Oper - Giulio Cesare in Egitto (1676): Einspielungen

  • Endlich mal gehört... *plem*


    opi


    (P) 2005 ORF "Edition Alte Musik" CD 409 (3 Hybrid-SACDs & 1 Bonus-CD) [154:43]
    rec. 25., 26. & 28. August 2004 (Innsbrucker Festwochen) live
    EAN: 9004629313023


    Alexandrina Pendatchanska (Sopran - Giulio Cesare)
    Laura Alonso (Sopran - Cleopatra)
    Dominique Visse (Altus - Tolomeo)
    Andries Cloete (Tenor - Curio)
    Federico Sacchi (Baß - Achilla)
    Amel Brahim-Djelloul (Sopran - Sesto Pompeo)
    Maria Cristina Kiehr (Sopran - Nireno)
    Claire Brua (Sopran - Cornelia)
    Steven Cole (Tenor - Rodisbe)


    "La Cetra" - Barockorchester Basel
    D: Attilio Cremonesi



    Händels berühmteste Oper ist Giulio Cesare in Egitto (1724), aber weiß jemand, wann das Libretto entstanden ist? Zwar hat Nicola Francesco Haym (1678–1729) zeitnah eins für Händel geschrieben, doch es war keine Neudichtung; vielmehr war es die Überarbeitung eines Librettos von Giacomo Francesco Bussani, welches bereits in den 1670er Jahren entstand. Sartorio vertonte es, und die Oper wurde am 17. Dezember 1676 in Venedig uraufgeführt.


    Das Tiroler Landestheater grub sie aus und präsentierte eine Aufführung während der Innsbrucker Festwochen 2004; diese Box enthält die Aufzeichnung davon auf drei SACDs - sogar in DSD-Multichannel. Klanglich hört man eine Bühne mit bemerkenswert naher Mikrophonierung: die Details sind nah und deutlich erfaßbar, das Raumpanorama ist weit gestaffelt, die Abstimmung zwischen Solisten und Orchester ist sauber austariert, die Nebengeräusche beschränken sich zumeist auf die Schritte auf der Bühne und dem Beifall des Publikums. Das ist schon sehr authentisch klingend mit feinem Esprit und dynamischem Kolorit.


    Die Oper ist leider nicht ungekürzt zur Aufführung gebracht worden: von den 70 Arien und Duetten kamen nur 55 auf die Bühne, doch fällt das vielleicht gar nicht so sehr ins Gewicht. Die Arien sind von erstaunlicher Kürze, zum Teil nur eine Minute lang und unterliegen auch nicht der üblichen Dacapo-Form, wie sie Händel verwendete. Hier wechseln sich die Rezitative und Arien recht flott ab, wodurch die Oper nie wirklich in Längen verfällt. Dabei wird die Handlung immer weiter vorangetrieben, und Sartorio nutzt jedes musikalisches Mittel. Die Arien sind stets mit feinen melodischen Ideen umgesetzt, die Rezitative bleiben kurz und knackig - Melismen werden höchstens moderat in den Arien eingesetzt.


    Die Besetzung liest sich fast wie ein Who's Who der Barock-Oper: besonders sticht Dominique Visse mit seinem deutlich erkennbaren Alt heraus, und als Tolomeo hat er öfters Szenenapplaus zu verbuchen; kein Wunder, denn was er da zusammenkräht, ist schwungvoll, lebendig und stets begeisterungswürdig. Federico Sacchi - die einzige Baßstimme in der ganzen Oper - singt mit profunder Tiefe und klarer Diktion; Laura Alonso als Cleopatra hat ein strammes Maß an Wobble in der Stimme, wirkt auch ein bißchen anstrengend auf Dauer; Andries Cloetes Tenor ist sehr angenehm zu hören; Claire Brua als Cornelia klingt auch recht entspannt und abgeklärt, wenn auch ein wenig Vibrato auffällt; Maria Cristina Kiehr als Nireno wird ihrer Klasse gerecht, denn sie wirkt so stabil und klar, wie man es sich nur wünschen kann; und die Pendatchanska in der Titelrolle singt mit würdiger Kraft.


    Für die musikalische Begleitung mußte Cremonesi tief in die Trickkiste greifen: aus der venezianischen Aufführung ist nur noch das gedruckte Libretto vorhanden, und so mußte die Musik aus der Partitur der 1680 erfolgten neapolitanischen Darbietung genommen werden - diese weist aber einige Arien-Überarbeitungen gegenüber dem ursprünglichen Libretto auf, so daß Cremonesi gezwungen war, eine Mischfassung aus beiden zu erstellen; eine Arie mußte er sogar selber neu komponieren, weil die Musik nicht mehr vorhanden war.


    La Cetra spielt sehr farbig und vehement, mit viel Herz und dem Ohr für die richtige Dosierung: insgesamt zwanzig Instrumentalisten sind zu hören, mit Streichern, Harfe, Fagott, Trompete, Theorbe/Laute/Gitarre, Schlagwerk und Cembalo. Was sie an Feuer entfachen, ist einfach herrlich anzuhören, denn manche Arien bekommen durch sie so viel Wucht, daß die Boxen fast zu tanzen beginnen. Besser kann man den Sängern wirklich nicht dienen... :jubel:


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    Die Box ist eine normale Doppel-CD-Hülle, in denen alle vier Scheiben untergebracht sind. Das Booklet ist schmal (28 Seiten) und enthält das Tracklisting, einen kurzen Text zur Oper und der Aufführung, eine Inhaltsangabe und einige Zeilen zu den Interpreten (in Deutsch und Englisch). Immerhin ist auf der Bonus-CD noch ein PDF mit dem kompletten Libretto plus Übersetzungen drauf. Insgesamt wirkt die Ausgabe eher schmucklos als repräsentativ, wenn das Design auch ansprechend ist. - Die Bonus-CD enthält übrigens zwölf Tracks aus dem ORF-Katalog, ein durchaus hörenswerter Sampler mit opi-Aufnahmen von Bach, Händel, Vivaldi, Mozart, Weiss und Strozzi.


    Fazit: die Oper ist sehr stark, die Einspielung nicht minder - hier gibt es wirklich was Neues zu entdecken. Grandios...
    :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel:



    PS
    Das einzige, was wirklich blöd ist: daß ich diese Rezension eigentlich für die Tonne schreibe, denn diese Ausgabe ist nirgendwo mehr aufzutreiben, noch nicht mal mehr gebraucht zum Wucherpreis. Eine Neu-Auflage wäre vonnöten. Eine Affenschande, daß sie nicht verfügbar ist.


    Links:
    La Cetra
    Trailer

  • Die Oper ist leider nicht ungekürzt zur Aufführung gebracht worden: von den 70 Arien und Duetten kamen nur 55 auf die Bühne, doch fällt das vielleicht gar nicht so sehr ins Gewicht. Die Arien sind von erstaunlicher Kürze, zum Teil nur eine Minute lang und unterliegen auch nicht der üblichen Dacapo-Form, wie sie Händel verwendete. Hier wechseln sich die Rezitative und Arien recht flott ab, wodurch die Oper nie wirklich in Längen verfällt. Dabei wird die Handlung immer weiter vorangetrieben, und Sartorio nutzt jedes musikalisches Mittel. Die Arien sind stets mit feinen melodischen Ideen umgesetzt, die Rezitative bleiben kurz und knackig - Melismen werden höchstens moderat in den Arien eingesetzt.

    Ich höre gerade seinen etwa gleichaltrigen Orfeo, was mich an Deiner Charakterisierung etwas Zweifel aufkommen lässt. Ein Vergleich mit Händel zeigt ja nun eher, dass die beiden ca. 50 Jahre voneinander entfernt verschiedene Stadien der Operngeschichte repräsentieren, die Entwicklung von den Anfängen mit einer auf Dramaturgie abzielenden dienenden Musik bei Monteverdi zu einem antidramatischen Wechsel von Rezitativ und langer Arie, die hauptsächlich musikalischen Gesetzmäßigkeiten folgt, ist hier auf halbem Weg zu besichtigen, somit sind die kurzen Arien alles andere als erstaunlich, die Arie emanzipiert sich allmählich. Dass Du keine Dacapo-Formen hörst, wundert nun mich, da im Orfeo sehr viele ABA-Arien sind. Dabei ist das A allerdings nur eine bis zwei Textzeilen lang. Typisch für die späte venezianische Oper ist die verwirrende Fülle von Personen und Nebenhandlungen, die zum Spektakel beitragen, dazu passend die vielen kurzen musikalischen Einheiten, die bei Sartorio ein sehr abwechslungsreiches Ergebnis erzeugen mit einfachen aber auch virtuosen Gesangspartien. Die Melismen dann als "moderat" zu empfinden, scheint mir ebenfalls einen anachronistischen Blick des Rezensenten zu belegen. Wobei ich ja nun leider nur den Orfeo kenne, aber die virtuosen Melismen, die Absonderung der Arien, die ABA-Form und die Fülle der Gestaltungen sind die modernen Aspekte, das sind quasi die frischen Sensationen und nicht das Bekannte, das hier nur "moderat" vorkäme.

  • Einen anachronistischen Blick hatte ich gar nicht vor anzunehmen, denn ich habe einfach den Ablauf der Strukturen kurz umrissen; eine Einordnung in die Opergeschichte wollte ich nicht formulieren. Allerdings habe ich natürlich einen Vergleich zu Händel gezogen, um dem Leser klarzumachen, wie man gut fünfzig Jahre zuvor die Formen bewältigte.


    Daß dieser Stand natürlich der moderne Stand der 1670er Jahre darstellte, ist ein Umstand, den ich tatsächlich nicht erwähnt habe; ich habe wohl zu weit gedacht und vorausgesetzt, daß praktisch jede Oper in ihrer Zeit "modern" war, weil das Publikum immer etwas Neues erwartete. Ansonsten blieb es zuhause (salopp formuliert).