich schon ziemlich beeindruckt und angetan.


    Nun bin ich ohnehin kein großer Messen-Fan, also kann ich das gut verschmerzen. Wahrscheinlich ist für mich einfach nur das Libretto unglaubwürdig ... und bei Gesang kann ich den textlichen Kontext leider nicht ausblenden. Beethoven hat zum Glück noch mehr auf der Speisekarte.
    :wink:



  • (P) 1995 harmonia mundi france HMC 901557 [77:26]
    rec. 20.-21. Februar 1995 (L'Auditorium Stravinsky, Montreux) live


    Rosa Mannion (s)
    Birgit Remmert (a)
    James Taylor (t)
    Cornelius Hauptmann (b)
    Choeurs de la Chapelle Royale et du Collegium Vocale Gent
    Alessandro Moccia (Solo-Violine im Benedictus)
    Orchestre des Champs-Élysées
    D: Philippe Herreweghe


    Herreweghes erste Einspielung der Missa entstand als Mitschnitt zweier Aufführungen in Montreux. Sein üblicher Ansatz - zurücknehmend und verinnerlicht - ist schon aus den beginnenden Takten des Kyrie erkennbar. Während Gardiner beherzter und brachialer herangeht, strebt Herreweghe in eine andere Richtung und präsentiert einen innigen Beethoven, ohne jedoch die Wucht der Partitur zu vernachlässigen.


    Das Solistenquartett erweist sich als präzise, klangschön und mit würdigem Ausdruck. Der Chor ist groß, aber sehr gut verständlich und intonationssicher. Das Orchester spielt mit Verve und großer Sinnlichkeit. Klanglich ist das beeindruckend luftig und detailreich eingefangen worden, mit breitem Panorama und perfekter Abstimmung der einzelnen Gruppen. Die Dynamik ist groß, der Zusammenklang sehr geschlossen.


    Das, was ich bei Gardiner vermisse, das hat Herreweghe aufzuweisen: da ist die Empathie, die einen Beethoven näher bringt. Keine kalte Virtuosität um ihrer Selbst Willen, keine artistische Brillanz mit ungezogener Handbremse, sondern das Verständnis für jene Gefühle, wie sie Beethoven gewiß nicht vernachlässigt hören wollte. Herreweghe geht auf den religiösen Gehalt der Messe ein, gibt der Musik den Impetus, den allein schon die Gattung fordert. Und Beethoven wirkt hier viel persönlicher als in anderen Werken von seiner Hand - da sind andere Gewichtungen nötig als z.B. in den Symphonien.


    Fazit: eine herrliche Einspielung mit grandioser Klangqualität... :jubel: :jubel: :jubel: :jubel:



    jd :wink:

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    Das, was ich bei Gardiner vermisse, das hat Herreweghe aufzuweisen: da ist die Empathie, die einen Beethoven näher bringt. Keine kalte Virtuosität um ihrer Selbst Willen, keine artistische Brillanz mit ungezogener Handbremse, sondern das Verständnis für jene Gefühle, wie sie Beethoven gewiß nicht vernachlässigt hören wollte. Herreweghe geht auf den religiösen Gehalt der Messe ein, gibt der Musik den Impetus, den allein schon die Gattung fordert. Und Beethoven wirkt hier viel persönlicher als in anderen Werken von seiner Hand - da sind andere Gewichtungen nötig als z.B. in den Symphonien.

    Das würde ich so unterschreiben; allerdings greife ich in Zweifelsfällen doch eher zum meinen liebsten omi-Aufnahmen von Karajan, Thielemann, Masur oder Giulini; weil es dort einfach mehr kracht, wo es krachen soll.

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    Ist die hier richtig, ist das Gardiners zweite Einspielung und wenn ja, wie macht sie sich im Vergleich zur doch recht spröden von 1990?


    Das denke ich schon, dass die *opi* ist, nur die Sänger sind vermutlich Nachbauten.
    Der Vergleich würde mich interessieren, leider verfüge ich nur über die Alte. Hast Du die Chance, das mal über Spotify zu vergleichen?
    Beim Brahms Requiem, finde ich, hat er einen großen Schritt nach vorne gemacht, das macht für Beethoven auch Hoffnung.

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    Der Vergleich würde mich interessieren, leider verfüge ich nur über die Alte. Hast Du die Chance, das mal über Spotify zu vergleichen?


    Die Suchanfrage bei "Beethoven Gardiner" ergab keinen Treffer, wohl aber "Beethoven Missa Solemnis" - ich werde dieses System nie verstehen. Also ja, ich werde vorglühen.

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    Dass mir noch einmal eine neue Missa gefällt! Die zarteren Stellen sind intensiver als die engagiert-forcierten gut - es fehlt einfach in den hysterischen Partien der überschnappende Drive; die Rückung ins Pathologische, halb Geisteskranke - aber insgesamt eine sehr schöne berührende Einspielung.

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    Ich besitze ja die die ältere Herreweghe, die neue ist auf dem Weg zu mir; dazu habe ich die ältere Gardiner und nun auch Reuss, den ich bereits häufiger hörte als die beiden Vorgänger. Auf die neue Gardiner glaube ich bei einem genaueren Vergleich aber genauso verzichten zu können wie auf die alte; also würden sich Herreweghe mit zwei Interpretationen und eben Reuss mit den vielen großartigen, auch neueren omi-Deutungen (Toscanini, Erich Kleiber, Klemperer, Karajan, Masur, Giulini, Selig, Rilling, NH, Thielemann, Haitink, Janowski etc.) messen lassen müssen. Die Unterschiede sind meines Erachtens schon eklatant und nicht allein aus dem Instrumentarium zu erklären.