Ein Bach wirft weite Schatten -- was verbirgt er?

  • Nebenan wird ja gerade mal wieder zu Bach und seiner angeblich überragenden, unvergleichlichen Stellung in der Musikgeschichte diskutiert. Da ich Barockmusik en masse verschlinge und Bach deshalb eher als rückwärtsgewandten Frickler am Ende dieses musikgeschichtlichen Zeitalters sehe, habe ich zum einen ein ziemliches Problem mit Bachs Überhöhung, der so viel Aufmerksamkeit für Anderes zum Opfer fällt, andererseits ein Interesse daran, über die anderen Genies des Barock (oder auch der Renaissance) aufzuklären. Tschabrendeki hat drüben ja schon ein paar Werke und Komponisten genannt, aber ich fände es schön, wenn wir hier in einem eigenen Thread Werke, Komponisten, Aspekte sammeln, die aufzeigen, dass Bach nicht der einzige Stern am Barockhimmel war/ist. (@Tscha: Du könntest Deine LIste hier gern auch noch einmal posten, das fände ich sehr schön!)


    Sehr gerne dürfen diese hier genannten Dinge aber von den Bach-Fanboys ( :D ) torpediert und geschmäht werden, will heißen: Falls euch danach ist, darf gerne diskutiert werden!


    Ich fange mal mit zwei Aspekten an:


    -- die Formen von Konzert und Sonate mit der Sonderform Concerto grosso: Wie kann man hier die Leistungen eines Corelli und eines Vivaldi zugunsten Bachs schmälern, der ohne die Vorarbeit dieser genialen Italiener mit seinen Brandenburgischen ziemlich rinnsälig ausgesehen hätte.


    -- die Oper! Das Genre, das den Barock in der Musik überhaupt erst konstituiert hat, und der über alles gepriesene Bach hat nichts dazu beigetragen! Bei Bach bleibt das Drama doch immer wieder im polyphonen Schneckenhaus seiner Sakralkunst stecken, während ein ganzes Heer von Genies die Bühnen Europas mit Spannung und großen Affekten gerockt hat: Monteverdi, Cavalli, Lully, Campra, Rameau, Scarlatti, Vivaldi, Händel, Vinci, Porpora, Hasse, Pergolesi ...

  • Da ich Barockmusik en masse verschlinge und Bach deshalb eher als rückwärtsgewandten Frickler am Ende dieses musikgeschichtlichen Zeitalters sehe, habe ich zum einen ein ziemliches Problem mit Bachs Überhöhung, der so viel Aufmerksamkeit für Anderes zum Opfer fällt, andererseits ein Interesse daran, über die anderen Genies des Barock (oder auch der Renaissance) aufzuklären.

    Warum den einen abwerten, um den anderen eher gerecht werden zu können? Für mich ist Bach alles andere als ein rückwärtsgewandter Frickler. Wenn Bach nicht die barocke Polyphonie in einer Weise fortentwickelt hätte, die für das späte 18. Jh. Ansatzpunkte bot, müssten wir vielleicht (Spekulation :-| ) auf wunderschöne fugierte Passagen in Werken der Klassik verzichten. Mozart hat sich mit Bach beschäftigt und nicht nur er. Für die Komponisten der Mozart-Zeit und die der Romantik bot Bach eben auch wichtiges Studienmaterial, an das sie anknüpfen konnten. Zudem ist das, was du als Frickelei bezeichnest für mich beim Zuhören, seit ich mich damit beschäftige, hochspannend gewesen. Was Bach in den Fugen geleistet hat, ist für mich ein Sinnbild des lebendigen Geistes. Das kannst du natürlich anders sehen.

    -- die Formen von Konzert und Sonate mit der Sonderform Concerto grosso: Wie kann man hier die Leistungen eines Corelli und eines Vivaldi zugunsten Bachs schmälern, der ohne die Vorarbeit dieser genialen Italiener mit seinen Brandenburgischen ziemlich rinnsälig ausgesehen hätte.

    Wer schmälert sie denn? Die musikalische Praxis, die Musikindustrie, die Hörer, die Interpreten und die Musikwissenschaft haben Corelli und Vivaldi nicht die gleiche Aufmerkseimkeit geschenkt wie Bach. Das heißt noch nicht, die anderen zu schmälern. Dass Bach - selbst ein Riese - auf den Schultern von Riesen steht, ist eine Binsenweisheit, aber sie ist es wert, dass wir ihr Aufmerksamkeit widmen.


    Bach hat an die Ergebnisse seine Vorgänger ganz bewusst angeknüpft und er fand sie nicht zu schade, sich ausgiebig zitierend bei ihnen zu bedienen, ebenso wie bei sich selbst. Damit steht er in der Tradition der barocken Kunstauffassung und wir sollten auch ihm daraus keinen Strick drehen wollen. Ich habe hier schon manchmal den Eindruck eines leichten Naserümpfens gehabt, wenn festgestellt wurde, dass CPE Bach Material seines Vaters verarbeitet, der Vater Material von sich selbst und seinen Vorgängern. Das ist aus meiner Sicht einfach eine andere Auffassung von Originalität und zwar eine, die uns heute auch wieder gut tun würde. Nicht zu denken, dass jeder Gedanke, der meinem Kopf (scheinbar) entspringt, deshalb nur mir gehört und von anderen vermieden werden müsse.


    Insgesamt finde ich den Ansatz dieses Threads sehr erfreulich, die Komponisten vor und neben Bach, also einfach die besondere, die hervorragende Musik vor 1750 in den Blick zu nehmen. Dabei ist der Bezug zu Bach eigentlich gar nicht nötig. Was ich eben nicht nötig finde, ist den Versuch zu unternehmen, herauszufinden, warum der oder der der Bessere wäre und der andere im Grunde gar nichts Besonderes.


    :wink:

  • Bin gerade in Zeitnot, deshalb nur kurz: Wenn es so rüberkam, als wolle ich Bach durch den Vergleich mit anderen herabsetzen, dann kam es falsch rüber.


    Und vor allem: Ich habe im Eingangspost sicher sehr provozierend formuliert, das sollte man aber nicht bierernst nehmen.


    Was ich - auch ein wenig scherzhaft - mit rückwärtsgewandter Frickler meinte, erkläre ich, wenn ich mehr Zeit habe. Jedenfalls ist auch das nicht so negativ gemeint, wie es zugunsten der Provokation klingt.


    Auf jeden Fall schon mal eine sehr schöne Replik, Herrman. Danke!

  • Guten Tag


    -- die Oper! Das Genre, das den Barock in der Musik überhaupt erst konstituiert hat, und der über alles gepriesene Bach hat nichts dazu beigetragen!


    Opern zu komponieren war nie Bachs Job; hätte das 1693 in Leipzig gegründete Opernhaus -übrigens das erste bürgerliche Operrnhaus Mitteldeutschlands- bei Bachs Amtantritt in Leipzig noch bestanden, wäre es durchaus denkbar gewesen, dass Bach auch für die Oper komponiert hätte. Leider ging die erste Leipziger Oper 1720 pleite.



    Gruß :wink:


    aus der Kurpfalz


    Bernhard

  • Dass Bach auch als Opernkomponist Großes geleistet hätte, steht doch außer Frage. In jener Zeit richteten sich die Musiker nach ihrer Stellung und in anderer Situation hätte der Heilige Sebastian ganz sicher Dutzende hinterlassen, nach denen wir uns heute die Finger leckten. Ich bin auch ganz einer Meinung mit Tamàs, der Monteverdi, Dufays, Lassos oder Biber in den Raum wirft; alles große und zu Unrecht halbvergessene Genies. Und ich will gar nicht auf die Rezeptionsgeschichte eingehen und fragen, warum Bach heute Schatten wirft und andere sich nicht aus diesem lösen können. Für mich steht schlicht fest, dass all die anderen Komponisten Großes geleistet haben; aber solche Monolithe wie die h-Moll-Messe, die Matthäus-Passion sehe ich nirgends auf weiter Flur; ich sehe auch nicht, dass der Kunst der Fuge, dem WTC oder den GV Ähnliches zur Seite gestellt werden könnte. Womit ich nicht meine, dass andere nicht ähnlich Gutes geschrieben hätten; aber gewirkt hat vor allem Bach. Dass Bach überhaupt wieder entdeckt wurde, kann man dem 19. Jahrhundert nun nicht einfach negativ anlasten, wie ich es hier immer wieder zwischen den Zeilen lese.

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Ich frage mich tatsächlich, wie groß der Schatten tatsächlich ist und wieviel er wirklich zudeckt... das gilt eigentlich nicht nur für Bach, sondern auch allgemein für alle anderen "Mainstream"-Komponisten... die Hand voll Werke, die (angeblich) alles unter sich verdunkeln... und mit Sicherheit zu den Größten Kunstwerken gehören (das möchte ich gar nicht mal anzweifeln), dennoch: mich persönlich "nerven" die meisten davon; es gibt hunderte Einspielungen, sie sind auf jedem Konzertprogramm zu finden und für mich einfach kein besonderer Grund mehr, eine CD zu erwerben oder ein Konzert zu besuchen. Da hebe ich lieber den rotsamtenen Mantel einmal hoch und schaue, was sich darunter außer Staub noch befindet.


    Hermann schrieb:

    Bach hat an die Ergebnisse seine Vorgänger ganz bewusst angeknüpft und er fand sie nicht zu schade, sich ausgiebig zitierend bei ihnen zu bedienen, ebenso wie bei sich selbst. Damit steht er in der Tradition der barocken Kunstauffassung und wir sollten auch ihm daraus keinen Strick drehen wollen


    Das sollten wir ganz klar auf keinen Fall und diese Vorgehensweise ist meiner bescheidenen Meinung nach für die Musik sogar essentiell: ich empfinde das wie beim (jetzt passender Weise) sogenannten Hermann-Teig, der von Tag zu Tag, Woche zu Woche, Monat zu Monat, [...] Generation zu Generation weitergegeben wird... in jedem neukomponierten Werk steckt also immer etwas bereits Dagewesenes drin (mal mehr mal weniger erkenntlich, mal bewusst, mal unbewusst). Das würde ich niemals einem Künstler zum Vorwurf machen (es sei denn es wäre eine gemeine 1zu1-Kopie).

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)

  • die Hand voll Werke, die (angeblich) alles unter sich verdunkeln... und mit Sicherheit zu den Größten Kunstwerken gehören (das möchte ich gar nicht mal anzweifeln), dennoch: mich persönlich "nerven" die meisten davon; es gibt hunderte Einspielungen, sie sind auf jedem Konzertprogramm zu finden und für mich einfach kein besonderer Grund mehr, eine CD zu erwerben oder ein Konzert zu besuchen.

    Verstehe ich, auch wenn ich es selbst nicht nachvollziehen kann; da ich beides - Bekanntes und Unbekannteres - liebe und höre. Für eine Diskussion wie hier freilich ist diese Sichtweise wenig förderlich. Andererseits beruht die Qualität des Forums darauf! 8-)

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Monolithe wie die h-Moll-Messe, die Matthäus-Passion sehe ich nirgends auf weiter Flur;[...] Womit ich nicht meine, dass andere nicht ähnlich Gutes geschrieben hätten; aber gewirkt hat vor allem Bach.


    Ich habe jetzt wenig Zeit meinen Senf dazuzugeben, aber da muss ich darauf eingehen... Welche Wirkung hatte die h-moll-Messe denn auf die Messkomposition?


    Auf die Messen der Wiener Klassiker hatte er keine. Auf die der beiden Messen Haydns hatte Biber (indirekt), Fux, Werner und die zahlreichen anderen österreichischen Meistern eine Wirkung. Auf Mozart dann eben noch Eberlin, später sicherlich auch einige Komponisten, wie Hasse oder Pergolesi, die Opernhaftes mit Geistlichem verbinden suchten.


    Beethoven sucht ganz eigene Wege, da sehe ich auch keine Wirkung.


    Schubert, Bruckner stehen dann wieder tief im österreichischen Kolorit. Auf Bruckner hat Michael Haydn eine viel direktere Wirkung, als eben Bach.


    Hat je wieder ein Komponist eine so konzipierte Messe geschrieben, wie die h-moll Messe? Das Requiem von Berlioz ist vielleicht ähnlich monumental, aber sonst fallen mir keine richtigen Beispiele ein.


    Woher also der Ruf dieser Komposition Bachs? Sie ist fantastisch: klar. Ohne Frage.


    Haben andere Komponisten auch vergleichbar fantastische Kompositionen des Ordinariums hinterlassen? Ja.


    Hatte dieses Werk einen bedeutenden Einfluss, Wirkung auf die Komposition des Ordinariums? Wie ich es sehe: Nein. Ist dazu eben auch zu monolitisch um wirken zu können. Wirken kann etwas, was man weiterentwickeln kann. Die h-moll Messe ist aber - musikgeschichtlich gesehen - eine Sackgasse. Eine grandiose Sackgasse, eine Sackgasse, die eine künstlerische Glanzleistung bedeutet, aber eben eine Sackgasse. Es ist nicht möglich (oder es hat keinen Sinn) Messen auf diese Art zu komponieren.


    LG
    Tamás
    *castor*

  • Dann müssen wir den Spieß umdrehen: Die H-Moll-Messe ist so groß, dass sie nicht mehr überboten werden und damit nicht wirken konnte. :wink:

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Woher also der Ruf dieser Komposition Bachs?

    Ich weiß es nicht! Ich weiß nur, dass mir persönlich Bach; obwohl ich inzwischen in über 30 Jahren auch aberhunderte andere Meister gehört habe, immer noch am Besten gefällt. Und das scheint nicht nur mir so zu gehen. Sind wir alle verhext? :)

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Ich habe jetzt wenig Zeit meinen Senf dazuzugeben, aber da muss ich darauf eingehen... Welche Wirkung hatte die h-moll-Messe denn auf die Messkomposition?


    Du gibst die Antwort ja selbst. Es hat auch bis in die Mitte 20. Jahrhundert über 200 Jahre gedauert, bis wieder jemand 24 Präludien und Fugen komponiert hat. Das wirkt über lange Zeiträume eher unterschwellig, befeuerte also nicht die aktuellen Entwicklungen. Bach war erst einmal aus dem Bewusstsein der musikalischen Öffentlichkeit verschwunden, dennoch, durch seine Auffassung der Polyphonie, gerade durch das Wohltemperierte Clavier (abe nicht nur s.u.) hat Bach sehr wohl gewirkt und nicht minder vermittels seiner Söhne, die, zumindest im Falle CPE ihrerseits die Erinnerung an den Vater weitergetragen haben.


    Ist es wirklich interessant, darüber zu diskutieren, wer der Größere ist,: Bach oder Biber ?(


    Im Übrigen können vielleicht die folgenden Zitate etwas zur Erhellung des Zusammenhangs beitragen - Thomas Hochradner / Ulrich Leisinger (Hg.):BACH – Beiträge zur Rezeptionsgeschichte, Interpretationsgeschichte und Pädagogik. Drei Symposien im Rahmen des 83. Bachfestes der Neuen Bachgesellschaft in Salzburg 2008. Bericht. klang–reden. Schriften zur Musikalischen Rezeptions- und Interpretationsgeschichte Bd.5., Freiburg i. Br. / Wien 2010. Redaktion: Dominik Reinhardt (https://www.moz.ac.at/apps/app…ts_klang_reden_Bd_5.pdf):

    Zitat

    "Während in der Sammlung des gelehrten Kontrapunktisten und Organisten Albrechtsberger nur
    wenige Zeugnisse einer Auseinandersetzung mit dem Werk Bachs zu finden sind, befanden sich etwa zwei Dutzend Bachiana in der Sammlung von Haydn. Darunter sind vor allem die Abschriften der Kompositionen Carl Philipp Emanuel Bachs von der Hand Johann Heinrich Michels hervorzuheben, die Haydn vermutlich 1795 in Hamburg erwarb, sowie eine Partitur der h-Moll-Messe, die um 1770 in Berlin entstanden ist. Es lässt sich zwar nicht eindeutig klären, auf welchem Weg sie in den Besitz Haydns gelangte, dem Exemplar kann jedoch eine bedeutende Rolle für die Rezeption der h-Moll-Messe in Wien zugesprochen werden. Im Eisenstädter Archiv liegt ferner noch eine Litanei des heute kaum bekannten Komponisten Antonio Polzelli (eines illegitimen Sohnes von Haydn?) vor, die im Aufgriff der Kunst der Fuge von der Aneignung der Musik Bachs ebenso ein beredtes Zeugnis ablegt"


    "Die Rezeptionsgeschichte von Bachs h-Moll-Messe konnte lange Zeit nur bis etwa 1800 zurückverfolgt werden. Eine vor kurzem wieder aufgefundene Abschrift aus Haydns Nachlass gehört aber zu den ältesten Quellen für die Messe überhaupt: Die Handschrift stammt aus Berlin und kam möglicherweise durch Gottfried van Swieten, den österreichischen Gesandten am preußischen Hof, im Jahre 1777 nach Wien. Van Swieten hat bekanntlich Mozart an die Musik von Bach und Händel herangeführt. Aus der Mitteilung »[er] hat mir alle Werke des händls und Sebastian Bach [...] nach hause gegeben« (Mozart an seine Schwester, 20. April 1782) kann man schließen, dass Mozart Bachs Messe zum Zeitpunkt der Arbeit an der c-Moll-Messe KV 427 durchaus im Detail hätte studieren können. Die Wiederentdeckung der Partiturabschrift aus Eisenstadt liefert daher eine völlig neuartige Quellenbasis, um die verblüffenden
    Ähnlichkeiten zwischen den beiden anspruchsvollsten Messkompositionen des 18. Jahrhunderts zu
    diskutieren. Mozarts Anklänge an die barocken Meister Bach und Händel in der c-Moll-Messe müssen dabei als bewusste stilistische Entscheidung des Komponisten gewertet werden."

    Nur, um zu zeigen, dass man die Bedeutung der H-Moll-Messe durchaus auch anders gewichten kann, auch wenn es kein Werk gibt, dass ihr äußerlich gleich bzw. nahe kommt.


    :wink:

  • Nun, interessant ist aber doch, daß Haydn für seine beiden deutschsprachigen Oratorien doch viel näher bei Händel als bei Bach ist.
    Das hat mit Sicherheit viele Gründe, u. A. Sicherlich, daß es eine durchgehende Händel-Rezeption gab und Händelsche Oratorien aufgeführt wurden.
    Ich würde Bachs h-moll-Messe auch eher als Sackgasse was die Wirkgeschichte angeht, sehen. Textlich eigentlich wederfür die katholische noch protestantische Liturgien geeignet, durch die Länge auch nur bedingt liturgisch verwendbar, ist sie in ihrem praktischen Nutzen sehr eingeschränkt. Es gibt ja nicht umsonst die Theorie, sie könnte reine "Augenmusik" für den "Kenner" sein.

  • Ich finde es grundsätzlich uninteressant über Wertigkeiten von Komponisten zu diskutieren.
    Wie soll ich den Bibers Rosenkranzsonaten mit den Bachschen Sonaten vergleichen, die Händelschen Opern oder Oratorien mit der Bachschen Vokalmusik oder die Werke für Tasteninstrument von Froberger, Ketll, Buxtehude, Bach, den Couperins od. Rameaus?
    Ich finde Bach großartig, dennoch berührt mich Händel wesentlich tiefer. Verkenne ich jetzt Bachs Größe, indem ich Händel vorziehe? Meiner Meinung nach ist es auf diesem Niveau müßig, über besser zu diskutieren!!

  • Ich würde Bachs h-moll-Messe auch eher als Sackgasse was die Wirkgeschichte angeht, sehen. Textlich eigentlich wederfür die katholische noch protestantische Liturgien geeignet, durch die Länge auch nur bedingt liturgisch verwendbar, ist sie in ihrem praktischen Nutzen sehr eingeschränkt. Es gibt ja nicht umsonst die Theorie, sie könnte reine "Augenmusik" für den "Kenner" sein.


    Ich wollte auch nur darauf hinweisen, dass es durchaus Belege für eine zumindest unterschwellige Wirkung und Auseinandersetzung von Komponisten mit Bachs Musik gibt, auch in der Zeit vor der Bach-Renaissance.


    Was die reine Augenmusik betrifft. Man kann sich natürlich viel vorstellen, aber nach meiner Überzeugung war Bach mehr Praktiker als sich viele Theoretiker vorstellen können. Er stand zumindest mit beiden Beinen im praktischen Leben. Wenn er Musik komponiert hat, die er selbst nicht mehr zur Aufführung bringen konnte, heißt das noch lange nicht, dass er nicht die Absicht gehabt hätte, das zu tun. Und da sich solche Spekulationen ja auch nicht aufklären lassen: Die H-Moll-Messe klingt in meinen Ohren (ebenso wie die Kunst der Fuge) ganz hervorragend, ja sie klingt in zahlreichen Passagen erschütternd.


    :wink:

  • Noch zum Thema vergleichbare Werke:
    H-moll-Messe: Mozart, c-moll-Messe od. Requiem; Beethoven, Missa Solemnis; des Prez, diverse Messen
    Goldberg-Variationen: Beethoven, Diabelli-Variationen
    Polyphone Kompositionen: Purcell, Fantasien; diverse isorhythmische Kompositionen der Ars-Nova (od. Sudan, Florentiner Domweihmotette)
    Das sind spontane Eingebungen innerhalb 5 Minuten. Bachs ist groß er gehört zu den Achttausendern, aber es gibt noch mehr dieser Spezies. Wer der Höchste ist: obsolete Frage, da sehr vom Blickwinkel abhängig.

  • Nun, interessant ist aber doch, daß Haydn für seine beiden deutschsprachigen Oratorien doch viel näher bei Händel als bei Bach ist.


    Welche Oratorien hat Bach denn als Oratorien angelegt komponiert? Zählst Du die Passionen dazu? Ich finde, daß sie strukturell herzlich wenig mit einem Oratorium zu tun haben. Das WO ist "bloß" die Summe verschiedener Cantaten... das schmälert natürlich den Wert nicht. Händels Oratorien hatten z.T. ganz andere Intentionen, waren z.B. Opernersatz... (davon kann bei Bach wohl kaum die Rede sein); der geistliche Plot bei Händel war wohl teilweise nur Mittel zum Zweck. Auch J. M. Kraus hat sich an Händel orientiert, Mozart sicher auch mehr an Händel als an Bach. Dennoch empfinde ich es so, daß Händel selbst heute eher als (Ba-) Rockzipfel Bachs fungiert: außer dem Messiah, der Feuerwerks- und Wassermusik ist von Händel heute kaum etwas wirklich bekannt, wenn auch die Barockoper ein tolles Revival erlebt und Händel oft auf dem Plan steht.


    Wenn es darum geht, Zeitgenossen Bachs zu benennen, die ich für sehr schätzenswert halte, nenne ich an erster Stelle Zelenka, den ich persönlich stilistisch deutlich moderner als Bach empfinde (um damit auf Schleifers "Rückwärtsgewandtheit Bachs" im Eingangspost einzugehen) oder, wenn's noch moderner sein darf: da Pistoia, der immerhin den Hammerflügel nicht verschmähte.


    Ich denke aber auch, daß vieles mit den Interpretationen der Bachschen Musik zusammenhängt: wenn ich mir allein die Café Zimmermannschen Concerti anhöre, denke ich eigentlich herzlich wenig an den mir bekannten "Bach"...

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)

  • Wenn es darum geht, Zeitgenossen Bachs zu benennen, die ich für sehr schätzenswert halte, nenne ich an erster Stelle Zelenka, den ich persönlich stilistisch deutlich moderner als Bach empfinde (um damit auf Schleifers "Rückwärtsgewandtheit Bachs" im Eingangspost einzugehen) oder, wenn's noch moderner sein darf: da Pistoia, der immerhin den Hammerflügel nicht verschmähte.

    Für solche Tipps liebe ich das Forum. :love: Zumal diese Bach nicht verkleinern ...

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Ist es wirklich interessant, darüber zu diskutieren, wer der Größere ist,: Bach oder Biber


    Nein, ganz sicherlich nicht!


    Gerade deswegen hadere ich gegen die Darstellung (die leider ab und zu noch anzutreffen ist - wenn auch hier im Forum ÜBERHAUPT NICHT), dass es interessante Musik erst von Bach an gäbe.


    LG
    Tamás
    :wink:

  • Gerade deswegen hadere ich gegen die die Darstellung (die leider ab und zu noch anzutreffen ist - wenn auch hier im Forum ÜBERHAUPT NICHT), dass es interessante Musik erst von Bach an gäbe.

    Ich verstehe das! Ich weiß nicht mehr, wann ich zu dieser ...



    ... CD wie die Jungfrau zum Kinde kam und völlig von den Socken war. Ich hatte von Biber noch NIE etwas gehört!


    P.S. In irgendeinem Forum gab es doch jemanden, der sämtliche Rosenkränze Bibers hatte ...

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793