des Lullisten Favoriten

  • Friedrich der Große ist heute als Musenkönig verklärt. Eine Art Kumpelkönig, geprägt von den Darstellung der 1930er und 1940er Jahre Otto Gebührs. Doch natürlich entspricht dieses Zerrbild keinesfalls der Realität. Als Jugendlicher begeistert von der Oper und der Musik, Anhänger der Aufklärung und den Schriften Voltaires, hatte er mit der Erlaubnis seines Vaters einen wirklichen Musenhof in Rheinsberg installiert. Aber der Thronfolger verwandelte sich direkt nach dem Tod seines tyrannischen Vaters in einen noch schlimmeren Despoten und Menschenfeind, der ganz Europa mit seinen Angriffskriegen in Brand steckte.


    Auch für die Kunst bedeutete dies Stillstand, Neuerungen wurden nicht mehr geduldet und die Bösartigkeit des Königs mag in Bachs "Kunst der Fuge" vielleicht am eindrücklichsten dokumentiert sein. Johann Sebastian Bach wurde eingeladen um seine Improvisationskunst vor dem König zu präsentieren. Denn der Sohn, Carl Philipp Emanuel Bach war Hofcemablist des Königs und er dürfte maßgeblich für den Ruf seines Vaters gesorgt haben und die daraus resultierende Neugier.
    Das lapidar hingeworfene Thema des Königs war keinesfalls eine Idee seiner Majestät und schon gar nicht lapidar. Adorno hatte die These aufgestellt, dass es eine Komposition CPE Bachs gewesen sein soll - dies würde auch zur durchtriebenen und bösartigen Persönlichkeit des Königs passen: Er benutzt den Sohn um den Vater zu demütigen: Denn dieses Thema - so simpel es erstmal wirken mag, ist eine besondere Leistung, es eignet sich kaum für die Improvisation oder für eine Verarbeitung als Fuge.
    Und genau darum ging es, den Bachs einen Dämpfer zu verpassen. der Vater schaffte es eine 3-stimmige Fuge zu improvisieren, die vom König danach verlangte 6-stimmige Improvisation konnte er jedoch nicht umsetzen und bat sich Bedenkzeit aus. Friedrich hatte triumphiert.
    Dies erklärt auch wieso Bach auf das "Musikalische Opfer" dem König mit einer Widmung schickte, niemals eine Antwort erhielt - wozu auch, die Schlacht war längst gewonnen.


    Das musikalische Opfer ist heute auch das Werk überhaupt, wenn man an Musik für Friedrich II. denkt, doch diese Werksammlung ist stilistisch meilenweit von dem entfernt, was der König zu hören wünschte.




    J.S.Bach: Das Musikalische Opfer
    Le Concert des Nations - Jordi Savall


    Für mich die Aufnahme, Savall eben.



    Was der König wirklich zu hören verlangte, sollen die folgenden CD-Empfehlungen umreißen.




    Concert in Sanssouci
    The Hannover Band - Roy Goodman


    Vielleicht die beste Auswahl an verschiedenen Werken. Die Sinfonia von Kirnberger, das Oboenkonzert von CPE Bach und das G-Dur Konzert von Quantz sind mittlerweile schon recht bekannt. Hinzu kommen 2 Opernarien von Carl Heinrich Graun.




    Friedrich II. Flötenkonzerte & Sinfonien
    Kammerorchester CPE Bach - H.Hähnchen


    Zwar keine "Period" Aufnahme, aber dennoch ganz gu - zumindest die derzeit beste Aufnahme um Kompositionen des Königs kennenzulernen.
    Dass seine Majestät selbst komponierte ist ja bekannt, dass er dies auch auf einem guten Niveau konnte, zeigen diese Werke - beeindruckend die Länge der beiden Flötenkonzerte, die damals sicher noch mit zusätzlichen Improvisationen bereichert wurden.




    Music at the Court of Friedrich II.
    Collegium Musicum 90 - S.Standage


    diese Aufnahme vermittelt vielleicht am besten, wie die abendlichen Konzerte im Schloss Sans, souci. gewesen sein mögen.
    Kammermusikalische Besetzung, die Flöte als entrales Instrument mit Werken seiner Majestät, Quantz, Benda, J.G.Graun und CPE Bach.




    Friedrich der Große
    Akademie für Alte Musik Berlin


    der Beitrag der Akademie für Alte Musik Berlin zum Friedrich-Jahr 2012. Eine Auswahl von großartigen Orchesterwerken vom Berliner Hof.
    Das Programm umfasst eine mitreißende Ouvertüre mit Allegro in a-moll von J.G.Graun, ebenfalls in moll steht das Clavier Concerto von Nichelmann - da Friedrich die modernen Claviere liebte, wird hier auch ein Fortepiano statt einem Cembalo eingesetzt.
    Auch die "Sonate pour Potsdam" aus der Feder seiner Majestät steht in moll, ebenso wie das Gambenkonzert von J.G.Graun.
    Nur die Sinfonie No.1 von CPE Bach steht im strahlenden D-Dur mit durchaus tragischen Untertönen.
    Eine großartige Aufnahme !




    Abendmusik auf Schloss Rheinsberg
    Berliner Barock Compagney


    Kammermusikalisch wird hier die musikalische Abendunterhaltung mit Werken von Quantz, CPE Bach, Schaffrath und Czarth heraufbeschworen. Die Werke haben alle "arkardischen Caharkter" und lassen die Unbeschwertheit der damaligen Zeit erahnen.




    Johann Gottlieb Graun: Konzertante Musik für Viola da Gamba
    C.Coin - Ensemble Baroque de Limoges


    Als Friedrich II. die Graun-Brüder aus Hannover mitbrachte, hat er sicherlich einen Glücksgriff getan, wärend Carl heinrich Graun großartige Opern schrieb, war sein Bruder Johann Gottlieb ein Meister für Instrumentalmusik.
    die hier vorgestellten Werke konzentrieren sich auf die Gambe - ein Instrument das zu jener zeit fas schon aus der Mode war.




    J.G.Graun: Concerti
    Il Gardellino


    Das Ensemble Il Gardellino hat hier eine repräsentative und verdammt gut gemachte Auswahl an verschiedenen Konzerten getroffen.




    J.G.Janitsch: Berliner Quartette
    Il Gardellino


    Janitsch war schon in Rheinsberg Hofmusiker bei Friedrich, seine Musik ist völlig dem Stil der Empfindsamkeit verpflichtet. Diese Quartette sind keine Streichquartette im klassischen Sinn, sondern kammermusikalische Werke für Flöte oder Oboe.




    Fiery and Sublime
    Ricordanza


    Auch diese Aufnahme folgt dem bisher gezeigten Stil - es gibt keinen anderen am Berliner Hof - und das bis zum Tod des Königs, was viele Musik auch veranlasst dem preussischen Hof den Rücken zu kehren.
    Auch hier steht die Flöte im Zentrum.




    Doch es gibt eben nicht nur den vermeintlichen Musenhof in Potsdam - der Krieg war das Geschäft des "großen Königs" und so ist auch relativ viel Militärmusik erhalten geblieben. Wer an typische Marschmusik denkt, wird hier ettäuscht sein, oder angenehm überrascht - je nachdem wie man dazu steht:




    Altpreussische Militärmusik
    Musikcorps der Bundeswehr


    Einer der wenigen Versuche die Militärmusik des 18. Jahrhunderts annähernd historisch zu spielen.
    Die meisten Märsche werden von einem Oboenensemble gespielt, so wie es damals auch üblich war - und auch die typische Besetzung Trommeln und Pfeifen kommen zum Zuge.
    Ein Großteil der Regimentsmärsche werden gespielt, Hauptgewicht liegt auf dem Infanterierregiment No.12 "Erbprinz Hessen-Darmstadt" da der spätere Landgraf Ludwig IX selbst Militärmusik komponierte, sind auch zahlreiche Signale von diesem Regiment erhalten geblieben.
    Auch die prächtigen Fanfaren für die Kavallerie der preussischen Armee sind hier zu hören. Für Trommel und Pfeife sind die Märsche und Signale des Infanterie-regiments No.6 herangezogen worden, dass unter dem Vater Friedrichs, dem Soldatenkönig größten Ruhm genoss: dem ehemaligen "Königsregiment" besser bekannt als die "langen Kerls.
    Gerade auch für Historiker eine interessante CD.




    Carl Heinrich Graun: Montezuma, Opera Seria 1755
    Deutsche Kammerakademie - J.Goritzki


    Das Libretto dieser Oper stammte vom König selbst. Er nahm auch großen Einfluss an den Kompositionsarbeiten.
    Nicht selten kam es vor, dass der König ganze Seiten aus der Partitur der für ihn komponierten Oper riss, weil sie ihm nicht zusagten.
    Dann gab es zusätzlich noch das Verbot an die Kastraten die Arien willkürlich auszuzieren - nur das was in der partiur stand, durfte gesungen werden.
    Montezuma ist eine Opera Seria im Stil Hasses, etwas anderes ließ der König nicht zu. Graun machte das Beste aus diesen Schranken und Schuf ein Werk, ganz der Empfindsamkeit verpflichtet und mit einigen bemerkenswerten Momenten.
    Die Interpration der Kammerakademie ist solide - an HIP angelehnt.

  • Ostern ist Passionszeit, Grund genug an dieser Stelle meine bevorzugten Einspielungen mit Werken Bachs zu posten.



    Von der Matthäus Passion möchte ich zwei Aufnahmen nennen, denn beide halte ich für wichtig und für extrem unterschiedlich:




    J.S.Bach: Matthäus Passion
    Collegium Vocale & Chapelle Royale - P.Herreweghe


    Herreweghes Bach Interpretationen trafen von Anfang an meinen Geschmack, eine Innigkeit ohne Übertreibung zieht sich wie ein roter Faden durch alle seine Aufnahmen. Die Stärke dieser Aufnahme sind vor allem die wunderbaren Sänger, Howard Crook, Barbara Schlick, Peter Koy...und natürlich der großartige Chor.
    So himmlisch hat dieses monumentale Werk sicherlich nicht bei der Aufführung zu Lebzeoten Bachs geklungen.



    Gustav Leonhardt versucht mit einer kompromislosen und fast herben Interpretation dem Original möglichst nahe zu kommen:



    J.S.Bach: Matthäus Passion
    La Petite Bande - Tölzer Knabenchor - Gustav Leonhardt


    Nie habe ich das Werk in so einer Interpretation erlebt - es ist karg, protestantisch - statt auf Starsolisten zu setzen, übernehmen Mitglieder des Knabenchores einige Arien - das mag nicht jedem gefallen, dürfte aber den damaligen Aufführungsumständen ziemlich nahe kommen - und die Jungs schlagen sich nicht schlecht.




    von der Johannes Passion muss ich sogar drei Aufnahmen nennen:




    J.S.Bach: Johannes Passion
    The English Baroque Soloists - J.E.Gardiner


    Es ist die HIP Standart Einspielung, rundum gelungen, hervorragende Sänger, toller Chor und tadeloses Orchester.
    Wer noch keine Aufnahme in historisch informierter Spielweise besitzt, sollte hier zugreifen.




    J.S.Bach: Johannes Passion
    La Chapelle Rhenane - Benoit Haller


    Benoit Haller ist mir durch seine Schütz Aufnahmen sofort aufgefallen - und ähnlich krass geht er auch an Bach heran - so dramatisch, rhythmisch und mitreißend habe ich das Werk in KEINER anderen Aufnahme erlebt. Die Aussprache ist perfekt - und die Gestaltung der Rezitative sind so bildhaft und einnemend, dass man nicht mehr aufhören kann zuzuhören - die Johannes Passion war schon immer mein liebstes Werke von J.S.Bach, Haller hat dies mit dieser -absolut opernhaften - Einspielung nochmal bekräftigt.
    ganz großartig.




    Aber genau dieses Opernhafte wurde schon damals Bach zum Vorwurf gemacht, und so existiert eine zweite Fassung der Johannes Passion, die heute nicht so bekannt ist:




    J.S.Bach: Johannes Passion, Version von 1725
    Collegium Vocale & Chapelle Royale - P.Herreweghe


    Viele bekannte Chöre und Szenen fehlen hier - das wird erstmal enttäuschen, so auch der ergreifende Eröffnungschor "Herr unser Herrscher" die Aufnahme lohnt sich trotzdem, denn die Szenen wurden durch andere ersetzt und die herrliche Interpretation nimmt ohnehin sehr ein.






    Das Kantatenwerk
    Amsterdam Baroque Ensemble - Ton Koopman



    Ja ich habe es mir angetan, die Gesamtaufnahmen von Harnoncourt, Gardiner, Richter und Leusnik durchzuhören, und eben auch Koopman.
    Und diese Gesamtaufnahme war es dann auch, die mich am meisten begeistert hat. Es würde an dieser Stelle zu weit führen auszubreiten, welche großartigen musikalischen Schätze sich unter diesen vielen Werken befinden. Koopmans Bach Interpretationen liebe ich - und so haben mich auch diese Aufnahmen sofort begeistert.
    Der hohe Anschaffungspreis war es allemal wert - eine Anschaffung fürs Leben an der man ewig Freude haben wird und ohnehin für Jahre beschäftigt ist sich in diese unglaubliche Musik zu stürzen.
    Einzig die Aufmachung der Box und des Bookletts hätten bei dem Preis wesentlich edler und besser sein müssen.

  • im dritten Teil meiner Bach-Empfehlungen widme ich mich den Klassikern für Kenner und dementsprechend auch heftig umstrittene Werke in Sachen Interpretation.
    Wie immer sind auch diese Empfehlungen höchst subjektiv.





    Johann Sebastian Bach: Die 6 Suiten BWV 1007 - 1012
    Anner Bylsma (Violoncello 'Stradivarius' Servais )



    Johann Sebastian Bach: Die 6 Suiten BWV 1007 - 1012
    Paolo Pandolfo (Viola da Gamba)



    Die 6 Suiten für Violoncello, unter dessen Titel die Werke gemeinhin bekannt sind, gehören heute zum Kernrepertoire der klassischen Musik und gelten als heiliger Gral für Cellisten. Es gibt sehr viele Aufnahmen und alle sind höchst persönliche Interpretationen, die auch alle ihre Berechtigung und ihren Reiz haben - keine Aufnahme gleicht wirklich der anderen.
    Auch wenn ich alte Spielweisen und historische Instrumente bevorzuge, bin ich durchaus auch gefangen von Interpretationen eines Rostropovich. Hier möchte ich jedoch zwei Aufnahmen nennen, aus der historisch Aufführungspraxis, die mich sehr begeistert haben und meinem geschmacklichen Vorstellungen sehr entsprechen.


    Die erste von Anna Bylsma folgt der gängigen Praxis und er interpretiert die Suiten auf einem Violoncello. Jedoch handelt es sich hier um ein ganz besonderes Instrument, das Stradivari 'Servais', natürlich mit Darmsaiten. Allein deswegen ist hier schon ein ganz besonderer Klang zu erwarten. Er spielt ohne Allüren und ohne allzu große Aggressivität, sondern versucht nur die Musik sprechen zu lassen, das Vibrato wird als reine Verzierung verwendet, wenn es notwendig erscheint.


    Die andere Aufnahme mag die Kenner aufregen, weil man sich hier anmaßt ein anderes Instrument zu verwenden. Doch wahrscheinlich waren die Suiten im Ursprung wohl genau für die Gambe gedacht.
    In der frühesten Abschrift (Kellner) ist geschrieben für "Viola da Basso" - und es wird nach wie vor darüber gestritten, was damit eigentlich gemeint war. In Frankreich wird die Gambe Basse de Violon genannt (...). Zudem sind die Suiten wohl in bachs Köthener Zeit entstanden, und der Fürst bei dem Bach in Diensten stand, war ein begeisteter Gambenspieler.
    Die spätere Abschrift von Magdalena Bach nennt das Violoncello. Wahrscheinlich wurden die Suiten für das neue Modeinstrument arrangiert.
    Paolo Pandolfo spielt also die wohlbekannten Suiten auf der Gambe - und eröffnet dadurch eine völlig neue Perspektive auf diese Werke - der Bogen zu den französischen und deutschen Gambisten wird auf einmal deutlich.





    Johann Sebastian Bach: 3 Sonaten für Viola da Gamba und Cembalo
    Jordi Savall (Viola da Gamba) Ton Koopman (Cembalo)


    Da ich nun mal ein großer Liebhaber der Viola da Gamba bin, dürfen auch die Sonaten für Gambe nicht fehlen. Diese Sonaten sind auch häufig mit Violoncello gespielt worden - aber auch hier, greife ich ausschließlich zum originalen Instrumentarium.
    Die Aufnahme, es ist ganz sicher schon eine fast historische, ist mir besonders ans Herz gewachsen. Es ist eine alte EMI Reflexe Aufnahme, mit zwei Großmeistern ihres Fachs: Jordi Savall und Ton Koopman.
    Die einmalige Stimmung dieser wunderbaren Aufnahme wurde für mein Empfinden nie wieder erreicht (auch nicht in der 2. Aufnahme des Duos in neuerer Zeit).





    Johann Sebastian Bach: Sonatas & Partitas BWV 1001 - 1006
    Amandine Beyer (Barockvioline)


    So wie die 6 Suiten für die Cellisten als heiliger Gral der Musik gelten, so sind es die Partiten (inklusive der Ciaconna) für die Violinisten.
    Beide Zyklen sind aufgrund der Tatsache, dass das Instrument ohne Begleitung zu spielen ist, von besonderer Bedeutung.
    Die Partiten erinnern stark an die älteren Werke eines Johann Paul von Westhoff oder eines Johann Jacob Walter. Beyer hat es geschafft mich mit ihrem Spiel wirklich einzunehmen, sie spielt auf dem Nachbau einer Barockvioline und lässt keine Wünsche offen - man vergisst fast, dass es nur eine einzige Violine ist, so farbenprächtig ist ihr Spiel.
    Das Hauptwerk die große Ciaconna ist natürlich auch der Höhepunkt der Aufnahme.





    Johann Sebastian Bach: die Lautenwerke
    Lutz Kirchhoff (Barocklaute & Theorbe)


    Bachs Lautenwerke sind zwar z.T. "nur" Bearbeitungen (BWV 1006a ist identisch mit der Partita für Violine 1006 )
    Doch ist diese herrliche Aufnahme trotzdem unverzichtbar für mich.
    Lutz Kirchhof hat mit größtem Können die teils unspielbaren Passagen (Bach war eben kein Lautenist) kongenial umgesetzt.
    Kirchoff wechselt zwischen Barocklaute und Theorbe.
    Bach von der besten Seite.





    Johann Sebastian Bach: Das wohltemperierte Clavier I
    Ralph Kirkpatrick



    Johann Sebastian Bach: Das wohltemperierte Clavier II
    Ralph Kirkpatrick



    Auch hier wird immer wieder gestritten, auf welchem Instrument diese Ansammlung von Präludien und Fugen in zig verschiedenen Tonarten zu spielen sei. Heute wird meist der Flügel - oder eben das Cembalo bevorzugt, wahrscheinlich dachte Bach aber eher an das Clavichord.
    Das besondere an diesem Werkzyklus ist die praktische Umsetzung einer Theorie einer konsequente Stimmung des Instruments um in möglichst allen Tonarten spielen zu können. Und Bach reizte diese Möglichkeit auch aus - was diese Sammlung auch so reizvoll und einmalig in der Musikgeschichte macht:
    Denn die Zeitgenossen komponierten kaum in den außergewöhnlichen Tonlagen, Bach demonstrierte auf diese Weise die Eignung der wohltemperierten Stimmung zum Komponieren und Spielen in allen Tonarten. Somit ist das Wohltemperierte Clavier ein regelrechter Meilenstein der Musikgeschichte.


    Aufnahmen gibt es zahlreiche, ich habe jedoch hier eine für Clavichord ausgesucht. Durch dieses leise und intime Instrument ist diese geniale Musik und Bach als Urheber so intensiv präsent, wie auf keinem anderen Instrument. Ralph Kirpatrick spielt sensibel und sehr geschmackvoll, die Aufnahme ist schon etwas älter, aber immer noch eine Besonderheit.

  • Im vierten Teil meiner Bach-Empfehlungen widme ich mich u.a. einigen besonderen Kantaten




    Concerts avec Plusieurs Instruments
    Café Zimmermann


    Egal welche Aufnahmen man von den Orchesterwerken bereits besitzt, diese muss auch einfach dazu. Es ist eine herausragende Interpretation die nochmal durch die die ungewöhnliche Zusammenstellung an Reiz gewinnt.
    Auf den 6 CDs sind folgende Werke in bunter Mischung zu hören:


    die 6 Brandenburgischen Konzerte
    die 4 Orchestersuiten
    die Cembalokonzerte BWV 1052 / 1055 / 1056 / 1061 / 1063 / 1064 / 1065
    die Violinkonzerte in a-moll und Es-Dur
    das Konzert für 2 Violinen in d-moll
    die Konzerte für Hautbois d'amour BWV 1055 / BWV 1053
    das Konzert für Oboe und Violine BWV 1060
    das Konzert für Flöte, Violine und Cembalo BWV 1044


    Jede CD ist als abwechslungsreiches Konzert konzipiert, in einer fabelhaften, flotten, nie gehetzten, glasklaren und nahezu perfekten Interpretation. Der erdige Klang der alten Instrumente, so gekonnt gespielt, ist einfach ein Ereignis.
    Im Prinzip sind auch alle wichtigen Orchesterwerke hier versammelt - und man wird schwerlich bessere Aufnahmen der etwas weniger bekannten Werke finden.




    Johann Sebastian Bach: Bauern- und Kaffeekantate
    The Academy of Ancient Music - Hogwood


    Mit Sicherheit einige der bekanntesten Werke Bachs, und zum sonst eher vorherrschenden humorlosen, eher vergeistigten übrigen Werk mal Ausnahmen mit heiterer Note. Die Kaffeekantate, korrekt als "Schweiget stille, plaudere nicht" BWV 221 ist eine weltliche Kantate auf einen Text von Picander. Im Gegensatz zu den anderen weltlichen Kantaten wird hier jedoch weder auf Mythologie und Allegorie zugegriffen, sondern sie schildert einen Zwist zwischen dem Vater, Herr Schlendrian und seiner Tochter Liesgen. Hier wütet der Vater gegen die Tochter und der Unsitte jeden Tag Kaffe zu trinken.


    Die Bauernkantate, korrekt "Mer hahn en neue Oberkeet" (Wir haben eine neue Obrigkeit) BWV 212, schrieb Bach 1742. Der Text stammte wieder von Picander. Der kurfürstlich-sächsischer Kammerherr, der Erb-, Lehn- und Gerichtsherr Carl Heinrich von Dieskau feierte auf dem Rittergut Kleinzschocher bei Leipzig seinen 36. Geburtstag. Zu diesem Anlass sollten die Bauern ihm eine Huldigung zukommen lassen.
    Die Kantate wurde wohl auf Anregung Picanders (der den Kammerherren als direkten Vorgesetzten hatte) mit Bach verwirklicht - und ist wie so vieles in Bachs Schaffen singulär in der Musikgeschichte.


    Interpretiert werden die beiden heiteren Kantaten durch Emma Kirkby und David Thomas und die Academy of Ancient Music mit Christopher Hogwood. Im Gegensatz zu den vielen anderen Aufnahmen, hält sich hier der Akzent der Sänger doch ganz angenehm in Grenzen, viel wichtiger ist jedoch die natürliche, eher ungekünstelte Art des Gesangs. Angenehme Tempi, Transparenz und die gewohnte Qualität der Academy machen andere Aufnahmen (Collegium Aureum, Tafelmusik) praktisch überflüssig




    Johann Sebastian Bach: Cantatas Profanes
    Akademie für Alte Musik Berlin - RIAS Kammerchor - R.Jacobs


    Was wäre wenn.... Bach doch eine Oper geschrieben hätte ?
    Rene Jacobs schafft es mit den Kantaten "Der Streit zwischen Phoebus und Pan" BWV 201, "Der zufrieden gestellte Aeolus" BWV 2015 und "Herkules auf dem Scheideweg" BWV 213 die ohnehin sehr opernhafte Sujets besitzen, genau diese kompositorische Lücke zu füllen.
    Die 3 Kantaten erfüllen dabei die Funktion von Akten, zusammengestellt in der Art eines Akt-Pasticcios, wie z.B. oft anzutreffen im frz. Opera Ballet.


    Die Interpretation aller Beteiligten ist schlicht atemberaubend, und diese Aufnahme gehört vielleicht zu den Besten die René Jacobs je geglückt ist. Diese Kantaten, einst als Huldigungsmusiken für Fürsten und Prinzen geschrieben, sind wie bei damaligen "Gebrauchsmusiken" üblich (wie sie häufig abwertend genannt werden), von besondere Qualität und Opulenz und stechen sicher aus dem Gesamtschaffen Bachs heraus.





    Johann Sebastian Bach: Kantaten für Bass
    Peter Kooy - La Chapelle Royale - P.Herreweghe



    Es sind wahrscheinlich die 3 bekanntesten Solokantaten Bachs.
    "Ich habe genug" BWV 82
    "Ich will den Kreuzstab gerne tragen" BWV 56
    "Der Friede sei mit Dir" BWV 158


    Es ist eigentlich meine liebste Aufnahme mit Bach Kantaten.
    Die Stimme von Peter Kooy zog mich sofort in ihren Bann, und über die wunderbare Begleitung von Herreweghe und der Chapelle Royale braucht man kaum noch Worte verlieren.
    Akzentfrei, ein angenehmes Timbre und eine wirklich herzzerreißende Interpretation.




    Johann Sebastian Bach: Magnificat BWV 243 / Kantate "Eine feste Burg ist unser Gott"
    Collegium Vocale- La Chapelle Royale - P.Herreweghe



    Ja schon wieder Herreweghe, aber er gehört zu meinen liebsten Interpreten von Bachs Musik.
    Hinzu kommen die Solisten, die einfach keine Konkurrenz haben: Howard Crook, Barbara Schlick,, Agnes Mellon, Peter Kooy, Gerard Lesne - allein dieses Sängerensemble ist schon Kaufgrund genug gewesen, dazu die Chapelle Royale und das Collegium Vocale unter der Leitung von Herreweghe - was will man mehr ?
    Die Interpretation erfüllt alle Erwartungen.
    Für mich gibt es keine bessere Aufnahme des Magnificat BWV 243


  • J.S.Bach: Die Goldbergvariationen
    Andreas Staier


    Einer Anekdote, die vom Bach Biograph Nikolaus Forkel überliefert ist, verdankt die 1741 im Druck erschienene "Clavier Ubung bestehend in einer ARIA mit verschiedenen Verænderungen vors Clavicimbal mit 2 Manualen" ihren späteren Titel "Goldbergvariationen":


    Angeblich soll der russische Botschafter Carl Graf von Keyserlingk unter Schlaflosigkeit gelitten haben, sein Cembalist Johann Gottlieb Goldberg, ein Schüler Bachs, sollte ihm in seinen schlaflosen Nächten mit dem Cembalo unterhalten. So erging der Auftrag .... doch diese Anekdote ist wohl ins Reich der Legenden zu verabschieden:
    Hätte Bach dieses Werk dem Grafen Keyserlingk gewidmet, so wäre auch die schriftliche Widmung und Huldigung in den Druck gegangen. Noch schwerer wiegt jedoch, dass J.G.Goldberg 1741 gerade einmal 13 Jahre alt war.
    Wahrscheinlicher ist, dass dieses Werk der IV. Teil der Clavierübung darstellt.
    Das Werk hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Musikalischen Opfer, auch hier steht ein Thema zu Beginn, über das Bach dann Variation über Variation schreibt und vielleicht eine Ahnung davon gibt, wie Bach zu Lebzeiten improvisierte, bzw was barocke Improvisations- und Variationskunst bedeutete.


    Meine Lieblingsaufnahme, von Andreas Staier. Er überzeugt durch ein nicht zu aggressives Spiel und sein sehr angenehm klingendes Cembalo: Nachbau eines originalen Cembalos (Baujahr 1734) von Hieronymus Albrecht Hass von Anthony Sidey.
    Ein Instrument das fast schon zu zarten clavichordartigen Tönen fähig ist und dann wieder mit aller Pracht und Wucht daherkommt.





    J.S.Bach: Die Goldbergvariationen (Arragement Dimitri Sitkovetsky)
    Britten Sinfonia, Thomas Gould


    Hierbei handelt es sich um ein Arrangement der Goldberg-Variationen für Streicherensemble.
    Eine Bearbeitung von Dimitri Sitkovetsky für Streichertrio, die noch mal für ein mittelgroßes Streicherorchester erweitert wurde.
    Würde ein richtige Barockensemble spielen, wäre das Ganze sicher noch reizvoller - aber durch die modernen Instrumente wird auf der anderen Seite betont, dass es sich um ein zeitgenössisches Arrangement handelt.
    Es ist auch völlig egal - die Goldbergvariationen auf diese Weise zu erleben, ist nicht nur extrem reizvoll, sondern einfach ein Erlebnis.
    Die Britten Sinfonia bemüht sich um einen sehr transparenten Klang, verzichtet auf Vibrato und romantischen Schwulst und spielt im Prinzip historisch informiert.




    J.S.Bach: Die Französischen Suiten
    Blandine Rannou


    Bach kannte und beherrschte den französischen Stil, das beweisen nicht nur die 4 Orchestersuiten, die Suiten für Violoncello (Viola da Basso = Viola da Gamba) sondern auch diese 6 Suiten, die er in französischer Sprache als "Suites pour le clavessin" benannte.


    Wie in Frankreich üblich werden Suiten für kammermusikalische Kompositionen nie mit einer Ouvertüre eröffnet, sondern stets mit einer, an Improvisation anmutenden, Prélude.
    Bach geht jedoch noch einen weiteren Schritt zurück und wählt als Eröffnung die Allemande, wie dies bei vielen Cembalosuiten der 1. Hälfte des 17. Jahrhunderts üblich gewesen ist (Froberger, Chambonnières...)
    Danach folgen die Tanzsätze, bei Bach in strenger konservativer Ordnung, die Suiten werden allesamt mit einer Gigue beschlossen - was ebenfalls eine traditionelle Regel war. Wie bei den Suiten für Violoncello verzichtet er auch hier auf die in Frankreich damals so beliebten freien Charakterstücke, dort oft mit oft phantasievollen Namen bezeichnet, und konzentriert sich allein auf die Tanzsätze.
    Doch diese vielen Tanzsätze sind alles andere als konventionell.


    Blandine Rannou spielt auf einem herrlichen Cembalo, eine Kopie von Anthony Sidey, nach einem Original von Ruckers-Hemsch.
    Sie legt eine rundum gelungene Interpretation vor - keine unangenehmen Extravaganzen, hörbarer, französischer esprit, und Geschmack.




    J.S.Bach: Die Kunst der Fuge
    Hesperion XXI -Jordi Savall


    Der Titel dieser Sammlung von Fugen stammt von Bachs Schüler und Schwiegersohn, Johann Christoph Altnikol, Nikolaus Forkel schrieb über den Sinn dieses Werks „was möglicher Weise über ein Fugenthema gemacht werden könne. Die Variationen, welche sämmtlich vollständige Fugen über einerley Thema sind, werden hier Contrapuncte genannt


    Wie so oft bei Bachs Werken, und hier noch mehr, reden sich die Musikwissenschaftler die Köpfe heiß, für welche Instrumente diese Sammlung gedacht war - oder ob es gar nur theoretisches Material gewesen sei. Wahrscheinlich ist auch, dass diese Sammlung als Teil V. der Clavierübung Verwendung finden sollte, hätte er sie beenden können.


    Jordi Savall hat einen ganz anderen Ansatz, er sieht die extrem konservative Kompositionen und ihre Parallelen mit Werken von Scheidt, Frescobaldi, Froberger.... und instrumentiert mit ebensolchem Instrumentarium wie in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts üblich gewesen.
    Das mag musikhistorisch völliger Quatsch sein, denn viele der Instrumente waren um 1740, als das Werk entstand, längst aus der Mode und vergessen. Und doch ist es diese Aufnahme, diese Interpretation die mich bisher musikalisch am meisten überzeugte (was nicht unerheblich an meinem Faible für die Musik des 17. Jahrhunderts hängt.)
    So wird man an die altenglischen Consorts erinnert, an frühen Sonaten eines Gabrieli oder Marini.
    So erklingen Gamben, Schalmeien, Posaunen... und mir ist keine andere Aufnahme bisher untergekommen, bei der eine solche Transparenz erzielt wird, so dass die unterschiedlichen Stimmen, die Kontrapunktik so gut zur Geltung kommt.
    Aber das Wichtigste, rein von der musikalischen Seite, ist es einfach sehr farbig, abwechslungsreich und stimmungsvoll.





    J.S.Bach: Orchestralsuites for a Young Prince
    Ensemble Sonnerie - Monica Huggett


    (bitte die dämliche amazon Rezension ignorieren, die Aufnahme ist großartig - sonst würde ich sie hier nicht listen - und für die Dummheit eines Kunden und die fehlende Fähigkeit des Lesens was auf dem Cover steht, kann Monica Huggett nun wirklich nichts)


    Zurück zu dieser Aufnahme:
    Sie wagt den Versuch, nach den Forschungsthesen eines Rifkin, Rampe u.a. die Suiten in ihrer möglichen Urfassung zu spielen.
    Das bedeutet, die 2. Suite erklingt nun in a-moll und als Soloinstrument erklingt nun eine Oboe: das Ergebnis ist phantastisch - das ist der originale französische Stil !
    Auch wird noch eine Kleinigkeit berichtigt, aus der Badinerie wird eine Battinerie (ein wohl uralter Schreibfehler) und verändert damit auch völlig den Charakter dieses abschließenden Stücks. Auch wird in der Kürze des Bookletts sehr logisch erklärt, wieso Bach wohl die Suite für Traversflöte umschrieb. Ein tolles Experiment, das mich zumindest absolut überzeugt !
    Auch die Suiten 3 und 4 wurden auf ihren möglichen Ursprung zurückgeschnitten - das mag nicht jedem gefallen, aber es ist doch sehr plausibel und reizvoll: In erster Linie sind die Trompeten und Pauken gestrichen. Die Suiten verlieren dadurch natürlich ihren pompösen Charakter, gewinnen aber gleichzeitig mehr Eleganz und Esprit zurück.
    Eine Aufnahme die sicher kein Alleinstellungsanspruch erhebt, aber eine extrem interessante Alternative zu den bekannten Werken und Interpretationen darstellt und dadurch viel Spaß macht.
    Tolle Aufnahme !





    J.S.Bach: Trio Sonatas
    Rare Fruits Council - Manfredo Kraemer


    Es erklingen die Werke:


    BWV 527
    BWV 1029
    BWV 1030
    BWV 1037
    BWV 1044


    Hier handelt es sich um Arrangements und Parodien - für eine typisch barocke Kammermusikformation. Bemerkenswert ist der doppelt besetzte Bass im Orgel und Cembalo.
    Das Boocklett klingt ein wenig nach Rechtfertigung - dafür gibt es keinen Grund, alles im Rahmen der barocken Praxis, wunderbares Arrangement und Interpretation.




    J.S.Bach: Violinkonzerte
    The English Concert - T. Pinnock


    Von diesen Konzerten herrscht, wie bei den meisten Werken Bachs, kein Mangel an Aufnahmen. Ich kenne sicherlich auch nicht alle, jedoch die meisten mit alten Instrumenten.
    Die Aufnahme mit dem English Concert ist mir doch immer noch die liebste.
    Simon Standage spielt die 1. Violine, Elizabeth Wilcock die Zweite.

  • Gluck gilt als der große Opernreformer, doch außer seinem "Orfeo" sind kaum Werke von ihm einem breiteren Publikum bekannt.
    Mittlerweile sieht es auf dem Plattenmarkt recht gut aus, so, dass man sich auch von dem großartigen Schaffen dieses großen Komponisten ein umfassendes Bild verschaffen kann.





    Christop Willibald Gluck: La Clemenza di Tito, Opera Seria 1753
    L'Arte del Mondo - Werner Erhardt


    Es ist einfach aufregend diesen völlig anderen Gluck zu erleben - noch hat er die Ideen der Opernreform nicht umgesetzt. Sein Tito ist ganz im Zeitgeist der Empfindsamkeit geschrieben und eine reine Opera Seria - und die Oper hat eine Beachtliche Länge: 4 Stunden ! So benötigt diese großartige Aufnahme auch 4 CDs. Erfreulicherweise sind nur wenige Striche bei den Rezitativen gemacht worden - man kann also das Werk im Grunde in seiner Gänze erleben - und Tito ist ein Meisterwerk, bei dem sich das auch lohnt.




    Christop Willibald Gluck: Don Juan 1761
    Tafelmusik - Bruno Weil


    Glucks berühmte Ballett-Pantomime, damals in Zusammenarbeit mit dem Choreographen Noverre entstanden, leitete seine Ambitionen für eine gründliche Reform der Bühnenwerke ein.
    Don Juan ist ein reines Handlungsballett - nur Musik, keine Texte, keine Chöre.
    Zuerst verspottet, doch dann gefeiert. Der Furientanz des Balletts wurde später von Gluck für seine frz. Fassung des Orfeo adaptiert.
    Die Aufnahme des Ensembles Tafelmusik lässt keine Wünsche offen und ist konkurrenzlos.





    Christop Willibald Gluck: Orfeo ed Euridce, 1762
    Michael Chance, Nancy Argenta, Stefan Beckerbauer
    Kammerchor Stuttgart
    Tafelmusik - Frieder Bernius


    Es gibt neuere Aufnahmen, doch keine fesselte mich so sehr wie diese Aufnahme - und sie wird wohl auch zukünftig ohne Alternative bleiben.
    Michael Chance als Orfeo ist perfekt besetzt, die klagende, etwas weinerliche Stimme von Chance passt zu dieser Partie, die jugendlich klingende Nancy Argenta vermittelt den Liebreiz den Euridice wohl besessen haben muss. Als Amore setzt Bernius einen Knabensopran ein, so wie auch von Gluck gewünscht.
    Somit ist diese Aufnahme auch an den damaligen Aufführungsgegebenheiten am nächsten dran. Hervorragend der Stuttgarter Kammerchor und das Ensemble Tafelmusik.
    Die ganze Radikalität der Partitur wird ausgeleuchtet und




    Paride ed Elena, 1770
    Magdalena Kozená, Susan Critton
    Gabrieli Consort & Players - Paul McCreesh


    Glucks 3. Reformoper in italienischer Sprache.
    Dieses Meisterwerk ist heute fast völlig vergessen, dabei stellt es den Abschluss der Bestrebungen Glucks dar, die italienische Opera Seria zu reformieren: Die Radikalität des Orfeo ist hier natürlich nicht mehr so brachial zu spüren, aber das Werk ist musikalisch dichter, Chöre und Ballett fügen sich symbiotisch in das Gesamtgefüge und Arien von unerhörter Schönheit begeistern von der ersten bis zur letzten Minute.





    Gluck: Iphigenie en Aulide, 1774
    J.E.Gardiner


    Gluck schrieb zwei Opern mit Iphigenie im Titel, es kommt daher auch schnell zu Verwechslungen.
    Anders als beim Orfeo sind die beiden "Iphigenien" gänzlich unterschiedliche Werke.
    Diese erste Iphigenie wurde zur Krönungsoper der beiden jungen französischen Monarchen.
    Marie Antoinette hatte sich dafür eingesetzt, dass Gluck nach Paris kam, Antoine Dauvergne als Chef der Academie Royale wurde zum größten Unterstützer Glucks. Es war auch die erste Oper, die in Paris von Gluck gespielt wurde - und nach anfänglicher Irritation während der Aufführung wurde das Wagnis mit tobendem Applaus belohnt - man sah in dieser Oper ein Zeichen, dass vielleicht mit den beiden neuen Monarchen auch eine neue Epoche anbrechen würde.
    Dauvergne gab bei Gluck 5 weitere Werke in Auftrag - diese Werke sollten die französische Musikgeschichte für immer verändern: die frz. Fassungen von Orfeo ed Euridice und Alceste, dann "Armide" auf das Libretto Quinaults, das einst Lully vertonte - damit ein Frontalangriff auf die frz. Operntradition und schließlich sein radikalstes Werk "Iphigenie en Tauride".
    "Echo e Narcisse" seine letzte Oper für Paris war hingegen ein Misserfolg.


    Leider gibt es von der 1. Iphigenie noch keine Aufnahme auf historischen Instrumenten, dies ist aber im vorliegenden Fall zu verschmerzen, da das Ensemble unter Gardiners Leitung eine hervorragende Interpretation gelungen ist.





    Christoph Willibald Gluck: Orphée edt Eurydice, 1774
    Richard Croft, Mireille Delunsch, Marion Harousseau
    Les Musiciens du Louvre - Marc Minkowski



    Orphée et Eurydice, also die frz. Fassung des Orfeo von 1762 unterscheidet sich massiv von der früheren Version. Die Rolle des Orfeo ist nun nicht mehr für einen Kastraten eingerichtet, sondern für einen Tenor. Zudem wurden Arien hinzugenommen und weitere Ballette.
    Im gleichen Jahr arrangierte Johann Christian Bach den Orfeo von 1762 für die Mailänder Oper. Leider gibt es von dieser Fassung keine offizielle Aufnahme - denn auch diese Bearbeitung ist extrem reizvoll, da Bach sämtliche reformatorische Radikalität zurücknimmt.
    Bei dieser Fassung kann man nur von einer Traumbesetzung sprechen, sowohl was die Sänger als auch Chor und Orchester anbelangt.





    Christoph Willibald Gluck: Alceste, 1776
    Ann Sophie von Otter
    The Monteverdi Choir - The English Baroque Soloists - John Eliott Gardiner


    Glucks dramatischste Oper, er hat selbst bedenken, dass das Werk zu finster sei.
    Da auch noch generell Bedenken bestanden, wie das Publikum reagieren könnte, vertonte er nicht Quinaults Text zu Lullys gleichnamiger Oper, sondern nahm die Dichtung von François Gand-Leblanc du Roullet, deren italienische Übersetzung einst Calzabigi für die erste Alceste (Wien, 1767) anfertigte.
    Und in der Tat ist diese Oper düster, wuchtig und extrem dramatisch - aber das wa zugleich auch das Erfolgsrezept.
    Auch hier kann man nur dankbar sein, für dieses großartige Ensemble unter der Stabführung Gardiners.




    Christoph Willibald Gluck: Armide, 1777
    Mireille Delunsch
    Les Musiciens du Louvre - Marc Minkowski


    Gluck riskierte hier Kopf und Kragen, denn er vertonte hier ein regelrechtes Nationalheiligtum, das Libretto zu Lullys "Armide" von 1686, das nach wie vor als Ideal der frz. Oper galt. Viele Komponisten hatten es gewagt die Libretti von Quinault, die einst für Lully geschrieben wurden, neu zu vertonen. Das Publikum strafte diese Anmaßung dermaßen, dass im Prinzip die Karriere des "Ketzers" für beendet erklärt wurde. Es ist Glucks reinste Tragèdie Lyrique, und das Werk ist besonders reizvoll, wenn man auch das große Vorbild kennt.
    Auch hier wieder eine Traumbesetzung.





    Gluck: Iphigenie en Tauride, 1779
    Mireille Delunsch
    Les Musiciens du Louvre - Marc Minkowski


    Glucks vorletzte große Oper für Paris und auch seine radikalste.
    Das Werk ist Marie Antoinette gewidmet.
    Gluck wirft hier alle Konventionen über den Haufen: Ouvertüre ? Nö es geht direkt los mit einer brachialen Sturmszene und einem dramatischen Chor.
    Auch die weitere Oper ist dramatisch, Intrigen, ein fast vollzogenes Menschenoper, eine Kerkerszene, Orakelszene, Traumszene, selbst eine Schlacht - also alles was die barocke Oper so zu bieten hat. Die Handlung ist straff, aber fesselnd und das antike Drama wird so zum Leben erweckt.


    Und auch hier wieder das Team unter Minkowski mit Mireille Delunsch in der Hauptrolle.

  • Instrumentalmusik


    Mozarts Werke poste ich hier nach Möglichkeit nur in Aufnahmen mit historischen Instrumentarium.




    W.A.Mozart: Complete Clavier Sonatas
    Arthur Schonderwoerd


    Mozarts Claviersonaten sind vielleicht seine intimsten Werke überhaupt, und es gibt viel zu entdecken. Diese Aufnahmen mit Schonderwoerd haben alles in den Schatten gestellt, was bisher zu haben war - nicht nur weil er sich an das hält, was wirklich in der Partitur steht, sondern weil hier auch ausschließlich Instrumente der Zeit verwendet wurden, verschiedene Fortepianos und auch Clavichord.




    W.A.Mozart: Sonaten für Violine und Clavier
    Rachel Podger (Violine) Gary Cooper (Fortepiano)


    Auch hier bewirken die alten Instrumente und die gekonnte Spielweise, dass man diese Werke gänzlich neu erlebt und davon auch mitgerissen wird.




    W.A.Mozart: Cembalokonzerte / Clavierstücke
    Le Concert Française - Pierre Hantaï


    Eine besondere Aufnahme, Mozarts frühesten Clavierkonzerte auf Cembalo und passendem Ensemble. Dazu noch seine frühesten eigenen Kompositionen, ebenfalls auf Cembalo zu hören und phantastisch von Pierre Hantaï gespielt.




    W.A.Mozart: Klarinettenquintett
    Quatuor Mosaiques


    Das berühmte Klarinettenquintett - gespielt auf einer echten Bassettklarinette und begleitet von dem genialen Quatuor Mosaiques - ein Genuss von der ersten bis zur letzten Minute - eine der besten Mozart CDs überhaupt!




    W.A.Mozart: Streichquartette
    Quatuor Mosaiques


    Für mich sind die Aufnahmen des Quatuor Mosaiques mit den Streichquartetten und Quintetten Mozarts unerreicht. Elegant, kernig und ohne Makel.




    W.A.Mozart: Eine kleine Nachtmusik / + Salzburger Sinfonien (Divertimenti)
    Drottningholm Baroque Ensemble


    Für mich die beste Aufnahme aller Werke. Die Aufnahme ist ein wirklicher Glücksfall.
    Der besondere Reiz macht auch das Cembalo im Continuo für die 3 Divertimenti aus, bei der kleinen Nachtmusik hat man darauf verzichtet. Unwahrscheinlich guter transparenter Klang, mit herrlichen Instrumenten.




    W.A.Mozart: Serenade 'Grand Partita'
    Zefiro


    Das Ensemble setzt sich aus historischen Holzblasinstrumenten zusammen - ein Klang den man mit modernen Instrumenten niemals erreicht. Und so wird man auch dieses altbekannte Werk so erleben, als sei es das erste Mal.




    W.A.Mozart: Klarinettenkonzert / Oboenkonzert
    The Academy of Ancient Music - C.Hogwood


    Für mich die schönste Aufnahme des Klarinettenkonzerts (auch hier wird eine echte Bassettklarinette verwendet) Der gewohnt elegante und warme Klang der Academy passt hervorragend dazu.




    W.A.Mozart: Violinkonzerte
    Simon Standage - The Academy of Ancient Music - C.Hogwood


    Auch hier wieder die Academy unter Hogwood. Simon Standage ist natürlich ein Glücksfall, wunderbar elegant, ohne Makel und Extravaganzen.




    W.A.Mozart: Kirchensonaten
    The King's Consort - R.King


    eher unbekannte Werke - aber zu unrecht, die "Epistle Sonatas" sind fast kleine Sinfonien für Orchester - nur mit dem Unterschied, dass die Orgel eine größere Rolle spielt.
    Herrliche Werke die man unbedingt gehört haben muss !




    W.A.Mozart: Die Sinfonien
    The Academy of Ancient Music - C.Hogwood


    Die bisher umfangreichste und vollständigste Gesamtaufnahme und auch die Beste.
    Das wird mir bei jedem neuen hören immer wieder bewusst.
    Glücklicherweise befinden sich auch die Sinfonien mit auf der Aufnahme, bei denen eine Zuschreibung nicht sicher ist, bzw. widerlegt wurde. Oft heißt dies dann, dass betreffende Werke im Orkus verschwinden und nie wieder gespielt werden.



    W.A.Mozart: Die Clavier Konzerte
    Malcolm Bilson - The English Baroque Soloists - J.E.Gardiner


    Wahrscheinlich wird diese Gesamtaufnahme irgendwann von Schonderwoerd abgelöst, wenn er seine Gesamtaufnahme vollendet hat - doch bis dahin ist dies die No.1.
    Zwar gibt es auch sehr schöne Aufnahmen von Immerseel und Sofronitzki, aber letztlich hat Gardiner mit Bilson doch die Nase vorn: Angefangen vom Clavier, dem Orchester und den angemessenen Tempi - einfach unerreicht - und auch Schonderwoerd wird es schwer haben.




    W.A.Mozart: Concertos für 2 und 3 Claviere
    Salzburger Hofmusik


    Die unverzichtbare Ergänzung zu den Solokonzerten. Die Konzerte für 2 und 3 Claviere.
    Die Aufnahme dieser beiden Konzerte mit der Salzburger Hofmusik ist die mit Abstand aufregendste die ich je hörte. 3 Hammerflügel zusammen sind ohnehin schon ein Ereignis, Fortepianos:
    Wolfgang Brunner (Kopie nach A.Walter ca. 1790 Wien)
    Florian Birsak (Kopie nach A. Walter ca. 1791 Wien)
    Leonore von Stauss (Kopie nach J.J. Könnicke um 1790 Wien)




    zum Abschluss noch 2 ganz besondere Aufnahmen.
    Es handelt sich hier um einmalig schöne Interpretationen des Trios Bassetto, einer Bläserformation die mit viel Witz und esprit regelrechte musikalische Geschichten erzählen.



    Mozart et les Bohemiennes
    Trio di Bassetto



    Prague, les dernières vendanges
    Trio di Bassetto


    Die Aufnahmen sind mit vielen Werken anderer Komponisten durchsetzt, auch anonymen Werken aus der Zeit um 1790. Mozart in Prag ist das bestimmende Thema beider Cds. Die Aufnahmen beschreiben Festlichkeiten, Bälle, Partys und Messmer-Seancen (K.617, für Glasharmonika) - eben alles was man in der Gesellschaft Ende des 18. Jahrhunderts tat um sich zu amüsieren. Es sind Instrumentalstücke, Lieder (eine bessere Version von KV 517 'die Alte' wird man nicht finden) , Tänze die das Programm bestimmen.
    Ein farbiger und unvergleichlicher Bilderbogen von Mozarts musikalischem Umfeld, aus Handschriften zu neuem Leben erweckt.


    :jubel::jubel::jubel::jubel::jubel:

  • DIE OPERN


    Opern von Vivaldi haben einen noch schlechteren Ruf als die unzähligen Concerti.
    Dass dies wieder mal völlig unberechtigt ist, sollte sich schon aus der Vielzahl der Opernaufnahmen ergeben, die in den letzten Jahren erschienen sind.
    Der Löwenanteil ist bei Naive in der Vivaldi Edition erschienen, zu erkennen an den sehr künstlerischen Portraits auf den Covern.
    Man sollte hier auch unbedingt einen Blick auf die Ausführenden werfen - das sind keinesfalls Billigproduktionen, sondern hier agieren Italiens Spitzenensembles der alten Musik mit vielen Opernstars.
    Und daher ist es schwer nur eine kleine Auswahl zu treffen - aber warum auch ? Tolle Opern, tolle Musik, tolle Interpretation.






    A.Vivaldi: Ottone in villa, Drama per Musica 1713
    Il Giardino Armonico - G.Antonini


    Vivaldis erste Oper, noch haben sich die monumentalen Seria Arien nicht gänzlich durchgesetzt. Und wie bei Händels Erstling, erlebt man auch hier noch einen etwa ungeschliffenen Vivaldi - aber schon ganz die typische Musiksprache.
    Die Arien werden mit dem nötigen Tempo recht scharf angegangen, was aber bei Vivaldi fast immer gut kommt, besonders schön, dass auch die Rezitative gut gestaltet sind.
    In der Arie "L'ombre, l'aure, e ancora il rio" klingen bereits die 4 Jahreszeiten an - Passagen daraus wurden später wohl 1:1 übernommen
    Auch andere Arien überraschen mit atemberaubender Schönheit.





    A.Vivaldi: Tito Manilo, Drama per Musica 1719
    Accademia Bizantina - O.Dantone


    Tito Manilo ist opulent besetzt neben dem typischen Streicherorchester kommen auch noch zahlreiche Bläser hinzu: Trompeten, Hörnern, Oboen, Fagott und Blockflöten.
    Tito ist eine Hofoper, komponiert für die 2. Hochzeit seines großen Verehrers und Förderers, Philipp von Hessen-Darmstadt, dem Gouverneur von Mantua. Bei ihm war Vivaldi auch Hofkapellmeister.
    Ein entsprechend furioses Werk kann man also erwarten.
    Mit den Sängerinnen Karina Gauvin, Ann Hallenberg, Marijana Mijanovic u.a. hat Dantone mit seinem Ensemble Accademia Bizantina ein extrem gutes Ensembles zusammengetrommelt. So ist diese Aufnahme auch in fast allen Belangen der alternativen Aufnahme bei CPO überlegen.





    A.Vivaldi: Ercole su'l Termodonte, Drama per Musica 1723
    L'Europe Galante - F.Biondi


    Eine Oper die erst vor wenigen Jahren in der Bibliothek in Münster entdeckt wurde und musste natürlich entsprechend rekonstruiert werden.
    Thema der Oper ist eine der 12 Aufgaben des Herkules: Die Konfrontation mit Antipoe, der Königin der Amazonen.
    Also viel Raum für spektakuläre Bühnen- und Musikeffekte
    Was diese Opernaufnahme so spektakulär macht, dass sind die Sänger:
    Vivica Genau, Philippe Jarrousky, Jocy di Donato, Diana Damrau und Roland Villazon u.a.
    Dazu eine opulente Besetzung des Orchesters samt Pauken und Trompeten.
    Da staunt man von der Ouvertüre an bis zum Schlusschor - diese Aufnahme ist ein Muss !





    A.Vivaldi: Orlando Furioso, Drama per Musica 1727
    Ensemble Matheus - J.C.Spinosi


    Wahrscheinlich Vivaldis bekannteste Oper, da sie als einzige schon in den 70er Jahren aufgenommen wurde (Scimone / ERATO, 1978) Und im Gegensatz zu seiner ersten Vertonung des Orlando-Stoffes (Orlando finto pazzo) kein Misserfolg. Orlando Furioso gilt heute noch immer als Vivaldis Meisterwerk im Genre Oper.
    Auch hier erwartetet den Hörer eine hochkarätige Besetzung: Jennifer Larmore, Marie Nicole Lemieux, Philippe Jarrousky, Veronica Cangemi, Ann Hallenberg u.a.
    Das Ensemble Matheus ist schon arg rabiat unterwegs - aber es kommt einfach gut rüber - und die Wahnsinnsszenen des Orlando verlangen das auch.





    A.Vivaldi: La Fida Ninfa, Drama per Musica 1732
    Ensemble Matheus - J.C.Spinosi


    Eine weitere Barocke Prunkoper Vivaldis, "La Fida Ninfa" ist opulent instrumentiert, wieder mit zusätzlichen Bläsern bis hin zu Pauken und Trompeten. Das Werk wurde für die Eröffnung des Opernhauses in Verona in Auftrag gegeben und wenige Jahre später auch am Kaiserhof in Wien aufgeführt.
    Auch hier wird wieder eine phantastische Sängerriege aufgefahren: Sandrine Piau, Veronica Cangemi, Marie Nicole Lemieux, Lorenzo Regazzo, Philippe Jarrousky u.a. - was will man noch mehr.
    Dazu das fetzige Spiel des Ensemble Matheus unter Spinosi - ein absolutes Fest.





    A.Vivaldi: Griselda, Drama per Musica 1735
    Ensemble Matheus - J.C.Spinosi


    Griselda ist vielleicht Vivaldis schönste Oper, einige Arien wie z.B. " Ombre vane, inguisti orrori" oder das furiose "Agitata da due venti" gehen nicht mehr aus dem Kopf.
    Spinosi hat auch bei dieser Aufnahme wieder große Namen zu einem Ensemble vereint:
    Simone Kermes, Veronica Cangemi, Marie Nicole Lemieux, Philippe Jarrousky u.a.



    In dieser großartigen Serie von Operngesamtaufnahmen Vivaldis gibt es noch weitere zahlreiche Schätze zu entdecken - es lohnt sich unbedingt!

  • Bühnenwerke




    W.A.Mozart: Mitridate, re di Ponto
    Les Talens Lyriques - C.Rousset


    Auf CD nach wie vor die Referenz. Das Ensemble Talens Lyriques bedarf kaum einer Vorstellung, Christophe Rousset sowieso nicht. Mit Cecilia Bartoli und Natalie Dessay sehr prominent besetzt. Wäre jetzt noch in der Titelpartie Richard Croft (DVD Les Musiciens du Louvre / Minkowski besetzt gewesen - die DVD ist ohnehin die erste Wahl wenn es um diese Oper geht) wäre diese Aufnahme der große Wurf. Leider bleibt Giuseppe Sabatini hinter den Erwartungen zurück - ist aber verschmerzbar.


    Bei Mitridate, re di Ponto handelt es sich noch um eine herkömmliche Opera Seria, und um eine der frühesten Opern Mozarts (1770 - also im Alter von 15 komponiert ! )
    Doch das hört man dieser Oper nicht an, sie stellt die meisten anderen Werke ihrer Zeit in den Schatten, egal ob Gluck, Jommelli, Myslivecek oder Galuppi. Mitridate, re di Ponto ist ein Meisterwerk!




    W.A.Mozart: La Finta Giardiniera
    Freiburger Barockorchester - Rene Jacobs


    Die Oper hat keinen guten Ruf, zu lang, zu langweilig...
    Nach anhören dieser Interpretation wird man so etwas nie wieder glauben oder sagen.
    Mozart schrieb diese Opera Buffa für München für den Karneval 1775, zwar nicht für den Hof, sondern für das Salvatortheater, das öffentliche Opernhaus der Stadt. Der Intendant war Graf Seeau, der auch wahrscheinlich die Oper in Auftrag gab.
    Die arg reduzierte Instrumentierung der Partitur ist wohl auch auf diesen Umstand zurückzuführen.
    Jacobs wählt eine Fassung aus Prag (Námešt-Partitur), wohl um 1795 entstanden. Hier ist auch eine vielfältige Bläserbesetzung ausgeschrieben, und auch einige Längen bei den Rezitativen sind gekürzt.
    Was soll man sagen, es war eine kluge Entscheidung diese farbige Partitur umzusetzen, es mag zwar nicht die Originalversion von 1775 sein, doch das empfindet man nach Anhören dieser großartigen Aufnahme keinesfalls als Verlust.





    W.A.Mozart: Idomeneo, re di creta
    Croft / Fink / RIAS Kammerchor / Freiburger Barockorchester / Rene Jacobs


    Idomeneo, re di Creta wurde ebenfalls für München geschrieben, jedoch diesmal für das Residenztheater, also den Hof.
    Idomeneo ist eigentlich keine gewöhnliche Opera Seria mehr, sondern gehört mit zu jenen Werken, die stark von Glucks Opernreform beeinflusst sind: In erster Linie die Loslösung vom 'Rezitativ - Arie - Rezitativ - Arie Schema' und gleichzeitig die Einbeziehung frz. Stilelemente wie durchkomponierte Szenen, Ballette und Choreinlagen.
    So ist Idomeneo vielmehr eine 'ital. Tragèdie Lyrique', ähnlich wie die Werke der 1760er Jahre die von Jommelli für den Hof in Stuttgart geschrieben wurden.


    Als die Oper 1781 zur Uraufführung kam, war die Resonanz gemischt.
    Mozart hatte im Vorfeld viel streichen müssen, Arien vereinfachen und umschreiben müssen, da der alternde Star Anton Raaf lange über seinen Zenit hinaus war.
    Weitere Änderungen betrafen das Textbuch, das der Salzburger Hofkaplan Varesco aus dem frz. übersetze. Das ursprüngliche Libretto von danchet wurde von André Campra vertont und beinhaltet auch ein tragisches Ende.
    Von der Oper Idomeneo, re di Creta existiert eine so genannte 'Münchener Fassung' mit den zahlreichen Strichen und eine 'Wiener Fassung' die Jahre später für ein Liebhaberpublikum zur Aufführung kam.


    Eine nahezu ideale Aufnahme, zwar ist auch Gardiners Idomeneo großartig, aber mit Richard Croft in der Titelrolle und den detaillierten Details in den Rezitativen doch einen Schritt voraus. Gardiner wie Jacobs verwenden im Continuo statt einem Cembalo ein Fortepiano - für mich ein Minuspunkt, da ich mir hier ein Cembalo gewünscht hätte. Natürlich sind auch die gestrichenen Arien und Szenen enthalten.





    W.A.Mozart: Die Entführung aus dem Serail
    Akademie für Alte Musik / RIAS Kammerchor / Rene Jacobs


    Eine großartige Aufnahme, sowohl von der musikalischen als auch der schauspielerischen Umsetzung. Nahezu akzentfrei und extrem verspielte Gestaltung der Arien und Dialoge.
    Die Dialogszenen werden in der ungekürzten Originalfassung gespielt, und nicht selten von Improvisationen am Fortepiano untermalt (diverse Sonatenfragmente dienen da als psychologische Aufhänger).
    Die Akademie für Alte Musik gibt alles, und es ist schlicht ein Fest. Mozart entstaubt.





    W.A.Mozart: Le nozze di Figaro
    Concerto Köln - René Jacobs


    Und wieder René Jacobs ! Da können auch neuere Aufnahmen nicht gegen ankommen.
    Nicht nur dass das Concerto Köln besser und knackiger spielt, Jacobs hat auch die deutlich besseren Sänger.
    Bestes Beispiel: Gegen eine Veronique Gens hat eben kaum jemand eine Chance. Und natürlich ist das Continuo wesentlich präsenter und origineller (Fortepiano).




    W.A.Mozart: Don Giovanni
    Freiburger Barockorchester - René Jacobs


    Mit Mozarts Don Giovanni tat ich mich extrem schwer, aufgrund der pathetischen Sicht des 19. Jahrhunderts, die noch Heute oft die Interpretation dieser bösen Komödie bestimmt.
    Das Thema dieser Oper ist aber so nie gemeint gewesen - die Umdeutungen im 19. Jahrhundert in einen Fatalismus haben daraus eine romanische dramatische Oper gemacht. Doch Don Giovanni ist ein dramma giocoso, wie Cosi fan tutte, eine Opera buffa - nix anderes.
    Die bisher einzige Aufnahme die mich jetzt begeistern konnte, ist jene von Rene Jacobs.
    Junge Stimmen - das ist mehr als elementar, es klingt spontan, undramatisch, echtes Musiktheater eben.




    W.A.Mozart: Cosi fan tutte
    Concerto Köln - René Jacobs


    Ja schon wieder René Jacobs.
    Seine erste Mozartoper ist nach wie vor Stilbildend für seinen Mozart-Zyklus gewesen und steht keinesfalls hinter den späteren Aufnahmen zurück. Sie klingt noch genau so revolutionär und frisch wie zur damaligen Veröffentlichung. Die versammelten Sänger Veronique Gens, Bernarda Fink, Werner Güra etc. sind einfach nur großartig.
    Da können auch derzeitige Neuveröffentlichungen nicht mithalten.




    W.A.Mozart: die Zauberflöte
    Akademie für Alte Musik Berlin - René Jacobs


    Eine Sensation, anders kann man diese Aufnahme nicht nennen.
    Zum ersten mal sind die vollständigen Originaldialoge zu hören, ungekürzt und phantasievoll ausgestaltet - wie dies auch später bei der "Entführung aus dem Serail" getan wurde. Auch wird größtenteils akzentfrei gesungen und gespielt, Papageno (Daniel Schmutzhard) wienert recht passend.
    Musiktheater wird regelrecht zu einem Hörspiel. Die Aufnahme stellt durch ihre Vielseitigkeit, ihr Tempo, ihre Detailverliebtheit und Hingabe selbst die großartige Aufnahme von William Christie in den Schatten - jedoch nur knapp.




    W.A.Mozart: La Clemenza di Tito
    Freiburger Barockorchester - René Jacobs


    Auch bei Clemenza di Tito empfehle ich René Jacobs. Die oftmals stiefmütterlich behandelten Rezitative werden hier ernst genommen und mit der gleichen Liebe zum Detail musikalisch umgesetzt.
    Wie oft werden sie gestrichen (weil sie nicht von Mozart stammen) oder durch Dialoge ersetzt um nicht in den verdacht einer langweiligen Opera Seria zu geraten. Überhaupt hat Mozarts letzte Oper diesen Ruf.
    Jacobs revidiert dies völlig, indem er die vorromatische expressivität des werkes voll auskostet und auch rüber bringt.
    Die Sänger, allen vorran Mark Padmore und Bernarda Fink überzeugen auf ganzer Linie.

  • geistliche Musik





    W.A.Mozart: Requiem in d-moll
    Musica Eterna - T.Currentzis


    Eine der neueren Aufnahmen des wohl bekanntesten sakralen Werkes Mozart. Und was für eine.
    Es gibt natürlich schon eine ganze Reihe großartiger Aufnahmen, die mich am meisten beeindruckten waren Les Arts Florissants / W.Christie, La Grande Ecurie et la Chambre du Roy – J.C.Malgoire (nach wie vor eine meiner liebsten Aufnahmen), Le Concert des Nations / J.Savall.
    Aber diese hier hat es wirklich in sich und ist, nach dem was ich bisher von ihm hörte, Currentzis gelungenste Aufnahme. Das Orchester, die „Sibirian Singers“ sind einfach brutal: Es ist kein tröstendes Requiem mehr, sondern ein schreckendes das einem die Verdammnis und die Hoffnungslosigkeit ungeschönt um die Ohren schlägt.
    Besonders reizvoll ist der Einbau der Amen-Fuge nach dem Lacrimosa (also nach dem Satz, den Mozart noch skizzierte).






    W.A.Mozart: Messe in c-moll
    Les Arts Florissants - W.Christie


    Die Messe in c-moll ist monumental angelegt und blieb daher auch unvollendet. Im Gegensatz zu seinen zahlreichen sakralen Werken die er für den Fürsterzbischöflichen Hof in Salzburg komponierte, ist der Grund für diese monumentale Messe weiterhin unklar. Denn wärend die geistlichen Werke, die er in Salzburg schrieb, ihren Platz in der Fürsterzbischöflichen Hofhaltung hatten, ist für die Komposition dieser großen Messe kein Anlass nachweisbar.
    Eine wunderbare Aufnahmen, das großartige Ensemble Les Arts Florissants zusammen mit den Solisten, Patricia Petitbon, Lynne Dawson, Joseph Cornwell und Alan Ewing.




    W.A.Mozart: Krönungsmesse KV317 / Vesperae solennes de confessore KV339 / Exsultate Jubilate KV165
    The English Concert - T.Pinnock


    Die Bezeichnung “Krönungsmesse” stammt, wie so oft bei diesen Beinamen, aus dem 19. Jahrhundert.
    Ursprünglich ist die Messe 1779 am Salzburger Dom zum Osterfest aufgeführt worden, und dann 1792 zur Krönung Kaiser Franz II. zum römisch deutschen König. In der Folge wurde diese Messe für die Krönungen zum Standard und erhielt hierdurch auch den Beinamen Krönungsmesse.
    Ebenso festlich besetzt wie die Krönungsmesse ist die Vesperae solennes de confessore. Für welchen Anlass das Werk komponiert wurde, ist nicht ganz geklärt, fest steht aber für einen Festtag, an dem einem christlichen Bekenner gedacht wurde (eine Stufe unter dem Märtyrer – der Bekenner wurde zwar verfolgt, gefoltert, inhaftiert etc. aber nicht getötet).
    Den Abschluss bildet die Motette Exsultate Jubilate, die Mozart auf seiner letzten Italienreise 1773 in Mailand schrieb. Hier wird die Motette von der wunderbaren Barbara Bonney gesungen, Mozart schrieb die Motette für den Kastraten Rauzzini.


    Bei allen drei Werken ist mir bisher keine bessere Interpretation begegnet – einfach nur himmlisch.





    W.A.Mozart: Complete Sacred Music
    Concentus Musicus Wien - Arnold Schoenberg Chor - Choralscholaren der Wiener Hofkapelle - N.Harnoncourt



    Wenn man das gesamte geistliche Werk Mozarts in HIP erleben will, führt momentan an dieser Box kein Weg vorbei. Es gibt eine weitere Kiste (Neumann), die öfter von Harnoncourt-Hassern als Alternative genannt wird, hier sind jedoch NUR die Messen enthalten. Anders in dieser Box, alle Messen, das Requiem, und die vielen interessanten, aber weniger bekannten Werke.
    Trotzdem sollte man die oben genannten Aufnahmen durchaus als Alternative ebenfalls besitzen.
    Die Aufnahmen der Gesamtbox stammen aus den 80er und 90er Jahren, die Periode in denen Harnoncourt sicher seine besten Aufnahmen machte, das ungelenke Geschrubbe aus der Anfangszeit hat er hinter sich gelassen, ebenso das Buchstabieren des Notentextes und noch fern seiner späten Manieriertheit mit den willkürlichen Tempi.
    Die Aufnahmen überzeugen nicht nur durch den hervorragenden Arnold Schönberg Chor, sondern auch aufgrund der Solisten: Darunter Barbara Bonney, Gilles Cachemaille, Christoph Pregardien, Rachel Yakar u.a.


    Eine Box voller herrlicher Entdeckungen, die sich in jedem Falle lohnt.
    Von den teils dämlichen Negativ-Rezensionen bei amazon sollte man sich nicht beirren lassen, ebenso von eventuell schon gefassten Vorurteilen.


  • G.P.Telemann: Nouveaux Quatuors en six Suites / Pariser Quartette
    John Holloway (Violine) Linda Brunmayr (Traversflöte) Lorenz Duftschmid (Viola da Gamba) Ulrike Becker (Violoncello) Lars Ulrik Mortensen (Cembalo)


    Bis diese herrliche Aufnahme heraus kam, griff ich grundsätzlich zu der uralten Aufnahme des Quatuor Amsterdam mit der Besetzung Traversflöte (Brüggen) Violine (Schröder) Violoncello (Bylsma) und Cembalo (Leonhardt). Und obwohl diese Aufnahme (1964 / 1968) aus der Anfangszeit der historisch informierten Aufführungspraxis mit den 4 Urgesteinen der HIP Bewegung stammt, ist sie nach wie vor gut anhörbar. Diese Aufnahme war mein erster Kontakt mit der Musik Telemanns und auch jetzt nach über 20 Jahren fasziniert mich die Interpretation wie beim ersten Mal. Und bis zu der wunderbaren Veröffentlichung bei CPO war diese Aufnahme auch konkurrenzlos - es ist und bleibt eine tolle Aufnahme.
    Aber die Aufnahme bei CPO ist natürlich zeitgemäßer und vermag auch sonst sehr zu überzeugen. Schon durch den Einsatz der Gambe wird der französische Geschmack viel besser getroffen.
    Telemann weilte 1737 und 1738 in Paris, er brachte dort mit großem Beifall seine Grand Motet „Deus judicium tuum“ (TWV 77) im Concert Spirituel zur Aufführung. Seine Musik war ohnehin in Paris bereits bekannt (z.B. Musique de Table) und hoch geschätzt. Seine „Pariser Quartette“, sechs Suiten für Traversflöte, Violine, Violoncello (oder Viola da Gamba) und Continuo, waren ganz auf den Geschmack des Pariser Publikums zugeschnitten und erschienen noch während seines Aufenthalts in Paris im Druck. Es gab bereits eine ältere Sammlung von 1730, die man ebenfalls als „Pariser Quartette“ bezeichnet, das sind jedoch Concerti und Sonaten für die gleiche kammermusikalische Besetzung – diese befinden sich ebenfalls in dieser Gesamtaufnahme – es gibt also insgesamt 12 „Pariser Quartette“ – wobei ich die letzten 6 in Paris entstandenen, den absoluten Vorzug gebe und sie für die besten kammermusikalischen Werke Telemanns halte.





    G.P.Telemann: Six Ouvertures (nach „die kleine Kammermusik“ von 1716)
    La Staggione – Michael Schneider


    1716 veröffentlichte Telemann eine Sammlung „Kleine Kammermusik“ im Druck. Die kleine Kammermusik bestand aus „6 Partien“. Sie waren damals enorm erfolgreich, so dass er 1728 die Sammlung erneut herausgab. Etwa zur gleichen Zeit bearbeitete er diese Partien auch für Orchester, er machte aus den 6 Partien große Orchestersuiten im vermischten Geschmack – die Ouverturen komponierte er zu diesem Zweck neu hinzu. Die sechs Suiten stehen in Es-Dur, B-Dur, g-moll, e-moll, G-Dur und c-moll. Das besondere an diesen sechs Orchestersuiten ist, dass die Einzelsätze nach den Ouverturen im französischen Stil keine Tanzsätze sind, sondern italienische, freie Musikstücke. Ähnlich konzipierte Orchestersuiten finden sich auch bei Graupner und Fasch.
    Die Werke gewinnen durch die farbige Orchestrierung und das Arrangement enorm dazu – es ist phantastische barocke Orchestermusik in einer wirklich gelungenen Interpretation.




    G.P.Telemann: Viola da Gamba
    Lorenz Duftschmid – Armonico Tributo Austria


    Eine phantastische Aufnahme kammermusikalischer Werke Telemanns, in denen die Viola da Gamba eine zentrale Rolle einnimmt. Das Doppelkonzert in a-moll (für Blockflöte und Viola da Gambe) ragt dabei sicher heraus und wird entsprechend furios dargeboten. Aber auch die restlichen Werke sind kleine Meisterwerke.




    G.P.Telemann: Der getreue Musikmeister
    Camerata Köln


    In den Jahren 1728 und 1729 veröffentlichte Telemann eine Musikzeitung, den getreuen Musikmeister – größter Kaufanreiz waren die Noten. In insgesamt 25 Lektionen stellte er die Musik seiner Epoche vor, die von ihm ausgewählten Stücke sollten auch für Amateure zu spielen sein (unterschiedliche Schwierigkeitsgrade) sowie für möglichst alle gebräuchlichen Instrumente bzw. Besetzungen. Auf insgesamt 5 CDs werden die damals veröffentlichten Kompositionen zu Gehör gebracht. Es sind kurzweilige Blockflötensonaten, Cembalosuiten, Lauten und Orchesterstücke und sogar Opernarien. Die Musikwerke stammen allerdings nicht ausschließlich aus der Feder Telemanns, Auch sind Werke von Zelenka, J.S.Bach, Görner u.a. darunter.
    Es ist eine bemerkenswerte Aufnahme, da sie einen Einblick in das Repertoire gibt, das in gutbürgerlichen Kreisen gespielt wurde.

  • Die Opern der 1670er Jahre
    Glücklicherweise liegen jetzt von allen großen Bühnenwerken Lullys sehr gute Aufnahmen vor. Eine Ausnahme bildet noch immer Achille et Polixene von 1687, eine Oper die Lully aufgrund seines plötzlichen Todes nicht mehr vollenden konnte und dann später (ohne Autorisation der Söhne Lullys) von Pascall Colasse vervollständigt und aufgeführt wurde.



    Jean Baptiste Lully: Les Fêtes de l’Amour et de Bacchus, Pastorale 1672
    La Simphonie du Marais – Hugo Reyne


    Lullys erste Oper ist ein Pasticcio. Nach dem sensationellen Erfolg des Tragèdie Ballets „Psyché“ zerstritten sich Molière und Lully, Robert Cambert hatte das Opernprivileg erworben und führte die erste Oper "Pomone" in französischer Sprache auf. Trotz des Erfolgs verspekulierte sich Cambert und kam aufgrund seiner enormen Schulden in Haft. Lully sah nun seine große Chance gekommen: Er kaufte ihn frei und beglich seine Schulden – aber unter der Voraussetzung, dass Cambert ihm sein Opernprivileg übertragen würde. Natürlich ging Cambert darauf ein.
    Ähnlich wie schon beim „Ballet des Ballets“ (1672) arrangierte Lully auch für seine Pastorale „Les Fêtes de l’Amour et de Bacchus“ besonders erfolgreiche Szenen die er einst für Molière geschrieben hatte. Lully stand unter großen Zeitdruck, denn er hatte auch ein neues Theater gepachtet – den Jeu de Paume de Béquet, ou de Bel-Air in der rue de Vaugirard. Das Werk war für die Eröffnungsfeierlichkeiten geplant. Lully schrieb in aller Eile einen Prolog zu Ehren Ludwig XIV, allerdings gab es nicht mal eine Ouverture sondern nur eine einleitende Ritournelle. Den Löwenteil machten dann die damals sehr beliebten Szenen aus den Comèdie Ballets aus: Das Trio der Magier aus der „Pastorale Comique (1667), die große Traumszene „Dormez beaux yeux“ und andere Szenen aus „Les amants magnifiques“ (1670) und der „Combat“ zwischen dem Gefolge des Bacchus und des Amor aus „George Dandin“ (1668). Lully komponierte verbindende Rezitative und kleine Airs und Ballette neu hinzu. Das neue Werk hatte einen sensationellen Erfolg und wurde mehrere Male wiederholt und war 2 Jahre später auch eines der großen Bühnenwerke für das 3. Große Fest von Versailles.


    Das Ensemble um Hugo Reyne hat eine vorbildliche und sehr gelungene Aufnahme dieses musikhistorisch wichtigen Werkes verwirklicht. Als Bonus sind auch die Fragmente von Robert Camberts „Pomone“, der ersten französischen Oper, mitaufgenommen worden. Man hat auf diesem Album also die Geburtsstunde der französischen Oper vorliegen.




    Jean Baptiste Lully: Cadmus et Hermione, Tragèdie Lyrique 1673
    Le Poeme Harmonique – Vincent Dumestre


    Lullys erste echte Tragèdie en Musique. Lully arbeite nun mit Philippe Quinault zusammen, er hatte bereits bei Psyché (1671) als einer der drei Dichter mitgewirkt und dann vor allem bei den beiden Pasticcios von 1672 „Les Ballets de Ballets“ und „Les Fêtes de l’Amour et de Bacchus“ Lully mit neuen Texten versorgt und sich als idealer Assistent und Arbeitspartner hervorgetan.
    Cadmus et Hermione war nun die erste große Oper des Teams. Erzählt wurde die etwas verworrene Geschichte um König Kadmos und seiner Liebe zu Hermione. Auffällig ist, dass mit der Rolle des Dieners Arbas noch eine komische, lächerliche Figur enthalten ist, etwas, was in späteren Werken nicht mehr auftauchten wird. Als die Oper 1673 im Jeu de Paume in der rue de Vaugirard, in dem gepachteten Theater Lullys vor dem König uraufgeführt wurde, war seine Majestät so begeistert, dass er Lully und Quinault das Theater im Palais Royal zur Verfügung stellte. Molières ehemalige Truppe wurde mit einer anderen Theatergruppe zusammengelegt und in das Theater des Hôtel de Bourgougne umquartiert (daraus entstand später die Comèdie Française)


    Das Ensemble Le Poeme Harmonique hat eine musikalisch sehr gut gelungene Umsetzung verwirklicht. Die Inszenierung versucht sich an einer historisierenden Optik. Allerdings wirkt das Ganze dadurch oftmals eher lächerlich und erinnert an eine Schulaufführung. Die gemalten Kulissen wackeln vor sich hin, die Kerzenbeleuchtung verengt den Raum der kleinen Bühne noch zusätzlich. Und wenn dann noch der Pappdrachen auftritt kippt es leider zur Karikatur – wirklich konsequent war man bei der historisierenden Inszenierung ohnehin nicht, der Tanz ist eher modernes Ballett, die Kostüme offenbaren das begrenzte Budget….. was bei „Le Bourgeois Gentilhomme“ mit der gleichen Truppe absolut phantastisch gelungen ist, scheitert hier mehr oder weniger.
    Aber die DVD lohnt sich eben aufgrund der wirklich hervorragenden musikalischen Umsetzung – und es ist zudem die bisher einzige greifbare Aufnahme dieser Oper. Mag sein, dass in naher Zukunft Christophe Rousset im Rahmen seines Lully-Projekts eine reguläre Aufnahme des Werkes veröffentlicht.





    Jean Baptiste Lully: Alceste, ou le Triomphe d’Alcide, Tragèdie Lyrique 1674
    Les Talens Lyriques – Christophe Rousset


    1674 feierte Frankreich die Eroberung der Franche Comte. Dieses Fest sollte wieder mehrere Tage andauern. Aber anders als bei den großen Festen von 1664 und 1668 feierte man nicht am Stück, sondern verteilte die Festlichkeiten auf die Sommermonate.
    Das Fest wurde mit Lullys Alceste gewissermaßen eröffnet, die Aufführung fand im Marmorhof des Schlosses von Versailles statt, zwar mit Kostümen, aber ohne Kulissen. Dies war bei weitem nicht die einzige musikalische Aufführung, zwei weitere, ältere Lully Werke wurden ebenfalls aufgeführt, das Erfolgsstück Les Fêtes de l ‘Amour et de Bacchus und das Divertissement La Grotte de Versailles, das 1668 für das „Grand Divertissement de Versailles “ geschrieben worden war. Auch wurde posthum Molières Meisterwerk mit der Musik Charpentiers im Schlosspark aufgeführt: der eingebildete Kranke. Ein weiterer Höhepunkt war die Uraufführung der Tragödie Iphigenie von Jean Racine.
    Das Finale der Festlichkeiten war eine gigantische Illumination des gesamten Schlossparks.


    Alceste geriet zur Materialschlacht, sämtliche Trompeter des Hofes wurden herangezogen und 30 Lautenisten wurden engagiert um eine Szene dieser Oper zu begleiten. Obwohl es erst Lullys zweiter Versuch in dem Genre Oper war, ist hier ein deutlicher Sprung nach vorne zu beobachten, vergleicht man mit Cadmus et Hermione aus dem Vorjahr. Während Cadmus et Hermione noch recht holprig daherkommt, und die Divertissements recht gezwungen wirken, ist Alceste, wie 2 Jahre später auch Atys, schon recht nah an der späteren klassische Form der Tragèdie Lyrique, wie sie dann in den 1680er Jahren von Lully und Quinault definiert werden wird. Was Alceste noch mit Cadmus et Hermione gemein hat, ist die Konzeption des Finales als eine Ansammlung verschiedener Ballette, Airs und Chorszenen, es gibt noch keine großen Chaconnen wie in den späteren Opern.


    Es ist ein Genuss, diese Barockspektakel endlich in einer so fabelhaften – und auch vollständigen Aufnahme genießen zu können. Malgoire hatte z.B. stets das Menuett aus dem Finale gestrichen, 1974, bei der Aufnahme von 1992 und auch auf der Aufführung 2006.
    Das Ensemble das Rousset hier versammelt, besteht ausschließlich aus jungen Sängern, mit denen er aber auch schon andere sehr schöne Lully-Aufnahmen gemacht hat.
    Judith van Wanroij singt die Rollen der „Gloire“ (aus dem Prolog) und die Hauptrolle der Alceste. Sie war bereits in Amadis als Oriane zu hören und auch in Armide in Nebenrollen. Edwin Crossley-Mercer als Alcide (Herkules) war ebenfalls in Amadis zu hören, als Arcalaus. Emiliano Gonzales Toro ist hier als Admete zu hören, er hatte in Phaeton die Hauptrolle.
    Und wer Lullys Opern kennt und schätzt, weiß, dass der Chor stets eine fundamentale Rolle innehat, und bei allen Lully-Projekten des Ensembles tut sich der Choeur de Chambre de Namur hervor. Man kann nur hoffen, dass Rousset sein Vorhaben, alle Opern Lullys aufzunehmen, weiterführt und das auch die anderen Werke in dieser Qualität veröffentlicht werden.





    Jean Baptiste Lully: Thésée, Tragèdie Lyrique 1675
    Boston Early Music Festival Ensemble – Sutephen Stubbs – Paul O’Dette


    Lullys “Thésée” (Theseus) wurde 1675 in Saint Germain en Laye vor dem König aufgeführt.
    Erzählt wird die Geschichte vom Theseus der vom Volk Athens zum König erhoben wird.


    Die Oper ist wohl mehr als jede andere Oper auf das Lob und den Ruhm Luwig XIV. ausgerichtet, in kaum einem Werk Lullys erklingen so oft Pauken und Trompeten. Im Prolog werden die ruhmreichen Taten von Louis XIV sowohl von Venus als auch von Mars besungen. Das Motto dieses Prologs: „Jeder muss ihn lieben“ – „Jeder muss ihn fürchten“ Trotz dieses ganzem Pomps gibt es sehr bezaubernde Momente, so erklingt schon gleich nach dem ersten Chor im Prolog, eine der berühmtesten und schönsten „Arien“ Lullys, das Air der Venus: „Revenez, revenez amours“
    Auch finden sich weitere sehr bekannte Melodien Lullys, wie der prächtige „Marche du Sacrifice“ und die Schäferszene „Aimons tout nous y convie“.
    Die Aufmachung der CD Box lässt keine Wünsche offen. Ein eleganter Schuber, wie es sich für eine Oper gehört, ist natürlich mit dabei, ein Booklett, dass man schon fast als Buch bezeichnen könnte, liefert nicht nur das Libretto, sondern auch eine Fülle an Informationen über das Werk – und als kleine Zugabe sind auch Photos der Inszenierung von 2001 mit dabei. Die Sänger und Instrumentalisten sind durchweg wunderbar – eine wirklich herausragende Aufnahme! Howard Crook, der sowieso eine meiner Lieblingssänger ist – und glücklicherweise in vielen Lully Opern singt - hat hier die Titelpartie.
    Harry van der Kamp sticht mit seinem Bass natürlich auch heraus.





    Jean Baptiste Lully: Atys, Tragèdie Lyrique 1676
    Les Arts Florissants – William Christie



    Die Oper Atys wurde bereits im Vorfeld der Uraufführung von wilden Spekulationen und Raubkopien begleitet. Lully erprobte mit dieser Oper einen völlig neuen Orchesterklang, "rauh und dicht" sollte er sein. Dies war vor allem durch die neuartigen Instrumente zu begründen, die er zusammen mit Hotteterre, dem königlichen Instrumentenbauer entwickelte hatte. Dies betraf vor allem die neuen Oboen, die die bisher verwendeten Schalmeien ersetzten und die neue Traversflöte, die zu den Blockflöten als weitere Klangfarbe hinzukamen. Diese neuen Instrumente wurden hier dann auch exemplarisch - auf der Bühne! - vorgeführt. So sollte während der berühmten Traumszene ein Instrumentalensemble auf der Bühne auftreten.
    Atys wurde „die Oper des Königs“ genannt, denn bei kaum einem Werk ist eine derartige Beigeisterung während des Entstehungsprozesses von Seiten des Königs dokumentiert. Madame de Scarron (die spätere Maintenon) musste seine Majestät ermahnen, dass er sich mit Dingen beschäftigte, die nicht seinem Alter entsprachen. Wie bei allen Opern Lullys, wählte auch hier der König das Thema selbst aus. Und mehr noch, angeblich sollen einige Passagen vom hochmusikalischen König selbst stammen.
    Im Gegensatz zu den Vorgängerwerken ist die Stimmung, ja die ganze Instrumentierung düster. Und das war es auch, was Lully erreichen wollte, einen Orchesterklang, der alles bisher Übliche hinwegfegen sollte. Und so ist auch die gesamte Handlung, eine bittere Tragödie: Atys, Priester der Göttin Cybele, liebt die Tochter des Flussgottes, Sangaride. Jedoch will Cybele ihn zum Manne nehmen. Sangaride ist aber Celenus versprochen. Und so heiraten Atys und Sangaride heimlich. Der Verrat wird aufgedeckt und Cybele schlägt Atys mit Wahnsinn, dieser hält nun Cybele für seine Geliebte und Sangaride für ein schreckliches Monster und tötet sie. Cybele lässt ihn nun erkennen, was er getan hat, voller Verzweiflung will er sich ebenfalls töten, doch Cybele verwandelt ihn in eine Zypresse. Der ganze Hof beweinte das Schicksal von Atys und Sangaride. Allen voran Madame de Sevigné. Im Vergleich zu den Vorgängerwerken wird die Tragèdie en Musique nun auch inhaltlich ihrem Namen gerecht:kein Happy End mehr.


    Atys gehörte zu den am häufigsten aufgeführten Werken Lullys und einige Passagen waren so beliebt, dass es nicht nur Transkriptionen für alle möglichen Instrumente gab, sondern einige Chöre sogar zu geistlichen Chorälen umgearbeitet wurden. Atys hat auch in unserer Zeit eine Schlüsselstellung. Als William Christie die Oper in der Inszenierung von Villegier und der Choreographie von Francine Lancelot in Paris 1986 auf die Bühne brachte, geriet die Aufführung zu einem sensationellen Erfolg - gewissermaßen läutete diese Aufführung die Wiedergeburt der Barockoper ein.
    Auch die Aufnahme von Christie mit der legendären Besetzung ist einfach unerreicht, auch wenn die neuere DVD Produktion versucht zumindest gleichzuziehen und die alternative von Hugo Reyne ist in jedem Falle auch hörenswert.





    Jean Baptiste Lully: Isis, Tragèdie Lyrique 1677
    La Simphonie du Marais – Hugo Reyne


    Isis wurde sehr bald die “opera des musiciens” genannt, während die Kenner der damaligen Zeit Lullys neuestes Werk als musikalischen Geniestreich ansahen, war das übrige Publikum weniger angetan – auch erwies sich die von Philippe Quinault konzipierte Handlung als sehr komplex und auch als ungeschickt bzw. unbedacht verfasst: In die Rolle des Jupiter interpretierte man Ludwig XIV hinein, der sich wie Jupiter mit seinen Weibereskapaden in diverse Unannehmlichkeiten brachte: Ludwig XIV hatte just zu jener Zeit nicht nur seine Gattin, die ehemalige spanische Infantin an seiner Seite, sondern seine langjährige Maitresse Athenais de Montespan – die ihm aber aufgrund seiner vielen weiteren Amouren (Madame de Ludre, Madame Scarron, Mademoiselle de Fontages…), derzeit die Hölle heiß machte – ebenso wie Juno ihrem gatten. Anstatt zu applaudieren und ehrfürchtig zu staunen, lachte man – man lachte über den König und besonders über die Montespan, die dann auch alles daran setzte, dass die Oper vom Spielplan genommen wurde. Sie befeuerte auch, das Philippe Quinault beim König in Ungnade fiel. und Lully war gezwungen sich für seine nächsten Projekte jemand anderes zu suchen.
    Auch im Hause Lully knallte es, denn sein Sekretär Jean-François de Lallouette behauptete die musikalisch besten Szenen stammten eigentlich von ihm – Lully jagte ihn aus dem Haus…. Keine Oper sollte jemals wieder so viel Streit und Ärger sorgen.
    Nach 1700 wurde die Oper wieder einige Male aufgeführt, 1701, 1704, 1717, 1732… sie war auch die erste Oper die in den Niederlanden aufgeführt wurde, und zwar noch im selben Jahr 1677 in Amsterdam.


    Im obligatorischen Prolog auf Ludwig XIV feiert man den Ruhm des Königs mit Pauken und Trompeten.
    Und natürlich ist Isis ein Meisterwerk – die möglichen Anspielungen auf das Hofleben sind heute ohne Belang – das waren sie auch schon wenige Jahre später.
    Berühmt geworden ist der „Choeur des trembleurs“, der Chor der Zitternden, den Purcell später für seinen King Arthur als Vorbild nahm.
    Die Flucht der Io vor den Furien Junos führt sie zu allerhand skurilen Orte, neben den eisigen Gefilden, in die glühende Schmiede des Vulkan. Auch gibt es noch eine humorige Szene: die Klage des Pan, die dann von Merkur unterbrochen wird, weil er das Gejammer nicht mehr erträgt.






    Jean Baptiste Lully: Psyché, Tragèdie Lyrique 1678
    Boston Early Music Festival Ensemble – Sutephen Stubbs – Paul O’Dette


    „Psyché“ nimmt unter allen Opern Lullys eine Sonderstellung ein, den von diesem Werk existieren zwei Versionen. Die erste Version, ein Tragèdie Ballet wurde 1671 im Salle des Maschines des Tuillerien Palastes aufgeführt und war ein Sensationserfolg. Ludwig XIV wollte den Saal häufiger nutzen (schließlich hatte er ihn bezahlt), seit der Aufführung von Cavallis "Ercole amante" (1662) war keine Oper dort mehr gespielt worden, auch die Bühnenwerke von Lully und Molière fanden an andern Orten statt. Lully mochte das Theater nicht, die Theatermaschine war extrem laut und die Akustik des Raumes unausgewogen – zudem bedurfte es enormen Personals diese Technikbühne zu betreiben.
    Ludwig XIV beauftragte drei Dichter damit, Entwürfe für ein "Maschinenstück" zu schreiben, also einem Werk speziell für diese Bühne: Thomas Corneille, der Bruder des Heute berühmteren Pierre Corneille, Philippe Quinault, der spätere Librettist Lullys und Jean Baptiste Molière. Molière trug mit seinem Entwurf den Sieg davon, es sollte die Geschichte von Psyché erzählt werden – das Sujet bot reichlich Möglichkeiten die Theatermaschine einzusetzen. Aber Molière war kein Egomane, er arbeite mit den beiden "Verlierern" zusammen um ein Gemeinschaftswerk zu schaffen. Es entstand eine Art "Semi Opera", ein Theaterspektakel mit Musik und Ballett. Ludwig XIV gab sogar einen Gobelin in Auftrag mit der Aufführung dieses Spektakels.


    Durch den Wegfall seines Librettisten Quinaults, sah Lully sich gezwungen nach einem geeigneten Ersatz umzusehen, aber es fand sich vorerst niemand. Da Psyche so erfolgreich gewesen war, die Aufführungen aber mit zahllosen Verwandlungen und stundenlangen Textstellen (das Tragèdie Ballet hatte eine Gesamtlänge von etwa 5 – 6 Stunden) und dem Gesamtaufwand kaum zu realisieren gewesen war, machte er sich an eine Umarbeitung des Materials. In Zusammenarbeit mit Corneille gelang das Projekt innerhalb von 3 Wochen. Es ist daher absolut nicht tragisch, dass es von dem Tragèdie ballet keine Aufnahme gibt, denn Lully übernahm sämtliche Musiknummern in die Oper und ersetze die wichtigsten Textpassagen durch neue Rezitative und wo es nötig war, schrieb Lully neue Instrumentalnummern. 1678 wurde das Werk unter großem Beifall an der Academie Royal aufgeführt.


    Bedingt durch diese Entstehungsgeschichte unterscheidet sich Psyche grundlegend von allen anderen Opern Lullys, zum einen hat der Chor in dieser Oper kaum bedeutenden Raum, ausschließlich im Prolog und erst wieder im Finale des des 5. Aktes. Es auch keine abgegrenzten Divertissements.
    Und es ist die einzige Oper Lullys mit einer Passage in italienischer Sprache.
    Die Plainte Italienne, in der Lully ein typisches Lamento der Italiener imitierte, gehörte schon damals zu seinen beliebtesten Kompositionen.


    Wie schon bei Thesée ist dem Ensemble unter Paul O’Dette und Stephen Stubbs eine nahezu makellose Interpretation und Aufnahme gelungen.






    Jean Baptiste Lully: Bellerophon, Tragèdie Lyrique 1679
    Les Talens Lyriques – Christophe Rousset


    Lully arbeite für dieses Opernprojekt erneut mit Corneille zusammen, da Quinault sich noch in Ungnade beim König befand.


    Im groß angelegten Prolog wird der Parnass gezeigt, Apollo umgeben von den neun Musen, er besingt die Politik Ludwig XIV und bewundert sein Streben nach Frieden. Apollo lädt Pan und Bacchus mit samt ihrem Gefolge ein, die schöne Zeit zu besingen und der Vorführung zu Ehren des großen Helden beizuwohnen.
    Die Oper erzählt den Mythos des Bellerophon und seinen kampf gegen die Chimäre, eine Ausgeburt der Eifersucht.
    Bellerophon ist eine phantastische Oper, und es ist ein Glück, dass gerade das Ensemble um Christophe Rousset sich dieser Werke annimmt. Cyril Auvity singt die Titelpartie.


  • G.P.Telemann: Traueractus
    Cantus Cölln – Konrad Junghänel


    Eine sehr feine Einspielung geistlicher Kantaten Telemanns aus seiner Anfangszeit als Komponist.
    Sie enthält die Kantaten:


    "Ach, Herr, straf mich nicht in deinen Zorn"
    "Du aber, Daniel, gehe hin"
    "Sei getreu bis in den Tod"

    Trauder-Actus "Ach wie flüchtig, ach wie nichtig“
    "Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz"


    Das Ensemble Cantus Cölln interpretiert die 5 Kantaten wie gewohnt sehr gekonnt und stilsicher. Die Kantaten selbst überraschen durch ihre Innigkeit – da braucht Telemann keinesfalls neben anderen Kantatenkomponisten zurückstehen.




    G.P.Telemann: Gott Zebaoth in deinem Namen….
    Rheinische Kantorei – das kleine Konzert – Hermann Max


    Was für eine Aufnahme und was für herrliche Werke. Insgesamt werden 3 wunderschöne Kantaten von Telemann zu Gehör gebracht:
    Die Kantate „Weine nicht, siehe“ eine prächtige Kantate mit Pauken und Trompeten, die Kantate „Sie verachten das Gesetz“ und die titelgebende Kantate „Gott Zebaoth in deinem Namen“. Jede Kantate überrascht durch regelrechte Ohrwürmer und Innigkeit – es ist so wunderbar, wie die negative Telemann-Rezeption des 19. Und 20. Jahrhundert mit solchen furiosen Aufnahmen nicht nur lächerlich gemacht wird, sie wird der Lüge, des absoluten Banausentums und der Inkompetenz überführt!
    Das Ensemble ist ein Glücksfall, großartige Textverständlichkeit und beste sängerische und orchestrale Interpretation. Eine der besten Kantatenaufnahmen, die ich je hörte.




    G.P.Telemann: Komm Geist des Herrn
    Kammerchor Michaelstein, Telemannisches Collegium Michaelstein, Ludger Remy


    Aus dem Handbuch der Musikgeschichte… Leipzig 1868:
    „Die Kirchenmusik nach dem Tode Bach’s verflachte unsäglich, nicht er und Händel waren die Vorbilder, denen man nachstrebte, sondern Telemann und noch mehr Graun und Hasse; Einflüsse der italienischen Oper paarten sich mit rein conventionell gewordenem Contrapunct zu einer Mischung von Sinnlichkeit und Trockenheit, die Formen erstarrten, weil nichts vorhanden war, wodurch sie von innen heraus Trieb und Leben bekommen hätten.“


    Blanker Unsinn, wenn man sich diese 3 Kantaten von Telemann anhört, die aus den Jahren 1755 bis 1767 stammen.


    Komm Geist des Herrn
    Kaum wag ich es
    Er kam, lobsingt ihm


    Diese Einspielung ist einfach nur wunderbar, beste Textverständlichkeit, großartige Interpretation, makellose Koloraturen, geniales Continuospiel – es gibt nichts was man kritisieren könnte. Sehr einnehmend ist auch die prächtige Besetzung des Ensembles und natürlich auch Telemanns Kompositionen. Es ist faszinierend, wie er sich modernen Strömungen nicht verschließt, sondern ganz selbstverständlich aufgreift und einbindet.






    G.P.Telemann: Die ungleiche Heirath oder das herrsch-süchtige Cammer-Mädgen (Pimpinone)
    (Johann Philipp Praetorius nach Pietro Pariati), Intermezzo 1725 Hamburg
    La Staggione Frankfurt - M.SChneider


    Eine kleine Opera Buffa von Telemann, die schon damals ein großer Erfolg gewesen ist. Der Inhalt dreht sich um die junge und schlaue Kammermagd Vespetta die in die Dienste des reichen Pimpinone tritt und in der Hoffnung auf ein besseres Leben in Wohlstand ihrem wesentlich älteren Dienstherren schöne Augen macht. Pimpinone ist von der Bescheidenheit und Schönheit der jungen Magd so angetan, dass er sich verliebt und sie schließlich heiratet. Doch nach der Ehe zeigt sie ihr wahres Gesicht: jetzt ganz große Dame, emanzipiert, launisch und freiheitsliebend – und absolut gar nicht gewillt die „ehelichen Pflichten“ mit dem alten Sack zu erfüllen – endet das alles im Streit und gegenseitige Beschimpfungen "ich schlag Dir den Kopf entzwei!" schließlich muss Pimpinone resignierend feststellen, dass er in die Falle gegangen ist: „Schweige künftig, alberner Tropf, sonst erwarte nur den Stecken".
    Die vorliegende Aufnahme gibt die originale Version des Intermezzos wieder, d.h. die Arien sind italienisch gesungen, die Rezitative hingegen in deutscher Sprache und natürlich spielt das Ensemble HIP:
    Mechthild Bach als Vespetta, Michael Schopper als Pimpinone, La Staggione Frankfurt unter der Leitung von Michael Schneider.

  • Paul O‘Dette gehört sicherlich zu den größten Lautenspielern unserer Zeit. Seine Aufnahmen schätze ich besonders aufgrund des eleganten Spiels, fern ab von Übertreibungen und sonstigen Mätzchen.



    Hieronimus Kapsberger - Il Tedesco della Tiorba
    Paul O'Dette - Laute und Chitaronne


    Kapsbergers Kompositionen sind Ohrwürmer und waren damals auch sehr beliebt, viele Melodien gibt es in Bearbeitungen und Variationen. Eine wunderschöne Aufnahme mit seinen bekanntesten Werken.




    Simone Molinaro: Fantasie Canzoni e Balli
    Paul O’Dette – Laute


    Molinaro ist eventuell noch ein Begriff, da eines seiner Ballette von Ottorino Respighi instrumentiert wurde und in die 1. Suite der „Antiche danze ed arie per liuto“ von 1917 aufgenommen wurde (Balletto detto „Il Conte Orlando“). Dieses hübsche Stück findet sich natürlich auch auf der Aufnahme, allerdings in seiner originalen Version.



    Nicholas Vallet: Le Secret des Muses
    Paul O’Dette - Laute


    Nicholas Vallet musste als Hugenotte aus Frankreich emigrieren und ließ sich in Amsterdam nieder. Seine Musik ist eine Verbindung von französischen und flämischen Stilelementen und die Sammlung „Le Secret des Muses“ gehört wohl zu den letzten Werken, die für Renaissancelaute geschrieben wurden.




    John Dowland - Complete Lute Works (5CD)
    Paul O'Dette (Laute und Opharion)


    Mit dieser Gesamtaufnahme hat sich Paul O’Dette selbst ein Denkmal gesetzt. Der Höhepunkt der Lautenliteratur in einer solch gelungenen Interpretation ist ein absoluter Glücksfall. Wahrscheinlich O’Dettes beste Aufnahme. Wer Lautenmusik liebt, kommt an dieser Box nicht vorbei.

  • An Beethovens Musik hatte ich erst wieder wirklich Freude, als es hier verstärkt Aufnahmen in historisch informierter Aufführungspraxis gab. Daher sind auch alle hier gelisteten Einspielungen entsprechend OPI. Die Interpretationen verletzten aber sicherlich eingefahrene Hörgewohnheiten.



    Sinfonie No.3 in Es-Dur „Eroica“
    Le Concert des Nations – Jordi Savall


    ursprünglich Napoleon gewidmet, strich Beethoven die Widmung später voller Zorn wieder aus
    Eine meiner liebsten Aufnahmen überhaupt. Lange war die CD nicht lieferbar, mittlerweile ist sie aber als Neuauflage bei Alia Vox wieder zu bekommen. Ich hatte immer gehofft, dass Savall eine Gesamtaufnahme der Sinfonien machen würde, aber dieser Wunsch blieb bisher unerfüllt.




    Die Sinfonien
    Orchestre Revolutionnaire et Romantique, John Eliot Gardiner


    Für mich nach wie vor die interessanteste und schönste Gesamtaufnahme der Sinfonien auf alten Instrumenten.
    Beethovens Sinfonien werden hier nicht romantisch verklärt, sondern im Sinne der Wiener Klassik und ihrem revolutionären Klassizismus präsentiert und sie gewinnen dadurch ihre fast schon erschütternde Modernität zurück.





    Die Clavierkonzerte
    Arthur Schoonderwoerd - Ensemble Cristofori


    Diese Aufnahmen der Klavierkonzerte waren für mich ein regelrechtes Schlüsselerlebnis. Wie auch bei den Sinfonien bei Savall und Gardiner erreicht Schoonderwoerd eine Freilegung der revolutionären Musik Beethovens. Plötzlich sind das keine aufgeblähten, romantischen Schmachtfetzen mehr, sondern Musik, die einem den Atem raubt. Die Interpretation ist herb, manchmal derb – aber Hammerklavier und Ensemble sind perfekt aufeinander abgestimmt. Hier kommt die ganze Neuartigkeit von Beethovens Kompositionen wirklich zum Tragen.





    Die späten Streichquartette
    Quatuor Mosaiques


    Endlich hat sich das Quatuor Mosaiques diesen herrlichen Werken angenommen, bislang suchte man Aufnahmen auf alten Instrumenten vergebens. Zusammen mit dem Ensemble Festetics hat mir diese Formation das Genre Streichquartett erst offenbart. Der feine, erdige Klang, ohne Vibratogehuddel ist eine besondere Erfahrung und nimmt den Werken, egal ob Mozart, Haydn oder wie hier Beethoven, ihre Schwerfälligkeit, wie sie bei vielen anderen, auf herkömmlichen Instrumenten gespielten Interpretationen, immer wieder zu hören ist. Und erst recht bei diesen Werken, die als Gipfel des Streichquartetts gelten.
    Selbst die große Fuge, die allzu oft abstoßend wirkt, ist hier aller Hässlichkeit beraubt, und präsentiert sich als faszinierendes, zeitloses Meisterwerk.





    Die Klaviersonaten
    Ronald Brautigam


    Brautigam spielt auf Nachbauten von Wiener Hammerklavieren aus den Jähren 1788 bis 1819 aus der Werkstatt Paul McNulty.
    Präzise, kraftvoll und trotz eines flotten Tempos eine sehr elegante Interpretation, dazu ein hervorragender Klang der Aufnahmen und Instrumenten – was will man da noch mehr?
    In dieser Box finden sich die 32 Claviersonaten, sowie einige Sonaten ohne Opus Nummer (z.B.die Kurfürstensonate). Brautigam hat mittlerweile aber auch die Variationen, und Bagatellen aufgenommen – diese Einspielungen sollte man sich ebenfalls nicht entgehen lassen.





    Violinkonzert in D-Dur Op.61
    + Romanze No. 1 & 2, Konzertsatz für Violine (Fragment)
    Patricia Kopatchinskaja
    Philippe Herreweghe (Dirigent),‎ Orchestre des Champs-Élysées (Orchester)


    Ich habe das Konzert immer gehasst, denn die ganzen altbekannten Aufnahmen waren schwülstig, überladen, eine seichte, sentimentale Vibrato-Orgie. Hier geht es anders zu, Beethovens Revolutionsmusik ist zurück, packend und wohl ziemlich nah am Original: die Tempobezeichnungen wurden endlich mal beachtet, und die Kadenz stammt aus den Skizzen Beethovens.
    Tolle Aufnahme, die mich immer wieder begeistert, ähnlich wie die Clavierkonzerte in der Schoonderwoerd-Interpretation.




    Die Violinsonaten
    Ryo Terakado (Carlo Ferdinando Landolfi, Milano, 1772)
    Boyan Vodenitcharov (Hammerklaviere)


    Eine hervorragende Gesamtaufnahme der Violinsonaten Beethovens mit historischen Instrumenten. Terakado spielt eine Violine von Carlo Ferdinando Landolfi, Milano, 1772. Vodenitcharov spielt auf drei hervorragend klingenden Hammerklavieren, das erste von Christopher Clarke, Cluny, 1986 nach Anton Walter, um 1795, das zweite von Rosenberger, Wien, 1802 und das dritte von Lagrassa, Wien, 1806.
    Aber der Titel dieser genialen Box ist fast schon zu bescheiden, denn diese Aufnahme beinhaltet folgende Werke:


    Sonate F-Dur op. 24 "Frühling"
    Sonate D-Dur op. 12. Nr. 1
    Sonate Es-Dur op. 12 Nr. 3
    12 Variationen über "Se vuol ballare" WoO 40
    Sonate A-Dur op. 12 Nr. 2
    Sonate a-moll op. 23
    Sonate A-Dur op. 30 Nr.1
    Sonate c-moll op. 30 Nr. 2
    Sonate G-Dur op. 30 Nr. 3
    Rondo G-Dur WoO 41
    6 Deutsche Tänze WoO 42
    Sonate a-moll op. 47 "Kreutzer"
    Sonate G-Dur op.96





    Missa Solemnis Op.123
    Capella Amsterdam, Orchestra of the Eighteenth Century, Daniel Reuss


    Die Aufnahme entstand in Gedenken an Frans Brüggen. Es ist wunderbar diese schöne Messe ohne die sonst übliche Überladungen zu hören, ohne dass die typische Beethoven-Wucht verloren ginge.

  • Haydn wird zwar stets als einer der großen Meister der Wiener Klassik genannt, aber bei der Menge an Kompositionen die er hinterlassen hat, ist man zunächst ähnlich ratlos wie bei Telemann.
    Und wie bei Telemann sollte man sich einfach hineinstürzen.



    Die Sinfonien
    The Academy of Ancient Music – Christopher Hogwood


    Leider ist die Aufnahme von Hogwood nie abgeschlossen worden, die Box umfasst die Sinfonien 1 – 75, 94,96,100, 104, 107 und 108
    Die restlichen Sinfonien muss man mit Kuijken, Pinnock, Brüggen und anderen vervollständigen, bzw. auf diese Box zurückgreifen, da wurde dies schon erledigt:



    Haydns Sinfonien – es sind über Hundert – sind alle spannend. Man braucht aber einen langen Atem um sich durch über Hundert kleinerer und größerer Meisterwerke durchzuhören.
    Bei den sogenannten Sturm und Drang Sinfonien bietet sich in jedem falle die Pinnock Einspielung an, da man dort insgesamt etwas ruppiger an die Werke herangeht, als dies Hogwood getan hatte.



    J.Haydn: Die Sturm und Drang Sinfonien
    The English Concert – Trevor Pinnock


    Die Sinfonien entstanden ab den 1760er Jahren und sind ein wunderbares Beispiel für die musikalische, sinfonische Entwicklung dieser Epoche bis in die 1790er Jahre.





    Concerti für Trompete, Oboe und Cembalo
    The English Concert – Trevor Pinnock


    Auf dieser CD sind zwei der wohl bekanntesten Konzerte haydns zu finden, das Trompetenkonzert – endlich auf historisch stimmigen Instrumenten zu hören (Mark Benett Trompete) und das Cembalokonzert mit dem Finale „Rondo all’Ungareshe“, hier spielt Trevor Pinnock das Cembalo. Der Solist beim Oboenkonzert ist niemand geringerer als Paul Goodwin – eine der schönsten und besten Haydn Platten in meiner Sammlung.



    Concerti per Violoncello
    Christopher Coin – The Academy of Ancient Music – Christopher Hogwood


    Haydn schrieb zwei Konzerte für Violoncello, in C-Dur und D-Dur, wobei das C-Dur Konzert erst in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts wiederentdeckt worden ist. Ehemals wurden ihm neun Konzerte zugeschrieben, aber nur diese beiden Konzerte stellten sich als tatsächlich authentisch heraus. Das C-Dur Konzert stammt wahrscheinlich aus dem Jahr 1765, trägt auch noch spätbarocke Züge, das D-Dur Konzert ist klassischer und stammt aus dem Jahr 1783.
    Mit Christopher Coin hat sich ein idealer Interpret gefunden und durch die Begleitung der Academy unter Hogwood bleiben keine Wünsche offen.




    Streichquartette
    Quatuor Mosaiques


    Die Welt der Streichquartette Haydns haben mir eigentlich die wunderbaren Aufnahmen des Ensembles Festetics erschlossen, die Aufnahmen sind leider nur sporadisch lieferbar oder nur gebraucht zu bekommen. Das ist sehr tragisch, da es die einzige Gesamtaufnahme der Streichquartette in historisch informierter Aufführungspraxis ist – allerdings sind die Aufnahmen auch etwas in die Jahre gekommen. Eine absolut ebenbürtige Alternative – aber eben keine Gesamtaufnahme - bietet das Quatuor Mosaiques. Sie spielen eleganter und präziser als die Festetics, dafür aber weniger herb und erdig. Im Idealfall beschafft man sich die Aufnahmen beider Ensembles.
    Auf insgesamt 10 CDs werden die Streichquartette – es ist leider keine Gesamtaufnahme – aus verschiedenen Schaffensperioden Haydns (Op.20 / 33 / 64 / 76 / 77) in bester HIP Manier gespielt, sowie die „sieben letzten Worte“.




    Stabat Mater
    Patricia Rozario, Sopran
    Catherine Robbin, Mezzo-Sopran
    Anthony Rolfe Johnson, Tenor
    Cornelius Hauptmann, Bass
    The English Concert + Chor – Trevor Pinnock


    Das Stabat Mater Haydns wurde erstmals 1768 in Wien aufgeführt und wurde recht schnell international beachtet – in Paris wurde es besonders häufig gespielt und sehr geschätzt. Im Gegensatz zum wesentlich bekannteren Stabat Mater Pergolesis, ist Haydns Vertonung monumentaler angelegt, neben Solisten kommt auch ein Chor hinzu.




    Die Messen
    Ensemble Musicum 90 – Richard Hickox


    Haydns Messen sind ein ganz besonderer Schatz und ein Monument der Musikgeschichte, ebenso wie die Streichquartette und Sinfonien, auch wenn diese Werke bis auf die Nelsonmesse eher unbekannt sind. Und auch diese Werke bilden ein faszinierendes musikalisches Abbild einer Epoche, entstanden von 1750 bis 1802.


  • Giovanni Battista Pergolesi: Stabat Mater
    James Bowman - Emma Kirkby
    The Academy of Ancient Music - Christopher Hogwood



    Der Text, der den Schmerz der Mutter Gottes beim Anblick des gekreuzigten Jesus thematisiert, wurde unzählige Male vertont, Pergolesis Stabat Mater war schon im 18. Jahrhundert die bekannteste und beliebteste Vertonung und war das am häufigsten gedruckte musikalische Werk der Epoche.
    Pergolesis Stabat Mater entstand kurz vor dem frühen Tod des Komponisten und erlebte posthum einen enormen Erfolg in ganz Europa. Das Werk wurde viele Male aufgeführt und kopiert (auch Johann Sebastian Bach hat das Werk abgeschrieben und eine Kantate daraus gemacht BWV 1083 Tilge, Höchster, meine Sünden)
    Im späten 18. Jahrhundert arrangierten Eybler und Salieri Versionen für ein großbesetztes Ensemble mit Chor. Pergolesis Original ist bescheidener gesetzt, für Sopran und Altstimme und kleines Orchesters mit Basso Continuo.
    Ich schätze besonders die Aufnahme von Christopher Hogwood. Als Sänger wählte er Emma Kirkby und James Bowman aus – zwei absolute Sängerlegenden der Alten Musik. Hier kann man das Werk in seiner originalen Fassung, ohne Mätzchen und unnötige Zutaten erleben und genießen.





    Carl Heinrich Graun: der Tod Jesu (1755)
    Ex Tempore, La Petite Bande – Sigiswald Kuijken


    Grauns Pasionsoratorium „der Tod Jesu“ war im protestantischen Sprachgebiet, das am häufigsten aufgeführte und beliebteste Passionsoratorium seiner Zeit. Am preußischen Hofe wurde es sogar bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts jährlich aufgeführt.
    Die herrliche Interpretation des Ensembles unter Sigiswald Kuijken vermag das Werk ins beste Licht zu rücken.
    Der Tod Jesu ist nicht mit den Oratorien Bachs vergleichbar, denn das Libretto ist kein Bibelzitat, sondern eine theologische Neudichtung der Epoche der Empfindsamkeit, aber natürlich in deutscher Sprache. Es gibt auch keine Rollenverteilung oder Dialoge, die Geschehnisse um die Passion Christi werden vielmehr kommentiert und emotionale Höhepunkte mittels Dacapo Arien illustriert. Natürlich ist das Werk (Rezitativ und Arien) im neapolitanischen Stil geschrieben, die Chöre sind meist traditionelle Choräle. Grauns „Der Tod Jesu“ bietet wirklich wundervolle musikalische Momente und war sicherlich zu Recht im 18. Jahrhundert so beliebt.



    Gottfried August Homilius 1714-1785
    Homilius war wahrscheinlich einer der Schüler Johann Sebastian Bachs, er war Organist an der Dresdener Frauenkirche, nach der Zerstörung der Kreuzkirche durch preußische Truppen im Jahre 1760, wo er Kantor gewesen war, wurde er Kantor der Frauenkirche. Er komponierte fast ausschließlich nur geistliche Musik und wurde für sein Werk schon zu Lebzeiten hoch gerühmt. Seine Werke sind vielleicht die schönsten Kompositionen der direkten Bach-Nachfolge, vor allem seine ergreifenden Arien, im empfindsamen Stil geschrieben, machen die Werke absolut hörenswert. Und gerade seine Passionsmusiken sind von besonderer Schönheit, so führte sogar C.P.E.Bach die Passionen Homilius in Hamburg auf.



    Gottfried August Homilius (1714-1785) : Passionskantate Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld (1775)
    Madrigalisten, Neue Düsseldorfer Hofmusik




    Der Messias (1776)
    Sächsisches Vocalensemble, Batzdorfer Hofkapelle, Matthias Jung


    Homilius Messias konzentriert sich allein auf die Passion Christi, und wie bei Grauns „der Tod Jesu“ gibt es keine Dialoge, Rollenverteilungen u.Ä. – es ist eine musikalisch-religiöse kommentierte Betrachtung der Passion. Der Text ist ebenso eine Neudichtung der Epoche, der Autor ist hingegen unbekannt. Wahrscheinlich entstand das Werk als Auftragskomposition für den Schweriner Hof.
    Das sächsische Vocalensemble und die Batzdorfer Hofkapelle unter Matthias Jung haben hier wohl eine ihrer besten Aufnahmen vorgelegt.





    Johannes Passion (1775)
    Kreuzchor, Dresdner Barockorchester, Roderich Kreile



    Markus Passion (1765)
    Basler Madrigalisten, L'Arpa festante, Fritz Näf


    Die Passionen folgen in ihrer musikalischen Konzeption den Bachschen Passionen, ein Evangelist (der auch eigene Arien zu singen hat) führt durch die Handlung, es gibt eine Rollenverteilung, weitere Stimmen und der Chor illustrieren die dramatischen Höhepunkte. Besonders stechen die dramatischen Chöre und die Accompagnato-Rezitative (natürlich neben den herrlichen Arien) bei den Werken heraus.
    Die Zeitgenossen fassten sein Schaffen viel prägnanter zusammen:


    1776 schrieb Johann Friedrich Reichardt (ein zeitgenössischer Musikschriftsteller und Kritiker):


    „Homilius sei jetzt wohl der ausgemacht der beste Kirchenkomponist“


    1790 schrieb der Lexikograph Ernst Ludwig Gerber über Homilius:


    „Er war ohne Widerrede unser größter Kirchenkomponist“





    Natürlich darf hier auch der Orpheus des 18. Jahrhunderts, Johann Adolf Hasse, nicht fehlen:




    Johann Adolf Hasse: La conversione di Sant Agostino (1750)
    RIAS Kammerchor – Akademie für Alte Musik Berlin – Marcus Creed


    Das Libretto über die Bekehrung des heiligen Augustinus stammt von Maria Antonia Walpurgis von Bayern, Gattin des Kurprinzen Friedrich Christian von Sachsen – vielleicht auch deshalb wurde das Oratorium seit 1770 jährlich, am Nachmittag des Karsamstags, in der Dresdener Hofkirche gespielt.
    Auch wenn hier nicht das Leiden Christi thematisiert wird, so doch die Hinwendung allein zum Glauben.
    der Hedonist Augustinus verzweifelte am Leben, da brachte ihm ein Kind einen Brief "Nimm, und lies! Nimm, und lies!"
    Augustinus erkannte in der Kinderstimme einen göttlichen Anruf „Nicht in Gelagen und Zechereien, nicht in Schlafkammern und Unzucht, nicht in Hader und Eifersucht, ziehet vielmehr den Herrn Jesus Christus an und pflegt nicht das Fleisch zur Erregung eurer Lüste.“ so lautete der Brief, es war eine Abschrift eines Paulusbriefes - Augustinus, bewegt, schwor den weltlichen Gelüsten ab, um sich ganz Christus zu widmen und in diesem Streben einen Sinn im Leben zu finden




    Johann Adolf Hasse: I Pellegrini al Sepolcro di Nostro Signore (1742)
    Il Seminario Musical - Gérard Lesné


    "Die Pilger am Grab unseres Herren" ist ein Libretto vom Dresdener Hofdichter Pallavicino und von Hasse 1742 für die Dresdener Hofkirche vertont.
    Man kann das Werk fast als eine kleine geistliche Oper bezeichnen: Vier Pilger machen sich auf nach Jerusalem um dort die heiligen Stätten zu besuchen, ein "Guida" führt sie und fungiert als Mittler zwischen den Pilgern und Gott - die religiöse und emotionale Rührung der vier Pilger ist dann natürlich Kernelement des Werks.
    Hasse und Pallavicino trafen den Nerv ihrer Zeit, das Werk wurde im 18. Jahrhundert vielfach aufgeführt von Hamburg bis Wien.


    Vorbildliche Interpretation durch das Ensemble um Gérard Lesné.



    Pietro Metastasio: La Passione di Gésu Cristo


    Neben den protestantischen Passionen gibt es natürlich auch die katholische Version, meist wurde hier der Text "La Passione di Gésu Cristo" vom Wiener Hofdichter Pietro Metastasio vertont – so auch bei den folgenden Werken.
    Für den modernen Hörer mag es manchmal recht amüsant wirken, wenn man sich musikalisch eher in einer Opera Seria wähnt und Petrus, Johannes, Josef von Arimathäa und Maria Magdalena Koloraturarien schmettern….




    Niccolo Jommelli: La Passione di Gésu Cristo (1749)
    Berliner Barock Akademie – Ensemble Vocal Eufonia – Alessandro de Marchi


    Eine meiner liebsten Passionsmusiken überhaupt – und es ist fantastisch, zu welchen Leistungen die Sänger durch die herrliche Partitur angetrieben werden: Schon in der ersten Arie (Petrus) überrascht Jeffrey Francis (Tenor), indem er beim Dacapo, in der Schlusskoloratur, mal kurz – und völlig mühelos - in die Altlage wechselt.



    Johann Gottlieb Naumann: La Passione di Gésu Cristo (1767)
    La Staggione Frankfurt – Michael Schneider


    Naumanns Vertonung ist nicht weniger gelungen, die Passione gehört zu seinen frühen Kompositionen, entstand in Italien und bescherte ihm die Aufnahme in die Accademia Filarmonica in Bologna und auch den Durchbruch als Komponist: Es folgten zahlreiche Opernaufträge.
    Die Arien Naumanns sind auf der Höhe ihrer Zeit und sehr kunstvoll – aber natürlich auch sehr opernhaft - von den hier genannten Werken hat dieses Werk wohl die virtuosesten Arien.




    Giovanni Paisiello: La Passione di Gésu Cristo (1782)
    I Barocchisti – Diego Fasolis


    Paisiellos "Passione" hat (wie Jommelis und Naumanns Vertonungen) den Text Metastasios zur Grundlage und war zusammen mit Jommellis Werk zur damaligen Zeit die beliebteste Passione.
    Von den hier vorgestellten Kompositionen ist es das reifste und klassischste Werk. Die wundervollen Momente, die man vielleicht aus seinen Opern kennt, wird man auch in diesem Werk finden – es gibt wunderschöne Arien und Ensemblenummern.
    Das erstklassige Ensemble unter Diego Fasolis sorgt für eine fulminante Interpretation.



    und mein persönliches Highlight:





    Gian Francesco de Majo: Gesu sotto il peso della croce (1764)
    L’Europe Galante – Fabio Biondi


    Auch der Text zu diesem herrlichen Werk stammt von Metastasio. Es ist ein Passionsoratorium das um 1764 entstand, er vertonte auch den großen Text „La Passione di Gésu Cristo“, das Oratorium wurde aber seit dem 18. Jahrhundert nicht mehr aufgeführt, wie viele andere Werke de Majos.
    De Majos Musiksprache spricht mich persönlich sehr an, ich schätze seine Opern sehr und auch in diesem kurzen, zweiteiligen Oratorium gibt es herrliche Arien, die man nur als lebendiges Rokoko bezeichnen kann. Diese Aufnahme ist ein absoluter Glücksfall.

  • André Campra


    Campra hat heute einen eher schweren Stand, als Komponist der Ära zwischen Lully und Rameau wird er oft übergangen und steht dann zusätzlich noch im Schatten von Couperin, Marais und Delalande. Gewissermaßen teilt er das Schicksal mit André Cardinal Destouches, der ebenso wie Campra zur ausgehenden Regierungszeit des Sonnenkönigs zu den beliebtesten, erfolgreichsten und stilbildenden Opernkomponist gehörte. Doch Campra nimmt hier klar die Führungsposition ein und sollte zusammen mit Lully, Charpentier, Marais, Couperin, Delalande und Rameau in einer Reihe stehen.

    Campra wurde 1660 in Aix en Provence geboren, er durchlief eine geistlich-musikalische Ausbildung, in Toulouse schloss er Freundschaft mit dem etwas jüngeren Jean Gilles, dessen Requiem ihn sehr beeindruckte und dessen Uraufführung er in Paris selbst übernahm. 1694 wurde Campra schließlich Musikmeister an der Notre Dame de Paris.

    Campras Musikstil ist italienisch geprägt, fast vergleichbar mit der Musik Charpentiers – besonders was seine geistliche Musik anbelangt, dennoch folgt er im gleichen Maße dem musikalischen Vorbild Lully.


    Motets pour Notre Dame de Paris

    Ensemble Aquillon


    Diese Aufnahme führt einige seine frühen Motetten, die Campra für Notre Dame de Paris schrieb, exemplarisch vor. Ausschließlich für Männerstimmen besetzt sind sie den Kompositionen Charpentiers sehr ähnlich.



    In seiner Zeit an der Notre Dame begann er aber auch weltliche Musik zu schreiben, was in zwangsläufig in Konflikt mit der Kirche brachte. Seine beiden ersten Bühnenwerke brachte er mit Hilfe von Destouches und unter einem Pseudonym auf die Bühne der Academie Royale. 1697 „L’Europe Galante“ und 1699 „Le Carnaval de Venise“ beide Werke waren Sensationserfolge – sie begründeten ein eigenes Genre in der frz. Operngeschichte, das Opera-Ballet.

    Im Gegensatz zur Tragèdie Lyrique gab es meist keine durchgängige Geschichte, jeder Akt war in sich geschlossen. Auch waren Opera Ballets musikalisch reichhaltiger, da auf große Rezitativpassagen fast komplett verzichtet wurde und man sich auf Airs, Chorszenen und vor allem das Ballett konzentrierte.


    L’Europe Galante

    Les Nouveaux Caracteres


    In L’Europe Galante stellen verschiedene Nationen (Frankreich, Italien, Spanien und die Türkei) ihre Liebeskunst vor, thematisch zusammengehalten durch einen Prolog.


    Das Werk stand in modernen Zeiten unter keinem guten Stern, 1973 gab es eine Aufnahme mit der Petit Bande unter Gustav Leonhardt, aber keinesfalls handelte es sich dabei um eine Gesamtaufnahme. Leonhardt reduzierte sich auf einige prägnante Tänze und die großen Airs, Chorsätze wurden ganz ausgelassen. In den 90er Jahren war eine Gesamtaufnahme unter Marc Minkowski für Erato Musifrance geplant, die jedoch nie veröffentlicht wurde (die Aufnahme kursiert aber als Radiomitschnitt im Netz). 2005 interpretierte William Christie das Werk mit der Academie Baroque d‘Ambronnay – obwohl auch diese Interpretation zu den herausragenden Stunden der Barockoper gehörte, gab es keine offizielle Aufnahme. Bei den jährlichen Konzerten in Versailles, die jedes Mal einen anderen Schwerpunkt haben, stand in einem Campra-Themenjahr auch eine Aufführung des Opera Ballets an, aber diese Aufführung (zu der auch eine Aufnahme geplant war) wurde aber dann kurzfristig abgesagt.


    Schließlich kam es 2018 zu einer Aufnahme im Rahmen der Spectacles de Versailles – sie war längst überfällig. Dass es von diesem zentralen Werk der frz. Musikgeschichte bis dato keine Aufnahme gab wäre vergleichbar, als ob es keine Aufnahme der Zauberflöte, des Freischütz oder des Parzival geben würde. Diese Repertoirelücke ist nun endlich geschlossen.


    Le Carnaval de Venise

    Le Concert Spirituel


    Das Opera Ballet Le Carnaval de Venise entstand 1699 und war dem Grand Dauphin gewidmet.

    Im Gegensatz zu L’Europe Galante wird hier wieder eine durchgehende Geschichte vertont: Ein heiteres Eifersuchtsdrama im bunten Treiben des venezianischen Karnevals, das zwar ganz gewöhnliche Menschen thematisiert – die aber dennoch nicht ganz ohne Deus ex machina auskommen – aber dennoch ist der Weg klar, die Emanzipation von den Regeln der Tragèdie Lyrique mit Rückgriffen auf das Comedie Ballett und das Ballet de Cour. Und Campra übernahm eine von Lully in frühen Jahren oft benutzte Praxis – er baute italienische Passagen in seine Werke ein, nicht nur musikalisch, sondern wie damals bei Lully auch, in italienischer Sprache.


    Das Karnevalthema war so erfolgreich, dass Campra noch ein zweites Opera Ballet mit dieser Thematik verfasste, „Les Fêtes Venitiennes“ (1710) eine Aufführung gab es 2015 unter William Christie, es bleibt abzuwarten, ob dieses wundervolle Werk doch noch auf Tonträger veröffentlicht wird.




    Und obwohl Campra ein Genre schuf, das die Tragèdie Lyrique zwar nicht verdrängte, aber dennoch für die Staatsoper eine große Konkurrenz bedeutete, widmete er sich alsbald auch den ersten Bühnenwerken. Er ließ sich von der Kirche freistellen. Er fand einen dauerhaften und treuen Gönner im Sohn des Sonnenkönigs, dem Grand Dauphin.

    Zwischen 1700 und 1720 komponierte er ca. 15 Bühnenwerke:

    1700 Hesione, eine Tragedie Lyrique die recht erfolgreich war, 1701 Arethuse und 1702 schließlich Tancrede – eine von zwei Opern die bisher aufgenommen wurden.



    Von der Oper Tancrede liegen zudem zwei Gesamtaufnahmen vor, die erste von 1986 unter Jean Claude Malgoire und eine aus jüngerer Zeit unter der Leitung von Olivier Schneebeli:



    Tancrede

    Les Temps Presents & Les Chantres

    Olivier Schneebeli



    Das Libretto stammte von Danchet in Anlehnung an Tassos befreites Jerusalem. Die Aufnahme ist der alten Malgoire-Aufnahme natürlich in allen Bereichen überlegen.



    1712 folgte dann Idomenee. Eine Aufführung bzw. Beschäftigung mit diesem Werk kam wohl hauptsächlich aus musikhistorischem Interesse zu Stande – denn es war diese Oper, bzw. das Libretto, dass für Mozarts Vertonung als Ausgangsmaterial diente. Doch das Libretto von Danchet unterscheidet sich in vielen Punkten von der späteren Bearbeitung des Abbe Varesco.

    Dieser Idomeneo beugt sich der Religion, opfert seinen Sohn dem grausamen Meeresgott und verfällt dem Wahnsinn. Allerdings bezieht sich William Christie auf eine spätere Überarbeitung Campras von 1732.



    Idomenee

    Les Arts Florissants – William Christie


    Die Aufnahme habe ich an anderer Stelle schon einmal gepostet, doch in diesem Zusammenhang muss sie natürlich genannt worden, gehört sie doch zu den besten Barockopern auf CD überhaupt.




    Auch in diese Schaffenszeit gehören seine zahlreichen Vertonungen von Kantaten, die sich besonders am Hofe von Versailles und in den Pariser Stadtpalästen großer Beliebtheit erfreuten.

    Diese Kantaten waren ähnlich den Kantaten Alessandros Scarlattis keine geistlichen Werke, sondern Miniaturopern mit mythologischen oder allegorischen Themen für eine oder zwei Singstimmen mit kleinem Instrumentalensemble geschrieben.




    Cantatas Françaises

    Jill Feldmann / Domenique Visse / Jean François Gardeil

    Les Arts Florissants – William Christie


    Eine ältere Aufnahme, einer der klassischen Aufnahmen des Ensembles Les Arts Florissant smit den Stimmen, mit denen auch die großen Opernaufnahmen entstanden. Vier Kantaten Campras wählte man aus:

    Arion / La Dispute de l’amour et d’hymen / Les Femmes / Énée et Didon


    Sie stammen aus unterschiedlichen Veröffentlichungen. Das Instrumentalensemble ist zwar kammermusikalisch besetzt, aber durch den Einsatz der Traversflöte recht farbig.



    Nach dem Tode des Königs und dem Rücktritt Delalandes wurde Campra als einer der 4 Sous-Maitre an die königliche Kapelle berufen. Jetzt komponierte er in erster Linie Grands Motets für den täglichen Bedarf der königlichen Hofhaltung an geistlicher Musik. Doch auch hier zeigte er seine große Könnerschaft – seine Motetten gehörten zu beliebtesten Werken des Hofes – trotz ihrer italienischen Momente. Er führte den vorgegebenen Stil Lullys und Delalandes konsequent weiter.


    Grands Motets

    Les Arts Florissants – William Christie


    Eine beeindruckende Auswahl an drei großen Motetten spielte William Christie ein.

    Notus in Judea, De Profundis und das prächtige Exaudiat te Dominus, das noch aus der Zeit Louis XIV stammte.

    Herve Niquet hat sich dem Motettenschaffen Campras ebenfalls gewidmet und mehrere CDs aufgenommen, darunter auch eine 3 Cds umfassende Serie beim Label Adda, dort findet sich auf Vol.1 auch sein Te Deum.


    Grands Motets Vol.1 (Te Deum / Notus in Judea / Deus in Nomine tuo)

    Le Concert Spirituel – Hervé Niquet



    In dieser letzten Schaffensperiode Campras fällt wahrscheinlich auch sein Requiem. Es ist eine überdeutliche Anlehnung an das Requiems seines Freundes Jean Gilles – ohne dessen Popularität je erreicht zu haben – weder damals noch heute. Dabei gehört Campras Vertonung sicherlich zu den schönsten und „friedfertigsten“ – den Campra kommt gänzlich ohne „Zorn Gottes“ aus und benutzt eine tröstende und hoffnungsvolle Musiksprache.



    Requiem / In Convertendo

    Les Pages et les Chantres - Olivier Schneebeli


    Für mich die schönste und beste Aufnahme, zudem in Kombination mit der großartigen Motette In Convertendo



    Was ist das Besondere an Campras Bühnenmusik? Er ist sicher mehr als ein Lückenfüller zwischen Lully und Rameau, er hat eine ganz eigene Musiksprache, ähnlich eines Charpentier – seine Tänze sind stets ein Garant für Ohrwürmer. Viele seiner Melodien wurden von Komponisten späterer Generationen aufgegriffen, angefangen von zeitgenössischen Tanzsammlungen bis hin zur Suite Provencal von Darius Milhaud und dem Concert Gastronomique vvon Cosma für den Louis de Funes Film Brust oder Keule.