Der ultimative EROICA-SmallTalk-endlos-Faden

  • Zitat

    Ich muss deuten, was ich in die Ohren bekomme. Und anscheinend komme ich damit besser zurecht. Vielleicht, weil ich mir ungern Interpretationen aufdrücken lasse, sondern lieber selbst zu ihnen gelange? Oder weil ich mich bei Massenet zu sehr emotional manipuliert fühle ...?


    Mir ergeht es da im Prinzip recht ähnlich, wobei ich bislang - obwohl ich dies bei jeder noch so ungünstigen Gelegenheit mache - in dieser Sache noch nicht über das "Warum" nachgedacht habe; ich habe das bislang stets auf dem Konto "persönlicher Geschmack" verbucht. Das aber könnte ich sogar - u.a. auch wegen des noch anhaltenden Rusalka-Hochgefühls seit gestern - noch etwas präzisieren: mir schleicht sich so das (zugegeben: etwas ungute) Gefühl ein, daß es sich bei der einen Angelegenheit um "Kitsch" (irgendwie hat alles Plakative einen starken Hang zum Kitsch?) handelt (der ja sehr wohl emotional berühren kann und auch soll!), bei der anderen um "Kunst" - die Grenzen sind sicher fließend und individuell geprägt - womit wir wieder beim Konto "persönlicher Geschmack" angelangt wären...


    Zum Thema "Heldentenöre" - das geht mir völlig ab und widerspricht sich für mich. Helden sind in meiner (Gedanken-) Welt durchaus immer Soprane oder Alte (naturgemäß in männlichen Hüllen)... das geht gar nicht anders, denn das wäre (mir) sonst (wieder) zu plakativ (s.o.). Sehr wohl aber weiß ich eine klare und sonore Baß- oder Baritonstimme wie auch eine lyrische Tenorstimme durchaus zu schätzen, wenn sie der (in meinen Ohren) "richtigen" Rolle anhaftet.


    :wink:

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790

  • ...oder: von den Ausgrabungen


    Einmal mehr gab mir ein Post in einem anderen Universum Anlass, über Ausgrabungen (insbesondere von Opern) nachzudenken.


    Ich frage mich tatsächlich, wie kann man über ein quasi jungfräuliches Werk derart Ablästern, wie es in dem verlinkten Post geschehen ist? Ich muß zugeben, daß es mir von der Grundstimmung her etwas ähnlich erging, auch damals als Joseph Martin Kraus' Dido und Ænaeas in Stuttgart auf den Teller geklatscht wurde... auch hier waren die Umstände relativ ähnlich: das Stück wurde - wegen angeblicher Überlänge - starkt gekürzt, die Sängerriege war überfordert und das Stück wurde zu allem Übel noch auf Deutsch gegeben (die Originalsprache war Schwedisch). Das ist alles ärgerlich, aber man kann auch nicht erwarten, von einer nach 200 Jahren aus dem Dornröschenschlaf erweckten Oper gleich die ultimative Einspielung aufgetischt zu bekommen... klar, daß Dornröschen hier erstmal alle Knochen sortieren muß, bevor es geradeaus gehen kann, oder?


    Fakt ist jedenfalls, daß Peter von Winters Labyrinth keinesfalls im Schatten von Mozarts Zauberflöte stand, sondern bis zu einem gewissen Zeitpunk (der Schließung des Theaters) nahezu gleich viele Aufführungen erlebte, sozusagen also die "kleine Schwester" war und sich nicht weniger Beliebtheit erfreute.


    Man muß sich darüber im Klaren sein, daß hier mit ungleichen Maßeinheiten gemessen wird: die Zauberflöte hat bis heute abertausende Aufführungen und mehrere hundert Einspielungen hinter sich, das Werk ist dem kollektiven Gedächtnis quasi in Fleisch und Blut übergegangen und kann ganz anders von den Musikern und dem Publikum verarbeitet werden, als ein quasi völlig neues "Konkurrenzprodukt" - allein dieser Ausdruck "Konkurrenzprodukt" besudelt von Winters Werk mit negativen Assoziationen und lässt dem Werk gleich überhaupt keine Chance: es gibt genau eine einzige Einspielung von diesem Werk - und diese soll der Praxis von abertausenden Zauberflöten standhalten? Also bitte... daß ein Werk in jeder Einspielung/Aufführung anders klingt als zuvor, sollte auch dem Autor auf Sirius nicht entgangen sein...


    Zudem würde ich über die Parallele Labyrinth/Dido in Hinsicht der überforderten Sänger auch einmal kräftig nachdenken... solche Werke sind auch nicht für heutige Standard-08/15-Opernhäuser kreiert worden.


    *grrr*


    Ich selbst habe damals an dieser Stelle zu von Winters Labyrinth geschrieben.

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790

  • Generell haben diese Werke um die Zauberflöte herum einen schweren Stand.
    Da geht kaum einer unvoreingenommen heran, die Erwartungshaltung ist von vornherein schon in Richtung Ablehnung gepolt.
    Mich lassen solche Meinungen relativ kalt, das sind die unqualifizierten Äußerungen von Leuten, die seit Jahrzehnten in ihren Hör- und Erwartungshaltungen festgefahren sind.
    Mein Mitleid.

  • Ich muß zugeben, daß es mir von der Grundstimmung her etwas ähnlich erging, auch damals als Joseph Martin Kraus' Dido und Ænaeas in Stuttgart auf den Teller geklatscht wurde... auch hier waren die Umstände relativ ähnlich: das Stück wurde - wegen angeblicher Überlänge - starkt gekürzt, die Sängerriege war überfordert und das Stück wurde zu allem Übel noch auf Deutsch gegeben (die Originalsprache war Schwedisch). Das ist alles ärgerlich, aber man kann auch nicht erwarten, von einer nach 200 Jahren aus dem Dornröschenschlaf erweckten Oper gleich die ultimative Einspielung aufgetischt zu bekommen... klar, daß Dornröschen hier erstmal alle Knochen sortieren muß, bevor es geradeaus gehen kann, oder?

    Kraus "Aeneas in Karthago" habe ich mir damals in Stuttgart angeschaut und war von der Musik und von der Oper insgesamt begeistert. Die schlechten Kritiken waren nicht wirklich überraschend, in solchem Fall geht der Kritiker ja kein großes Risiko ein, nicht nur eine unbekannte Oper, sondern auch noch eine etwas verunglückte Inszenierungsgeschichte, da Konwitschny ja damals nicht damit zu Ende kam. Da braucht es schon Rückgrat und ein weiter gehendes Verständnis, um sich von der negativen Vorerwartung frei zu machen.



    Wie gesagt, ich fand die Aufführung damals trotz der von dir geschilderten Eingriffe beeindruckend, aber die Häme in den Zeitungen war nach meiner Erinnerung ziemlich einhellig. Damals hatte ich gehofft, dass es noch einmal ein CD-Produktion geben würde. Jetzt gerade habe ich gelesen, dass Zagrosek der Oper treu geblieben ist und sie 2011 im Konzerthaus Berlin wiederum Aufgeführt hat. Respekt. Dieses Mal scheint zumindest das Publikum begeistert gewesen zu sein.

  • Ich habe die Operninszenierung in Stuttgart nicht gesehen, habe aber den Radiomitschnitt.
    Die Inszenierung scheint laut damaliger Presse insgesamt ziemlich in die Hose gegangen zu sein... ich kann es nicht beurteilen.
    Musikalisch ist das Werk revolutionär und gewissermaßen eine Tragèdie Lyrique nach dem Vorbild Glucks ins Monumentale gesteigert - im Grunde eine Art Vorgriff auf "Les Trojens" von Berlioz.


    Aber leider ist die musikalische Interpretation (die von der gleichen Presse gelobt wurde) meiner Meinung nach unter aller Kanone. Es war schwer die musikalische Qualität trotz dieser stimmlichen Zumutungen zu erkennen - diese Sänger die alle loslegten, als ob sie Verdi, Wagner oder Strauß brüllten, hatten überhaupt kein Gefühl für die Form der Oper des 18. Jahrhunderts. Das Orchester war kein Deut besser - der einzige der diese Oper wohl wirklich umsetzen wollte, so scheints, war Lothar Zagrosek.
    Vielleicht sollte er sich mit dem Werk lieber an ein HIP Ensemble wenden, Kraus hat es sicher nicht verdient so hingerichtet zu werden.

  • Ich habe die Operninszenierung in Stuttgart nicht gesehen, habe aber den Radiomitschnitt.
    Die Inszenierung scheint laut damaliger Presse insgesamt ziemlich in die Hose gegangen zu sein... ich kann es nicht beurteilen.
    Musikalisch ist das Werk revolutionär und gewissermaßen eine Tragèdie Lyrique nach dem Vorbild Glucks ins Monumentale gesteigert - im Grunde eine Art Vorgriff auf "Les Trojens" von Berlioz.

    Nun ja, ich habe langweiligere Inszenierungen gesehen. Meine Erinnerung ist zwar nicht mehr ganz frisch, aber ich fand die Inszenierung auf jeden Fall anregend. Was mich allerdings in erster Linie interessierte, war die Musik bei dieser Uraufführung.

    Ich meine mich an destruktive Kritiken zu erinnern die gerade auf die musikalische Qualität abzielten, aber nicht auf die Interpretation, sondern auf die Partitur, während ich trotz der sicher unvollkommenen Aufführung den Eindruck einer sehr eigenwilligen, aber auch revolutionären Musik bekommen habe.

  • Man mag ja zum Regietheater stehen, wie man will...


    Anlässlich keines besonderen Anlasses bot der SWR2 gestern ein - wie ich finde - superinteressantes und sehr hörenswertes Interview mit Hans Neuefels (Link) - irgendwie ist mir der Typ vom ersten Ton an sympathisch...


    *salut*

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790

  • Anlässlich keines besonderen Anlasses bot der SWR2 gestern ein - wie ich finde - superinteressantes und sehr hörenswertes Interview mit Hans Neuefels (Link) - irgendwie ist mir der Typ vom ersten Ton an sympathisch...


    *salut*


    Das habe ich mir gerade mal angehört. Ein gutes Interview mit einem gut vorbereiteten Interviewer. Dass Neuenfels mit Max Ernst in Kontakt war, wirft ein interessantes Licht auf seinen Humor, insbesondere den Umgang mit religiösen Symbolen (den ich im Fall der abgeschlagenen Prophetenhäupter dennoch nicht nachvollziehen kann - muss ich ja glücklicherweise auch nicht): "Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen" (1926).
    Ich habe damals Neuenfels' Inszenierung der Meistersinger in Stuttgart gesehen (und gehört) und war begeistert: Die Art und Weise, wie er das Butzenscheiben-Drama auf die deutsche Geschichte nach 1945 bezogen hat und die Bilder die dafür erarbeitet wurden, waren für mich absolut überzeugend. Vieles davon ist mir im Kopf geblieben.


    :wink:

  • ...aus der Klassikperspektive


    Ich bin gerade etwas nostalgisch und höre verstärkt Synthie-Pop der 1980er... mein Klassik-Hirn analysiert da natürlich sofort beim Hören mit und stellt fest, daß auch bei Pop-Songs in der Regel stets ein Keyboard als "Continuo" mitläuft (wenn es nicht gar das einzige Begleitinstrument ist). Außerdem gibt es im Synthie-Pop-Bereich fast nur knallenden Rhythmus (bei heutiger Elektromusic ohnehin obligat). Das gefällt mir sehr gut und geht auch mit meiner Vorliebe zu knallenden Pauken in der Klassischen Musik konform (Watteschlägel bei der Pauke hasse ich ebenso wie (Jazz-) Besen).


    :beatnik:

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790

  • Ich tu mich immer wahnsinnig schwer, Pop/Rock mit Klassik zu vergleichen. So, wie sich mir die Geschichte der Rock/Popmusik darstellt, hat diese Musik eine grundlegend andere Funktion und braucht eine ganz andere Form, um dieser Funktion gerecht zu werden. Rock/Pop speist sich ursprünglich aus Underground oder Subkultur, hat einerseits etwas mit Jugend- und Partykultur zu tun, andrerseits mit sozialer Not, Diskriminierung. Auch teilweise mit Volksreligiosität. In ihrem Ursprung also Volks- und Kirchenmusik von Hinterwäldlern, Outlaws, unterdrückten Schwarzen, Gefangenen, die immer etwas Rebellisches hatte, wenn sie es in die feine Gesellschaft geschafft hat (zum Beispiel mit Jazz und Charlston). Mit Sex hatte das auch allermeistens eine Menge zu tun. Allerspätesten in den 50ern trat zu dem Rebellischen dann auch das "Popige" (Rock'n'Roll), also die gezielt kommerzielle Ansprache von Jugendlichen, das Verkaufen eines Lebensgefühls. Im Verlauf der 60er ist die Entwicklung dann vollends explodiert.


    Aber - bis auf Ausnahmen, die die Regel bestätigen - basiert Rock/Pop mehr oder weniger durchgehend auf einfachen Liedschemata mit relativ klaren Perioden und meist schlichten Kadenzen (die auch modular sein können). Der motivisch-harmonische Durchführungsgedanke ist der Popmusik eigentlich wesensfremd. Und das ist für seine Wirkung und Funktion auch notwendig. Wenn ich einem Rockkonzert stehe (was ich bis vor wenigen Jahren exzessiv gemacht habe), dann will ich ein grundlegend anderes Erlebnis als im klassischen Konzert. Vielleicht sticht mir dieser grundlegende Unterschied, der die beiden Welten in meinen Augen wohltuend trennt, deshalb viel deutlicher ins Auge als die etwaigen und/oder scheinbaren Gemeinsamkeiten.

  • Ich tu mich immer wahnsinnig schwer, Pop/Rock mit Klassik zu vergleichen. So, wie sich mir die Geschichte der Rock/Popmusik darstellt, hat diese Musik eine grundlegend andere Funktion und braucht eine ganz andere Form, um dieser Funktion gerecht zu werden.


    Naja, es war ja nicht so bierernst gemeint; ich fand es interessant, einmal die Perspektive zu wechseln...



    Vince Clarke (*1960)
    Arie A-Dur "Only you"


    Alison Moyet, verrauchter Contralto
    Vince Clarke, Fortepiano "Circuits Pro One" aus der Werkstatt "Sequential"


    Dieser elektrische Hammerflügel im Design eines Square-Pianos wurde 1981 gebaut (bis 1984 m. W. nur rund 10.000 Stück...), Clarkes Arie wurde am 15.03.1982 uraufgeführt. Das ist also nicht bloß HIP, sondern sogar HAP.


    Das Cover könnte ebensogut eine aktuelle Händel-Opern-Produktion zieren... (die würd' ich sogar live besuchen) und der Clavierpart erinnert mich doch sehr an die ein oder andere Scarlatti-Sonate :) - Generalbasstechnisch übrigens (wie ich finde) sehr gut gearbeitet.


    *salut*

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790

  • So, wie sich mir die Geschichte der Rock/Popmusik darstellt, hat diese Musik eine grundlegend andere Funktion und braucht eine ganz andere Form, um dieser Funktion gerecht zu werden.


    Das sehe ich ähnlich.



    In ihrem Ursprung also Volks- und Kirchenmusik von Hinterwäldlern, Outlaws, unterdrückten Schwarzen, Gefangenen

    Hinterwäldler sind ja bekanntlich immer die anderen, ist wohl eher ein perspektivisches Missverständnis.


    Aber - bis auf Ausnahmen, die die Regel bestätigen - basiert Rock/Pop mehr oder weniger durchgehend auf einfachen Liedschemata mit relativ klaren Perioden und meist schlichten Kadenzen (die auch modular sein können). Der motivisch-harmonische Durchführungsgedanke ist der Popmusik eigentlich wesensfremd. Und das ist für seine Wirkung und Funktion auch notwendig.


    Wer sich einmal ansatzweise die Mühe gemancht hat, sich mit Rock-Pop-Jazz-Musik und ihren Wurzeln, annähernd auf dem Niveau, auf dem wir über klassische Musik diskutieren, zu beschäftigen. Der kann an zwei Erkenntnissen eigentlich nicht vorbei kommen:


    Diese Musik unterscheidet sich von europäisch geprägter Kunstmusik dadurch, dass es sich um Groove-Musik handelt. Mit anderen Worten. Die Musik funktioniert grundsätzlich anders. Es handelt sich in den Ursprüngen um Musik, die nicht notiert wurde, sondern oral durch Anleitung und Nachahmung weitergegeben wurden.


    Im afrikanischen "Hinterwald" liegen die Wurzeln dieser Musik und so wie sie dort, z.B. im Senegal, tradiert wird, ist diese polyrhythmische Musik höchst komplex und verlangt äußerste Kunstfertigkeit in der Ausführung, die sich im Niveau nicht von der Kunstfertigkeit europäisch geprägter Virtuosen unterscheidet. Das gilt im Übrigen auch für einen großen Teil der Interpreten aktueller (wo ich mich allerdings nicht auskenne, das erschließe ich nur) und historischer Pop-, Rock-, Jazz- und sonstiger Groove-Musik.


    Von daher fand ich Ullis Cross-Over-Beitrag eigentlich ganz erfrischend. *salut* *salut* *salut*


  • Im afrikanischen "Hinterwald" liegen die Wurzeln dieser Musik und so wie sie dort, z.B. im Senegal, tradiert wird, ist diese polyrhythmische Musik höchst komplex und verlangt äußerste Kunstfertigkeit in der Ausführung, die sich im Niveau nicht von der Kunstfertigkeit europäisch geprägter Virtuosen unterscheidet. Das gilt im Übrigen auch für einen großen Teil der Interpreten aktueller (wo ich mich allerdings nicht auskenne, das erschließe ich nur) und historischer Pop-, Rock-, Jazz- und sonstiger Groove-Musik.

    Ich meinte mit Hinterwäldler allerdings weniger die senegalesischen Wälder, sondern die vielen Formen "weißer" amerikanischer Porch-Musik, die man vielleicht am besten mit dem Begriff oldtimey fassen kann, also die Vorgänger dessen, was später als Bluegrass, Folk oder Country kommerzialisiert wurde. Aus der gegenseitigen Beeinflussung oder besser Befruchtung schwarzer (Blues-)Musik und weißer, im weitesten Sinne europäischer Volksmusik, wie sie sich bis dahin in den USA entwickelt hatte, enstand ja der Rock'n'Roll. Ich glaube, dass diese Fusion ganz entscheidend für den explosionsartigen Siegeszug von Rock und Pop in den 50ern und 60ern verantwortlich ist.

  • mein Klassik-Hirn analysiert da natürlich sofort beim Hören mit und stellt fest, daß auch bei Pop-Songs in der Regel stets ein Keyboard als "Continuo" mitläuft (wenn es nicht gar das einzige Begleitinstrument ist). Außerdem gibt es im Synthie-Pop-Bereich fast nur knallenden Rhythmus (bei heutiger Elektromusic ohnehin obligat).


    Dieses Eingangsstatement von Ulli hat mich noch etwas zum Nachdenken gebracht und, obwohl hier die Gefahr übergroß ist, in Allgemeinplätze abzugleiten (SmallTalk), frage ich mich jetzt mal, ob es eine zutreffende Beobachtung sein könnte, dass in der europäischen Musik mit dem "Continuo" und der Rhythmik, über unendliche Melodien, die Atonalität bis zur elektronisch errechneten Geräuschmusik, das Gefühl zugunsten des bürgelichen Großhirnrechners ausgemerzt wurde, was aber am Massenpublikum ziemlich spurlos vorbeigegangen wäre, das sich derweil an Pop jeglicher Richtung, Musical und Filmmusik labt. *sante*

  • obwohl hier die Gefahr übergroß ist, in Allgemeinplätze abzugleiten (SmallTalk)


    Soweit ich mich erinnere, ist das ja der Sinn des Threads...


    das Gefühl zugunsten des bürgelichen Großhirnrechners ausgemerzt wurde


    Ich bin mir gerade nicht sicher, ob ich deinen Gedankengang richtig verstehe, aber zunächst wäre da einmal eine Definition von "Gefühl" notwendig, wenn nicht gar im Vorfeld eine Definition von "Musik", wobei ich das Gefühl - vielleicht besser: die Emotion(en) - als einen variablen Bestandteil der Musik betrachte. Verschiedene Musikarten verursachen bei verschiedenen Menschen auch verschiedene Emotionen (Musik, die mich kalt lässt, ist deswegen noch lange nicht emotionslos). Es gibt sicher auch reine Kopfmusik (Beispiele?), die auf eine andere Weise ganz andere Emotionen hervorrufen kann - es soll Menschen geben, die sich an mathematischen Formeln (oder der musikalischen Umsetzung derselben) aufgeilen; als leicht verwandtes Beispiel seien vielleicht Fugen erwähnt: die müssen nach allgemeiner Ansicht nicht unbedingt toll klingen, aber perfekt gearbeitet sein, um zu faszinieren (bei mir ist das übrigens nicht so: ich mag z.B. Händels "weltlichere" Fugen weitaus lieber als Bachs teilweise "liebloses Zeugs") ...


    *hä*

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790

  • Mir geht es da ähnlich wie Ulli. Ich finde es unheimlich schwierig, sinnvoll von Kopf und Gefühl zu sprechen, wenn es um Musik geht. Ich weiß auch nicht, woher das Gefühl beim Musikhören kommt? Und vielleicht muss man gar verschiedene Gefühle beim Musikhören unterscheiden. Ein eher körperlich wirkendes Gefühl, das vom Groove ausgeht (der einem in die Beine fährt), und einem eher über den Verstand getriggerten Gefühl.


    Gerade beim Pop habe ich übrigens auch das Problem, dass mir das Gefühl häufig viel zu clever und gefühllos als Gefühl verkauft wird. In so einer Madonna-Platte steckt halt viel mehr Produzenten-Know-How und Berechnung als wirkliches Gefühl -- dass einem das dann genauso gefallen kann wie eine ausgeklügelte Bach-Fuge kann ich nachvollziehen -- aber Gefühl?


    Das Problem ist kaum zu greifen, wie ich finde.

  • Mir geht es da ähnlich wie Ulli. Ich finde es unheimlich schwierig, sinnvoll von Kopf und Gefühl zu sprechen, wenn es um Musik geht. Ich weiß auch nicht, woher das Gefühl beim Musikhören kommt? Und vielleicht muss man gar verschiedene Gefühle beim Musikhören unterscheiden. Ein eher körperlich wirkendes Gefühl, das vom Groove ausgeht (der einem in die Beine fährt), und einem eher über den Verstand getriggerten Gefühl.


    Das war natürlich nicht nur unscharf, sondern auch sehr ungeschickt formuliert. Ich komme auch eigentlich erst wieder übermorgen zum Nachdenken und Musikhören. Ob ich dann aber eine "Definition von Musik" hinbekomme, wage ich zu bezweifeln. Immerhin meinte ich eben nicht das Gefühlsleben als solches in all seinen Schattierungen, sondern ich meinte die besondere Art von körperlicher Reaktion, verbunden mit Affekten, die den Menschen dazu bringt, den Rhythmus der Musik durch Bewegung nachzuahmen, also z.B. zu tanzen. Das hat nach meiner nicht wirklich durchdachten Meinung etwas mit einer speziellen Lust zu tun, die Musik, welche über den Verstand die Empfindung natürlich mit anspricht, kaum bedienen kann. Filmmusik im Blockbuster-Kino ist wiederum ganz andere Baustelle.


    Zu dem vielgescholtenen Bach noch einmal ein Zitat, das - trotz seiner Fugengebäude - illustriert, wie er von einem Jazz-Musiker gesehen wird - da gibt es nicht nur Keuth Jarrett, wie ein kleiner Google-Test zeigt:

    Zitat

    Hinter meiner Wahl, dieses Bach-Adagio zu spielen, steckt kein größeres Statement. Ich denke, jeder Jazzmusiker spielt irgendwo auch klassische Musik. Die westliche klassische Harmonik ist eine der Grundlagen des Jazz. Es ist nicht die einzige, eine der wichtigsten ist fraglos die afrikanische Tradition und der afroamerikanische Ausdruck. Aber die harmonische und melodische Sprache, die wir benutzen, kommt zu einem großen Teil aus der westlichen klassischen Musik. Bach ist gewissermaßen der Vater dieser Harmonie. Du kannst nicht Jazz spielen, ohne auch Bach zu spielen.

    Das sagt der Saxofonist Joshua Redman in der Welt vom 13.05.13. Finde ich trotz des wirren Argumentationszusammenhangs meinerseits ein witziges Zitat.
    :wink: