Auf die Musik zugeschnitten: die Welt der Castraten

  • Hallo,


    aufgrund einer fast aktuellen Neuerscheinung scheint das Thema wieder etwas an Interesse zu gewinnen:



    Heinz Baum
    Die Sängerkastraten der Barockzeit


    Baum befasst sich mit der Frage, ob es Castraten in dem Ausmasse, wie es ständig postuliert wird, tatsächlich gegeben hat? Er scheint wohl Gründe zu haben, daran zu zweifeln... ich habe das Buch noch nicht gelesen, allerdings bestellt.


    Als sachkompetentes Kompendium galt für mich bislang:



    Hubert Ortkemper
    Engel wider Willen - Die Welt der Kastraten


    Das Buch ist mit zahlreichen Berichten illustriert, man findet grundlegende und z.T. tiefergehende biografische Details zu den berühmten Castraten und unmittelbar damit im Zusammenhängenden Personen in einem alphabetischen Personenregister. Auch erwähnte Opern und andere Musikstücke sind in einem alphabetischen Register aufgelistet. Man kann und sollte das Buch allerdings unabhängig vom Register am besten einfach von vorne bis hinten durchlesen. Ortkemper schreibt mit einem z.T. sarkastischen Unterton, der mir sehr gut gefällt, den aber ggfs. den einen Leser oder die andere Leserin ob des Themas stören könnte. Auf jeden Fall ist das Buch ein großartiger Fundus für Anekdoten und biografische Eckdaten der Sänger. Das Buch beschäftigt sich mit der gesamten Zeitspanne, in welcher Castraten existierten, mit dem Vorgang der Kastration selbst, Schimpfwörtern, Kritiken, Vor- und Nachteilen... auf jeden Fall eine dicke Empfehlung!


    Kein Fachbuch, dafür ein belletristes Meisterwerk:



    Richard Harvell
    Der Kastrat


    Im Original "The Bells" - *lol* Vermutlich war dieses Wortspiel nicht beabsichtigt, denn in der Handlung geht es tatsächlich zu Beginn um den Klang von (Kirchen-) Glocken. Der Roman beschreibt den spannenden Werdegang eines fiktiven Castraten und - wie ich finde - sehr gut die Sicht aus seiner Person heraus (sofern man dies überhaupt real nachvollziehen kann). Es wird ein farbenprächtiger Teppich ausgebreitet, der die musikalische, medizinische und menschliche Landschaft des 18. Jahrhunderts fesselnd wiedergibt. Soweit ich mich erinnere, kommt auch Mr. Gluck in Persona vor...


    :wink:

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790

  • Zitat



    Heinz Baum
    Die Sängerkastraten der Barockzeit


    Baum befasst sich mit der Frage, ob es Castraten in dem Ausmasse, wie es ständig postuliert wird, tatsächlich gegeben hat? Er scheint wohl Gründe zu haben, daran zu zweifeln... ich habe das Buch noch nicht gelesen, allerdings bestellt...


    ...und bereits fast zur Gänze verschlungen.


    Der Autor wirft in der ersten Hälfte seines Werks mit medizinischen Begriffen um sich, denen ich als Fakultätsfremder kaum folgen kann; er legt jedoch dar, daß eine Castration zur Barockzeit offenbar nicht - oder nur unter aller günstigsten Umständen - möglich war und erfolgreich verlaufen konnte. Er bringt zudem die immer wieder in anderen dieses Thema betreffenden Werken genannte - nicht verifizierte - Zahlen ins Spiel und stellt einigermaßen nachvollziehbare Berechnungen an: demzufolge müssen in der fraglichen Zeitspanne zwischen einer viertel und einer halben Million Kinder castriert worden sein, um die paar wenigen wirklich berühmt gewordenen Castraten zu erhalten, die heute durch ihre damalige Berühmtheit noch namentlich bekannt sind. Einerseits spricht (m. E.) die angegebene Sterblichkeitsrate gerade für diese Menge an "Materialerbrauch", andererseits meint Heinz Baum, hätte diese Menge nicht unbemerkt "verarbeitet" werden können - es gibt hingegen keine Hinweise auf Massengräber und ggfs. Entsorgungsstellen für die enormen OP-Abfälle. Baum unterstellt, daß es sich bei der Bezeichnung "Castrat" lediglich um eine hochwirksame marktstrategische Werbemassnahme handelte, denn auch die angeblichen Körpermerkmale von Castraten (besonders weibliche Körperform, ausgeprägte Brüste, großes Brustvolumen) sei nach heutiger medizinischer Sicht nicht nachweisbar (im Übrigen auch nicht bei Alessandro Moreschi sichtbar), Veränderungen des Kehlkopfes seien durch die Castration nicht vollumfänglich stoppbar, weil hier wohl auch andere Faktoren eine Rolle spielen: eher würde - wenn ich das richtig verstanden habe - die Castration langfristig zu einer krächzenden Stimme führen, welche den akrobatischen Anforderungen der Barockoper keinesfalls mehr entsprechen könnten.


    Was mich an der Lektüre etwas stört ist, daß der Autor permanent von "fahrenden Wundärzten" schreibt, die derlei Operationen (wenn überhaupt) bewerkstelligten. "Fahrend" deswegen, damit sie nach vollbrachtem Werk die Ortschaft schnellstmöglich verlassen konnten, um nicht erkannt und/oder gefasst zu werden, da Castration ja grundsätzlich verboten war (ich persönlich ging stets davon aus, daß hier selbstverständlich Spezialisten am Werk waren...). Selbst bei einer notwendigen Operation durch z.B. Hodenbruch o.äh. sei eine solch komplizierte Operation nur äußerst selten und mit wenig Erfolg verrichtet worden. Außerdem trügen die extrem hohen Infektionsrisiken wegen mangelnder Hygiene zum fast 100%igen Misslingen der Wundheilung bei (mit an Sicherheit grenzender Todeswahrscheinlichkeit). Castratenmassenproduktionsfabriken, wie es sie in Italien gegeben haben soll, sind offenbar bis heute nicht nachweisbar (was mich persönlich nicht weiter wundert, wenn es doch verboten war).



    Das berühmte Gemälde Corrado Giaquintos, welches Farinelli (Carlo Broschi) zeigt, trüge übrigens den Untertitel (wohl sinngemäß) "Der Sopranist" (!) - ich konnte das bislang nicht verifizieren und weiß auch nicht, ob dies eine wirkliche Rolle spielt... der Autor meint jedenfalls hierin eine bewußte Richtigstellung der Sachlage zu erkennen.


    Ich finde diese Theorie sehr spannend und interessant - folglich muß es also auch im 17. und 18. Jahrhundert Countertenöre gegeben haben, die (nach Baums These) bloß aus Marketinggründen sich als "Castraten" verkaufen ließen - das wohl mit großem Erfolg. Dies wiederum würde ja die heutige (bislang als schlechter Ersatz geltende) Praxis dann doch wieder bestätigen. Countertenöre (bzw. besser: Sopranisten und Altisten) singen heute problemlos das, was die angeblichen Castraten damals sangen; es geht heute, also ging es auch damals... ganz ohne das Messerchen.


    Ob Baum nun tatsächlich mit dem Mythos aufzuräumen vermag, kann ich schlecht beurteilen, aber: trotz des vielen Fach-Chinesisch eine abwechslungsreiche und erhellende Lektüre! Jedenfalls hat Baum insofern Recht, daß das Thema bislang viel zu wenig beleuchtet wurde.


    :wink:

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    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790

  • Wenn ich ehrlich bin, dann klingt auch Alessandro Moreschis Stimme nicht unbedingt anders als die eines (für heutige Verhältnisse zumindest) schlechten Counters. Ich berücksichtige dabei natürlich die für heutige Verhältnisse schlechte Qualität der erhaltenen Aufnahmen und das fortgeschrittene Alter des Sängers zur Zeit der Aufnahmen (1904), die letztlich nur mehr historischen Wert haben. Auch bei Moreschi sind "Datum und Umstände seiner Kastration [...] nicht bekannt" (Quelle: Wikipedia); das unterstützt jedenfalls Baums These, wenn auch zu jener Zeit eine Castration bereits relativ problemlos durchführbar gewesen ist - bei ihm wird Moreschi übrigens kaum für erwähnenswert gehalten, es geht ja in dem Buch vornehmlich um die die "Sängerkastraten der Barockzeit", zu denen Moreschi wohl kaum noch zu rechnen ist.


    Zitat

    Baum unterstellt, daß es sich bei der Bezeichnung "Castrat" lediglich um eine hochwirksame marktstrategische Werbemassnahme handelte, denn auch die angeblichen Körpermerkmale von Castraten (besonders weibliche Körperform, ausgeprägte Brüste, großes Brustvolumen) sei nach heutiger medizinischer Sicht nicht nachweisbar (im Übrigen auch nicht bei Alessandro Moreschi sichtbar)


    Carlos Mena - Sopranist - schaut jetzt auch nicht wirklich bedeutend anders aus als Moreschi:



    Interessant finde ich folgenden Passus bei Wikipedia: "Im November 1904 übernahm er [Moreschi, Anm. d. A.] die Unterrichtung des Knabensoprans Domenico Mancini, der sich in der Folgezeit den Stil Moreschis antrainierte und ihn nach dem Stimmbruch als Falsettist weiterentwickelte, aber als Kastrat verdächtigt wurde [...]" (Hervorhebungen durch mich). Ich denke, ähnlich könnte es zur Zeit der "großen Castraten" ebenfalls gewesen sein? Ist man denn überhaupt sicher, daß Moreschi castriert war?


    Das Buch wird sicher nicht für große Aufregung sorgen (leider), aber zumindest doch den einen oder die andere zum Nachdenken anregen (?).


    Was ich übrigens (semi-offtopic) nie so ganz verstehe: angeblich waren in den Gotteshäusern (so ist es überliefert) Frauenstimmen unerwünscht. Castraten oder ggfs. Falsettisten haben aber Frauenstimmen... ;) Wäre hier eine Korrektur notwendig, die da lautet: "Stimmen, die von Frauen erzeugt werden?" Wie lautet der Originaltext des Dekrets?


    Tante Vicky zum Stichwort Kirchenmusik: "In 1. Korinther 14 bezieht sich Paulus im Rahmen einer geistlichen Belehrung zwar auf einige Musikinstrumente, nimmt hierzu aber nicht Stellung. Im 34. Vers des Kapitels wird er aber umso deutlicher: „So sollen die Frauen in den Versammlungen schweigen, denn es ist ihnen nicht gestattet zu reden.“ Dies impliziert natürlich auch das Singen."


    Wie erwähnt, kann ich Baums Thesen aus medizinischer Sicht zwar nachvollziehen, aber nicht verifizieren, da mir dazu nicht nur die Grundkenntnisse fehlen - er ist der Fachmann, ich muß (resp. müßte) es glauben. Allein, mir fehlt die Fähigkeit, etwas zu glauben, das ich nicht selbst verifizieren kann (und auf die Durchführung einer Castration mit anschließender Beobachtung postoperativer Folgen habe ich derzeit keine Lust...). Jedenfalls klingt das alles sehr logisch - und Baums Zweifel haben wohl sicherlich Berechtigung. Nichtsdestotrotz empfinde ich gerade, daß das Zeitalter der Aufklärung mit rund 250 Jahren Verspätung angebrochen ist...


    :wink:

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  • Guten Tag


    im Frühbarock werden Sänger mit hoher Stimmlage von zeitgenössischen Musikern mehrfach aufgezählt. Michael Praetorius erwähnt z.B. drei Arten von Sopransängern: "Eunuchus", "Falsetista" und "Discantis", letztere waren Knabensoprane.
    Heinrich Schütz listete sie 1645 wie folgt auf:


    "Wegen der Companey der Sänger:


    2. von den Discantisten, Knaben, Falsetisten und Eunuchen"


    Wie genau sie da hingeschaut haben ?


    Gruß :wink:


    aus der Kurpfalz


    Bernhard

  • Wie genau sie da hingeschaut haben ?


    Das hätte womöglich nicht viel gebracht: Baum schätzt ja von den Möglichkeiten die Vasektomie als die wahrscheinlichste, weil im Verhältnis am wenigsten gefährlichste, ein. Außer einer kleinen - ggfs. verdeckten - Narbe würde man wohl nichts sehen können... ein "Hodengriff" wäre hier nicht zielführend...


    :D


    Theoretisch liesse sich ja solch eine Narbe auch faken... also ein kleiner Schnitt ohne anschließende OP. Wäre zumindest eine Möglichkeit in dieser Verschwörungstheorie...


    8|

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  • Hallo,


    im Rahmen einer interessanten privaten Diskussion gestern, die zwar auf Baums Buch aufbaute, aber im Prinzip mit dessen Theorien nichts zu tun hatte, kam den Diskutanten noch eine weitere Verschwörungtheorie in den Sinn: es wäre ja durchaus denkbar, daß gar keine Knaben, sondern junge Mädels mit knabenhaftem Aussehen in den Chören verwendet und als "Castraten" verkauft wurden. Dies würde den angeblichen Umstand erklären, daß sich bei "Castraten" gewisse weibliche Rundungen zeigen. Soweit ich mich erinnere, hat sogar Händel sich dieses "Tricks" einmal bedient und ist dabei böse aufgefallen (?).


    :beatnik:

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  • Guten Tag


    Siehe auch " klassik.com " vom 1. April 2014:


    " Erstmals wieder ein Kastrat in einer Händel-Oper "


    Zitat

    Faiano, 01.04.2014.
    Wie das Fremdenverkehrsamt der Stadt bekannt gab, wird beim diesjähriges XVII. Festival delle' Opere di Barocco di Faiano (17. bis 28 August) erstmals seit nahezu einhundert Jahren wieder ein Kastrat in einer Oper auftreten. Der bei Neapel geborene Giovanni Senzuova wird dann im römischen Amphitheater der Stadt in der Titelpartie von Georg Friedrich Händels Oper "Giulio Cesare in Egitto" (HWV 17) zu erleben sein und damit in die Fußstapfen des legendären Kastraten Francesco Bernardi, genannt "Senesino", treten, für den Händel diese Partie 1724 geschrieben hatte. Giovanni Senzuova, dessen Gesangstalent bereits früh erkannt wurde, erwirkte mit dem Einverständnis seiner Eltern im Jahr 2001, in einem vor allem in den italienischen Medien Aufsehen erregenden Prozess, die Erlaubnis, sich im Alter von damals 11 Jahren kastrieren zu lassen, um seinen Knabensopran in die Kastratenlage überführen zu können. Anschließend studierte er am legendären Conservatorio di San Pietro a Majella in Neapel, der seit dem 17. Jahrhundert traditionsreichen Ausbildungsstätte für Komponisten und Sängern der sogenannten "Neapolitanischen Schule". Zahlreiche legendäre Kastraten erfuhren hier über zwei Jahrhunderte hinweg ihre Ausbildung.
    Seit Giovanni Senzuova 1999 im Alter von neun Jahren erstmals einen Countertenor in der Oper gehört hatte, war es sein Wunsch, herauszufinden, wie Kastraten tatsächlich geklungen hatten. Nachdem Senzuova bisher nur bei privaten Feiern und in nicht öffentlichen Kirchenkonzerten seiner Heimatstadt Neapel aufgetreten ist, bedeuten die drei geplanten Aufführungen von Händels "Giulio Cesare" sein öffentliches Debut. Nach dem Tod des letzten Kastraten, Alessandro Moreschi im Jahre 1922, ist Giovanni Senzuova der erste Kastrat der Neuzeit. Die wenigen Personen, die ihn bislang singen hörten, zeigten sich von den gesangstechnischen Fähigkeiten Senzuovas begeistert und beschrieben die Stimmfärbung als von "überirdischer Reinheit" und als nicht mit der Stimme von Countertenören vergleichbar. Das anhaltende Interesse am Barockrepertoire und die derzeitige große Bandbreite und Beliebtheit von Countertenören wie Fagioli, Jaroussky, Mehta oder Cencic dürfte bei Fachwelt und Liebhabern besonderes reges Interesse auf dieses Debut lenken.



    Gruß :wink:


    aus der Kurpfalz


    Bernhard

  • Senzuova


    *lol*


    Allerdings ein kleiner Fehler:


    Zitat

    [...] kastrieren zu lassen, um seinen Knabensopran in die Kastratenlage überführen zu können.


    Da hätte - zumindest kurzfristig - auf ein einfacher Tritt gereicht. 8-)

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  • Netter Scherz!


    Zum eigentlichen Thema:
    So spannend ich die Thesen des Mediziners finde, habe ich eben doch immense Zweifel daran, dass die Kastratensänger wirklich nur ein Marketinggag gewesen sein sollten. Bei der Selbstverständlichkeit, mit der bei Sängern von "Eunuchen" gesprochen wurde (siehe Schütz), kann ich mir nicht vorstellen, dass all diese Musiker wirklich nur die Kastrierten gespielt haben. Vor allem, da die großen Stars ja offenbar eine große sexuelle Anziehungskraft hatten, und da kann ich mir nicht vorstellen, dass es nicht zu sexuellen Handlungen gekommen ist. Und die Wahrscheinlichkeit, dass solche Handlungen dann zu einer Schwangerschaft führen, ist einfach nicht klein genug, wie ich finde. Deshalb: Wären die entsprechenden Sänger tatsächlich nur gespielte Kastraten gewesen, dann hätte es doch wenigstens Gerüchte über den Betrug geben müssen, weil sich einfach nicht alles faken bzw. unterdrücken lässt. Und weil gewisse Details einfach die Runde machen, egal, wie viel Mühe man sich gibt.


    Und wenn die Kastraten des Barock nur eine Legende waren, was war dann der Sklavenhandel mit Eunuchen zwischen Nordosteuropa und dem Orient im Mittelalter? Auch nur ein Marketinggag?


    So schlüssig das von der medizinischen Seite aus dargestellt ist, will es mir doch zu unwahrscheinlich erscheinen, dass ein solcher Betrug möglich sein sollte. Letztlich juckt es mich aber nicht beim Musikgenuss, solange wir voll ausgestattete Männer haben, die mit solcher Schönheit in Frauenstimmlagen singen. Wer fragt da nach Kastraten?

  • Deshalb: Wären die entsprechenden Sänger tatsächlich nur gespielte Kastraten gewesen, dann hätte es doch wenigstens Gerüchte über den Betrug geben müssen, weil sich einfach nicht alles faken bzw. unterdrücken lässt.


    Ein schlagendes, aber kein totschlagendes Argument. Immerhin wurden die verbotenen Castrationen, sofern sie denn stattgefuden haben, ebenfalls so geheim gehalten, daß (angeblich) bis heute nicht bekannt ist, wo sie denn genau stattfanden und wer sie durchführte.


    Ich kann es, leider, medizinisch nicht beurteilen, aber Heinz Baum schreibt final:


    Zitat

    [...] zum anderen macht der endokrinologische Teil deutlich, daß ein Kastration zwecklos ist, da sie die Knabenstimme nicht erhält, sondern im Gegenteil einen künstlerisch gesangsunfähigen Kehlkopf nach sich zieht.


    Wenn man diese Behauptung stichhaltig beweisen könnte, wäre das Thema Castraten wohl für alle Zeiten erledigt; es sei denn, es gäbe wieder Ausnahmen...


    *hä*

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  • Max Emanuel Cencic scheint Baums These in einem Interview zu unterstützen:



    Zum gesamten Interwiew.

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790

  • Ich halte diese These für Blödsinn, zumal die Kastration und deren Auswirkung medizinisch belegt und dokumentiert ist - und nicht nur medizinisch, sondern auch rechtlich ! Und hier sollte man nicht nur die Ausbildung von Kastraten im Auge behalten, sondern eben auch die übrigen Quellen, und die sprechen eine deutliche Sprache.
    Denn mal abgesehen von dem Thema das Mordent ansprach, Frauen wissen in der Regel sehr genau, mit was sie da spielen :D
    Ein Betrug wäre sofort aufgefallen.
    Und es ist richtig, dass nur ein kleiner Prozentsatz diese Operation überhaupt überlebte, und aus einem deutschen Reisetagebuch um 1770 geht hervor, dass man damals sagte, von knapp 100 Knaben würde nur einer überhaupt stimmlich geraten.
    Warum war die Sterblichkeit so hoch ? Weil eben in der Scheune bei Nach und Nebel von irgendwelchen Metzgern der Eingriff vorgenommen wurde.
    Generell unterschätzt und verachtet man ja die Medizin vorheriger jahrhunderte...ohne wirklich zu wissen, was da wirklich Sache gewesen ist.


    Zitat

    Ein schlagendes, aber kein totschlagendes Argument. Immerhin wurden die verbotenen Castrationen, sofern sie denn stattgefuden haben, ebenfalls so geheim gehalten, daß (angeblich) bis heute nicht bekannt ist, wo sie denn genau stattfanden und wer sie durchführte.


    das ist nicht ganz korrekt, man wusste sehr genau wo kastriert wurde, da gab es spezielle Dörfer und Städte in Italien, die sich da einen zweifelhaften Ruf erschnippelten.
    Und die Kastration war zwar offiziell verboten, das hielt aber niemanden davon ab - dafür war das Elend zu groß (und die Hoffnung auf das große Geld) und die Nachfrage nach den Sängern - warum dann kastriert wurde, wurde meist mit einer phantastisch-tragischen Geschichte gerechtfertigt.


    Aber: die Kastraten hatten auch einen anderen Rechtsstatus, und da gibt es zig Gerichtsakten, gerade zum Thema Eheschließungen, was Ihnen aufgrund der Zeugungsunfähigkeit aus religiösen Gründen verboten war.



    Außerdem gab es im 17. Jahrhundert auch bereits Countertenöre, die berühmtesten Charpentier und Purcell. Das Singen im Falsett war für viele Opern notwendig (Verwandlungen oder Täuschungen) und auch für die Kirchenmusik nicht unattraktiv. Aber es war nie ein ernsthafter Ersatz für echte Kastraten.


    Countertenöre hatten und haben (!) nicht den Stimmumfang um in der Oper überzeugend eingesetzt zu werden. Man hat auch damals, wenn der Kastrat ausfiel, immer auf Frauen zurückgegriffen. Heute fehlt uns die Vergleichsmöglichkeit, weswegen man in der Regel entzückt ist, wenn man eine männliche hohe Stimme hört. Aber die meisten Countertenöre singen in einem sehr begrenztem Oktavbereich, mit oft gepresster Stimme. Und die sehr oft beschriebene Extase, die echte Kastraten auslösten, die bleibt bei den Countertenören aus. Natürlich kann man durch Training da was machen, die Technik verbessern.... aber man sollte sich nicht blenden lassen und darauf hereinfallen, dass diese Sänger die damalige Kunst der Kastraten auch nur annähernd erreichen.
    Da reichen auch schon heutige Vergleiche zwischen Händel Arien, gesungen von Damen oder Countertenören: Da haben die Counter nicht den Hauch einer Chance.
    Von den echten Bravourarien der Starkastraten will ich gar nicht erst reden, die haben bisher auch nur Bartoli und Genaux singen können.



    Ich halte diese Kampagne für gefährliche Geschichtsfälschung und eine Marketingstrategie, damit der Einsatz dieser Sänger in der Oper historisch gerechtfertigt werden kann - mehr nicht.
    Es ist ein Geschäft....

  • Ich möchte nicht mißverstanden werden: ich glaube keine der Thesen, solange sie nicht für mich unwiderlegbar bewiesen wurden. Dennoch habe ich Freude daran, darüber zu sinnieren:


    Frauen wissen in der Regel sehr genau, mit was sie da spielen. Ein Betrug wäre sofort aufgefallen.


    Nicht bei einer einfachen Samenstrangdurchtrennung; die Hoden blieben wo sie waren.


    das ist nicht ganz korrekt, man wusste sehr genau wo kastriert wurde, da gab es spezielle Dörfer und Städte in Italien, die sich da einen zweifelhaften Ruf erschnippelten.


    Aha; aber eine genaue Verortung ist auch Dir nicht möglich?
    *hmmm*


    Countertenöre hatten und haben (!) nicht den Stimmumfang um in der Oper überzeugend eingesetzt zu werden.


    Bezweifle ich stark.


    Und die sehr oft beschriebene Extase, die echte Kastraten auslösten, die bleibt bei den Countertenören aus.


    Bei mir nicht.


    Ich halte diese Kampagne für gefährliche Geschichtsfälschung und eine Marketingstrategie,


    Naja, für eine Kampagne mit einer derart immensen Auswirkung, wie Du es annimst, wird das Thema nicht gerade besonders breitgetreten. Thesen sind in erster Linie Thesen, die eine andere Belichtung auf das Thema geben - ich finde das interessant; man muß nicht immer alles glauben, nur weil es über Jahrhunderte verbreitet wird oder wurde. Ich verstehe Cencics Argumentation dahingehend, daß er - was jedem Künstler freilich zusteht - das, was er tut, zu untermauern. Jedenfalls hat er Recht, was die Besetzung eines Cæsar mit einer männlichen Person betrifft - alles andere ist für mich unglaubwürdig. Ausnahmen sind für mich Soloplatten von diversen weiblichen Barockdiven; da dürfen die meinetwegen singen, was sie wollen - ansonsten ist das nicht deren Repertoire. Aber das gehört in einen anderen Thread.

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  • was ist denn mit Farinelli?


    Das:



    Leider hat man es 20 Jahre lang nicht für nötig befunden, die deutsche Synchronfassung herauszubringen. Gelegentlich aber läuft der Film auch im dt. Fernsehen (in deutsch, versteht sich).


    Zitat

    Ich glaube nicht, dass er die Technik der heutigen Counter beherrscht hat


    Zur Zeit des Drehens des Films war es eher umgekehrt: kein Counter konnte die Farinelli zugedachten Arien singen, deshalb wurden für den Film wegen des unglaublichen Tonumfanges die Stimmen des Countertenors Derek Lee Ragin mit der der polnischen Koloratur-Sopranistin Ewa Małas-Godlewska zusammen geschnitten.


    Daß Farinelli eine musikalische Ausnahme mit einem besonders großen Tonumfang war, will ich nicht bestreiten; allerdings schon, daß dieser Tonumfang auf die Castration zurückzuführen ist. Simone Kermes, Mady Mesplé und einige andere haben resp. hatten ebenfalls 3 1/2 Oktaven und mehr drauf... sicher kein leichtes Spiel, aber machbar - je nach Veranlagung.


    Heute singt u.a. Jaroussky Arien, die Farinelli zugedacht waren. Das Problem sind sicherlich nicht in erster Linie die dreieinhalb Oktaven, die selten genug von der menschlichen Stimme bewältigt werden können, sondern deren spezifischer Start- resp. Endpunkt - auf den jeweiligen damaligen Solisten zugeschnitten. Ansonsten gilt die alte Weisheit „Übung macht den Meister“: so wie eben auch nur eine Hand voll Pianisten die Hammer-Werke von Liszt und Alkan spielen können.

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  • Man könnte die Gesangspartien im Film sicherlich heute mit Jaroussky oder anderen nachsynchronisieren - dann hätte man ein durchgehendes Timbre. Aber für den Ottonormalschnulzenfilmfan reicht der techschnische Kniff, um hinreichend zu beeindrucken. Ich bin überzeugt, daß die meisten, die den Film gesehen haben, überhaupt nicht gepeilt haben, WAS das gesungen und wofür der technische Aufwand betrieben wurde... es hätte schon gereicht, daß ein Mann wie eine Frau singt.


    *lol*

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  • Und die sehr oft beschriebene Extase, die echte Kastraten auslösten, die bleibt bei den Countertenören aus.


    Den Mangel an Ekstase beschreibt Jaroussky in einem Interwiev ein klein wenig anders:


    Zitat

    Jaroussky: Während des Konzerts reagiert das Publikum natürlich vor allem auf virtuose Arien. Die Leute schreien, drehen durch.

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  • Leider hat man es 20 Jahre lang nicht für nötig befunden, die deutsche Synchronfassung herauszubringen. Gelegentlich aber läuft der Film auch im dt. Fernsehen (in deutsch, versteht sich).

    Auch ich warte schon ewig Klassische Musik in Spielfilmen auf die DVD mit deutscher Synchronfassung!

    "Ich bin also wahrscheinlich ein wertekonservativer Liberaler mit roten Socken und grüner Latzhose." (guter Freund) :)