01 - Sinfonie Nr. 9 d-moll op. 125: Einspielungen (opi)

  • Einmal mehr hat Ludwig van Beethoven, der Schöpfer der Schutzpatronin unserer kleinen Online-Welt, mit seiner Neunten Sinfonie ungeschriebene Regeln gebrochen und - bis dahin nie dagewesenes - Neues geschaffen: Eine Sinfonie mit Gesang. Interessantes Thema für einen separaten Thread wäre m. E., ob es bereits vor Beethoven Versuche oder Ergebnisse gab, bei denen Gesang in einer Sinfonie praktiziert wurde? Oder welche Sinfonie welches Komponisten die erste postbeethovensche Chorfinal-Sinfonie gewesen ist? Mahlers Zweite? Oder doch eine (unbekannte) andere?


    Für mich persönlich war diese Idee des großen Ludwig van schon immer eine Besondere, Bemerkenswerte und enorm Große. Allerdings geht es mir hier stets ähnlich wie bei der Missa solemnis: ich halte - oder besser: hielt - die Neunte, speziell deren Finale, stets für reine Kopfmusik, die nicht in realiter umsetzbar war. Es gibt verschiedene "Stellen" in der Komposition des Finales, die ich lesender Weise für die größte Musik hielt (z.B. das Sopran-Solo über dem Chor, der Knödel-Tenor gleich zu 'Beginn oder das Gejodel des Solisten-Quartetts, jeweils als Tenor-/Bass- und Sopran-/Alt-Duo im Allegro ma non tanto)... allein die Ausführung ließ mich immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückkehren: unaufführbar, da es einfach grauenhaft klingt. Ich schob diese Erfahrung immer wieder darauf, daß Beethoven ja vollständig taub war und nicht mehr genau wusste, was er tat... das ist, zugegeben, ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt (aber ich befinde mich sehr oft im freien Fall und nehme auch diese Bürde auf mich).


    Alle Jahre wieder startete ich einen weiteren Versuch, durch neue Einspielungen meine Theorie zu wiederlegen. Den Weg pflasterten viele Aufnahmen, die allesamt natürlich hervorragend waren, aber niemals DAS wiederzugeben vermochten, was (für mich) auf dem unbescholtenen Papier stand. Darunter natürlich auch die Aufnahmen von Jos van Immerseel und Christoph Spering:



    Durch einen Zufall drang am diesjährigen Nikolaustag Sir Roger Norringtons Interpretation ausschnittweise an mein gekränktes Ohr - in einer Radiosendung des SWR2, die Beethovens Konversationshefte zum Thema hatte, wurde der Schluss der Interpretation der Neunten mit den London Classical Players gesendet - diese Aufnahme befindet sich im Rahmen der GA sämtlicher Beethoven-Sinfonien schon lange in meinem Besitz. Offenbar habe ich auch hier das Finale aufgrund unguter Erfahrungen stets gemieden.


    Mir war nicht ganz klar, ob ich wachte oder träumte? Ich glaube jedenfalls zu hören, was (für mich) auf dem Papier stand und ich stets für reine Kopfmusik hielt: plüschfreie Pauken, einen ernst zu nehmenden Tenor mit weiser und sonorer Stimme, ein ekstatisches Sopran-Solo über dem Chor und sphärische - nicht nervtötende - gehaltene vibratolose ganze Noten im Chor-Sopran, freudetrunkenes Solisten-Quartett und eine stets vorwärtsdrängende Rhythmik, die atemberaubend ist und im finalen Orgasmus endet. WOW!



    Yvonne Kenny, Sarah Walker,
    Patrick Power, Petteri Salomaa


    The Schütz Choir of London
    The London Classical Players
    Sir Roger Roger Norrington


    Besonders hervorzuheben ist u.a. (z.B. auch im 2. Satz) der krasse Klang der Hörner, im Finale die extrem gut hörbaren Holzbläser, die z.T. in einer Art kontrapunktisch einwirken, das ziemlich "türkisch" klingende Schlagzeug und die hervorragend ausgeführte Stelle "Und der Cherub steht vor Gott" - für mich eine Parallele zu Mozarts Lacrymosa... (deutlich abgesetzte Silben!).


    Für mich ist dies nun endlich der musikalische Gegenbeweis meiner gewagten (Ex-)Theorie... dennoch gilt für mich nachwievor: die meisten können es nicht.

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


  • Ludwig van Beethoven (1770-1827)
    Sinfonie Nr. 9 d-moll op. 125


    Melanie Diener, Petra Lang,
    Endrik Wottrich, Dietrich Henschel
    La Chapelle Royale, Collegium Vocale Gent
    Orchestre des Champs-Elysées
    Philippe Herreweghe


    Auch hier singt sinkt die "Titanic", trotz und mit hochwertiger Ausstattung. Der erste Satz ist mir persönlich mit insgesamt dreizehneinhalb Minuten etwas zu gehetzt. Insgesamt liegt die Einspielung mit 62 Minuten im guten Mittelfeld. Zu Gute kommt aber in allen Sätzen (insbesondere im vokalen Teil) die Präsenz der Holzbläser, die sogar bei vollem Chor noch deutlich abgesetzt sind. Leider ist das Sopransolo unerträglich (mich wundert dies fast jedesmal, wo doch der Tenor eingangs des Finalsatzes unmissverständlich appelliert...), die Pauke verdient diese Bezeichnung nicht wirklich: ihr Klang kommt dem eines getretenen Plastikeimers nach. Die Tenöre und Bässe des Chores sind wirklich geil, aber das macht leider das Gesamterlebnis nur unbedeutend erträglicher.


    Die CD ist ein deutliches Indiz dafür, daß große Namen oftmals Schall und Rauch sind...


    Ich bleibe bei Norrington.

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790

  • Auch das noch, wo das doch eigentlich der Bass singen sollte...


    Wenn schon richtig, dann: Bariton (in einer jedenfalls für einen Bass unüblich hohen Lage, daher kam ich irrtümlich auf Tenor).

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


  • Ludwig van Beethoven (1770-1827)
    Sinfonie Nr. 9 d-moll op. 125


    Laura Aikin, Michaela Selinger,
    Steve Davislim, Jose Antonio Lopez


    Chorus sine nomine
    Orchester der Wiener Akademie
    Martin Haselböck


    Nicht wegen der Neunten erworben, sondern der Vollständigkeit halber; und die Neugierde tat den Rest dazu. Aber es IST einfach so: Sir Roger ist nicht zu toppen für mich. Vorliegendenfalls wirklich sehr schade, da Haselböck sehr (partitur-) genau akzentuiert, rhythmische Verflechtungen zu hören sind, die man nicht so kennt, aber eindeutig in der Partitur stehen. Sehr schönes, hörbares, Holz und Blech. Aber das Finale geht leider, wie beinah immer und konsequent, den Johann Sebastian hinunter: diesmal - wie so oft - die Sopranistin, die schier völlig hysterisch herumjodelt (wie auch in 99% der Aufnahmen von Mozarts Requiem und dessen c-moll-Messe). Diese Aufnahme des Finales wäre ein weiteres Beweisstück für meine (inzwischen durch Norrington widerlegte) reine Kopfmusik-These. Das ist doch einfach grauenhaft, sowas! Wie kann ein Dirigent soetwas „erlauben"? Manchmal glaube ich wirklich, die Produzenten sind taub. Was ja in diesem Falle durchaus HIP/opi wäre ... Gar nicht glauben mag ich, daß Laura Aikin als Mozartinterpretin hochgelobt wird. „Irgendwas is' ja immer“, wie schon der Philosoph Mike Krüger wusste ...


    Steve Davislim als Tenor ist nicht wirklich eine Flanke (aber wenn, dann DIE) des Finales; obwohl ich ihn sehr schätze, macht er hier auf mich kaum Eindruck; Jose Antonio Lopez auch nicht; sein Vortrag „Oh, Freunde, welche Töne!" ist mir zu nüchtern, zu rezitierend, ohne den (zynischen) Biss, den diese Zeilen durchaus vertragen. Schlecht ist er natürlich auch nicht.


    Bei den rein Orchestralen Sätzen beeindruckt Haselböck mit seiner Band hingegen durchaus; ich werde der „Modernität“ (Konfusion, Kühnheit, Experiment) des Werkes durchaus gewahr. Mir gefällt z.B. das singende Adagio auch sehr, aber mit dem Gesang hapert es deutlich. So klangschön der Chor ohne Namen (wie er sich paradoxer Weise nennt) ist, die wesentlichen Stellen „über Sternen muß er wohnen" fliegen völlig ignorant sang- und klanglos vorbei.


    Ernüchtert stelle ich fest, man darf von solch einem durchaus bemerkenswerten ReSound-Projekt nicht zu viel erwarten; aus eigener Erfahrung (hier: insbesondere bei der „Eroica“, bei der ich live dabei war) weiß ich, daß Aufnahmen - vorsichtig ausgedrückt - nicht unbedingt das abbilden, was tatsächlich stattfand und empfunden wurde.


    Diese Neunte hier wird sich aber sicher keinen besonderen Platz unter den Neunten sichern können. Unter vielen eine der guten.


    Nichtsdestotrotz erklingt das Werk hier nicht heruntergenudelt, perfekt oder „bekannt", sondern eben wie erstmals gespielt: ungewöhnlich, unsicher, erwartungsvoll ... und doch: mir insgesamt zu statisch, wenig (real) lebendig, irgendwie groovt das Finale nicht. Wenn Norrington (das Finale habe ich jetzt zum Leidwesen der übrigen Bewohner zweifach vergleichsgehört) Schulnote 1 wäre (zum + fehlt ein wenig ...), wäre Haselböck (die Sopranistin ausgeblendet) eine gute 2- ...

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


  • Wenn ich lese, was im aktuellen FonoForum über diese Aufnahme steht, mag ich sie gar nicht erst hören. Ich paraphrasiere: In 61 Minuten sei alles vorbei, man hielte sich nicht mit Sentimentalitäten auf, akzentfreudiges, kurzphrasiertes Spiel in bester Alte-Musik-Tradion, kaum Vibrato, impulsiv, mit herzhafter Attacke, so dass bekannte Stellen unverbraucht klängen. Aber es täten sich zwischen den massierten Forte-Akzenten Leerstellen auf, wo Rhythmus und Bewegung nicht alles seien. Die Streichergruppe (im Gegensatz zu Blechbläsern und Pauken nicht als opi erwähnt?) trüge nicht, im Chorfinale fehle Ergriffenheit trotz guter Deklamation von Chor und Solisten. Weils Orchester musiziere auf Nummer sicher mit wenig Spannung und Überraschungsmomenten. Es fehlten Feuer und Gänsehäute.

    "Nach meiner Erinnerung, damals war ich neun Jahre alt, hat man die damaligen Ereignisse in meinem Umfeld mit einem Schulterzucken ohne viel Aufhebens zur Kenntnis genommen - das war es auch schon." Max (zum Mauerfall)

  • Ich kenne genug negative Kritiken bei Aufnahmen, die ich schätze oder sogar großartig finde - also ganz ruhig, keine Panik. Selber hören macht schlau.


    Außerdem: ein klein besetztes Orchester trägt bei Beethoven 9 immer - hört man doch bei Hogwood oder Goodman.


  • La Chambre Philharmonique
    Emmanuel Krivine


    Naja, allen Lobreden zum Trotze: Norrington toppt er nicht ... aber muß er ja auch nicht. Bariton gut, kein Sopransologejaule ... aber fetzt nicht. Bei Norrington läuft das ... und das reicht ja auch. Dafür schätze ich Krivines 6, 7 und 8 sehr. Den Rest kann man als besonders gut abhaken.


    Damit bin ich mit der Box jetzt durch: für 10,99 € im Download bei Amazon erhält man eine superaffentittengeile 6, eine beeidruckende 7 und eine überaus hörenswerte 8. Und nebenbei nicht zu beanstandende 1-5 und 9, die es aber sicher beeindruckender ausgeführt gibt. Die #4 fand ich auch respektabel.


    Fazit: weder langweilig, noch besonders inspirierend. Was daran jetzt so phänomenal sein soll, erschließt sich mir leider nicht ... *hä*

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790

  • Fazit: weder langweilig, noch besonders inspirierend. Was daran jetzt so phänomenal sein soll, erschließt sich mir leider nicht ...


    So unterschiedlich hören Menschen; am Wochenende habe ich mir Krivines Neunte gegönnt und war begeistert! So stelle ich mir die Sinfonie vor, meine aktuelle Lieblingsaufnahme.
    Um so schöner, dass es für jeden von uns Aufnahmen gibt...

    Lucius Travinius Potellus
    Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety. (B.Franklin)

  • Oho, eine Neuerscheinung:



    (P) 2019 BIS Records BIS-2451 (1 Hybrid-SACD) [66:28]

    rec. 2019


    Ann-Helen Moen (s)

    Marianne Beate Kielland (a)

    Allan Clayton (t)

    Neal Davies (b)

    Bach Collegium Japan Chorus & Orchestra

    D: Masaaki Suzuki


    Das ist mal interessant...*yorick*