Die Clavierbauer-Dynastie Érard


  • Sébastien Érard wurde am 5. Juni 1752 in Straßburg (heute: Strasbourg) als Sebastian Erhard geboren. Früh entwickelte er ein Feingefühl für Geometrie und Architektur; für beides zeichnet offenbar die Polsterwerkstatt seines Vaters verantwortlich. Nach dem Tode seines Vaters 1768 verschlug es Érard nach Paris, wo er bei einem Cembalobaumeister in die Lehre ging. Hier konnte er seine bemerkenswerten Fähigkeiten unter Beweis stellen. Allerdings wurde sein bislang namentlich nicht eruierbarer Lehrmeister recht bald neidisch auf die herausragenden Fähigkeiten seines Lehrlings, was zur Entlassung desselben geführt hatte. Durch sein Wirken erlangte Érard die Protektion der Duchesse de Villeroi, Jeanne Louise Constance d'Aumont (1731-1816), Tochter des Herzogs von Aumont und dann durch Heirat (1747) Duchesse de Villeroy (Danke an Mathias für die Recherche!). In Leopold Mozarts Reisenotizen von 1763 ist vermerkt, daß ein Besuch bei der Madame la Duchesse de Mazarin fille de Duc Duras stattgefunden hat. In seinen Reisereferenzen vom Februar 1778 führt Leopold Mozart nochmals auf. Ob W. A. Mozart die Empfehlung seines Vaters während seines Parisaufenthaltes beherzigte, ist (mir) nicht bekannt. Zu einer Begegnung mit der Familie Érard kam es jedenfalls nicht. Allerdings korrespondierte Constanze Nissen (Wittwe Mozart geb. Weber) mit Marie Céleste Spontini geb. Érard (s.w.u.) im Spätsommer und Herbst 1828, wobei es im Kern der Sache um Georg Nikolaus Nissens Mozart-Biografie ging, für deren Übertragung ins Französische sich Spontini offenbar einsetze.


    Sein erstes Instrument, ein Sqaure-Piano (Tafelklavier), baute Sébastien Érard 1777 nach dem Vorbild von Johannes (Johann Christoph) Zumpe (1726-1790) in seiner ersten eigenen Werkstatt, einem Zimmer im Anwesen der ihn protegierenden Duchesse. Vom Erfolg gekrönt, durfte Érard expandieren und bediente sich dazu der Unterstützung seines älteren Bruders, der allerdings seinerseits behauptet, von Beginn an dabei gewesen zu sein. Zusammen mit Jean-Baptiste (1750-1826) gründete Sébastien 1780 in Paris die Klavierfabrik Érard fréres bzw. Érard & frére; das Atelier befand sich in der Rue du Mail N° 13, nördlich der Seine im 1. Arrondissement. Andere Quellen nennen die Rue de Bourbon, die nur wenige hundert Meter vom Hotel de Villeroy in der Rue de Varenne N° 78 entfernt ist und sich südlich der Seine im 7. Arrondissement befindet. Auf die "Rue de Bourbon" nimmt Leopold Mozart Bezug, so daß es sich hierbei wohl um das Domizil der Duchesse handeln muß, in der die erste provisorische Werkstatt Érards gewesen ist.



    Sébastien Érard


    Die Wirren der französischen Revolution veranlassten Érard, 1786 nach London zu fliehen, um dort 1792 eine Fabrik in der Great Marlborough Street zu eröffnen. Jean-Baptiste Érards 1790 geborene (und 1878 verstorbene) Tochter Marie-Cathérine Céleste wurde am 3. August 1811 Ehefau des Komponisten Gaspare Spontini (1774-1851).


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    Genealogie der Familie Érard
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    Während Sébastien in den Jahren 1808-1814 verstärkt die Londoner Fabrik leitete, kümmerte sich der Bruder Jean-Baptiste um die Geschäfte der Pariser Fabrik, die er, jegliche Anweisungen seines Bruders missachtend, 1813 in den Konkurs führte. Von London aus erhielt Ludwig van Beethoven bereits im Jahre 1803 seinen Flügel zum Geschenk. Érard widmete sich ebenso intensiv der Fortentwicklung der Harfe und man darf wohl annehmen, daß die parallele Entwicklung von Harfe und Hammerflügel durch Érard profitabel für beide Instrumentengruppen war. Der Konkurs des Vaters war wohl Anlass dafür gewesen, daß Jean-Baptiste-Orphée-Piérre (1794-1855) - zugleich Neffe von Sébastien und Bruder von Marie-Cathérine Céleste - 1814 nach London übersiedelte und fortan seinen Onkel in der Londoner Fabrik unterstützte, die er ab 1831 (nach dem Tode seines Onkels am 5. August jenen Jahres) selbständig weiterführte.


    Die Firma Piérre Érard ging 1960 mit dem ehemaligen Konkurrenten Gaveau zusammen, von 1971 bis 1994 wurde die Produktion von der Braunschweiger Firma Schimmel übernommen.


    Weiterführende Links:
    Einspielungsempfehlungen auf Érard-Flügeln

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790

  • Zitat

    So ist zum Beispiel die wichtigste prinzipielle Erfindung jener Jahre ein Mechanismus, der zunächst weder Klang noch Volumen verbessert, sondern ausschließlich einer speziellen Spielsituation dient: der raschen Wiederholung ein und desselben Tons. Solche Ton-Repetitionen gehören zu den traditionellen Reizen der virtuosen Klaviermusik; sie sind aber auch Teil des lebendigen, vibrierenden, atmenden Klavierklanges: eins der berühmtesten Beispiele ist die Bebung, das „Beben“ aus Beethovens op. 110, die 27fache Wiederholung des zweigestrichenen a, eine Art Triller auf nur einer Taste. Dieser Effekt, der auf dem alten Clavichord mit seiner Tangentenmechanik mühelos zu erzielen war, wird auf dem Pianoforte zum Problem: Bei der englischen Mechanik fällt der freischwingende Hammer zu weit zurück, bei der Wiener Mechanik ist er zu starr fixiert, um für rasche Repetitionen verfügbar zu sein.

    [Quelle: Dieter Hildebrandt: Pianoforte. Der Roman des Klaviers im 19. Jahrhundert]



    Erwähnenswert ist die in Hildebrandts Roman abgedruckte Kurzgeschichte "Der verrückt gewordene Flügel" von Hector Berlioz, die auch hier online nachlesbar ist.


    Das Novum, das Sébastien Érard hier kreiert hatte, nennt sich (doppelte) Repetitionsmechanik oder double échappement. Dadurch wird erreicht, daß der Hammer bereits zurückgefallen ist, bevor der Tastenlöwe die entsprechend angeschlagene Taste überhaupt losgelassen hat. Patentiert wurde diese Auslösung 1821 und geht daher zwar mit der Entstehung von Beethovens bereits erwähnter As-Dur-Sonate einher, da aber Beethoven ein solch modernes Instrument gar nicht besaß (sein Érard-Flügel stammte aus 1803 und der Broadwood verfügte über diese Repetitionstechnik noch nicht; den Graf, der über eine solche Mechanik womöglich bereits verfügte, erhielt er erst 1826, konnte ihn aber zumindest nicht mehr hören), scheint mir Hildebrandts Beispiel etwas fehl am Platze, zumal es sich nicht um 27 Repetitionen handelt, sondern – bedingt durch die Haltebögen – um lediglich 13 (im Adagio ma non troppo). Es erscheint mir daher eher unwahrscheinlich, daß Beethoven mit der Komposition seines op. 110 unmittelbar Bezug auf diese Neuerrungenschaft nahm; die Sonate wurde 1822 bei Schlesinger publiziert - und wer hätte sie spielen können, wäre sie speziell auf die neue Technik abgestimmt gewesen? Diese Vorgehensweise wäre für den Komponisten und seinen Verleger m. E. eher kontraproduktiv gewesen: Schlesinger hätte sich wohl kaum darauf eingelassen, etwas für die meisten der heißbegehrten Käufer z.T. Unspielbares zu publizieren. Preiswerte Kombi-Angebote von "Sonate + passendes Instrument" gab es jedenfalls m. W. nicht...


    Im Übrigen wäre Hildebrandts Beispielgabe noch durch ein weiteres berühmtes Beispiel zu ergänzen: Liszts Totentanz (danse macabre) für Klavier, bei dem in der Variation V (Fugato) diese Mechanik zwingend erforderlich ist:



    [Quelle: IMSLP]


    Die meisten Einspielungen mit Érard-Flügeln betreffend der Kompositionen von Liszt, Chopin u.a. stammen von Instrumenten der 2. Generation aufwärts, also von Piérre Érard (1837) oder dessen Nachfolger und haben mit dem Erfinder dieser zukunftstragenden Mechanik nur mittelbar etwas zu tun.


    Instrumente aus dem Hause Érard besaßen folgende Komponisten: Joseph Haydn, Ludwig van Beethoven, Frédéric Chopin, Felix Mendelssohn, Giacomo Meyerbeer, Franz Liszt, Giuseppe Verdi und Richard Wagner.


    Ich unterscheide, weil ich Wortspiele liebe, nach Ära Érard I, II und III:


    Ära Érard I: Érard fréres (1780-1831)
    Ära Érard II: Piérre Érard (1832-1855)
    Ära Érard III: nach 1855


    Ganz korrekter Weise muss man noch eine Prä-Ära Sébastien Érard (1777-1780) voranstellen und nach dem Tod von Jean-Baptiste formaljuristisch gesehen eine weitere einfügen: Sébastien Érard (1826-1831). Allerdings sind mir Einspielungen auf diesbezüglich spezifizierten Instrumenten bislang nicht bekannt geworden. Sachdienliche Hinweise nehme ich gerne per PN oder über die im Impressum genannte eMail-Adresse entgegen.

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790

  • Zu obigem Notenbeispiel hier nun liebenswerter Weise ein Youtube-Link:



    Pascal Amoyel am Érard-Flügel, begleitet von Anima Eterna und deren Namensgeber Jos van Immerseel.


    :umfall::jubel::jubel::love:


    Schade, daß es bloß ein Auszug ist! Zum Glück gibt es eine Aufnahme, die ich seit langem schätze, allerdings mit dem Érardisten mit Rian de Waal (Érard Piano 1886).

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790