Mannheimerismen

  • Hallo,


    da es andernorts gerade thematisiert wurde und ich dieses Thema bereits seit einiger Zeit "auf dem Schirm" habe, nun also in Kürze etwas zu den sogenannten Mannheimer Manieren. Der bei den Kollegen verlinkte Artikel von Gabrielle Schmidt ist zwar sehr aufschlussreich, gibt allerdings Themenbeispiele, die - wenn überhaupt - bloß Insidern bekannt sind. Ich habe mich deshalb entschlossen, bekannte Themen von Mozart zu zeigen. Diese jedoch stammen überwiegend nicht aus Mozarts Mannheimer Zeit, so daß ich sie eher Mannheimerismen nennen möchte. Es gibt - ganz gleich der "Sonaten-Hauptsatzform" - keine formale Vorschrift, wie solche Raketen, Schleifer, Funken oder Walzen (um nur die bekanntesten und wichtigsten zu nennen) auszusehen haben, daher können sie sich ggfs. etwas tarnen. Ich habe hier deswegen recht evidente Beispiele herausgesucht:


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    Die Rakete definiert sich über ausnotierte Arpeggien, gebrochene und aufwärtssteigende Akkorde also. Vergleichbares findet man z.B. auch in Mozarts Serenade c-moll KV 388 oder gar in Beethovens Clavier-Sonate f-moll op. 2 Nr. 1.


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    Am markantesten und bekanntesten dürfte der Schleifer sein, der u.a. auch beim Anklopfen des Don Giovanni auftritt und besonders in Werken von Jopseh Martin Kraus häufig anzutreffen ist. Der Schleifer ist ein durch im Modus Dur durch Noten aufgefüllter triolischer Quartsprung, in der Regel von der Dominante zur Tonika. Ein Bekannter von mir hatte diesen Sound und die Bewegung einmal zutreffend mit dem Kickstart beim Motorrad verglichen...


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    Während Rakete und Schleifer oftmals gleich am Beginn eines Werkes (dies aber nicht zwingend und ausschließlich) anzutreffen sind, verstecken sich die Funken meistens mitten in einer Phrase. Ein Melodiebogen wird hier durch kurzes Anreißen eines Tones wiedergegeben; dies kann ggfs. auch synkopisch (oftmals an zweiter Stelle, hier ohne Beispiel) erfolgen.


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    Die Walze eignet sich hervorragend zur Eröffnung eines Werkes (Sinfonie, Konzert, Ouvertüre). Charakteristisch für die Walze ist ein kurzes Thema, das aufsteigend (meist auf der Terz) wiederholt wird und über einem Ostinato-Bass liegt. Zur Walze gehört m.E. auch, daß das erste (sich wiederholende) Thema piano gespielt wird und dann in einen plötzlichen Forteausbruch mündet, wie z.B. bei der Ouvertüre zur "Entführung". Beim Clavier-Konzert KV 537 gibt es noch zusätzliches Ziwschenmaterial, das die Spannung bis zur "Explosion" steigert. Wie bei allen Mannheimerismen gibt es auch bei der Walze keine Definition per legem... aber man erkennt sie sofort, z.b. in der Ouvertüre zur "Nozze" :)


    Die Walze tritt auch oftmals mit dem Crescendo in Erscheinung. Beispiele für das (Mannheimer) Crescendo sind z.B. die Takte 64-74 der Sinfonie C-Dur KV 338, 1. Satz oder die Takte 49-57 der Sinfonie G-Dur KV 318, 1. Satz (die verwendeten Themen sind sehr ähnlich):


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    Typisch für das (Mannheimer) Crescendo ist neben der stufenlosen Lautstärkezunahme (beginnend beim pianissimo und endend im forte oder fortissimo) auch der (ggfs. etwas später einsetzende, vgl. Fig. Vb) Ostinato-Bass auf der Toninka des aktuellen Themas (wie bei der Walze), der auch liegen bleibt, während die übrigen Instrumente auf der Dominate (ggfs. D7-Akkord) spielen. Eine themenähnliche Phrase mit chromatischer Aufwärtsbewegung findet sich auch im Finale der Linzer Sinfonie KV 425 (T. 116ff.).


    Daneben gibt es zahlreiche Mischfomen. Die Mannheimer Manieren waren darauf ausgerichtet, das Publikum zu überraschen. Diese Effekthascherei kann allerdings, wie man beim übermässigen Hören der Vertreter der Mannheimer Klassik bald feststellt, schnell auch langweilig werden. Wenn aber diese Mannheimer Manieren als Mannheimerismen wie bei Mozart dezent und gezielt eingesetzt und nicht mit vollen Händen ausgeteilt werden, tragen sie enorm zur Spannung bei.

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790