Orchestersuiten

  • Graupner schrieb zahlreiche Orchestersuiten, ähnlich wie Fasch, Telemann oder auch Bach.


    Fast alle (bisher aufgenommene) Suiten haben prominente Bläserbesetzung, meist Hörner oder Trompeten. Graupners Dienstherren Landgraf Ernst Ludwig von Hessen Darmstadt und sein Nachfolger Ludwig VIII waren passionierte Jäger (daher die häufige Verwendung der Hörner) und legten ebenso großen Wert wie ihre Vettern in Hessen-Kassel auf eine prachtvolle Hofhaltung nach französischem Vorbild.


    Die strahlenden Orchestersuiten geben von dieser aufwendigen Hofhaltung ein tönendes Abbild.




    Orchestersuiten GWV 420 & 421
    Antiche strumenti


    Auf dieser fantastischen CD werden zwei besonders prächtige Orchestersuiten in D-Dur vorgestellt, reich besetzt mit Bläsern und allerlei Schlagwerk. Besonders heraus sticht der Satz "Tombeau" der ersten Suite, der im scharfen Kontrast zur höfischen Pracht scheinbar eine musikalisch Totenprozession beschreibt. Das "Tombeau" war im 17. Jahrhundert oft ein musikalischer Nachruf an besonders verehrte Meister oder befreundete Musiker die verstarben. Bemerkenswert auch deshalb, weil hier in einer Molltonart Trompeten zum Einsatz kommen, was es so in der Regel zu jener Zeit nicht gab.


    Eine der besten CDs mit spätbarocken Orchestersuiten, die mir bisher untergekommen ist! Absolute Kaufempfehlung.


  • Orchestersuiten GWV 450 / 458 / 451
    Finish baroque Orchestra


    Auch diese Orchestersuiten haben wieder Bläserbesetzung, in einer sehr gelungenen Einspielung.


    Orchestersuite GWV 450 in F-Dur
    Diese Suite hat als "Soloinstrumente" das sehr charakteristische Chalumeaux (ein Vorläufer der Klarinette) und als Partner die Viola d'amore.
    Die beiden exotischen Instrumente harmonieren absolut perfekt. Nach der typischen Ouvertüre folgen wieder einige Tanzsätze, die Polonaise hätte Telemann nicht besser geschrieben.



    Orchestersuite GWV 458 in G-Dur
    Hier vereinigen sich Viola d'amore und das Fagott und erzielen nicht minder spannende Momente.
    Die Tänze wirken in dieser Suite ungewöhnlich ländlich.



    Orchestersuite GWV 451
    Das Highlight der Aufnahme - und auch umfangreichstes Werk: Diese Suite ist mit 2 Chalumeaux, Flöte, Viola d'amore und Horn im Concertino besetzt - man weiß gar nicht, wohin man zuerst hinhören soll. Bezaubernde und ungewohnte Klangfarben - erinnert fast schon an die herbe und einmalige Instrumentenkombination aus Bachs 2. Brandenburgischen Konzert.


    Auch hier folgen wieder Tanzsätze der (fantastischen - und wohl außergewöhnlichste) Ouvertüre (ich erwähne dies deshalb, da z.B. bei Fasch oft Charakterstücke oder italienische Tempobezeichnungen auftauchen).


    Man könnte allein über die Overtüre noch Seiten schreiben, allein das Horn, das im letzten Part der Ouvertüre gnadenlos ständig den selben Ton spielt... Die Suite wird von einer grandiosen Chaconne (anhören !!! das Teil ist mittlerweile eines meiner liebsten Musikstücke) abgeschlossen - allein wegen dieser herrlichen Suite lohnt sich der Kauf dieser CD!

  • Guten Tag


    zwei ebenfalls schöne Ouvertüren Graupners sind auf dieser



    CD zu hören. Das Kleine Konzert spielt farbig und strukturiert. Besonders gefällt mir die G-Dur-Overtüre mit ihren Pauken und Hörnern, die an die barocken Jagdleidenschaften erinnert. Die Landgrafen von Hessen veranstalteten gerne große Prunkjagden im hessischen Ried und im Odenwald bei denen ihnen die benachbarten Kurfürsten von der Pfalz gerne Gesellschaft leisteten. Schön auch der Satz Uccellino chiuso, eine bemerkenswerte musikalische Tierschilderung über einen Lockvogel.



    Gruß :wink:


    aus der Kurpfalz


    Bernhard

  • Das Kleine Konzert spielt farbig und strukturiert. Besonders gefällt mir die G-Dur-Overtüre mit ihren Pauken und Hörnern, die an die barocken Jagdleidenschaften erinnert. Die Landgrafen von Hessen veranstalteten gerne große Prunkjagden im hessischen Ried und im Odenwald bei denen ihnen die benachbarten Kurfürsten von der Pfalz gerne Gesellschaft leisteten. Schön auch der Satz Uccellino chiuso, eine bemerkenswerte musikalische Tierschilderung über einen Lockvogel.


    Ich will das nur noch einmal bekräftigen. Auch diese Einspielungen des Kleinen Konzerts, ebenso wie alles, was ich bisher von dieser Formation gehört habe ist ganz vorzüglich. Dabei gelingt es, die melodischen und solistischen Highlights, wie gerade die von Deio genannte Vogelschilderung vorzüglich herauszustellen. Ein melodische Höhepunkt ist für mich der erste Satz der D-Dur-Ouvertüre, mit den ansteigenden Violinenmotiv. Das Ganze gewinnt einen getragenen, durchaus zeremoniellen und prachtvollen Charakter.


    Darüber hinaus ist auf dieser CD auch eine wunderbare Cantate enthalten, fast ein Requiem, die in jeder Hinsicht (mit der Istrumentierung, der Stimmung, der virtuosen Sopranarie und dem Schlusschoral) begeistert.
    :wink:

  • Sind Graupners Suiten so langweilig wie die Bachs?

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Suiten so langweilig wie die Bachs


    *cute* Nicht ganz so langweilig, denn es gibt - vermutlich - mehr davon ("variatio delectat"), wenn sie denn mal eingespielt werden *hide* . Auch scheint Graupner insgesamt kein so schrecklicher Langweiler gewesen zu sein wie der Holdselige. Vermutlich hatte er keine Zeit dazu, da er von morgens bis abends mit Komponieren beschäftigt war. Aber insgesamt sind sie natürlich auch ziemlich langweilig. 8o Für Langweiler also allemal eine Investition wert. *deibel* *salut*

  • Bachs Orchestersuiten sind sicherlich nicht langweilig. Aber ich denke, um ein Verständnis für Orchestersuiten aus der Barockzeit zu entwickeln, muss man wissen, woher diese musikalische Form kommt und wie sie in die höfische Lebenskultur eingebunden war. Gerade Tanzsätze eröffnen erst ihre Schönheit und Faszination, wenn man auch die Choreographie dazu kennt.


    Gerade Orchestersuiten sind der Soundtrack für die höfische Prachtentfaltung:


    Zeremonielle Bankette, Wasserspiele im Park, Ballette, Hofbälle, Feuerwerke... das gehört alles mit in diesen Kontext. Heute fehlt dieser optische Aspekt und wenn man an diese Orchestersuiten den Maßstab der "absoluten Musik" des 19. Jhd. anlegt, dann fürchte ich, dass diese Werke immer verlieren. Barockmusik, egal welcher Art, ist keine reine Konzertmusik - das gab es nie, sie lebt stets von der Inszenierung, die musikalische Opulenz wird immer von einer optischen Opulenz begleitet und im besten Falle inszeniert:


    Wenn Graupners Orchestersuiten am Darmstädter oder Kasseler Hof erklungen, dann im passenden Rahmen, bei rauschenden Fontänen im illuminierten Park mit Feuerwerk, oder in den hell erleuchteten Sälen der Schlösser, und ein barocker Saal im Kerzenschimmer ist schon für sich ein Erlebnis. Gerade aber auch Suiten mit theatralischen Sätzen sind sicher noch zusätzlich inszeniert worden (da die Feuerwerke dieser Zeit stets auch mit einer kurzen Story inszeniert wurden, scheint sich das sehr zu ergänzen).


    Vielleicht sollte man diese Musik stets mit genug Phantasie für den damaligen Kontext hören...

  • Gerade Tanzsätze eröffnen erst ihre Schönheit und Faszination, wenn man auch die Choreographie dazu kennt.


    Das mag schon stimmen, ich bin allerdings bisher auch ohne solche expliziten Vorstellungen ganz gut klar gekommen, das heißt, dass ich Bachs, Graupners, Telemanns Ouvertüren überhaupt nicht langweilig finde, wenn ich nur der Musik folge. Ich höre da eine Musik, die natürlich aus einer vollkommen anderen Haltung als die Konzertsaalsinfonien und Programmmusiken des 19. Jahrhunderts komponiert wurde und doch nimmt diese späte Barockmusik da schon einiges vorweg. Die Musik ist natürlich viel artifizieller, also in vorgegebene Schemata von Tänzen, Rhythmen etc. gefügt, aber gerade dadurch gewinnt sie auch eine besondere Vielgestaltigkeit und den herausrageden Komponisten gelingt es, diese scheinbar wahllos aneinandergereihten Sätze doch als eine Einheit erlebbar zu machen.


    :wink:


  • Siegbert Rampe mit Nova Stravaganza, erschienen 2002


    Die Sinfonien (GWV 538 u. 578) in Verbindung mit den Ouvertüren (GWV 429 u. 439) sowie dem Konzert (GWV 321) geben einen sehr schönen Eindruck eines Komponisten, der am Übergang zwischen Barock und Vorklassik in ganz eigener Weise mit den Ausdrucksmöglichkeiten des neuen Stils experimentiert, sehr fein, subtil, spannungsreich. Die Einspielung ist schwungvoll und klanglich ausgezeichnet.