01 - Clavierkonzert KV 459 F-Dur (Special)

    • Offizieller Beitrag

    Hallo,


    in diesem "Special" geht es um die angebliche Aufführung des F-Dur-Konzertes in Mozarts Frankfurter Akademie am 15. Oktober 1790 und der damit im Zusammenhang stehenden angeblichen Trompeten- und Paukenstimmen.


    Zu den Fakten:
    In Mozarts eigenem Verzeichnis ist unter dem Datum 11. Dezember 1784 eingetragen: Ein Klavier Konzert. Begleitung: 2 Violini, 2 Viole, 1 flauto, 2 oboe, 2 fagotti, 2 Corni, 2 Clarini, Timpany e Baßo. Außerdem hat Mozart in der Akademie zu Frankfurt neben dem D-Dur-Konzert KV 537 noch ein zweites Klavierkonzert zum besten gegeben. Welches, ist nicht belegt.


    Zu den Theorien:
    Ursprünglich ging man davon aus, daß es sich bei Mozarts Eintragung im eigenen Werkeverzeichnis bezüglich der "2 Clarini, Timpany" um einen Flüchtigkeitsfehler gehandelt hat, da bei Orchesterwerken in der Tonart F-Dur die Verwendung von Trompeten und Pauken bei Mozart und seinen Zeitgenossen eher unüblich und daher auch kaum zu finden war. Bei genauerer Betrachtung findet man allerdings Ausnahmen, z.B. den Mittelsatz der "Linzer"-Sinfonie C-Dur KV 425, die etwa ein Jahr zuvor entstanden ist: das Andante dieser Sinfonie steht in F-Dur und bedient sich an harmonisch passenden Stellen C-Trompeten und Pauken in C/G. Auch für die Missa Brevis F-Dur KV 192 existieren von Mozart (nachträglich) geschriebene Stimmen für 2 Trompeten in C (allerdings keine Paukenstimmen). Damit wäre die Verwendung von Trompeten und Pauken in F-Dur-Werken bei Mozart belegt und somit auch bei KV 459 durchaus im Bereich des Möglichen anzusiedeln. Es tritt der Umstand hinzu, daß Mozart oftmals aus Platzmangel Bläserstimmen zu größeren Orchesterwerken in einer separaten Partitur niederschrieb. Das F-Dur-Konzert ist auf 12zeiligem Notenpapier notiert, so daß hier für die fraglichen Stimmen kein Platz war: die 12 Systeme waren mit den Stimmen für die Violinen (2), Viola (1), Flöte (1), Oboen (2), 2 Hörner (obligatorisch in einem System zusammengefasst), Fagotte (2), Clavier (2) und Bässe (1) vollständig verwendet (2+1+1+2+1+2+2+1=12). Die (ggfs. nachträglich geschriebene?) Zusatzpartitur mit den fraglichen Trompeten- und Paukenstimmen kann also verloren gegangen sein. Es wäre natürlich möglich gewesen, auch die 2 Fagotte und die beiden Oboen in jeweils einem System zusammenzufassen, so daß für die Trompeten und Pauken je ein System zur Verfügung gestanden hätte; dies hätte allerdings zu einer eher unüblichen Komprimierung und Unübersichtlichkeit geführt, wie sie bei Mozart nie anzutreffen ist.


    Daß KV 459 als heute sogenanntes 2. Krönungskonzert während der Frankfurter Akademie erklungen ist, wird rückschlüssig aus Mozarts Eintrag im eigenen Verzeichnis ermittelt, da man maßgeblich unterstellt, daß Trompeten und Pauken bei derlei imperialen Anlässen (Kaiserkrönung Leopolds II.) unabdingbar waren. Meines Erachtens besteht aber durchaus die Möglichkeit, daß entweder KV 459 ohne die fraglichen Stimmen erklungen ist, da bereits KV 537 dem Anlass entsprechend mit dem Glanz von Blech und Schlagwerk angereichert war, oder daß nicht KV 459, sondern ein anderes Clavierkonzert neben KV 537 erklungen ist (in Frage kämen hier u.a. KV 415 C-Dur, 451 D-Dur, 466 d-moll, 467 C-Dur, 482 Es-Dur, 491 c-moll und 503 C-Dur). Stellt man auf die oben angenommene Verwechslung Mozarts ab, kämen besonders KV 415 und 451 wegen des marschähnlichen Themas in die nähere Wahl, da dieser Rhythmus exakt jenem vom KV 459 entspricht. Doch, warum sollte Mozart diese älteren Werke aufführen, wenn ihm neuere (z.B. 482, 491 oder 503) zur Verfügung stehen? Gerade KV 491 passte wegen der feierlichen Tonart c-moll auch recht gut ins Bild...


    Ein wenig widerspricht sich die Tatsache, daß Mozart häufiger Bläser und ggfs. Paukenstimmen "ad libitum" komponierte: das heißt, die Konzerte können mit oder ohne diese Stimmen gespielt werden (z.B. KV 413, 414, 415, 449, und 537). Bei den genannten fünf Konzerten ist diese Möglichkeit vom Komponisten jedoch explizit vermerkt, bei KV 459 fehlt dieser Hinweis im Werkverzeichnis! Ist dies ein weiterer Flüchtigkeitsfehler, oder lässt dies den Rückschluß zu, daß diese Stimmen tatsächlich niemals existent waren?


    Je nun. Arthur Schoonderwoerd hat zusammen mit seinem Ensemble Cristofori eine rekonstruierte Fassung des Konzertes KV 459 eingespielt:



    Für die Rekonstruktion der angeblichen Trompeten und Paukenstimmen zeichnet der Pauker des Ensembles, Philip Tarr, verantwortlich. Über die "Mozärtlichkeit" dieser Stimmen kann man verhandeln. Der geneigte Hörer vermag sich nunmehr selbst einen akustischen Eindruck davon verschaffen, wie das F-Dur-Konzert mit Trompeten und Pauken klingt. Es hat für mein Empfinden nicht den Glanz von entsprechenden Werken, die in C- oder D-Dur stehen und auch nicht die Bodenständigkeit eines Es-Dur-Konzertes. Es klingt vielmehr wie "aus dem Karton" - es mag sein, daß diese Gefühle bei mir durch die Ungewohntheit hervorgerufen werden, aber ich täusche mich diesbezüglich eher selten (will es aber natürlich keinesfalls ausschließen).


    Es müssen also mehrere Zufälle resp. Umstände zusammengekommen sein, um die obige Einspielung glaubhaft hören zu können:

    • Ehemalige Existenz von Stimmen für ein Konzert, das in F-Dur steht (äußerst selten, aber möglich)
    • Die Stimmen wurden obligatorisch in einer separaten Partitur niedergeschrieben, wie dies bei M. sehr oft der Fall ist
    • Diese Partitur ist heute verschollen
    • Diese Partitur war auch bereits beim Erstdruck bei J. André 1794 zumindest nicht bekannt
    • Mozart muß KV 459 weitaus festlicheren Konzerten (e.g. 451, 467, 491 und 503) vorgezogen und in der Bedeutung höher gewichtet haben


    Gewissheit wird es letztlich erst dann geben, wenn die Existenz der Stimmen durch Wiederauftauchen verifiziert wird.


    Nichtsdestotrotz ist es ja schon toll, daß man das endlich mal hörbar gemacht hat, statt irgendwelchen papiernen Theorien nachzuhinken. So kann man sich eine eigene Hörmeinung davon bilden.


    Ich bin gespannt auf Eure Meinungen!


    :wink:

    • Offizieller Beitrag

    Salut,


    just fand ich folgende Rezension zu obiger CD bei den Amazonen, die ich hier gerne kommentiert wiedergebe (weil Amazon ja für eine weiterführende Diskussion nicht unbedingt geeignet ist):


    Zitat von Wolferl

    Es zirpt, klimpert, scheppert, schabt, kratzt und fiedelt!!


    So ungefähr kritisierte Mozart seinerzeit einen Geige-spielenden Kollegen.
    Nun mag das ja alles sehr "authentisch" sein (wo sind übrigens dazu die Beweise?), aber es ist für meine heutigen Ohren im 21.Jhd. einfach nur grauslich und nicht überzeugend. Natürlich kann man dass so machen, aber dann muss auch das Ergebnis überzeugen. Vermeintlich "wissenschaftliche" Erkenntnisse reichen nicht.


    Welche handfesten Beweise gibt es denn, daß Mozart tatsächlich für einen Steinway komponiert hätte, wenn es ihn im Wien der 1780er Jahre bereits gegeben hätte? Das muß leider ebenso Spekulation bleiben (zu den Beweisen für die historische Aufführungspraxis siehe aber weiter unten).


    Zitat

    Sorry, dies schreibe ich als jemand, der die historische Aufführungspraxis von Anfang an mit großer Aufmerksamkeit und Begeisterung verfolgt, durch Kauf gefördert und immer gerne gehört und verteidigt hat (Jacobs, Harnoncourt, Gardiner, Brüggen, Norrington). Aber wenn dieses scheppernde Klavierchen und diese schwachbrüstige und dünne "Orchester"-Suppe der Weg nach vorne sein soll macht sich die historische Aufführungspraxis mehr und mehr lächerlich. Am tollsten finde ich dann immer wenn behauptet wird, genau so wurde es damals gespielt und alle anderen Ansätze waren bisher falsch...


    Das hat bis auf Harnoncourt noch nie ein ernst zu nehmender HIP-Interpret behauptet ;)


    Zitat

    Liebe Musikfreunde, lassen sie sich nichts vormachen, auch das KV 459 mit ergänzten Pauken- und Trompetenstimmen in Frankfurt 1790 so aufgeführt wurde, ist nichts weiter als eine Behauptung ohne Beweise!!


    Und nichts anderes "behauptet" auch Arthur Schoonderwoerd; diese Einspielung basiert, wie dies auch im Booklet explizit angegeben ist, auf indirekten Argumenten und Plausibilitäten. Es handelt sich um ein nachhörbares Experiment.


    Zitat

    Genau diese ergänzten Pauken- und Trompetenstimmen in KV 459 passen überhaupt nicht und nehmen dem Konzert jede Art von intimen Glanz (und sind obendrein noch schülerhaft nachkomponiert).


    Ob dem Hörer diese Fassung mit Trompeten- und Pauken gefällt oder nicht, sei jedem selbst überlassen. Über Geschmacksfragen braucht man ja bekanntlich nicht streiten, das ist wenig zielführend und spielentscheidend. Bemerkenswert jedenfalls ist, daß man inzwischen über diese Möglichkeit der Aufführung nicht nur lesen, sondern sie auch aktiv hören kann. Sie ergänzt also die bisherige Literatur (die mitunter auf dämlichem und ungeprüftem Nachgequatsche basiert) durch reale Existenz und macht Geschichte zum nacherfahrbaren Erlebnis.


    Zitat

    Diese dünne Besetzung ist im übrigen historisch nur in Ausnahmefällen besetzt worden, denn es ist von namhaften Wissenschaftlern nach Auswertung allen authentischen Quellenmaterials (Autograph, Orchesterstimmen, dokumentierten Besetzungsstärken) immer wieder darauf hingewiesen worden, dass Mozart das Streicherspiel im Orchester variierte, d.h. bei Einsatz des Soloklaviers spielten weniger Streicher als im Tutti. Wenn ich von Haus aus aber nur mit zwei Geigen spiele (so wie hier) dann wird das wohl schwierig...


    Außerdem sind Besetzungsstärken ja auch immer wieder (je nach Verfügbarkeit der Musiker) verändert worden. Es spricht nur wenig dafür, dass Minimalbesetzug Mozarts Klangideal war, er schwärmte immer wieder in seinen Briefen von groß besetzten Orchestern.


    Hier outet sich der Autor (oder Outor?) als wenig praktisch erfahren und reiner Theoretiker. Sicher schätze Mozart die große Orchesterbesetzung; diese konnte aber lediglich bei reinen Orchesterwerken oder Opern tatsächlich umgesetzt werden. Wer jemals einen orchesterbegleiteten Tangenten- oder unbelederten Hammerflügel live gehört hat, der wird schnell verstehen, daß eine großorchestrale Besetzung den Pianisten zum Pantomimen degradiert. Die solistische Streicherbesetzung bei Mozartkonzerten mit historischem Soloinstrument ist geradezu Pflicht, wenn man sich nicht - wie Immerseel und Gardiner/Bilson - aufnahmetechnischer Tricks bedienen möchte. Was jedenfalls bei den letztgenannten von der CD zu hören ist, kann live so niemals erklungen sein, auch wenn das Ergebnis überzeugt.


    Ich habe inzwischen sehr viele solcher Konzerte live erlebt und weiß daher, wovon ich schreibe. Selbst bei solistischer Besetzung geht der Klang des Soloinstrumentes an Tuttistellen oftmals nahezu unter. Zudem hat Mozart ganz bewußt die Clavierkonzerte KV 413, 414, 415, 449 und ggfs. 537 auch in einer Miniversion herausgegeben (d.h. so komponiert, daß man die Bläserstimmen weglassen kann). Damit wollte sich der Komponist einen größeren Markt verschaffen, da diese Konzerte nun auch im damals üblichen häuslichen Rahmen (also solistisch besetzt!) musiziert werden konnten. Fanden sich noch ein paar Bläser ein, ...umso besser.


    ;)