01 - "Rosenkranz-Sonaten" (1678?) C 90-105

  • 1740 schreibt Johann Mattheson über Heinrich Biber:

    Zitat

    In den Kaiserlichen Erblanden, wie auch in Frankreich und in Italien, ist er, wegen seiner Composition, wo dieselbe hinkommen, nach Verdienst hochgeachtet worden [...]


    Heute ist es ja auch nicht anders: wo seine Kompositionen "hinkommen" wird er "nach Verdienst hochgeachtet": es ist interessant festzustellen, dass dabei nicht die für die Zeitgenossen Bibers bekannte Werke, sondern eine musica reservata, die womöglich nur wenige Auserwählte damals das Glück hatten zu vernehmen, heute den Namen dieses bewunderswerten Komponisten wieder bekannt macht. Ein Werk sogar, über die der erste moderne Editor des Werkes (Edwin Luntz) noch eher negativ urteilte:

    Zitat

    Können diese Versuche, die Musik als Spiel in Verbindung zu bringen mit der Musik als Ausdruck, auch keineswegs gelungen bezeichnet werden, so verdienen dieselben dennoch die Beachtung des Musikhistorikers, denn Trotz aller Mängel spricht aus ihnen ein gewisses Verständnis für die Grenzen der Tonkunst, während die meisten Beispiele der frühesten Programm-Musik mehr oder weniger eine gründliche Verirrung darstellen.


    Heute sehen wir das natürlich schon vollkommen anders: wir haben nicht mehr die an Hanslick geschulte Abscheu gegenüber Programm-Musik, aber einen Hang zu Mystischem, ein Sehnen nach Vergangenem.


    Das in München verwahrte Manuskript, BSB Mus. ms. 4123 (der Link führt zu dem digitalisierten Faksimile), verbarg für Jahrhunderte die sechzehn Stücke: fünfzehn für Violine und Basso continuo, eine für Violine allein, bis sie endlich irgendwann um 1900 von Guido Adler aufgefunden worden sind. Es kam noch irgendwann im 19. Jh. in die Hände von Emil Schafhäutl (1803-1890), einem Münchener Gelehrten, der durch die Schülerschaft Michael Haydns Kontakte zu Salzburg hatte und mehrere Manuskripte erwarb. Kurz vor seinem Tod, 1889 gelang der prächtige Band in die Bayerische Staatsbibliothek.


    Einen Titel hat die Sammlung ncht: man kann immer wieder lesen, das Titelblatt wäre verlorengegangen, das stimmt aber nicht genau: es ist schon vorhanden, ist aber unbeschriftet. Die Titellosigkeit ist also vielleicht Teil der "Reserviertheit" der Sammlung. Nur die Eingeweihten kannten also das volle Programm: und es gibt vielleicht auch Momente in der Musik, in der Verwirklichung des Programms, deren Bedeutung nur sie gekannt haben und für uns womöglich für immer verschlüsselt bleiben.


    Der heute übliche Titel "Rosenkranz-Sonaten" oder "Mysterien-Sonaten" spiegelt das Programm wieder; wie der Komponist seine Sonaten genannt hat, bleibt unbekannt.


    Wie kommt es, dass ohne einen Titel das Programm dennoch entschlüsselt werden konnte? Die einzelnen Sonaten sind nämlich nicht nummeriert oder mit Titeln versehen, sondern mit einem kleinen, rundförmigen Kupferstich, deren jeder eine Episode aus dem Leben Jesu oder Mariä zeigen (NB: auch hier das Fehlen der Titel: statt Worte bezieht man sich auf das Visuelle). Diese Episoden entsprechen den 15 Mysterien oder Geheimnissen des Rosenkranz-Gebetes. Darauf spielt auch Biber an, wenn er in der sonst relativ kurz gehaltenen Widmung meint:

    Zitat

    Causam si numeri scire velis enucleabo: Haec omnia Honori XV. Sacrorum Mysteriorum consecravi, quem [...] Tu ferventissimè promoveas.


    Den Grund für die Zahl, wenn Du wissen willst, werde ich deutlich machen: Dies alles habe ich der Ehre der 15 Heiligen Geheimnisse geweiht, eine Ehre, die Du [...] glühend fördern mögest.


    Die fünfzehn Geheimnisse teilt man in drei Fünfergruppen, folgendermaßen:


    I. der freudenreiche Rosenkranz
    - die Verkündigung
    - die Heimsuchung (Besuch Mariens bei ihrer Base Eliabeth)
    - Geburt Christi
    - Darstellung im Tempel (Reinigung Mariä, die Prophezeiung von Simeon)
    - Auffindung im Tempel


    II. der schmerzhafte Rosenkranz
    - Jesus am Ölberg
    - Geißelung Christi
    - Krönung Christi mit der Dornenkrone, Verspottung
    - Kreuztragung
    - Kreuzigung


    III. der glorreiche Rosenkranz
    - Auferstehung Christi
    - Himmelfahrt Christi
    - Sendung des Heiligen Geistes (Pfingsten)
    - Himmelfahrt Mariä
    - Krönung Mariä im Himmel


    Die kleinen Kupferstiche gaben letztendlich einen Hinwes für die Datierung des Werkes: sie wurden nämlich einem Widmungsblatt entnommen, das erst 2008 aufgefunden worden und von 1678 datiert ist. Das Manuskript konnte also wahrscheinlich nicht früher als 1678 enstanden sein. Frühere Datierungsversuche legten das Werk in 1674 (Luntz) oder in 1676 (Chafe), es gab aber auch Forscher die neben einem bedeutend späteren Datum plädiert haben. Spätestens vor 1687 muss es aber schon existiert haben, da Maximilian Gandolph von Khuenburg, der Erzbischof von Salzburg, dem die Sammlung gewidmet ist in diesem Jahr starb.

    Alle Wege führen zum Bach,
    .................................... wo der kleine Biber lebt!

  • Neben dem außermusikalischen Programm hat die Sammlung aber noch ein musikalisches - oder besser gesagt instrumentales.


    Alle Sonaten von Nr.1 bis 15 zeigen nämlich eine andere Violinstimmung (Accordo) auf: es gibt kein Werk in der ganzen Musikgeschichte, wo man einen so extremen Gebrauch der Skordatur (also von dem Verstimmen der Violine) finden könnte. Die Anlage der Stücke sieht folgendermaßen aus:


    'Der freundenreiche Rosenkranz'


    Sonate I für Violine und Basso continuo - 'Die Verkündigung'

    D-dorisch; Accordo: g-d'-a'-e" (Normalstimmung)
    1. Praeludium 2. Variatio (Aria allegro-Adagio) 3. Finale


    Sonate II für Violine und Basso continuo - 'Die Heimsuchung'

    A-dur; Accordo: a-e'-a'-e"
    1. Sonata ([o.A. - ohne Tempoangabe]-Presto) 2. Allamande 3. Presto


    Sonate III für Violine und Basso continuo - 'Geburt Christi'

    h-moll; Accordo: h-fis'-h'-d"
    Sonata ([o.A.]-Presto-Adagio) 2. Courente – Double 3. Adagio


    Sonate IV für Violine und Basso continuo - 'Darstellung im Tempel'

    d-moll; Accordo: a-d'-a'-d"
    1. Ciacona ([o.A.]-Adagio-Presto-Adagio)


    Sonate V für Violine und Basso continuo - 'Auffindung im Tempel'

    A-dur; Accordo: a-e'-a'-cis"
    1. Praeludium ([o.A.]-Presto) 2. Allemande 3. Guigue 4. Sarabande – Double


    'Der schmerzhafte Rosenkranz'


    Sonate VI für Violine und Basso continuo - 'Jesus am Ölberg'

    c-moll; Accordo: as-es'-g'-d"
    1. Lamento ([o.A.]-Adagio-Presto-3/2 [o.A.]-Adagio-12/8, Adagio- „8/12”)


    Sonate VII für Violine und Basso continuo - 'Geißelung Christi'

    F-dur; Accordo: c'-f'-a'-c"
    1. Allemanda – Variatio 2. Sarabande – Variatio


    Sonate VIII für Violine und Basso continuo - 'Krönung Christi mit der Dornenkrone'

    B-dur; Accordo: d'-f'-b'-d"
    1. Sonata (Adagio-Presto) 2. Guigue - Double (Presto) - Double 2


    Sonate IX für Violine und Basso continuo - 'Die Kreuztragung'

    a-moll; Accordo: c'-e'-a'-e"
    1. Sonata 2. Courente – Double 3. Finale


    Sonate X für Violine und Basso continuo - 'Die Kreuzigung'

    g-moll; Accordo: g-d'-a'-d"
    1. Praeludium 2. Aria – Variatio – Adagio – 12/8


    'Der glorreiche Rosenkranz'


    Sonate XI für Violine und Basso continuo - 'Auferstehung Christi'

    G-dur; Accordo: g-g'-d'-d"
    1. Sonata 2. Surrexit Christus hodie 3. Adagio


    Sonate XII für Violine und Basso continuo - 'Himmelfahrt Christi'

    C-dur; Accordo: c'-e'-g'-c"
    1. Intrada 2. Aria Tubicinum 3. Allemanda 4. Courante - Double


    Sonate XIII für Violine und Basso continuo - 'Sendung des Heiligen Geistes'

    d-moll; Accordo: a-e'-cis"-e"
    1. Sonata 2. Gavott 3. Gigue 4. Sarabanda


    Sonate XIV für Violine und Basso continuo - 'Himmelfahrt Mariä'

    D-dur; Accordo: a-e'-a'-d"
    1. ([o.A.-Grave-Adagio) 2. Aria – Aria – Guigue


    Sonate XV für Violine und Basso continuo - 'Krönung Mariä im Himmel'

    C-dur; Accordo: g-c'-g'-d"
    1. Sonata 2. Aria 3. Canzon 4. Sarabanda




    XIV: Passagalia für Violine Solo - 'Der Schutzengel'

    g-moll; Normalstimmung (g-d'-a'-e")

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  • Während der erste herausgeber der Sonaten, Erwin Luntz, noch von der mindere Qualität dieser Sonaten in seinem Vorwort zur edition spricht, werden die Werke doch recht früht entdeckt. Der erste, der einige der Sonaten öffentlich aufführt, ist ein ehter Biber-Fan: Paul Hindemith.


    Das Konzert fand am 24. Februar 1942 am Yale University statt.


    Die Violine spielte Paul Hindemith, am Cembalo saß Ralph Kirkpatrick (der K. der Scarlatti-Sonaten), Violoncello spielte Morris Kirshbaum, und mit Kontrabass gesellte sich noch George L. Lam dazu. Gespielt wurden 8 Sonaten (VI-XIII).


    Das die Begegnung mit dieser Musik großen Einfluss auf Hindemith hatte, zeigt, dass gleich am Anfang des ersten Liedes seines Liederzyklus, "Marienleben, op. 27" das "Surrexit Christus hodie" aus der XI. Sonate anklingt.



    Kürzlich haben die Sonaten den Organsten und Komponisten Eric Lebrun zu einer eigenen Komposition von einem Rosenkranz-Zyklus angeregt: seine "Vingt Mystères du Rosaire, op. 10, pour violon, violoncelle, harpe et grand orgue (2002-2010)" ind in 2012 eingespielt worden. Der Komponist bezieht sich direkt auf Biber, aber ob er ihn auch stellenweise zitiert, weiß ich nicht, da ich das Stück nicht kenne. Nach den Schnipseln zu urteilen steht das Werk eher in einer Messiaen-Nachfolge:
    http://www.ericlebrun.com/vingt-myst%C3%A8res-du-rosaire/



    [amzmp3]B004CBA530[/amzmp3]


    LG
    Tamás
    :wink:

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  • Sonate XI für Violine und Basso continuo - 'Auferstehung Christi'


    G-dur; Accordo: g-g'-d'-d"
    1. Sonata 2. Surrexit Christus hodie 3. Adagio


    Der Mitteilteil der elften Sonate wurde häufig als "Passacaglia" apostrofiert. Da es aber bei der als Bassschema verwendete Melodie aber um ein Choralthema handelt, und die Melodie dann auch in der Oberstimme geführt wird, und auch oft sonst anklingt war ich mit dieser Gattungsbezeichnung nie ganz zufrieden. Gerade die vorletzte Variation, wo das Thema von Zeil zu Zeile erst im Bass, dann in der Oberstimme erscheint (also jede Zeile wird wiederholt), ist ganz "unpassacagliamäßig"


    Wäre hier die Bezeichnung "Choralpartita" nicht präziser und bezeichnender?


    Bei einer Choralpartita handelt es sich um einen Variationssatz über ein Choralthema - und was anders soll doch dieser Satz von Biber verkörpern, wenn nicht das?


    LG
    Tamás
    :wink:

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  • Das Manuskript konnte also wahrscheinlich nicht früher als 1678 enstanden sein.


    Ein weiterer Inhaltspunkt zur marianischen Umfeld der Rosenkranzsonaten:


    1671 begann Max Gandolf von Kuenburg mit dem Bau der Wallfahrtskirche in Maria Plain, man hat lange angenommen, die Einweihung in 1674 wäre auch das Uraufführungsdatum der Sonaten gewesen.Aufgrund der jüngeren Erkenntnisse (Fund des Rosenkranz-Bruderschaftblattes aus 1678) kann das zwar in Zweifel gezogen werden, jedoch ergibt sich doch eine Verbindung zum Wallfahrtsort am Rande Salzburgs.


    1686 ließ der Erzbischof den Kalvarienberg errichten (fertiggestellt in 1692), bestehend aus fünf kleinen Kapellen, die die Mysterien der schmerzhaften Mysterien zeigen.


    Damit aber noch nicht genug: 1605 - ein Jahr nach dem Tod Bibers - stiftet ein namenloser Salzburger Bürger fünfzehn steinerne Bildstöcke, die entlang des alten Wallfahrtsweges aufgestellt wurden, und die Mysterien des Rosenkranzes zeigen. Während der Wallfahrt betet man bis heute den Rosenkranz und erreicht so - als sechzehnte Station - die Wallfahrtsbasilika Maria Plain selbst. Erinnert das nicht irgendwie auf unseren musikalischen Zyklus mit dem Passacaglia am Ende? Ist vielleicht der namenloser Stifter der Bildstöcke ein Familienmitglied Bibers? Oder vielleicht hat das Biber selbst vor seinem Tod verfügt? (Solche fromme Gründungen waren ja oft auch in Testamenten enthalten.)


    Vielleicht greife ich da etwas zu hoch. Marienverehrung war damals ja besonder in, es muss nicht alles um Biber gegangen sein. Aber... wer weiß es schon?


    s.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Maria_Plain
    http://www.salzburg.com/wiki/i…ahrtsbasilika_Maria_Plain
    http://www.salzburg.com/wiki/index.php/Wallfahrt_Maria_Plain


    LG
    Tamás
    :wink:

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  • Der französische Wikipedia-Beitrag zu den Rosenkranzsonaten scheint mehr als informativ zu sein:


    http://fr.wikipedia.org/wiki/Sonates_du_Rosaire


    Stützt sich in vieler Hinsicht auf Infos die ich zusammengesucht habe (hauptsächlich die Diskographie und die Beziehungen zu einem literarischen Rosenkranz-Zyklus aus Wien, und auch manchen anderen Detail aus einem auf ungarisch verfassten kurzen Einleitung zu den Sonaten...


    Scheinbar kommt kaum mehr jemand, der sich mit den Rosenkranzsonaten beschäftigt an mir vorbei... *lol*


    Ich sollte tatsächlich mal darüber nachdenken, ein Artikel darüber irgendwo zu publizieren...


    LG
    Tamás
    *castor*

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