Richter, Karl (1926-1981)

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    http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Richter_%28Musiker%29


    Eine der größten Dirigentenpersönlichkeiten und einer der großen Präger meiner Wenigkeit; ein gebürtiger Landsmann und Besessener, der leider viel zu früh verstarb und dem die Welt gewaltiges Unrecht tut mit heutigen Bewertungen. Ich werde im Laufe der Zeit ein weniges zu ihm schreiben.


    Zum Kennenlernen gibt es heute neben den Einzeleinspielungsklassikern diese beiden Boxen:




    Für die, die sich das Phänomen Karl Richter noch einmal vergegenwärtigen wollen oder für die jüngeren unter uns, die ihn gar nicht mehr kennen: Das ist nicht HIP, es ist die Interpretation der 50er und 60er Jahre - fett, prächtig, mächtig, satter Klang, meist über 100 Sänger in Laienchor; natürlich nicht mit den Konzeptionen von Harnoncourt, Gardiner, Koopman oder Herreweghe zu vergleichen; wenngleich Richter beinahe immer auf die besseren Solisten als seine Nachfahren zurückgreifen konnte. Und dennoch von einer Schönheit und Klangpracht, die heute kaum noch erreicht wird. Nicht selten sind es die fanatischsten Anhänger der historischen Aufführungspraxis, die im stillen Kämmerlein sich heimlich hin und wieder die Aufnahmen Richters anhören, in stiller und verzehrender Sehnsucht, wie ich annehme.

    • Offizieller Beitrag


    Wenn ich heute zur Ruhe kommen will, ohne ganz der Schönheit zu entsagen; sehe ich mir die Aufzeichnung von Bachs h-Moll-Messe mit dem Münchner Bach-Chor und dem Münchner Bach-Orchester unter Karl Richter an, die in der barocken Stitfskirche von Dießen am Ammersee in Oberbayern in Bild und Ton aufgenommen wurde: Ich bin ja eher ein Freund von Romanik und Gotik und gar nicht des Barock, aber hier passte es irgendwie und die Bildführung innerhalb des Sakralbaus korrespondierte der herrlichen Musik und lässt mich umgehend entspannen und sogar ein wenig transzendentieren.

  • Als ich vor fünf Jahren anfing, Klassische Musik zu hören und zu sammeln, kam mir Karl Richter auch sehr schnell vor die Augen: oft empfohlen, weil besonders festlich umgesetzt. Interessant dabei ist: obwohl seine meisten Aufnahmen bei der Archiv Produktion entstanden, hatte er nie ein opi-Orchester unter sich, und die Solisten waren praktisch alle der älteren Bachschule verpflichtet, wenn auch gelegentlich behutsam "modernisiert". Es ist sicherlich sein Ausdruck, der ihn legendär gemacht hat; hinzu kommt eine handwerklich saubere Musizierweise, die nichts als höchste Qualität zuließ. Insofern hat er auch heute zurecht seine Meriten.


    Doch denke ich, daß man auch das Recht als Hörer für sich in Anspruch nehmen darf, wenn man sagt, Karl Richter entstammt einer anderen Tradition. Er hatte unter Günther Ramin gelernt und machte sich dann sozusagen selbstständig, als er nach München ging. Das, was Harnoncourt zur gleichen Zeit verfolgte, hat er nicht in seinen Kosmos eingebunden, bis zuletzt nicht. Er war nicht HIP, er war nicht opi. Insofern darf man dann auch nicht traurig sein, wenn seine Interpretationen nur die ansprechen, die die alte Traditionen gerne hören wollen.


    Ich habe seine h-moll-Messe von 1962, beide MPs, die JP von 1964, beide WOs, die Ouvertüren, die Kantaten, die Cembalowerke, den deutschsprachigen Messias, die Musicalischen Exequien von Schütz. Ich habe alles genau angehört und weiß, was mir an ihnen gefallen hat: daß sie alle mit Hingabe musiziert sind, mit großer Geste und echter Innigkeit. Doch hat sich bei mir einfach ein Geschmackswandel vollzogen, und ich mag ihn nicht mehr hören. Ich schätze ihn immer noch, aber er kommt mir einfach zu groß, zu pompös, zu wuchtig daher, mit einer Inbrunst, die ich als fremd empfinde.


    Ob ich Richter höre? Ja, gelegentlich und keinesfalls heimlich. Doch allein bei Bach, was ja sein Kerngebiet ist, höre ich inzwischen lieber andere. Es hat mit HIP und opi zu tun, ich suche nach einem anderen, kleineren, intimeren Ausdruck. Ob er für seine Zeit passend war? Oh ja... *yes* Doch ich merke, daß er mir nicht mehr das geben kann, was ich haben möchte.



    jd :wink:

  • Ich habe seine h-moll-Messe von 1962, beide MPs, die JP von 1964, beide WOs, die Ouvertüren, die Kantaten, die Cembalowerke, den deutschsprachigen Messias, die Musicalischen Exequien von Schütz. Ich habe alles genau angehört und weiß, was mir an ihnen gefallen hat: daß sie alle mit Hingabe musiziert sind, mit großer Geste und echter Innigkeit. Doch hat sich bei mir einfach ein Geschmackswandel vollzogen, und ich mag ihn nicht mehr hören. Ich schätze ihn immer noch, aber er kommt mir einfach zu groß, zu pompös, zu wuchtig daher, mit einer Inbrunst, die ich als fremd empfinde.


    Ob ich Richter höre? Ja, gelegentlich und keinesfalls heimlich. Doch allein bei Bach, was ja sein Kerngebiet ist, höre ich inzwischen lieber andere. Es hat mit HIP und opi zu tun, ich suche nach einem anderen, kleineren, intimeren Ausdruck. Ob er für seine Zeit passend war? Oh ja... *yes* Doch ich merke, daß er mir nicht mehr das geben kann, was ich haben möchte.

    Insgesamt sehe ich das sehr ähnlich wie mein Vorredner. Ich habe nicht ganz so viel von Richter, aber auch eine Menge. Die Matthäus-Passion habe ich durch intensives vielmaliges Hören der Richter-Aufnahme, allerdings derjenigen von 1979, die ich für die gelungenere halte, kennen gelernt. Als ich dann mit der Gardiner-Einspielung Bekanntschaft machte, verblasste Richters Stern für mich nachhaltig, allerdings hielt ich immer noch den Evangelisten Peter Schreier und einige Stellen, insbesondere ab dem Choral "Wenn ich einmal soll scheiden" bis zu dem "Wahrlich wahrlich..." in Richters Einspielung in hohen Ehren. Inzwischen geht mir das Übermaß an Pathos allerdings so auf die Nerven, dass selbst das nicht mehr zieht.
    :wink:

  • Die Matthäus-Passion habe ich durch intensives vielmaliges Hören der Richter-Aufnahme, allerdings derjenigen von 1979, die ich für die gelungenere halte, kennen gelernt.

    Ja, die spätere bevorzuge ich auch. Mit Kieth Engen habe ich so meine Probleme, da ist Fischer-Dieskau einfach überwältigender.


    Bei mir hat Herreweghes Einspielung von 1985 den Wechsel bewirkt, zusammen mit Kuijken 2010. Da gab es plötzlich eine Intimität in der MP, die hatte mich sofort gefangengenommen. Und selbst in der traditionellen Ausrichtung hat Richter bei mir verloren: denn ich kenne nun Klemperers Einspielung von 1962... :cursing: :umfall:



    jd *deibel*

  • hatte er nie ein opi-Orchester unter sich


    Ich denke einmal, dass es sich bei dem RSO Berlin um ein "opi-Orchester" handelt (ich bitte um Nachsicht, aber die Begrifflichkeiten hier in diesem Forum sind mir noch etwas fremd, ich bin ja schließlich neu hier, :D ).


    Jetzt im Ohr (2015)


    Ansonsten ist aber auch vieles von Richter, was dieser mit den Münchner Philharmonikern ("opi-Orchester?) aufgeführt hat, schlicht nicht auf LP oder später auf CD dokumentiert worden.


    Zu Karl Richter - Werk, Wirkung, Aufnahmen, Einordnung, sein Künstlertum - später mehr.

  • Karl Richter mit einer auf CD dokumentierten Live-Rundfunkübertragung des SFB aus 11/1977 mit Bruckner 4 aus dem "Großen Sendesaal" des SFB. Ein Dokument aus dem letzten Lebensjahrzehnt Richters, das u.a. dadurch geprägt war, dass er kontinuierlich sein sinfonisches Repertoire erweitert hat, bevor sich dann sein viel zu früher Tod am 15.02.1981 eingestellt hat. Was hätte man da noch erwarten können? Die Einspielung kann als Beispiel dafür verstanden werden, dass Richter stets bestrebt war eben nicht nur als Bach- oder allenfalls noch als Händelspezialist wahrgenommen zu werden, sondern als musikalischer Universalist. Man vergleiche nur die Programmankündigungen der Abonnement- und Sonderkonzerte der Münchner Philharmoniker ab etwa 1967 (im übrigen das Jahr, in dem Rudolf Kempe, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband, die Leitung dieses Klangkörpers übernommen hat), denen zu entnehmen ist, dass Richter als Gastdirigent auch ein breitgefächertes Repertoire im klassisch-romantischen Bereich bedient hat.



    Spielzeiten: 72:15 - 22:13 - 16:06 - 11:42 - 21:58

  • Ich wertschätze, wie man heute so sagt, Karl Richter außerordentlich. Meine erste Begegnung mit Richter fand über das Medium Fernsehen statt, als die Brandenburgischen Konzerte von Bach übertragen worden sind. In der Folge hab ich mich dann auf die Suche nach Aufnahmen mit Richter sowie Literatur von und über Richter begeben. Wenn Richter sagt:


    Zitat

    die neuzeitlichen Instrumente sind uns durch den Gang der Geschichte auferlegt, und eine nicht durchdachte, nicht durchgefühlte Interpretation wird durch ein Cembalo von Anno dazumal nicht besser,


    so kann man dieser Auffassung sicherlich zwanglos zustimmen; ferner wird diese Lesart auch verständlich, wenn man bedenkt, dass Richter durch eine Schule von Meistern, wie Karl Straube und Günter Ramin gegangen ist, die in der Tradition des 19. Jahrhunderts standen. Insoweit nimmt Richter entwicklungsgeschichtlich m.E. eine überaus bedeutsame Rolle ein, markiert er doch den Übergang zur sogenannten historisierenden Aufführungspraxis.

  • Bis vor Kurzem war mir nicht wirklich bewußt, daß er eigentlich der Anachronismus des Labels Archiv Produktion war - er war der Einzige bei AP, der auf opi und HIP pfeifen und dennoch gut ein Vierteljahrhundert veröffentlichen konnte. Kein Wunder: er war die Cash Cow des Labels...



    jd *lachnith*

    • Offizieller Beitrag

    Naja... ganz so unwidersprochen würde ich für mich den Satz nicht annehmen wollen.
    Vor allem die umgekehrte Implikation sollte man nicht aus dem Auge verlieren: Ein toll durchdachte und durchgefühlte Interpretation wird durch Vibrato und Plastikcembalo ad absurdum geführt; das jedenfalls ist meine (persönliche) Ansicht.
    Tatsächlich habe ich heute Schwierigkeiten, mir Richter anzuhören. Vielleicht als historisches Dokument, doch seine Interpretationen bleiben mir heute fremd.