Joseph Haydn und Oper?

  • Am letzten Wochenende sprach ich mit meinem Neffen, er studiert Klavier und beschäftigt sich gerade mit Haydn. Er sagte Haydn hätte keine Oper geschrieben, was mich ans Nachdenken brachte. So viel ich weiß, hat er eine Oper geschrieben "Orfeo ed Euridice", habe ich etwas falsch in Erinnerung?

  • Hallo,


    Haydn hat sogar jede Menge Opern komponiert. Sein Orfeo ist die letzte und blieb sogar eigentlich unvollendet... der letzte Akt fehlt. Für seinen Dienstherrn auf Schloß Esterhaza schrieb er zwei Dutzend (also weit mehr als Mozart...) Opern, die weitestgehend unbekannt sind. Eine Auswahl ist bei Tante Wiki gelistet; einige dieser Opern sind die heute sogar noch (zumindest dem Genre nach) berühmten "Marionettenopern".


    Recht bekannt und häufiger aufgeführt sind m. E. "Il mondo della luna" (Die Welt auf dem Mond) und "Lo Speziale" (Der Apotheker).


    Von vielen Opern (wenn nicht gar von allen) gibt es u.a. Dank Antal Dorati CD-Einspielungen:





    :wink:

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)

  • Hallo Barocker,


    das hätte ich ja nun nicht gedacht, super, vielen Dank. Mir fiel auch dann ein "Il mondo della Luna", da eine ehemalige Schülerin in Wien in dieser Oper vor einigen Jahren gesungen hat, war mir aber nicht sicher. Super die Liste, na dann kann ich ja was erzählen.


    :wink::jubel:

  • Ich schätze ja die Musik von Haydn sehr, die Sinfonien ein Traum, ebenso die Streichquartette, die tollen Trios für Clavier oder Baryton usw., aber der Mann konnte keine Oper - ich hab noch nie so gleichförmigen und langweiligen Kram gehört, beim Apotheker bin ich eingeschlafen.... einfach unerträglich.


    Naja zum Glück hat er Massen an interessanter Musik hinterlassn, da schmerzt das nicht mal :D

  • Das hängt bei Haydn sicher (vielleicht stärker als bei anderen Komponisten) davon ab, wer die Oper aufgeführt hat; die Klötze von Dorati in Ehren, aber auf vieles davon trifft exakt das zu, was Du beschrieben hast.


    Gerade aus dem Apotheker ist m. E. viel herauszuholen; man benötigt bloß ein vernünftiges opi-Ensemble und ambitionierte Sänger!


    Außerdem, wenn ich mich recht erinnere, warst Du vor nicht allzuvielen Jahren ziemlich begeistert von Orlando, Armida und L'Orfeo... *flirt*


    Dieda ist eigentlich ganz witzig gemacht:



    Leider ist die Bildqualität am Rande der Erträglichkeit, musikalisch auch eher etwas uninspiriert. Die ganz oben gezeigte mit Fabio Maestri kenne ich leider nicht...


    Haydn selbst sah sich wohl auch nicht als der Opernkomponist:


    "Sie verlangen eine opera buffa von mir, recht herzlich gern, wenn Sie Lust haben, von meiner Singkomposition etwas für sich allein zu besitzen. Aber um sie auf dem Theater zu Prag aufzuführen, kann ich ihnen dießfalls nicht dienen, weil alle meine Opern zu viel auf unser Personale gebunden sind, und außerdem nie die Wirkung hervorbringen würden, die ich nach der Lokalität berechnet habe. Ganz was anderes wäre es, wenn ich das unschätzbare Glück hätte, ein ganz neues Buch für das dasige Theater zu komponieren. Aber auch da hätte ich noch viel zu wagen, indem der große Mozart schwerlich jemanden andern zur Seite haben kann. Denn könnt' ich jedem Musikfreunde, besonders aber den Großen, die unnachahmlichen Arbeiten Mozarts, so tief und mit einem solchen musikalischen Verstande, mit einer so großen Empfindung in die Seele prägen, als ich sie begreife und empfinde, so würden die Nationen wetteifern, ein solches Kleinod in ihren Ringmauern zu besitzen. Prag soll den theuern Mann fest halten - aber auch belohnen; denn ohne dieses ist die Geschichte großer Genien traurig, und giebt der Nachwelt wenig Aufmunterung zum fernern Bestreben; weßwegen leider so viel hoffnungsvolle Geister darnieder liegen. Mich zürnet es, daß dieser einzige Mozart nicht bey einem kaiserlichen oder königlichen Hofe engagirt ist! Verzeihen Sie, wenn ich aus dem Geleise komme; ich habe den Mann zu lieb."


    Dezember 1787 an den Oberverpflegs-Verwalter Franz Rott in Prag, zitiert nach: Mozart, Dokumente seines Lebens, herausgegeben von O. E. Deutsch und J. H. Eibl, dtv dokumente

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


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  • Außerdem, wenn ich mich recht erinnere, warst Du vor nicht allzuvielen Jahren ziemlich begeistert von Orlando, Armida und L'Orfeo...

    Die finde ich auch sehr gut! Kompositorisch und auch die einschlägigen OPI-Einspielungen! Womit wir wieder beim Thema wären:


    Zitat

    man benötigt bloß ein vernünftiges opi-Ensemble und ambitionierte Sänger!

  • gegen einen Galuppi, de Majo, Mysliveček, Gluck, Sacchini, Salieri, Jommelli, Anfossi usw. nicht die geringste Chance.


    Ich denke schon, daß Haydn - hätte er mehr Gelegenheit und Lust dazu gehabt, wie 1791/92 den Orfeo zu komponieren - er noch ganz anderes hätte schaffen können; wie seine späten Sinfonien und noch späteren Oratorien und Messen deutlich machen. Das sah auch sein Biograph Giesinger so.


    An Einfallsreichtum und bühnentechnischem Musiktalent, geschweige denn am Wissen von der Kunst des Gesanges, mangelte es Haydn ganz sicher nicht: wie er selbst beschreibt (vgl. Zitat oben), waren seine Opern sehr speziell zugeschnitten und nicht für die Bühnen der Welt bestimmt. Wie sich das insgesamt äußert, kann ich schlecht in Worte fassen (vielleicht sind sie so eine Art Kammeroper?), aber es dürfte mitunter ein Grund dafür sein, daß diese Werke heute nicht besonders bühnenpräsent sind, wobei man eigentlich nicht klagen kann, denn Haydns Opern stehen sicher öfters auf dem Programm als Anfossi, de Majo oder Mysliveček... Haydn und de Majo habe ich persönlich insgesamt genau je einmal live erlebt (und sicher - was Haydn betrifft - die ein oder andere Gelegenheit versäumt).

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


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