Missa solemnis op. 123: Einspielungen (opi)

  • Die Unterschiede sind meines Erachtens schon eklatant und nicht allein aus dem Instrumentarium zu erklären.

    Binsenweisheit... :D


    Ein Herreweghe ist der Gegenpol zu Toscanini, ein Reuss anders als Klemperer. Unabhängig davon, daß zwischen diesen Aufnahmen Jahrzehnte liegen, ist natürlich auch die Interpretation eine andere, nicht nur das Instrumentarium. Die Spielweise kann sich unterscheiden, der ästhetische Anspruch kann anders sein, die Notenedition kann eine andere sein... :D


    Von der Aufnahmetechnik ganz zu schweigen... ;)


    Ich kenne ja auch ältere Aufnahmen (Beecham 1937, Böhm 1975) und kann einigermaßen nachvollziehen, was du meinst - aber ich sehe weder bei omi noch bei opi, daß Aufnahmen zu finden sind, die sich gegenseitig ausstechen. Das ist praktisch wie bei den Symphonien: da gibt es auf beiden Seiten tolle Aufnahmen, so daß man die grundsätzliche Vergleiche zwischen omi/opi sich sparen kann. Warum? Beides funktioniert, und der Hörer bevorzugt, was ihm das Liebste ist.


    Gerade hier bei E ist die Trennung so konsequent, weil die Erkenntnis da ist, daß beide Aufführungspraxen [korrekt dekliniert... :D ] einen Vergleich miteinander nicht mehr benötigen (HIP und HAP lassen wir mal außen vor). Allein von den Instrumenten her ist eine grundsätzlich andere Interpretation möglich, die eine eigene Klangästhetik aufweist und andere Varianten ermöglicht; da geht es zuletzt doch nur darum, ob man lieber omi oder opi hören möchte - und erst dann kommt die eigentliche Beurteilung der jeweiligen Interpretation.

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    Aufführungspraxen [korrekt dekliniert... ]


    -praktiken?


    Ich bin mit der Missa aus der Dose noch nie warm geworden, insbesondere nicht mit Gardiner; live hingegen schon. Für mich ist das wieder reinste Kopfmusik Beethovens (wobei ich daran erinnere, daß ich mich betreffend der Neunten selbst widerlegt habe). Schade, daß Sir Roger keine opi gemacht hat, oder irre ich?

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    Gerade hier bei E ist die Trennung so konsequent, weil die Erkenntnis da ist, daß beide Aufführungspraxen [korrekt dekliniert... :D ] einen Vergleich miteinander nicht mehr benötigen (HIP und HAP lassen wir mal außen vor). Allein von den Instrumenten her ist eine grundsätzlich andere Interpretation möglich, die eine eigene Klangästhetik aufweist und andere Varianten ermöglicht; da geht es zuletzt doch nur darum, ob man lieber omi oder opi hören möchte - und erst dann kommt die eigentliche Beurteilung der jeweiligen Interpretation.


    Ich sehe das ein wenig anders, zumindest hier bei der Missa Solemnis; weil ich persönlich im Instrumentarium nicht solche Unterschiede höre; was sicher auch an der Übergewalt des vokalen Elements liegen mag, die hin und wieder zu spüren ist. Aber die eigene Klangästhetik, von der du ganz richtig sprichst, lässt trotzdem genügend Spielräume für Vergleiche in Sachen Interpretation; also etwa die Art der Stimmbegleitung, orchestrale Gewichtungen, Temporückungen, überhaupt Agogik und so weiter und so fort; hunderte Entscheidungen, die zwischen Dramatik und Lyrik changieren und gerade dieser Dualismus scheint mir bislang ein wichtiges Unterscheidungskriterium. Auf der anderen Seite hast du vielleicht schon deshalb Recht, weil die Insrumentalparts so eng verwoben sind mit den Stimmen; dass hier im Gegensatz zu manch älterer Sakralmusik kaum Raum bleibt für eine, wenn auch nur analytische Trennung.

  • -praktiken?

    Ich habe extra gegoogelt dafür... *opi*


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    Ich sehe das ein wenig anders, zumindest hier bei der Missa Solemnis; [...]

    Das weiß ich ja... *yes* Und ich will gar nicht behaupten, daß man es nicht sinnvoll anstellen kann. Nur wollte ich sagen, daß man sich dadurch auch immer wieder in eine Ecke begibt, aus der man schwer herausfinden kann. Und heutzutage - wo beides so lange nebeneinander einhergeht - hat man ja die Möglichkeit, beide Praxen separat zu sehen und ein grundsätzliches Fazit zu ziehen. Meins lautet: man kann weder auf die eine noch auf die andere verzichten; in konkreten Beurteilungen mancher Aufführungen oder Aufnahmen mag das Pendel in die eine Richtung schwingen, dann in die andere - aber grundsätzlich wäre es schon schade, sich nur für eine Seite zu entscheiden.


    Wobei ich selber auch jemand bin, der die eine Seite bevorzugt - aber ganz will ich doch nicht immer auf die andere verzichten.

    Schade, daß Sir Roger keine opi gemacht hat, oder irre ich?

    Nein, du irrst nicht nicht:


    omi


    Die einzige - mit den Stuttgartern.

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    Und heutzutage - wo beides so lange nebeneinander einhergeht - hat man ja die Möglichkeit, beide Praxen separat zu sehen und ein grundsätzliches Fazit zu ziehen.


    Ich träume halt von EINER Rangliste und für mich persönlich existiert auch immer nur eine - bei dem einen Werk führt eine opi-Aufnahme, bei einem anderen eine omi; bei anderen sind gar keine vom anderen Ufer vorhanden; ganz unterschiedlich eben. Ich befürworte die strikte Trennung hier, in meinem Kopf zwischen meinen Ohren gibt es aber keine.

  • Ist kein Beinbruch. Ich will auch nicht extra eine getrennte Liste führen, aber ich habe auch nicht immer den Zwang, eine Referenz zu ermitteln, an die sich alles andere messen lassen muß. Bei der Missa Solemnis bin ich mit den Gegenheiten z.Z. vollauf zufrieden.


    Ich selber habe im Augenblick wenig Interesse, mich mit Thielemann, Järvi & Co. auseinanderzusetzen - aber z.Z. bin ich ohnehin eher in anderen Epochen unterwegs, da tauchen sie alle gar nicht auf. Und ich selber habe gewisse Präferenzen ausgebildet, die eindeutig Richtig opi ausschlagen, aber dank meiner Flohmarktkäufe bin ich omi recht gut aufgestellt... :D

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    Ich habe extra gegoogelt dafür...


    Tjoah, Praxis ist eben nicht gleich Praxis.


    Arztpraxis, Arztpraxen.
    Aufführungspraxis ist eigtl. falsch und meint Aufführungspraktik, daher: Praktiken resp. Praktika (was hier wiederum nicht der Plural von Praktikum ist; ein Aufführungspraktikum wäre wohl eher einer Probe ...).


    Es ist sogar m. E. noch diffuser und diffiziler, weil die Aufführungspraxis die aktuelle, lebendige Umsetzung dereinster Praktiken beschreibt ... also eher hist. Aufführungsusus. HIP, also historische Aufführungspraxis wird hier m. E. nur synonym und eher umgangssprachlich für Aufführungspraktik(en) verwendet. Andere Meinungen?


    Dt. Sprache ist wenig praktikabel, dafür aber sehr interessant.

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    aber ich habe auch nicht immer den Zwang, eine Referenz zu ermitteln, an die sich alles andere messen lassen muß.


    Ich natürlich auch nicht; aber es ergibt sich einfach, dass man wichtet. *yes*

  • Seit Januar erhältlich:


    Masaaki Suzuki (2018)


    (P) 2018 BIS Records BIS-2321 (1 Hybrid-SACD) [74:07]
    rec. Januar-Februar 2017 (Kawaguchi Lilia Music Hall, Kawaguchi/Japan)


    Ann-Helen Moen (s)
    Roxana Constantinescu (a)
    James Gilchrist (t)
    Benjamin Bevan (bt)
    Ryo Terakado (Solo-Violine im Benedictus)
    Bach Collegium Japan
    D: Masaaki Suzuki


    Suzuki sieht sich nach neuen Betätigungsfeldern um.

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    Wenn jemand auch Suzuki parat hat, kann er mal reinhören und mit Reuss und dem letzten Herreweghe vergleichen?! Ich weiß nicht, irgendetwas klingt anders, das Schlagwerk sehr präsent, das Klangbild furchtbar direkt.

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    Diese habe ich mir in der Nacht von gestern auf heute mit Noten (ISMLP) angehört und angeschaut und ich kann - zumindest Gardiners Einspielung betreffend - alles unterstreichen, was JD hier so fein ausformulierte; ich war gelegentlich kurz vor den Tränen ob der Schönheit der Musik, doch dies wurde alsbald wieder jäh zerstört durch irgendwelche komischen Akkorde, Rückungen, Disharmonien (die ich grundsätzlich ja sehr schätze). OB es an der Interpretation liegt oder doch an der Komposition, wage ich noch nicht zu beurteilen. Beeindruckt hat mich sehr deutlich das mehrfache Trompetensignal im Agnus Dei, das dann vom Orchester quasi weggewischt wird.


    Ansonsten werde ich vielleicht demnächst doch noch mal einige andere Einspielungen versuchen ...

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    Eine bislang hier noch nicht erwähnte:



    Marianne Hirsti (soprano), Carolyn Watkinson (mezzo-soprano),

    Andrew Murgatroyd (tenor), Michael George (bass),

    Roy Goodman (solo violin)

    Oslo Cathedral Choir

    The Hanover Band

    Terje Kvam


    Diese Aufnahme wirkt auf mich gleich viel faszinierender als Gardiner: transparenter, detailreicher, organischer, anspringender - nicht so stur und dekliniert. Teils erschreckend und dramatisch, teils mitreißend, teils versöhnlich.


    Die Nähe der Chor- und Solistenbehandlung im Vergleich zur Neunten Sinfonie ist schon eklatant, vielleicht so eine „Marke“ des späten Beethoven.

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    Ob die historische Aufführungspraxis ihre Berechtigung hat, hat mich vor dem September 2014 nicht interessiert und die ersten Jahre nach meinem Eintritt hier war ich bei vielen Werken immer wieder im Zweifel, ob hip und opi tragfähige Kategorien sein könnten; und auch jetzt höre ich nach wie vor gerne auch omi neben opi und das wird auch ferner so bleiben. Aber gerade ein Hauptwerk der gesamten Musikliteraur wie diese gewaltige Messe von Beethoven tut dar; wie großartig sich die neuen Sichtweisen auf die Interpretationen und Klangkulturen auswirken. Kaum ein Sakralwerk hat diesen Zugriff nötiger gehabt als die Missa Solemnis, deren traditionelle Klangwuchten von Klemperer bis Thielemann einen so erschlagen können wie einschläfern.


    Inzwischen haben wir bereits sieben (sic!) Aufnahmen mit Instrumenten der Zeit und Stimmen von heute und wenn ich noch dachte, dass Gardiners erste Einspielung, die ich bis vor kurzem für die älteste opi hielt, den falschen Weg weist; haben mich er selbst und seine anderen Kollegen eines Besseren belehrt.


    Terje Kvam (1987)

    John Eliot Gardiner (1989)

    Philippe Herreweghe (1995)

    Philippe Herreweghe (2011)

    John Eliot Gardiner (2012)

    Daniel Reuss (2016)
    Masaaki Suzuki (2017)


    Mir persönlich sagt Reuss am Meisten zu und die zweite von Gardiner - erstere Deutung ist die allumfassend temperierte und zweitere das existentialistische Drama. Herreweghe und Suzuki leiden in meinen Ohren ein wenig am Typischen all ihrer Arbeit, der eine setzt auf verhaltende Lyrismen, der andere lässt für die Klangschönheit schon mal die Expression fahren, gut sind diese Scheiben aber allemal auch.

  • 29. Januar 2021


    (P) 2021 harmonia mundi france

    rec. 2020


    Polina Pastirchak (s)

    Sophie Harmsen (a)

    Steve Davislim (t)

    Johannes Weisser (b)

    RIAS-Kammerchor

    Freiburger Barockorchester

    D: René Jacobs


    Bin gespannt, wie das unter Jacobs klingt... *hmmm*