da Ponte, Lorenzo (1749-1838)


  • ABBATE LORENZO DA PONTE


    mit eigentlichem Namen Emmanuele Conegliano (Congenialo?) wurde am 10. März 1749 in Ceneda (heute Vittorio Veneto) geboren. Der junge Halbwaise (seine Mutter starb, als er fünf Jahre alt war) stammte aus einer jüdischen Familie. Sein Vater Geremia, Gerber und Lederhändler, trat mit seinen drei Söhnen 1763 ins Christentum über. Wie üblich, nahm die Familie den Namen des amtierenden Bischofs von Ceneda an und nannte sich fortan da Ponte.


    Bis zu diesem Zeitpunkt erhielt Lorenzo, so der Taufname, keinen geregelten Unterricht. Erst nach der Taufe wurde Lorenzo zusammen mit seinem jüngeren Bruder Girolamo durch Bestreben des Bischofs da Ponte in das Seminar von Ceneda aufgenommen. Just aus dieser Zeit stammen da Pontes erste dichterische Gehversuche. In seinen Memoires schreibt er, dass er Unterricht bei Dante, Petrarca, Ariost und Tasso erhielt. Richtig ist, dass der erste offizielle Unterricht im Fach Latein stattfand. Unter finanziellem Druck unterbrach da Ponte seine Studien und beschloss, den sichereren Weg einer geistlichen Laufbahn einzuschlagen.


    1769 trat er mit beiden jüngeren Brüdern in das Seminar von Portogruaro ein. Schnell wurde er Präfekt, er erhielt die höheren Priesterweihen. Letztendlich ernannte ihn der Bischof zum Lehrer der Rhetorik und erhielt am 14. April 1772 den Posten des Vizerektors. Am 27. März 1773 zelebrierte da Ponte seine erste Messe, im Herbst desselben Jahres verließ er Portoguaro, um nach Venedig zu gehen. Dem Ruf folgend, kehrte er nach einigen seltsamen Abenteuern in Venedig ein Jahr später nach Ceneda zurück, um als Professor für schöne Literatur sein Amt im Seminar in Treviso wahrzunehmen. Ein kleiner Schönheitsfehler in seinen Gedichten führte zu einer Anklage da Pontes vor dem Senat von Venedig. Die Folge war, dass er seinen Posten in Treviso verlor und zur Auflage bekam, jede „ähnliche Tätigkeit im Gebiet der Republik Venedig“ nicht mehr ausüben zu dürfen. Dennoch blieb da Ponte beharrlich in Venedig, da er Zugang zu den angesehendsten Kreisen hatte. Er hatte z.B. Giacomo Casanova kennen gelernt. Nach weiteren interessanten Abenteuern (...) wurde er öffentlich des Ehebruches bezichtigt und am 17. Dezember 1779 für 15 Jahre aus Venezia verbannt. Nach einer kurzen Zwischenstation in Görz gelangte da Ponte 1780 über Wien nach Dresden. Dort lernte er Caterino Mazzolá (Librettist von Mozarts La clemenza di Tito) kennen, der da Ponte eine Stelle am sächsischen Hof verschaffen wollte, was allerdings nicht gelang. Er unterstützte Mazzolá bei seinen Arbeiten und schuf auch eigene kleinere Werke. Mazzolá schickte da Ponte 1781 mit einem Empfehlungsschreiben an Antonio Salieri zurück nach Wien. Das erste und eindrucksvollste, was da Ponte hier erlebte, war ein Besuch bei dem hochgreisen Metastasio, den da Ponte seit seiner Jugend sehr verehrte. Salieri vermittelte da Ponte via der persönlichen Gunst Josephs II. den Posten als Dichter des (1783 neu gegründeten) italienischen Theaters. Das erste Libretto, welches auch gleich Salieri vertonte, war Il ricco d’un giorno, ein Fiasko. Ein wenig passabler wurde Il bubero di buon cuore, vertont von Vicente Martín y Soler (1754-1806), 1786 aufgenommen. Wechselnder Erfolg war bei da Pontes Schaffen offenbar normal. Da Ponte librettierte weiterhin für Gazzaniga, Storace, Righini, Piticcio und Weigl. Zu Beginn des Jahres 1783 begegnete er erstmals Wolfgang Amadé Mozart.


    Für Opernfan Mozart, der just zu dieser Zeit ohnehin verzweifelt nach (einem) Librettisten suchte, kam da Ponte gerade günstig ins Geschehen. Aus dieser Zeit stammt das vermutlich von da Ponte herrührende Libretto zu Mozarts Opernfragmenten Lo sposo deluso KV 424a (ex 430). Gewagt war die Wahl des Stoffes Le mariage de Figaro von Beaumarchais, den da Ponte 1786 für Mozart in Form der Nozze di Figaro dichtete. Dumm nur, dass da Ponte dieses Meisterwek mit der Dichtung Una cosa rara, vertont von dem nicht weniger genialen Martín y Soler, sogleich wieder in den Schatten stelle. Bissig zitiert Mozart ein Thema aus dieser Oper in der 1787 entstandenen Coproduktion Don Giovanni. Gleichzeitig schrieb da Ponte an L’arbore di Diana für Martín y Soler und an Axur, ré d’Ormus für Salieri. Alle drei Opern waren für da Ponte von nahezu grenzenlosem Erfolg. Seine letzte Arbeit für Mozart war Cosí fan tutte, die Handlung spielt in Neapel, eines der wenigen Libretti aus da Pontes Feder, die nicht Bearbeitungen fremder Stoffe sind, sondern eigenen geistigen Ursprung haben und daher um so kostbarer sind.


    Da Ponte stieg der Erfolg offenbar zu Kopfe, denn er machte sich durch selbstherrliches Auftreten, Intrigen usf. in Wien ziemlich unbeliebt. Fataler Weise starb auch noch sein Gönner Joseph II. am 20. Februar 1790 (Cosí fan tutte war zum Glück schon aufgeführt). Trotz etlicher Bemühungen (Schleimer), gelang es da Ponte nicht, um seine Dienstentlassung im Frühjahr 1791 herum zu kommen. Arbeitslosengeld gab es damals noch nicht, so musste da Ponte erfinderisch sein und reiste über Triest, Wien, Prag und Dresden nach London. Die Geldquelle war in diesem Fall sein Freund Casti, der netterweise zum kaiserlichen Hofpoeten ernannt worden war, nachdem Leopold am 1. März 1792 – nach kurzem Gastspiel als Kaiser - auch bereits ins Harfenorchester eintrat, wo Mozart bereits mit Rosetti und Kraus Trio spielte und Joseph II. zuhörender Gast war...


    Nicht schlechten Geschmack sind wir von da Ponte gewöhnt: In London kam er mit der 20 Jahre jüngeren Nancy Grahl an, Tochter eines englischen Kaufmannes. Eine Heirat der beiden ist nicht nachweisbar, wegen des geistlichen Standes wohl auch kaum denkbar, jedoch fand diese Verbindung die Billigung des Grahl’schen Elternhauses und harmonierte bis zu da Pontes Tod. Das Warten lohnte sich: 1793 erhielt da Ponte den ersehnten Posten am Kings Theater in London. Trotz diverser abenteuerlicher Zerwürfnisse, Intrigen und Verhältnisse war die Verbindung mit dem Theaterunternehmer William Taylor, der da Pontes Geschäftsgebaren ebenbürtig konterte, recht fruchtbar. Aus dem Jahre 1795 z.B. stammt die grandiose Oper La capricciosa Corretta, welche wieder einmal der von da Ponte sehr geschätzte Martín y Soler vertonte. 1798 reiste der Dichter auf Veranlassung Taylors nach Italien, um neue Sänger zu engagieren. Seine „Frau“ begleitete ihn bei diesem Trip. Da Ponte besuchte seine Familie in Ceneda und seine früheren Wirkungsstätten Treviso und Venezia. Er durchquerte Bologna und Firenze und kehrte 1799 mit Gepäck zurück nach London: Die Sopranistin Allegranti und den Tenor Damiani. Als Kampf gegen Windmühlen stelleten sich die folgenden Jahre heraus: da Ponte hatte allerlei Unschönes mit penetranten Gläubigern zu tun. Sie machten ihn platt, er verlor (wieder einmal) seine Stelle als Theaterdichter, bekam sie aber wieder, was aber nichts half: 1804 musste er seine Familie (sie bestand aus besagter Nancy und interessanter Weise vier Kindern) nach Amerika abschieben.


    Er selbst folgte 1805 nach. Aber auch hier sollte es ihm zunächst nicht besser gehen. Erst als 70jähriger konnte er recht gelassen eine Vielzahl von Schülern der ital. Sprache sein eigen nennen. Jetzt schrieb er sicherheitshalber schon mal an seinen Memoiren (1819), von Lebenserfahrung getränkt und gekränkt. Dennoch verließen ihn seine Ideen nicht und verhalfen ihm 1825 dazu, Professor der ital. Literatur (!) am Columbia College, New York, zu werden.


    Cesare Sterbini (1784-1831) läutete glorreich da Pontes Ende ein: 1830 gelang es ihm, die Oper Il barbiere di Seviglia (Rossini, 1816), für die Sterbini librettierte zusammen mit Mozarts Don Giovanni (Figaro hätte besser gepasst) in New York geben zu lassen, mit stärkstem Erfolg. Der knapp 90jährige da Ponte setzte sich vehement dafür ein, dass in New York eine ital. Oper eingerichtet wurde, was auch gelang, aber finanziell nicht von Erfolg war. Die Krönung war der Brand der Oper 1836. Wie früher, machte da Ponte seinem Ärger in diversen öffentlichen Pamphleten Luft… er starb am 17. August 1838 in New York. Neben den drei bekannten Opern verbindet ihn mit Mozart, dass seine Grabstätte nicht (mehr) bekannt ist.

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790

  • LIBRETTI


    SALIERI


    Il ricco d’un giorno
    Dramma giocoso in 3 atti
    Hoftheater Wien, 6. Dezember 1784


    Axur, ré d’Ormus
    Dramma tragico-comico in 5 atti
    Hoftheater Wien, 8. Januar 1788


    Il talismano
    Commedia per Musica
    Hoftheater Wien, 10. September 1788


    Il pastor fido
    Dramma tragicomico
    Hoftheater Wien, 11. Februar 1789


    La cifra
    Dramma giocoso in 2 atti
    Hoftheater Wien, 11. Dezember 1789


    Angelina
    A comic opera in 2 acts
    The King’s Theatre London, 29. Dezember 1801


    NASCOLINI


    Mitridate
    Opera
    The King’s Theatre London, 23. Februar 1802


    MARTÍN Y SOLER


    Il burbero di buon cuore
    Dramma giocoso
    Hoftheater Wien, 4. Januar 1786


    Una cosa rara
    Dramma giocoso in 2 atti
    Hoftheater Wien, 17. November 1786


    L’arbore di Diana
    Dramma giocoso in 2 atti
    Hoftheater Wien, 1. Oktober 1787


    La capricciosa Corretta
    Opera buffa in 2 atti
    The King’s Theatre London, 27. Januar 1795


    L’Isola del piacere
    A new comic opera in 2 acts
    The King’s Theatre London, 26. Mai 1795


    MAZZINGHI


    La bella Arsene
    An heroic opera in 3 acts
    The King’s Theatre London, 12. Dezember 1795


    Il tesoro
    Opera buffa in 2 acts
    The King’s Theatre London, 11. Juni 1796


    GLUCK


    Alceste, ossia Il frionfo dell’amor conjugale
    nach Calzabigi
    The King’s Theatre London, 30. April 1795


    GAZZANIGA


    Il finto cieco
    Commedia
    Hoftheater Wien, 20. Februar 1786


    MOZART


    Le Nozze di Figaro
    Comedia per Musica in4 atti
    Hoftheater Wien, 1. Mai 1786


    Il dissoluto punito o sia il Don Giovanni
    Dramma giocoso in 2 atti
    Prag, 29. Oktober 1787


    Cosí fan tutte
    Dramma giocoso in 2 atti
    Hoftheater Wien, 26. Januar 1790


    PAISIELLO


    Nina o sia la pazza per amore
    Dramma giocoso in 2 atti
    Hoftheater Wien, 13. April 1790


    GUGLIELMI


    La quacquera spirituoso
    Commedia per musica
    Hoftheater Wien, 13. August 1790


    La bella pescatrice
    A comic opera in 1 act
    The King’s Theatre London, 18. März 1794


    BIANCHI


    La Semiramide
    A musical drama
    The King’s Theatre London, 26. April 1794


    Antigona
    A new serious opera in 2 acts
    The King’s Theatre London, 24. Mai 1796


    Il consiglio imprudente
    A new comic opera in 1 act
    The King’s Theatre London, 20. Dezember 1796


    Le Nozze del Tamigi e Bellona
    An entire new entertainment of singing and dancing
    The King’s Theatre London, 11. März 1797


    Merope
    Serious opera in 2 acts
    The King’s Theatre London, 10. Juni 1797


    Cinna
    Serious opera in 2 acts
    The King’s Theatre London, 20. Februar 1798


    Armida
    A grand serious opera in 2 acts
    The King’s Theatre London, 1. Juni 1802


    WINTER


    La grotta di Calipso
    Dramma in 2 atti
    The King’s Theatre London, 31. Mai 1803


    Il trionfo dell’ amor fraterno
    A serious opera in 3 acts
    The King’s Theatre London, 22. März 1804


    Il ratto di Proserpina
    A serious opera in 2 acts
    The King’s Theatre London, 3. Mai 1804


    WEIGL


    La caffettiera bizzarra
    Dramma giocoso
    Hoftheater Wien, 15. September 1790


    Flora e Minerva
    Cantata a 2 voci con cori
    Wien, 17. Januar 1791


    RIGHINI


    Il Demogorgone ovvero il filosofo confuse
    Dramma giocoso
    Hoftheater Wien, 12. Juli 1786


    STORACE


    Gli equiroci
    Dramma buffo in 2 atti
    Hoftheater Wien, 27. Dezember 1786


    PITICCHIO


    Il Bertolo
    Dramma giocoso in 2 atti
    Hoftheater Wien, 22. Juni 1787


    I voti della nazione napoletana
    Cantata a 4 voci
    Wien, 12. Januar 1791


    SARTI


    I contadini bizzarri
    A new comic opera
    The King’s Theatre London, 1. Februar 1794


    CIMAROSA


    Il capriccio drammatico
    A comic opera in 1 act
    The King’s Theatre London, 1. März 1794


    DIVERSE


    L’ape musicale (Pasticcio)
    Musik von 12 versch. Komponisten
    Commedia per musica in 2 atti
    1. Fassung: Hoftheater Wien, 27. Februar 1789
    2. Fassung: Hoftheater Wien, 23. März 1791


    Davide
    Oratorio sacro in 4 atti
    Komponist nicht genannt
    Wien, 11. März 1791
    vermutlich identisch mit Mozarts Davidde penitente KV 469


    Il Megenzio
    Tragedia nuovissima in 5 atti
    Komponist nicht genannt
    Triest, 5. Dezember 1791




    LORENZO DA PONTE
    Mein abenteuerliches Leben

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790

  • Wie ich zufällig bei meinen täglichen Recherchen just bemerke, ist der jahrelang vorbereitete Film über Lorenzo da Ponte tatsächlich abgedreht worden, bereits 2009:



    Io, Don Giovanni


    Leider ist der Film nur im italienischen Original mit englischen Untertiteln erhältlich!


    :wink:

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790

  • Io, Don Giovanni


    Toll, daß es den Film noch immer nicht synchronisiert oder mindestens mit dt. UT gibt. Polnisch, Spanisch... alles zu haben. Wer braucht sowas?


    Beinahe hätte ich den geordert:



    ...wenn mir nicht im letzten Moment aufgefallen wäre, daß „Io“ im Deutschen nicht „Ja“ heißen kann... und die Originalfassung (Abb. w. o.) ist mir dann doch ETWAS zu geldintensiv...


    *motz**wait**neid**deibel*

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790

  • Toll, daß es den Film noch immer nicht synchronisiert oder mindestens mit dt. UT gibt.


    Doch, es gibt ihn: er lief im Juni 2012 in der ARD und wurde schön mit dt. UTs versehen, wenn gesungen oder nicht in Deutsch gesprochen wird. Aber leider geht der Film in der deutschen Fassung nur 89 Minuten (Originallänge: 122 Minuten). Daher glaube ich nicht, daß dir diese Fassung als DVD wirklich gefallen wird.


    Es gibt weltweit verschiedene Ausgaben von dem Film in kompletter Länge, aber die einzig brauchbare Ausgabe wäre für mich diejenige in Italienisch/Deutsch mit engl. UTs:


    Italien
    Australien
    Regionscode: 4 / UPC: 9322225086166


    Ich persönlich würde sagen, daß du die australische DVD über ebay bestellst, da sind Preise von rund 16-17 € neu möglich. Da fällt kein Zoll an, und dem Regionscode bekommt man auch in den Griff.


    On Demand bekommt man ihn über itunes.



    jd :wink:

  • aber die einzig brauchbare Ausgabe wäre für mich diejenige in Italienisch/Deutsch mit engl. UTs:


    Jo, aber nicht zu dem Preis (wie schon erwähnt). Dennoch Danke für die Mühe - ich werde mich vielleicht mal bei iTnunes informieren, ob man den Film dort auch käuflich erwerben und final downloaden kann.

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    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790

  • Im deutschen iTunes nicht verfügbar, die Kangoroos verkaufen nicht an Germanen.


    Super. Ich liebe iTunes.


    *grrr*

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    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790

  • Ich hab mich inzwischen entschieden und werde berichten.


    Zumal endlich mal ein Don Giovanni zu sehen ist, wie ich ihn mir vorstelle: jung, hübsch, knackig, verwegen und unwiderstehlich - und nicht immer diese fetten Sängersäcke, bei denen ich mich immer fragen muß: wer zum Teufel rennt DEM denn bitte nach?



    Schaut ganz nach Amadeus II aus :love:

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790

  • Ich habe den Film im italienischen Original gesehen; ohne Untertitel (deutsche standen nicht zur Disposition, die spanischen erschienen mir wenig hilfreich – spanisch kam es mir zum Teil auch so vor...). Zwar habe ich mit Sicherheit nicht jedes Wort - jede Pointe - verstanden, fühlte mich aber sprachlich in die richtige Dimension und Situation versetzt – die gelegentlich deutschen Sätze oder eher Satzfetzen (um das italienische Publikum nicht zu überfordern) sorgten bei mir für kurzfristige Erleichterung; im Großen und Ganzen war aber der biografische Bogen (mit entsprechendem Hintergrundwissen) sehr gut nachvollziehbar. Die wenigen deutschen Dialoge reichen von trivial-peinlich bis deutlich überspitzt und könnten – Hand aufs Herz – dennoch der Realität durchaus nahe kommen; jedenfalls stelle ich mir das so vor.


    Die Besetzung der Hauptrollen scheint mir ideal: endlich mal ein Mozart, dem ich die Rolle ohne Wenn und Aber abkaufe: Lino Guanciale – vom Theater kommend, gab er 2009 in Io, Don Giovanni sein Filmdebüt. Etwas unbeholfen zwar, wenn es um die Ausführung musikalischer Tätigkeiten geht, aber insgesamt überzeugend: die Fresse am richtigen Fleck, optisch gerade kurz vor hässlich und trotzdem mit den Genieblitzen in den Augen. Insgesamt legte der Film wenig Wert auf authentische Darstellung der musikalischen Aspekte, was bei genauem Hinsehn – zumindest mich – stört, aber für das Gesamterlebnis (und den Großteil des Publikums) scheint mir das eher unwichtig zu sein.


    Was wäre Venedig ohne Nebel? Wer das mindestens einmal erlebt hat, weiß es zu schätzen. So beginnt auch der Film: 1763 in Venedig – im Nebel. Musikalisch akkommodiert mit dem Winter aus Vivaldis Quattro Stagioni – zeitlich völlig unpassend, aber eben einhundertprozentig venezisch. Abgehandelt wird da Pontes Konversion vom jüdischen Glauben zum Katholizismus – die erste halbe Stunde ist durchwoben von blasphemischen Anspielungen, gleich im Hinblick auf die grand Story: Priesterweihe da Pontes mit stetem Blick auf die Schönheit der weiblichen Formen. Spätestens hier kommt Casanova ins Spiel – genial dargestellt von Tobias Moretti, stilistisch sich neben Graf Seeau aus dem Film „Ich hätte München Ehre gemacht“ einzureihen: königlich, köstlich! Casanova wird ein wenig als Leitfigur eingesetzt, etwa wie der Cherubim in der Salzburger Figaro-Produktion oder die Summe der drei Knaben aus der „Zauberflöte“, die da Ponte den rechten Weg zeigen.


    Als da Ponte (Lorenzo Balducci, hübsch) 1781 wegen Ehebruchs mit einer verheirateten Frau aus Venedig fliehen musste, trifft er zunächst in der Wiener Karlskirche den BWV 565 spielenden Mozart an. Eher unrealistisch und trashig – die einzige Stelle im Film, die ich wirklich kritisiere. Sein Kontakt zu Salieri, dem er via eines Empfehlungsschreibens Casanovas begegnet, führt wieder zurück zu Mozart, da Salieri bereits mit dem damaligen Hofpoeten vertraglich liiert ist. Der Figaro wird angerissen, aber schnell wieder ausgeblendet und hat logischer Weise bloß die Funktion, den Erfolg für Mozart und da Ponte darzustellen.


    Zwischendurch immer wieder Anspielungen auf die bevorstehende Zusammenarbeit für die Oper Don Giovanni – u.a. mit Musik von Gazzaniga, die (ich kenne das Stück) jedesmal mich wieder ernüchtert, wieviel Mozart hier geklaut hat: man möchte mitflöten, aber es geht anders weiter...


    Auffallend und von mir zunächst als extrem billig gewertet, daß es so gut wie keine Originalschauplätze (oder vergleichbare) gibt: fast alle Häuserfronten werden auf deutlich erkennbaren gemalten resp. abfotografierten Transparenten gezeigt, die benötigten Requisiten sind hingegen echt (immerhin ein Walter-Flügel): einerseits stellt sich Theaterfeeling ein, andererseits aber widerspricht dies dem Filmmodus ansich. Witzig: echte Kutschen fahren über statische Landkarten... Der Clou aber: als es endlich zur produktiven Arbeit an der titelgebenden Oper kommt, werden auf den Transparenten die Scenen der Oper filmisch eingespielt und dargestellt, dann übergeblendet – eingentlich doch toll gemacht.
    Die Darsteller für die Oper sind auch extrem konform mit meinen Vorstellungen gelungen: ein junger Don Giovanni, dargestellt vom damals < 30jährigen Borja Quiza, ein toller, sonorer Leporello (Sergio Foresti) und eine bezaubernde Zerlina (Alessandra Marianelli).


    Der Film endet mit der wenig applaudierten Wiener Premiere der leidtragenden Oper Mozarts und den Worten des Kaisers: „Dieses Werk ist himmlisch […] aber kein Bissen für meine Wiener“ - selbiges könnte als sich selbst erfüllende Prophezeiung auch vor dem Hintergrund des Vergleichs mit dem berühmten Film „Amadeus“ für Amadeus-Publikum gelten, das diesen Film schaut. Mozart antwortet darauf, was biografisch nicht verbürgt ist: „Lassen sie es die Oper verdauen...“. Die Blicke des Kaisers (übrigens für meinen Geschmack auch besser als der aus „Amadeus“; Roberto Accornero) daraufhin sind einfach geilomat! Ich denke, das gilt auch für diesen Film, dem mit einmal schauen sicher nicht gedient ist.


    Full Cast & Crew


    Für die weitere Verbreitung und Anerkennung wäre eine deutsche Synchronfassung aber doch noch das Tüpfelchen auf dem i.

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790

  • Dann mußt Du's jetzt wohl nachkaufen; der Film ist einfach zu gut; wobei mir inzwischen die italienische Originalfassung völlig reicht.

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790