6 Sonaten für Violoncello & Basso continuo op. 1 (Amsterdam c1732)

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    Benedetto Marcello (1686-1739)
    Sechs Sonaten für Violoncello & b.c.
    Sonate g-moll WoO, Fuga g-moll WoO


    Krešimir Lazar, Barockcello (Replik von Bardi Szabolcz nach Domenico Montagnana)
    Krešimir Has, Cembalo (Replik von Guido Bizzi nach einem frühen ital. Barockinstrument)


    Diese CD ist hier erhältlich.

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)

  • Hallo,


    obwohl ich zur Zeit extrem wenig Zeit habe, konzentriert Musik zu hören und zu genießen, konnte ich der Kombination Violoncello & b.c. heute nicht widerstehen, zumal mich die Platte sofort an die wunderbare Lanzetti-Aufnahme erinnert hat. Benedetto Marcello - sowie auch dessen Bruder - waren mir bislang völlig unbekannt, es gibt aber doch einige Aufnahmen ihrer Musik. Der Wikipediaartikel meint, Marcellos Musik sei stilistisch recht schlecht einzuordnen und bei der Instrumentalmusik wird auf Antonio Vivaldi verwiesen. Nun ja: ich empfinde bei Marcellos Musik ein unverkennbares venezianisches Flair, das ich allerdings nicht besonders gut beschreiben kann: luftig, flüchtig, erahnbare - aber nicht spürbare - Tiefe. Genauso ist auch die Interpretation der beiden Krešimirs...


    Die Instrumente (beides Repliken) sind beide sehr klangschön, das Cello klingt sogar manches Mal etwas fremdartig und besonders nasal, was ich sehr mag. Während das Cembalo den Bodenkontakt pflegt, schweben die Celloklänge meistens darüber - besonders tiefe Töne werden dem Instrument eher selten entlockt und wenn, dann stimmt mich dies sehr zufrieden, daß auch hier gelegentlich Bodenkontakt gepflegt wird.


    Die 6 Sonaten selbst sind durchgehend viersätzig in der Folge Langsam-Schnell-Langsam-Schnell. Die langsamen Sätze sind manchmal recht kurz und nur eine Art ausgezierte Überleitung, wie man dies bei Barockmusik kennt. Hinzu gesellt sich die vielleicht unfertige g-moll-Sonate (ohne Opuszahl), die nicht in den Zyklus der sechs Sonaten Eingang gefunden hat - auch mangelt es dem ersten Satz dieser Sonate an einer konkreten Tempo- resp. Satzbezeichnung, ist also ein beliebtes "senza tempoindicazione". Vielleicht ist diese Sonate in ihrer (nur) Dreisätzigkeit dennoch vollendet, passte aber nicht ins geplante Schema des Zyklus'?


    Außerdem wird noch eine Fuga g-moll (ebenfalls ohne Opuszahl) auf dem Cembalo solo mitgegeben, die ich für besonders gelungen halte - auch von der Interpretation her. Mit den Opuszahlen darf man es bei Marcello offenbar - wie so oft bei anderen Komponisten - nicht so ernst nehmen, denn sowohl op. 1 als auch op. 2 sind mehrfach belegt.


    Die Werke selbst verbreiten in dieser Interpretation, die auch für die werten Leser bald hörbar sein wird, eine sehr angenehme Atmosphäre: sie sind zwar leicht hörbar und verbieten aber den Ohren, sich mit etwas anderem zu beschäftigen.


    :wink:

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)

  • Ich will nicht verschweigen, dass der Erstkontakt sehr irritierend für mich war. Zunächst einmal, die etwa zur gleichen Zeit entstandenen Suiten für Violoncello solo von Sebastian Bach klingen und wirken gänzlich anders; ich muss das feststellen, weil diese natürlich meine Perspektive prägen. Ehrlich gesagt - venezianisches Flair hin oder her - das erste Hören verschwieg mir bislang eine wie auch immer definierte Tiefe; das ist tatsächlich, wie Ulli schrieb, alles sehr luftig. Irgendwie klingt das Cello für mich weich und (zucker)wattig, wozu der eigenartige Hall der Aufnahme nicht unwesentlich beiträgt. So gefallen mir die schnellen Sätze recht gut, die langsamen nötigten mir viel Sitzfleisch ab. Es ist tatsächlich keine Musik für nebenbei ...

    „Als ich es zuweilen unternommen habe, die ruhelose Geschäftigkeit der Menschen zu betrachten, wie auch die Gefahren und Strapazen, denen sie sich [...] aussetzen, woraus so viele Streitigkeiten, Leidenschaften, kühne und oft unheilvolle Unternehmungen usw. erwachsen, habe ich häufig gesagt, daß das ganze Unglück der Menschen aus einem einzigen Umstand herrühre, nämlich, daß sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können.“ (Blaise Pascal: Gedanken, I, )

  • Meine Freundin, eine Nichtklassikhörerin vor mir, ist übrigens ganz begeistert von der CD. Das sei eine schöne und fröhlich-beschwingte Musik, die einem warm ums Herz werden lasse und nicht so vergrübelt sei wie meines (!) Bachs Cello-Sonaten.

    „Als ich es zuweilen unternommen habe, die ruhelose Geschäftigkeit der Menschen zu betrachten, wie auch die Gefahren und Strapazen, denen sie sich [...] aussetzen, woraus so viele Streitigkeiten, Leidenschaften, kühne und oft unheilvolle Unternehmungen usw. erwachsen, habe ich häufig gesagt, daß das ganze Unglück der Menschen aus einem einzigen Umstand herrühre, nämlich, daß sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können.“ (Blaise Pascal: Gedanken, I, )

  • Ich kann es nicht anders sagen: dieses Projekt zu unterstützen, war eine fabelhafte Idee!


    Mir war Marcello schon seit den Arts-CDs bereits vertraut, und auch hier zeigt sich ein Komponist ersten Ranges, auch wenn er Zeit seines Lebens ein Dilettant war (also nie das Komponieren zum Lebensunterhalt betrieb). Diese Sonaten strahlen eine besondere Innigkeit aus, die durch das Spiel von Lazar und Has erst richtig zur Geltung kommt. Eine tolle Einspielung... :thumbsup:



    jd :wink:

  • Diese Sonaten strahlen eine besondere Innigkeit aus, die durch das Spiel von Lazar und Has erst richtig zur Geltung kommt.

    Heute Nacht hat es auch bei mir gefunkt und Marcello ringt nun mit Chopins Nocturnes um mein Schlafzimmer. Verzaubernd so vor dem Schlummer ...

    „Als ich es zuweilen unternommen habe, die ruhelose Geschäftigkeit der Menschen zu betrachten, wie auch die Gefahren und Strapazen, denen sie sich [...] aussetzen, woraus so viele Streitigkeiten, Leidenschaften, kühne und oft unheilvolle Unternehmungen usw. erwachsen, habe ich häufig gesagt, daß das ganze Unglück der Menschen aus einem einzigen Umstand herrühre, nämlich, daß sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können.“ (Blaise Pascal: Gedanken, I, )