01 - Bearbeitungen: La Folia (d’Espagne)


  • Ein Regelrechter Ohrwurm ist die La-Folia-Harmoniefolge (vgl. Abb. oben). Im Italienischen bedeutet "La Folia" Narrheit, Tollheit oder sogar Wahnsinn. Ursprünglich stammt die Folia jedoch aus dem Portugiesischen und ist wohl auf einen ausgelassenen Tanz zurückzuführen. Ein Komponist der harmonisierten Melodie lässt sich heute leider nicht mehr ausmachen, jedoch haben viele Komponisten - besonders jene, die dem Barock zuzurechnen sind - dieses Satzmodell in ihren eigenen Werken zitiert oder gar ganze Variationszyklen über dieses Thema komponiert: sie wurden regelrecht von dem Wahnsinn besessen und nicht mehr losgelassen. Zitiert haben später u.a. beispielsweise Beethoven (in seiner 5. Sinfonie und dem 5. Clavierkonzert).


    Nun möchte ich Euch nicht den Spaß verderben und zähle daher nur ein paar wenige Exemplare auf, die sich in meiner Sammlung befinden. Zunächst wäre da G. F. Händel, der in seiner d-moll-Suite für Cembalo HWV 437 das Folia-Thema in der Sarabande aufgreift und (lediglich) zwei Variationen darüber schreibt:



    Ich möchte diese Einspielung von Eberhard Kraus empfehlen, da er einige Gimmicks des von ihm bespielten Cembalos benutzt, um damit die Variationen um externe Gewürze außerordentlich bereichert.


    Die Folia war auch im ausgehenden 18. Jahrhundert längst noch nicht in Vergessenheit geraten. Antonio Salieri komponierte gar 26 ausgelassene Orchestervariationen über die Folia:



    Leider besitze ich nur diese unHIPpe Einspielung der London Salieri-Players, die aber auf eindrucksvolle Weise wiedergibt, was Salieri aus dem Thema gemacht hat: mal erklingt eine Solovioline, mal eine Harfe, mal übernehmen die Holzbläser (Harmonie) das variierte Thema, mal das schmetternde Blech. Ein Riesenspaß also!


    Nun, welche Folia-Bearbeitungen kennt und liebt ihr? Ich hätte größtes Vergnügen daran, ein paar modernere Foliierungen kennenzulernen, aber natürlich sind auch die bekannteren von Carl Philipp Emanuel Bach, Liszt, Rachmaninov (der glaubte, es handele sich um ein Thema von Corelli ... so, wie Brahms' Haydn-Variationen eben keine Haydn-Variationen sind...), mithin eben auch Corelli usw. willkommen!


    :wink:

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)

  • Ich glaube in Italien hat Corelli den Folia-Wahn ausgelöst, mit dem Schlussstück seiner Soloviolinsonaten op.5.


    Meine Lieblingseinspielung ist die mit Andrew Manze und Richard Egarr:



    Manze zeigt hier wieder seine feurige, furiose Seite, und liefert eine mitreißende Interpretation.


    Von Corelli ließ sich dann auch Vivaldi inspirieren und beendete seine Sammlung von Triosonaten op.1, mit einer virtuosen Variationsreihe über das La-Folia-Thema. Dieses Stück war meine erste Begegnung mit "La Folia", ich glaube sogar, meine erste Begegnung mit einem Ostinato-Stück überhaupt. Ich war völlig begeitert von der Interpretation des I Musici:



    Heute würde ich aber eher Monica Hugget und sein Trio Sonnerie empfehlen:



    Auch in Frankreich schlug Corellis Folia-Bombe ein, und inspirierte Marin Marais dazu einen Jahr später eine Variationsreihe im zweiten Band seiner Gambenstücke für Sologambe zu veröffentlichen:



    Mir gefällt immer noch diese frühe Einspielung von Savall am Besten.


    Einen sehr stimmungsvollen Überblick über ganz frühe Bearbeitungen des Folia-Themas bietet diese CD von Jordi Savall, darunter auch die von Corelli und Marais:



    Es ist dann später auch eine "Fortsetzung" dazu erschienen, Corelli ist auch hier drauf und wird hier Vivaldi gegenübergestellt:



    LG
    Tamás
    :wink:


  • Irre ich mich, oder hat der olle John in seinem BWV 1015 (Andante un poco, fis-moll) auch die Folia als Grundlage für seinen Ostinato-Bass verwendet? Der Rhythmus ist zwar anders, aber das Stück fixt genauso an und die harmonische Grundlage ist idem... darüber baut er als Kontrapunkt einen zweistimmigen Kanon.


    *hä*

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


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  • mmhh hör ich jetzt nicht so raus - aber der Olle hat das Thema in der tat auch verwurstet; und zwar in der "Bauernkantate" BWV 212 - zu hören bei der Aria "Unser trefflicher Herr Kammerherr".


    Weitere Bearbeitungen gibt es von J.B.Lully, er machte daraus den "Marche du regiment du Roy"



    ebenso gibt es einige Cembalo- und Lauten-Arragements aus France, von F.Couperin, H.d'Anglebert und R.de Visee, J.Gallot und und und



    besonders witzig finde ich die Verwurstung des Themas in der Ouvertüre zur Oper "Der lächerliche Prinz Jodelet" von Reinhard Keiser:



    von C.P.E.Bach gibts auch eine Bearbeitung:



    ebenso hat A.Scarlatti eine Variationsreihe hinterlassen:




    eine tolle barocke Orchesterversion schrieb Francesco Geminiani:




    und wer an der Melodie einen Narren gefressen hat, der sollte sich neben den Savall CDs auch diese beiden Aufnahmen unbedingt zulegen:



    Folias Festivas ist ein buntes Programm mit viel Improvisationsfreude und teils völlig unbekannten Folia-Variationen, z.B. D.Ortitz, T.Merula, J.Cabanilles, Castello, Storace, Falconiero, Bertali etc.



    Das Ensemble Atrium Musicale de Madrid hatte bereits in den 70er Jahren eine Platte aufgenommen, die aber immer noch ein singuläres Hörerlebnis ist:



    Folias vom frühen Barock bis zur Soundinstallation mit Kettensäge ist alles dabei und mit gehörig Humor umgesetzt.

  • Folias vom frühen Barock bis zur Soundinstallation mit Kettensäge


    Ich fand die Soundinstallationen, das Gekicher, das Geheule, und die eher aleatorischen Improvisationen einfach zu viel. Für mich war die CD ungenießbar. Hab ihn verkauft dann.


    LG
    Tamás
    :wink:

  • mmhh hör ich jetzt nicht so raus -


    Ich finde durchaus, daß die Harmoniefolge bei Bachs Violinsonate II jenen der Folia vollständig entspricht - auch der Ostinato-Bass spräche hier pro folia. Allerdings räume ich gerne ein, daß diese Harmoniefolge auch Zufall sein kann (so wie ich es bei den eingangs genannten Beethoven-Beispielen (lt. Wikipedia) eher für einen Zufall oder eine harmonische Vorliebe des Komponisten halte).


    Dieser Satz von Joh. Seb. Bach hingegen ist einer jener, die ich überaus schätze.


    :wink:

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  • Nochmals Carl Philipp Emanuel Bach;


    Miklós Spányi hat die Variationen über "Les folies d'Espagne" Wq 118 Nr. 9 (H 263) im Rahmen seiner Gesamtaufnahme des Clavierwerks bereits eingespielt:



    Und Aline Zylberajch ebenfalls am Tangentenflügel, aber mit durchaus anderem - sehr hörenswertem - Klang:



    (Piste #2)


    Andreas Staier am Cembalo:



    Jocelyne Cuiller am Clavichord:


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  • Eine verwirrend bedächtige Version ist hier enthalten:



    Jacques Gallot (c1625-c1695)
    Folies d'Espagne (Pièces de Luth, 1670)


    Hille Perl, Viola da gamba
    Lee Santana, Laute

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

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  • ... ist DAS denn?


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