01 - Kurzbiographie

  • Jean Baptiste Lullys Leben ist aufs engste mit dem Leben Louis XIV. verbunden. Seinen Werdegang kann man nur im Kontext mit der Geschichte des Sonnenkönigs nachvollziehen.



    Jean Baptiste Lully, Büste von Antoine Coysevox, Hofbildhauer Louis XIV


    Jean Baptiste Lully, geboren am 28. November 1632 in Florenz; gestorben am 22. März 1687 in Paris



    Die frühen Jahre 1632 bis 1653


    Jean Baptiste Lully, oder wie er damals hieß: Giovanni Battista Lulli, wurde am 28. November 1632 in der Nähe von Florenz als Sohn eines Müllers geboren, andere Quellen sprechen von seinem Vater als einem Putzmacher (Hut-, Handschuh- und Spitzenmacher). Über seine ersten Jahre und eine mögliche musikalische Ausbildung ist nichts bekannt. Sicher ist jedoch, dass der junge Lulli recht schnell in das Gefolge der Anne Marie Louise d’Orléans, genannt die "Grande Mademoiselle" (1627-1693) aufgenommen wurde. Anne Marie Louise d’Orléans hielt sich in Italien im Exil auf, bereitete sich allerdings auf die Rückkehr nach Paris vor.



    Anne Marie Louise d’Orléans, Porträt aus der Schule Pierre Mignards


    So ist die Annahme, dass der Vater ein Putzmacher gewesen war, recht naheliegend, da jene Luxusartikel von dem Hofstaat der „Grande Mademoiselle“ sicherlich regelmäßig gekauft wurden und Lulli wohl als Bote seines Vaters eingesetzt wurde. Als Sohn eines Müllers ist der Kontakt zu jenem elitären Kreis von Adligen eher unwahrscheinlich. Später versuchte Lulli seine Herkunft zu vertuschen, ja sogar die Verwandtschaft mit einem italienischen Adligen, der ebenfalls Lulli hieß, vorzutäuschen. Lulli wurde wohl aufgrund seiner Schlagfertigkeit und seines Esprits in das Gefolge der "Grande Mademoiselle" aufgenommen. Man sagt, er solle recht schnell die französische Sprache erlernt und sich als Dolmetscher betätigt haben. Als der Hof der "Grande Mademoiselle" 1646 nach Paris zurückkehrte, ist er als Kammerdiener „Garçon de Chambre“ und Lehrer für die italienische Sprache bei der Prinzessin weiterhin nachweisbar. Daß er als Küchenjunge am Hofe seine Laufbahn begann, wie oft behauptet wurde, ist eine Legende.


    In dieser Zeit soll er sich auch verstärkt musikalisch betätigt haben, seine ersten musikalischen Unterweisungen erhielt er von einem Franziskaner in seiner Kindheit in Italien. Er wurde Mitglied des Hausorchesters der Prinzessin und knüpfte Kontakte zur Familie des Michel Lambert (1610–1695), der als einer der wichtigsten Komponisten für Vokalmusik in die frz. Musikgeschichte eingehen sollte. Lambert war ebenfalls Musiker am Hofe der Prinzessin, er sollte einige Jahre später Lullys Schwiegervater werden und viele Vokalstücke für die Hofballette beisteuern. Seine kompositorischen Fähigkeiten vertiefte er mit dem Studium bei Robert, Gigault und Métru und es dauerte nicht lange, bis er die Erlaubnis bekam, für den Hof der Prinzessin Musik zu komponieren. Auch betätigte Lully sich als Tänzer und wurde sehr bald ein Meister in dieser Kunst.


    Frankreich und die Fronde 1648 bis 1653



    Der junge Louis XIV. als Jupiter und Bezwinger der Fronde, Gemälde von Charles Poerson


    1653 endete der Bürgerkrieg in Frankreich, die königlichen Truppen unter der Führung des Marschalls Turenne waren siegreich und hatten den „großen Condé“ in die Flucht geschlagen. Der Bürgerkrieg war 1648 ausgebrochen, als sich eine Partei aus hohen Adligen um den Onkel Louis' XIV., Garçon d’Orlèans und den Kardinal Retz versammelten, um den Premierminister Kardinal Mazarin zu verjagen. Die Regentschaft der Anna von Österreich und des italienischen Kardinals war beim Adel wie auch beim Volk verhasst. Mazarin hatte mit seinen pompösen Opernaufführungen [Sacratti „La Finta pazza“ (1645), Cavalli „L’Egisto“ (1646) und Rossi „L’Orfeo“ (1647)] den Zorn noch angeheizt, so dass es bei der Aufführung von Rossis „Orfeo" zum lautstarken Protest der hohen Adligen kam. Zuerst schien es nur ein Säbelrasseln zu sein, aber als Mazarin die Verhaftung der Brüder Condé, Conti und Longueville befahl, eskalierte jedoch die Auseinandersetzung. Die drei hohen Adligen waren königlichen Geblüts, stammten sie doch von Heinrich IV. ab. Der Prinz von Condé, zuerst der Heerführer der Königlichen, schlug sich nun auf die Seite der Fronde und verbündete sich sogar mit den Spaniern. In England brach zur gleichen Zeit ein Bürgerkrieg aus, der allerdings für Charles Stuart weniger glücklich ausgehen sollte. Die Söhne des geköpften englischen Königs, Charles und James, emigrierten nebst ihrer Mutter an den französischen Hof.


    Die Prinzessin von Montpensier war ebenfalls Anhängerin der Fronde; als sie ins Exil geschickt wurde, bedeute dies auch die Entlassung Lullys und die Auflösung des Haushaltes. In Paris ging das kulturelle Leben weiter, zwar wurden die italienischen Musiker verjagt – zumindest wenn sie weiterhin italienische, also „mazarinische Musik“ komponierten. Allergrößtes Aufsehen erregte die Aufführung von Pierre Corneilles „Androméde“ im Jahr 1650 im Palais Bourbon. Man hatte die Kulissen von Luigi Rossis „Orfeo“ wiederverwendet und ebenso auch die Theatermaschinerie. Charles d’Assoucy (1605-1677), Abenteurer, Literat und Komponist, schrieb die Bühnenmusiken, bestehend aus Ouvertüre, Entrées und Chören für Corneilles Stück. 1682 wurde das Stück erneut aufgeführt, allerdings hatte man die nur teilweise erhaltene und veraltete Musik durch neue Kompositionen Charpentiers ersetzt.


    Le Ballet Royal de la Nuit 1654, oder eine Freundschaft mit Folgen


    Louis XIV. liebte wie kaum ein anderer Monarch die schönen Künste und insbesondere die Musik, die er nach besten Kräften förderte. Er selbst spielte Violine, Laute und Cembalo und nach Aussagen der Zeitgenossen besaß er großes musikalisches Talent, das er bei diversen Anlässen auch gerne zeigte. Er war seit seiner Jugend ein begeisterter Tänzer, der wie sein Vater in den Hofballetten auftrat und wie Louis XIII. betätigte sich Louis XIV. auch kompositorisch. In seiner Jugend von seiner Mutter vernachlässigt, trieb er sich mit seinem Bruder und den Kindern der königlichen Dienerschaft im Graben des Louvre herum. Dort lernte er auch Giovanni Battista Lulli kennen. Der König war von Lully begeistert, sie lernten zusammen das Gitarrespielen und probten für die Hofballette.



    Louis XIV. 1653 im Ballet Royal de la Nuit, als aufgehende Sonne


    In den Jahren 1653 und 1654 wurde im Louvre die Feierlichkeiten für den Sieg über die Fronde begangen. Erster Höhepunkt war das allegorische „Ballet Royal de la Nuit“, das am 23. Februar des Jahres 1653 gegeben wurde. Hier trat der König zum ersten Mal als Verkörperung der Sonne auf. Sein Bruder Philippe und die beiden Söhne des toten englischen Königs tanzten Seite an Seite mit dem jungen Monarchen. Das Ballett wird Heute oft fälschlicherweise Lully zugeschrieben, aber als einzigen Komponisten erwähnt die Abschrift Philidors den damaligen Oberhofmeister der Musik, Jean de Cambefort (1605–1661). Belegt ist, dass noch andere Komponisten an dem Ballett beteiligt waren, wie Michel Lambert, Guillaume Dumanoir (1615–1697) der über fast die gesamte Regierungszeit Louis XIV. Leiter der 24 Violons du Roy gewesen war, Jean Baptiste Boesset, der neben Cambefort das höchste musikalische Amt inne hatte und vor allem für die Musikverwaltung zuständig war, Louis de Mollière (1613-1688), der als der wichtigste Komponist für Ballettmusik galt und schließlich Pierre Beauchamps (1631–1705), der Ballettmeister des Königs, der auch eine ganze Reihe von Balletten verfasste. Lullys Mitwirken ist allein als Tänzer nachweisbar. Ob er auch Musik für das Ballet komponierte, ist nicht mehr belegbar. Zumindest ist belegt, dass Louis XIV. Lully am 16. März 1653, also nur wenige Wochen nach dem „Ballet de la Nuit“, zum Compositeur de la Musique Instrumentale ernannte. Der Vorgänger war ein Komponist Namens Lazzarini, also traditionell von einem Italiener besetzt.


    Die politische Botschaft des Balletts war vor allem an die kurz zuvor besiegten Frondeure gerichtet, die nun endlich einsehen mussten, dass Louis XIV. der Souverän ist. Die gesamte Opposition tanzte ebenfalls mit und musste sich im Ballett der Sonne unterwerfen, diese politischen Botschaften waren fester Bestandteil eines jeden Hofballetts.


    Das Schicksal der Frondeure


    Der Prinz von Condé wurde in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Louis XIV. revidierte das Urteil 1659 und vergab seinem Cousin. Kurz danach kehrte er an den Hof zurück und erlangte die Freundschaft und das Vertrauen des Königs zurück. Der "Große Condé" sollte als einer der größten Feldherren des Sonnenkönigs Geschichte machen. Ab 1675 ließ er sich in seinem Landsitz Chantilly nieder und ließ das Schloss zu einer der prächtigsten Residenzen Frankreichs ausbauen. Garçon d’Orlèans wurde nach Schloss Blois geschickt, dort verbrachte er den Rest seines Lebens mehr oder weniger unter Hausarrest. Die Prinzessin von Montpensier kehrte 1657 nach Paris zurück, war aber nach wie vor widerspenstig und ein Skandal bezüglich einer heimlichen Ehe brachten ihr zeitlebens die Verbannung vom Hofe ein.


    Der Prinz von Conti (Bruder Condés), einst der größte Schürzenjäger Frankreichs, begann sich nun in religiöse Wahnvorstellungen und Frömmelei zu flüchten. Zwar hatte er sogar eine Nichte des Kardinals Mazarin geheiratet, was ihm den Unmut seiner Brüder einbrachte, aber dadurch hatte er sich mit dem Hofe aussöhnen können. Er sollte zu einem unangenehmen Gegenspieler Lullys und Molières werden. 1667 schrieb er sein Pamphlet gegen das Theater: „Traité de la comedie et des spectacles“. Ein Jahr später gab man schon wieder eine große italienische Prunkoper „Le nozze di Peleo e di Teti“ von Carlo Caproli (c1615–c1692). Höhepunkt war wieder ein allegorisches Ballett, in dem Louis XIV., sein Bruder Philippe und die beiden Söhne des geköpften englischen Königs Seite an Seite tanzten (die Partitur der Oper ist leider verschollen, das Ballett existiert noch als Abschrift Philidors) .


    Lullys erstes eigenes Ballet, das "Ballet du Temps“, wurde noch im gleichen Jahr (1654) im Louvre gegeben. Schnell folgten weitere Werke, zu denen dann die Komponisten Lambert, Cambefort oder Boësset die vokalen Partien schrieben und der junge König stets als Tänzer auftrat. Es folgten das „Ballet des Plaisirs“ (1655), das "Ballet de Psyche" (1656), das "Ballett La Galanterie du temps" (1656), das "Ballett L’Amour malade" (1657), in dem ein Auftritt des Königs als Bettler überliefert ist, das "Ballet d’Alcidiane et Polexandre" (1658), in dem der König den Hass verkörperte, das "Ballet de la Raillerie" (1659), das "Ballet de la Revente des habits" (1660) , das "Ballet de l’Impatience" und das "Ballet des Saisons" (1661).


    Lullys erste Kompositionen waren noch stark italienisch gefärbt – auch auf Verlangen des Hofes. Seine italienischen Divertissements innerhalb der französischen Hofballette wurden sehr geschätzt – jedoch sind von den frühen italienischen Werken kaum noch Spuren erhalten. Es gibt die Vermutung, dass Lully diese Werke selbst vernichtete, um seine musikalische und italienische Herkunft auszulöschen. Denn die frz. Tänze und Ballettentrées sind zum größten Teil vollständig erhalten. Der rasche Aufstieg und der große Erfolg des jungen Italieners ärgerte und beunruhigte die alten Musiker am Hofe. Auch, dass der König seinem Favoriten ein eigenes Orchester zur Verfügung stellte, die „Petit Bande“, sorgte für großen Unmut.


    In den 50er Jahren des 17. Jahrhunderts wurde der Dichter Isaac de Benserade (c1612-1691) zum wichtigsten Poeten für die Hofballette. Er schrieb nahezu allen Balletten Lullys die Poesie.

  • 1660 - Sonnenaufgang



    Treffen Louis XIV und Philips IV von Spanien auf der Fasaneninsel (1659) kurz vor der Hochzeit, Gemälde von Laumosnier


    Lully komponierte zum Einzug des Brautpaares in Paris sein erstes geistliches Werk, das "Jubilate Deo", das auch "Motet de la Paix" genannt wurde, da man mit dieser Hochzeit den Frieden zwischen Frankreich und Spanien besiegelte. 1660 heirate Louis XIV. die spanische Infantin Marie Theresia. Zu diesem Anlass verfügte Kardinal Jules Mazarin, der immer noch die Regierungsgeschäfte allein führte, die Komposition einer großen italienischen Festoper. Nach dem sensationellen Erfolg von „L’Argia“ (1655) wollte man Pietro Antonio Cesti (1623-1669) für das Projekt gewinnen, doch er lehnte ab. Francesco Cavalli (1602-1676), Monteverdischüler und der damals berühmteste Opernkomponist, nahm jedoch an. Der Impresario und Bühnentechniker Torelli wurde damit beauftragt, im Palais des Tuilleries einen neuen Theatersaal einzurichten. Geplant war ein Theater mit der modernsten Technik und allen nur denkbaren Bühneneffekten. Dazu sollte eine Oper komponiert werden, die diese Maschinerie vollkommen ausreizen sollte in Verbindung mit einem Hofballett.


    Cavalli kam in Paris an und machte sich sofort ans Werk. Die neue Oper zu Ehren des Brautpaars sollte „Ercole amante“ (der verliebte Herkules) heißen. Doch der Theatersaal war nicht rechtzeitig fertig und ein Ende der Bauarbeiten war nicht mal absehbar. Cavalli brach die Arbeiten an „Ercole amante“ vorerst ab, man entschied sich kurzfristig, auf ein älteres, sehr erfolgreiches Werk Cavallis zurückzugreifen, "Xerxes" aus dem Jahr 1654. Das Libretto dieser Oper sollte auch später von Händel vertont werden. Lully wurde beauftragt, einen französischen Prolog, sowie eine Ouverture und Balletteinlagen für die Oper zu schreiben. Die Ouverture gehört zu den ersten Werken, die fortan die Gestalt der barocken Ouverture bestimmen sollte. Nach einem gravitätischem ersten Teil folgt ein schneller, meist fugierter zweiter Teil: das war neu – die älteren Ouvertüren bestanden nur aus diesem ersten Teil. Die erste Ouverture mit dieser neuen Gestaltung war jene zum "Ballet d’Alcidiane et Polexandre" (1659).


    Cavallis "Xerxes" fiel beim Hof durch. Die Oper langweilte das Publikum, wohl auch deswegen, weil die wenigsten die italienische Sprache verstanden. Auch war der Rezitativgesang nicht nach dem Geschmack des französischen Publikums. Umso mehr setzten sich Lullys Ballette von der Oper ab und ernteten den größten Applaus. Erst 1662 - also mit zwei jahren Verspätung - wurde der neue Theatersaal fertig. Louis XIV. bestand darauf, die große Festoper Cavallis aufführen zu lassen – und das, obwohl Mazarin 1661 gestorben war. Die oft geführte Behauptung, dass Louis XIV. die italienische Musik nicht schätze, ist nicht haltbar. Dies widerspricht den historischen Fakten, die italienische Musik war bis zu Beginn der 1670er Jahre stets präsent am Hofe – und auch in Lullys Schaffen gewesen!


    Für "Ercole amante" komponierte Lully festliche Balletteinlagen. Hier trat der König in nicht weniger als 4 verschiedenen Rollen auf: Im ersten Entrée zusammen mit Marie Therese als Verkörperung des Hauses Frankreich, dann als Pluto, Mars und schließlich als Verkörperung der Sonne. Es war der zweite Auftritt Louis' XIV. als aufgehende Sonne, und diesmal war der Hof vollkommen hingerissen. Man skandierte „Vive le Roi-Soleil“. Und der König wählte kurz darauf die Sonne als sein Symbol. Bei dem kurz darauf in den Gärten der Tuillerien stattgefundenem Fest wurde die Sonne offiziell als Symbol des Königs vorgestellt.


    Die Machtergreifung Louis XIV und das große Fest von Vaux-le-Vicomte



    Die Schlossanlage von Vaux-Le-Vicomte


    1661 starb Mazarin, mit der Machtergreifung Louis XIV. wurde auch Lully zum Oberhofmeister der königlichen Musik ernannt. Er ehelichte die schöne Tochter des „französischen Orpheus“ Michel Lambert. Louis gründete - als seine erste Amtshandlung (!) - die königliche Akademie der Musik und des Tanzes. Eine Institution, die in der Folgezeit zu einem öffentlichen Opernbetrieb ausgebaut wurde. Doch die Schatten der älteren Generationen waren noch nicht vollkommen verschwunden. Nicolas Fouquet (1615-1680), der Finanzminister, gewann immer mehr an Einfluss, er ließ in Vaux le Vicomte einen prächtigen Palast in nur 2 Jahren errichten. Louis Le Vau der begabteste Architekt, Charles Lebrun, der zukünftige erste Hofmaler des Königs und André Le Nôtre, der berühmte Gartenbaumeister, schufen einen Palast und eine Gartenanlage die den Besuchen den Atem stocken ließ. Fouquet gab zur Einweihung seines pompösen Anwesens ein Fest für den König und weitere 6000 Gäste. Lully, Lambert und Molière wurde für die Unterhaltung verpflichtet. Vatel, der Meisterkoch und Maitre de plaisir, war für die Ausrichtung des Festes und der Speisen verantwortlich. Er fand später eine Anstellung am Hof des Großen Condé, doch nach einem verschwenderischen Fest tötete er sich selbst, weil er glaubte, vor dem König versagt zu haben. Das Fest in Vaux war ein Ereignis das bis dahin keine Entsprechung fand. Diamanten und andere Schätze wurde bei Lotterien und anderen Spielen verteilt.


    Molière, der mittlerweile auch am Hofe gastierte, schrieb die Komödie „Les Fâcheux“. Doch war vieles zu kurzfristig geplant und so hatte Molière nicht genügend Schauspieler. Um die Zeit zu überbrücken, damit sich seine Truppe umziehen konnte, ließ man Tänzer auftreten. Man versuchte die Balletteinlagen sogar mit der Handlung zu verknüpfen. Pierre Beauchamps schrieb die Bühnenmusiken, von Lully entlieh man sich eine Courante. Diese Notlosung wurde zu einem triumphalen Erfolg. Doch der König, der diese ganze Pracht und Herrlichkeit sah, war grün vor Neid. Als er dann noch Fouqets Schlafzimmer begutachtete, an dessen Decke Apollo über den Schlaf des Ministers wachen sollte, wurde er ungehalten. Anna von Österreich, seine Mutter konnte ihn zurückhalten, sonst hätte Louis XIV. das Fest augenblicklich verlassen. Dann ging Fouquet entgültig zu weit, er fing eine Tändelei mit der Favoritin des Königs an, Louise de la Valière. Er versuchte sie sogar zu bestechen, um an intime Informationen heranzukommen.


    Gerüchten zufolge soll sich in der Nacht des Festes auch noch eine Verschwörung zugetragen haben, indem man Louis XIV. gegen einen Doppelgänger austauschen wollte, doch dies wurde durch den mutigen D’Artagnan, den Befehlshaber der Leibwache, vereitelt. Ob an der Geschichte etwas wahres ist, kann man nicht mit Bestimmtheit sagen, doch kurz nach dem Fest wurde Fouquet und ein weiterer Mann, dessen Gesicht man mit einer Samtmaske verhüllte, festgenommen und in eine entlegene Festung gebracht. Seltsamerweise wurde Fouquet nur von der üblichen Wache eskortiert, während der Unbekannte eine Armee von 700 Mann als „Schutz“ bekam. Der Prozess gegen Fouquet zog sich Monate hin, Louis XIV. konnte seinen Anspruch auf absolute Macht gegenüber den Gerichten und dem Parlament nicht durchsetzen. Erst durch entsprechende Beweise und Abrechnungen, die Colbert beschaffte, wurde Fouqet verurteilt. Colbert hatte das Vertrauen des Königs gewinnen können und stieg zum neuen Finanzminister auf. Er sollte die Festung Pignerol nie wieder verlassen.


    Die Künstler, die für das Fest von Vaux verantwortlich waren, wurden alle von Louis XIV. übernommen. Das Schloss wurde regelrecht geplündert, das Mobiliar wurde konfisziert, ebenso die Gemälde, Wandbehänge – bis hin zu den Sänften, Bänken und Orangenbäumen. Der König residierte in alten Schlössern, die zum Teil eher mittelalterlich anmuteten. Der Louvre war ein Renaissanceschloss, dessen Hauptgebäude noch immer eine alte Burg war. Vincennes wurde von einem normannischen Donjon dominiert. Fontainebleau war ein Sammelsurium verschiedenster Baustile, ohne wirklich repräsentativ zu sein, trotz der Größe und Weitläufigkeit. Chambord war sicherlich das schönste Schloss Frankreichs, doch viel zu weit weg, um als Regierungssitz genutzt werden zu können. Zudem war Louis XIV. von dem modernen Bau in Vaux le Vicomte sehr beeindruckt und er fasste den Entschluss, aus dem Jagdschloss seines Vaters bei Versailles einen ähnlichen Palast zu machen. Colbert war natürlich darüber ganz und gar nicht erfreut, er hielt es für besser im Louvre, d.h. in Paris zu bleiben. Man hatte bereits begonnen, den Louvre zu modernisieren.


    1668 fand der berühmte Wettbewerb statt für eine Umgestaltung des alten Stadtschlosses. Die Burg sollte abgerissen und durch einen modernen Komplex ersetzt werden. Bernini, der berühmte Bildhauer, beteiligte sich ebenfalls an dem Wettbewerb, doch dem König gefielen seine Entwürfe nicht, die natürlich sehr italienisch waren. Perrault siegte schließlich und sein Entwurf wurde umgesetzt. Die elegante Fassade ziert heute noch die Ostseite des Palastes und ist ein Paradebeispiel für den französischen Barockklassizismus.


    Louis XIV. wollte unter allen Umständen in Malerei, Poesie, Architektur und Musik einen eigenen französischen Kunststil prägen.

  • 1664 – 1671 Versailles und die Divertissements Royales



    Versailles um 1668, Gemälde von Martin


    1664 war es dann endlich soweit, in Versailles waren die ersten Arbeiten abgeschlossen. Hauptsächlich wurde der Park vergrößert und mit den schönsten Anlagen ausgestattet, die Le Nôtre sich ausdachte. Das Chateau selbst war vorerst nur geringfügig vergrößert worden. In erster Linie wurden die Appartements ausgestattet und weiterer Wohnraum für Personal und Hof geschaffen. Jetzt wurde das erste große Fest des Königs gegeben:


    „Les plaisirs de l’Isle enchantée“ – Die Freuden der verzauberten Insel.


    Ein Ereignis, das in die Geschichte eingehen sollte. Neben Lully und Molière waren auch alle übrigen Künstler an dem Fest beteiligt, Beauchamps für das Ballett, Lambert für den Gesang, Berain für die Kostüme, Benserade für die Poesie, Le Brun für die Dekorationen. Am Mittwoch den, 7. Mai 1664 wurde das Fest mit einem prächtigen Carrousel eröffnet. Carrousel bedeute damals Reiterspiele. Diese Reiterspiele waren aus dem ritterlichen Tunieren übrig geblieben, man ritt nun nicht mehr mit Lanzen in den Kampf, sondern übte sich im Ringelstechen. Dazu trug man prächtige Kostüme. Auch die Damen durften an diesem Ringelstechen teilnehmen, man zog sie in kleinen Kutschen, damit sie von dort aus mit den Lanzen die Trophäen erstechen konnten. Später ersetze man dann die echten Pferde durch Attrappen, auf denen man dann bequem Platz nehmen konnte. Diese Konstruktion diente ursprünglich als Trainingsgerät für Reiter und Ritter. Diese Attrappen wurden über Holzkreuz und einer speziellen Mechanik im Kreis gedreht. So entstand Jahrzehnte später und nach dem rein höfischen Vergnügen, das Karussell der Jahrmärkte.


    Bei diesem Fest war das Carrousel jedoch schon fast ein richtiges Pferdeballet, das von Trompeten und Pauken begleitet wurde. Die Musik Lullys ist allerdings nicht erhalten. Der erste Tag des Festes stand ganz im Zeichen dieses Reiterspektakels. Am Abend wurde das „Ballet des Saisons“ von Lully (das Ballet der Jahreszeiten) auf dem großen Vorplatz des Schlosses aufgeführt. Und dieses Ballett machte den gewünschten Eindruck, denn man hatte hierfür extra wilde, exotische Tiere beschafft. Jede Jahreszeit wurde von einem bekannten Schauspieler aus Molières Truppe angeführt – reitend auf einem dieser Tiere:


    - Der Frühling, die Marquise du Parc auf einem Pferd
    - Der Sommer, René du Parc auf einem Elefant (welch anderes Tier hätte den „dicken René“ sonst tragen können? Man sparte also auch nicht mit Selbstironie)
    - Der Herbst, Monsier la Thorillière auf einem Kamel
    - Der Winter, Mademoiselle de Brie auf einem Bären


    Des Weiteren wurden noch Giraffen, Zebras, Strauße und viele andere Tiere in diesem Ballett vorgeführt. Viele von diesen Tieren sah das Publikum zum ersten Male. Der Höhepunkt war jedoch der Einzug Apollos: ein gigantischer Festwagen wurde auf den Platz gezogen, auf dem der Gott thronte. Dann traten Tänzer auf, die als Büffet-Tische Kostümiert waren. Die Speisen auf ihren Tabletten waren jedoch echt und wurden dem begeisterten Publikum überreicht. Gleichzeitig wurde ein Bankett-Tisch wie aus dem Nichts aufgebaut und die Hofgesellschaft nahm Platz. Der Tag endete mit diesem prächtigen Bankett und Feuerwerk.


    Am Donnerstag den 8. Mai wurde die Ballettkomödie „La Princesse d’Elide“ gegeben. Ein Gemeinschaftswerk von Lully und Molière, das der König speziell zu diesem Anlass bestellt hatte.



    Aufführung der Princesse d'Elide in den Gärten von Versailles


    Am Freitag, den 9. Mai erreichte das Fest seinen Höhepunkt mit dem Divertissement „Le Palais d’Alcine“, einem Ballett von Lully, obwohl es sich korrekterweise mehr um begleitende Musik handelt. Auf dem Kanal von Versailles war eine künstliche Insel errichtet worden und darauf der Staffagebau eines Zauberschlosses. Die Personen des Hofes spielten nun die Geschichte um Alcina und ihr Zauberreich nach, eben jene so beliebte Episode aus Ariostes Orlando Furioso. Der Höhepunkt war die gemeinsame Erstürmung des Palastes und dessen Zerstörung mit einem gewaltigen Feuerwerk.



    Der Palast der Alcina, auf dem Kanal von Versailles


    Am Samstag, den 10. Mai gab es erneut Ritterspiele, sowie ein Bankett und Konzerte. Am Sonntag besuchte der gesamte Hof die neue Menagerie im Park von Versailles, um die einige Tage zuvor vorgeführten Tiere nochmals zu zeigen. Auf dem Gelände wurde die Ballettkomödie „Les Fâcheux“ gegeben, die dem Hof und dem König während des Festes von Vaux-Le-Vicomte so gut gefallen hatte. Am sechsten Tag, Montag den 12. Mai, gab es wieder Reiterspiele, zusätzlich noch eine Lotterie. Der Höhepunkt war jedoch die Uraufführung von Molières „Tartuffe“ im Marmorhof des Schlosses. Das ganze hatte geteilte Resonanz erhalten, während sich der König köstlich amüsierte, empfanden viele das Stück als Beleidigung ihrer religiösen Gefühle. Mit der Verhöhnung der Frömmler machte sich Molière den Prinzen von Conti zum Feind. Seine Partei bewirkte schließlich, dass Louis XIV. das Stück verbot, auch aus Angst eventuell eine zweite „Fronde“ heraufzubeschwören.


    Am siebenten Tag gab es wieder die beliebten Reiterspiele, den Abschluss der Festlichkeiten bildete eine weitere Ballettkomödie die einige Monate zuvor im Louvre gegeben worden war: "Le Marriage Force", die erzwungene Heirat. Und natürlich gab es auch hier wieder Bankett und Feuerwerk. Mit diesem Fest wurde der französische Hof zum kulturellen Nabel Europas. Jeder Hof in Europa war beeindruckt und versuchte, das irgendwie zu kopieren. In den folgenden Jahren entstanden weitere Ballettkomödien, allerdings gab es nie wieder so ein gigantisches Fest, wie die Freuden der verzauberten Inseln von 1664.


    Vier Jahres später, 1668 wurde das Grand Divertissement de Versailles gegeben. Mit der Ballettkomödie „George Dandin“. Dieses Fest gab Louis zu Ehren seiner neuen Favoritin Francoise Athenais Marquise de Montespan. Die herrische Kreatur, die in jeder Hinsicht unersättlich war, sollte dem König 8 Kinder schenken. Neben Lullys und Molières Komödie waren weitere Höhepunkte die Einweihung der neuen Grotte neben dem Schloss. Dazu schrieb Lully „La Grotte de Versailles“, ein kleines allegorisches Divertissement.


    1670 gipfelte die Zusammenarbeit Lullys und Molières in den beiden Werken „Le Grand Divertissement Royale – Les amants magnifiques“ und „Le Bourgeois Gentilhomme“. In „Les amants magnifiques“ , aufgeführt am 4. Februar 1670, tanzte Louis zum letzten Mal als Apollo öffentlich vor dem Hof. Er spürte, dass er gegen die professionellen Tänzer ins Hintertreffen geriet und die Choreographie seines Entrée war so kompliziert „das er darüber ganz krank wurde“. Des weiteren verlas er einen Text, indem es hieß, „Nero stellte sich seinem Volk als Schauspiel dar“. Louis XIV. gab seine Rolle schon bei der zweiten Aufführung an den Marquis de Villeroy weiter. Damit waren auch entgültig die Ballets de Cour gestorben. Allergrößten Erfolg hatte das „Menuett pour les Faunes et Dryades“, es wurde nicht nur zu einer der populärsten Melodien Lullys, sondern begründete mit seiner neuen Choreographie den Menuett Boom am französischen Hofe.


    1669 wurde mit dem „Ballet Royal de Flore“ auch das letzte große Hofballett gegeben, auch hier tanzte Louis XIV. die Rolle der Sonne. "Le Bourgeois Gentilhomme" wurde am 14. Oktober in Chambord uraufgeführt. Louis XIV. hatte das Stück in Auftrag gegeben, um den türkischen Botschafter im Nachhinein lächerlich zu machen. Dieser hatte sich am Hof, im Sommer des Jahres 1669 aufgeführt wie ein Barbar. Letztlich stellte sich auch noch heraus, dass man es mit einem Hochstapler zu tun hatte. Dieses Werk wurde zu einem der populärsten Werke Lullys überhaupt. Darüber hinaus machte man sich über den Großbürger lustig, der versuchte trotz seines mangelnden Verständnisses für Kunst es dem Adel gleich zu tun. Hier wird auch vom Tanzmeister das Menuett aus „Les amants magnifiques“ geträllert, um Monsieur Jourdain das Tanzen beizubringen – selbstverständlich ohne jeglichen Erfolg. Für die große Türkenszene, in der Monsieur Jourdain zum türkischen Adligen durch Prügel gemacht wurde, wandte man sich an den Chevalier d’Arvieux, der über 15 Jahre lang in Konstantinopel verbracht hatte und dort sowohl die türkische Sprache, als auch die Sprache die Seefahrer des Mittelmeeres, die „Lingua Franca“ beherrschte. Für die große Türkenposse am Ende der Komödie entstand so ein lustiges Kauderwelsch.


    In „Les amants magnifiques“ war jedoch schon ein anderer Ansatz deutlich zu hören, immer größeren Raum nahm die Musik ein. Im Grunde kündigt schon fast jede Szene die Oper an, so nimmt das herrliche Trio „domez beux yeux“ die berühmte Traumszene aus Atys vorweg. Doch nach diesen Werken und dem Wegfall des Hofballettes musste eine neue repräsentatives Bühnenspektakel gefunden werden. So beliebt die Ballettkomödien waren – als Träger für den königlichen Ruhm waren sie absolut ungeeignet.


    1671 regte Louis XIV. an, eine Art der Tragödien wie Corneilles „Andromede“ zu verfassen, allerdings mit größerem Raum für Musik und Ballett. Außerdem sollte der große Maschinensaal der damals für Cavallis „Ercole amante“ erbaut worden war, endlich genutzt werden. Das Thema war schnell gefunden, „Psyché“ sollte es sein. Lully stand als Komponist fest, als Librettisten kamen jedoch gleich mehrere Poeten in Frage, und so veranstalte Louis XIV. einen kleinen Wettberwerb. Thomas Corneille, der Bruder des berühmten Pierre Corneille, Philippe Quinault und Molière schrieben Entwürfe und einzelnen Passagen. Molière trug den Sieg davon, doch erwies er sich als fairer Sieger und überließ den anderen beiden Dichtern große Teile des Werkes. Am 17. Januar wurde das Werk im Salle des Maschines im Tuillerien Palast gegeben. Das neue Werk beschrieb Molière als eine Art Oper. Psyché wurde gegeben. Ein Stück das über 5 Stunden dauern sollte. Obwohl es so lang war, übertraf der Erfolg alle Erwartungen. Insgesamt waren 8 Bühnenbilder notwendig, (man verwendete sogar alte Dekors aus der Cavalli Oper „Ercole amante“) ein enormer technischer Aufwand für die verschiedenen Verwandlungen. Es traten alle Götter des Olymp auf und Lully verwendete alle möglichen musikalischen Mittel.

  • Es hatte bereits schon vorher Bestrebungen in Richtung Oper gegeben, jedoch nur mit eher singulärem Erfolg, vor allem die 1659 aufgeführte Oper „Issy“ (Musik verloren) von Robert Cambert. Cambert war Schüler des berühmten Jacques Champion de Chambonnières, außerdem war er zusammen mit Sebstien Le Camus Musikmeister der Anna von Österreich gewesen, der Mutter des Sonnenkönigs. Diesen Titel trug er auch nach ihrem Tode weiter. Cambert und Chambonnières verband die Feindschaft zu Lully. Und Cambert betonte immer wieder, dass das frz. Rezitativ - also die frz. Oper - sein geistiges Eigentum sei. Eine beachtliche Behauptung für eine Zeit, in der man es mit dem Copyright nicht so genau nahm. Cambert hatte mit seinen Bühnenwerken beachtliche Erfolge, konnte auch vor dem König spielen. Leider sind die meisten Partituren verschollen. Erschwerend kam hinzu, dass der Librettist Pierre Perin nicht mit Geld umgehen konnte und so das Opernunternehmen von einer finanziellen Krise in die nächste steuerte. Die Liste der Gläubiger war schier endlos.


    Nach dem großen Erfolg von Pomone geriet das Opernunternehmen in eine aussichtslose finanzielle Lage. Pierre Perin wurde inhaftiert. Louis XIV. und Lully sahen in den Erfolgen Camberts und Perins eine Möglichkeit für ein neues Genre. Im Auftrag des Königs und mit unbegrenzten Mitteln durch Colbert ausgestattet, ging Lully zu Perrin ins Gefängnis. Das Angebot: Freilassung, und Übernahme aller Schulden gegen das Opernprivileg. Perrin zögerte nicht lange und unterzeichnete den Vertrag. Cambert wurde entlassen, das Unternehmen aufgelöst. Noch im gleichen Jahr gründete Lully die „Academie Royale de Musique“ als königliche Operninstitution: Nun musste ein neues Werk her, mit dem die „Academie Royal“ ihren neuen Chef gebührend feiern konnte. Lully schuf in Windeseile eine Pastorale: „Les Fêtes de l’amour et de Bacchus“, es war zum größten Teil ein Pasticcio, d.h. Lully verwendete einige Passagen aus den älteren Comedies Ballets wieder, so z.B. die Traumszene aus „Les amants magnifiques“, die Chaconne der Magier aus der Pastorale Comique und den Schlusschor aus "George Dandin". Das Werk wurde ein Dauerbrenner im Theater und machte die Werke Camberts schnell vergessen. Cambert, der nun arbeitslos war, schrieb schließlich einen Bittbrief an den Herzog von Orlèans, um dort eine Anstellung zu erhalten. Dies wurde auch in Betracht gezogen, aber letztlich kam es nicht dazu. Schließlich schrieb er sogar an Lully, um wenigstens als Orchestermusiker in der Academie Royale arbeiten zu dürfen. Auch darauf gab es keine Antwort.


    1673 verließ er Frankreich mit weiteren Musikern in Richtung England. In London gründete er mit dem Wohlwollen Charles II. die „Royal Academy of Music“ - ein neues Opernunternehmen. Hier wurde als Eröffnung „Arianne, or the marriage of Bacchus“ gegeben, auch hier ist die Musik verloren. Louis Grabu, ebenfalls ein französischer Musiker am Hofe, hatte sich zusehends unbeliebt gemacht und zog die übrigen französischen Musiker mit in die königliche Ungnade. Von da an verliert sich die Spur Camberts, erst 1677 wird er wieder erwähnt, als er in London ermordet wurde.


    Während Lully sich um den Aufbau der Academie Royal kümmerte, zerstritt er sich mit Molière. Er sah es nicht mehr ein, nur noch Musikeinlagen für Molière zu schreiben, jetzt, da er doch Opern schreiben konnte. Zu der Wiederaufnahme von „Le Mariage Force“ verweigerte Lully seine Zusammenarbeit und verbot die Benutzung seiner Musik. Molière wandte sich den begabten Charpentier, der die Musik zu diesem Werk neu schrieb. Auch zu Molières neuesten Werk „Le Malade imaginaire“ – der Eingebildete Kranke - verfasste er die Musik. Doch 1673 war Molière schon schwer von Krankheit gezeichnet, er überstand nur wenige Aufführungen. Er starb im Kostüm der Hauptfigur. Zusätlich war es jedem Theater untersagt, Musik Lullys ohne seine persönliche Genehmigung zu spielen, des weiteren durften nicht mehr als 3 Instrumente verwendet werden, für jedes weitere musste erst eine Erlaubnis eingeholt werden.



    Jean Baptiste Poquelin, genannt Molière, Gemälde um 1658 - Moliére als Cäsar


    Lullys letzte Ballettkomödie „Le Ballet des Ballets“, die zur Hochzeit Philippes, dem Bruder des Königs , gegeben werden sollte, war auch nur noch ein Pasticcio aus älteren Werken, die mit Molière entstanden waren.


  • Jean Baptiste Lully, um 1680, Gemälde von Nicolas Mignard


    Lully brachte 1673, im Todesjahr Molières, seine erste Tragédie Lyrique „Cadmus et Hermione“ auf die Bühne. Der Erfolg übertraf die schon enormen Erfolge der vorherigen Jahre. Lully vermochte es, zusammen mit seinem neuen Librettisten Philippe Quinault, das Publikum für den reinen Gesang zu begeistern. Quinault verfasste seine Libretti in der Art der klassischen französischen Tragödien, also wurde nur französisch und in Reimen gesungen, dies verlangt eine spezielle Deklamation des Textes. Denn im Gegensatz zur italienischen Oper wurden die Sujets fast ausschließlich nur der Mythologie entlehnt, ähnlich wie beim Ballett. Die Italienier bevorzugten die Geschichten aus der klassischen römischen oder griechischen Antike. Die Tragödie wurde in 5 Akte unterteilt. Ein Prolog, der den Ruhm Louis XIV. besingt, wurde der Oper vorrangestellt und war obligatorisch. Dieser Prolog war aber keinesfalls eine platte Lobhudelei, sondern eine geschickte Einstimmung auf die Geschichte und die Musik selbst. Denn hier verzichtete man auf längere Rezitative und setzte stattdessen auf Chöre und Ballett, um das Publikum direkt zu fesseln.


    Jeder der nachfolgenden Akte verfügt über ein weiteres sogenanntes Divertissement, also große Ballett- und Choreinlagen. Obligatorisch wurde im Lauf der Zeit die große „Chaconne“ bzw. „Passacaille“ gegen Schluss der Oper, ab "Le Triomphe de l'Amour" (1681) wird die Chaconne / bzw. Passacaille in jedem großen Werk auftauchen. Die Ouvertüre sowie die verschiedenen Instrumentalstücke und Tänze fanden recht schnell Verbreitung im übrigen Europa. Auf diese Orchesterwerke Lullys bauten die heute bekannteren Barockkomponisten wie Händel, Bach und Telemann ihre Werke auf, wie z.B. die Wassermusik oder die 4 Orchestersuiten. Lully entwickelte die Vorgaben Camberts weiter, dem Ballett räumte er großen Raum in seinen Opern ein, was den Erfolg beim Publikum sicherte.


    "Cadmus et Hermione" begeisterte aufgrund der prächtigen Musik, der kurzweiligen Handlung und der spektakulären Bühneneffekte. Auch vermied es Lully, eine Oper zu schreiben, die der monumentalen Länge einer Cavalli Oper gleich kam. "Cadmus et Hermione" dauerte so nur etwa die Hälfte. Der große Erfolg des Werkes animierte Lully zu den nächsten Werken. Es folgte 1674 „Alceste, ou le Triomphe d’Alcide“ - im Marmorhof von Versailles mit großem Erfolg uraufgeführt. Die Premiere in Paris war allerdings weniger erfolgreich.
    Lully spielte mit dem Gedanken einen anderen Librettisten zu wählen.
    Jean de la Fontaine bot ihm sein Libretto zu "Daphne" an, das Lully jedoch brüsk zurückschickte, es war ihm nicht heroisch genug, und so entstand nicht eine Note für das Werk.



    Uraufführung der Alceste im Marmorhof zu Versailles


    "Alceste" wurde als Auftakt und im Rahmen des letzten großen Festes – diesmal zu Ehren von Françoise D’Aubigne Madame Scarron, spätere Marquise de Maintenon gegeben. Dieses Fest dauerte 6 Tage und es wurde neben "Alceste" von Lully auch Moliéres „Le malade imaginaire“ mit der Bühnenmusik Charpentiers gegeben. Ebenso konnte man eine Wiederaufnahme von „Les Fêtes de l’amour et de Bacchus“ sowie dem Divertissement „La Grotte de Versailles“ im Park von versailles erleben. Ein weiterer Höhepunkt der Festlichkeiten war die Uraufführung von Racines „Iphigenie“ und dem darauffolgendem musikalisch untermalten gewaltigen Feuerwerk. Der letzte Tag gipfelte in einer gewaltigen Illumination des gesamten Parks und der Boskette von Versailles.


    "Alceste" war ein großangelegtes Barockspektakel. Lully fuhr alles an Musikern auf, was am Hofe zu finden war, eine Quelle berichtet davon, dass für eine Szene mehr als 30 Lautenisten zu hören waren.


    1675 folgte "Thésée", hier übertraf Lully die Pracht der "Alceste" bei weitem. Der Prolog und der ganze erste Akt sind eine Orgie von Chor, Pauken und Trompeten. Als Bühnenbild für den Prolog wurden die Gärten von Versailles gezeigt. 1676 gab man in St. Germain en Laye die neue Oper „Atys“, die zur Lieblingsoper des Königs wurde. In "Atys" versuchte sich Lully an einem neunen Orchesterklang, dunkel und rau sollte er klingen. Dies hing auch mit den neuen Instrumenten zusammen, die man im Auftrag Lullys in den königlichen Werkstätten fertigte: der Barockoboe und der Traversflöte. 1677 musste Lully mit „Isis“ den ersten Misserfolg verbuchen. Zum einen war dem Publikum die neuartige Musik ungewohnt. Lully spielte mit Lautmalereien und witzigen musikalischen Mitteln, wie der Szene der Friererenden. Die Oper bekam den Spitznamen „L’Opera des musiciens“ , damit spöttelte man, dass die Musik von Musikern goutiert werden würde.



    Philippe Quinault, Gemälde um 1670


    Ein viel größeres Problem war jedoch das Librettos Quinaults. Man zog eine Parallele zwischen Jupiter und seinen Liebschaften und Louis XIV. Quinault fiel in Ungnade. Lully musste nun einen neuen Librettisten finden. Doch zunächst war er mit niemanden zufrieden. So entschloss er sich, den phänomenalen Erfolg von "Psyché" aus dem Jahr 1671 noch einmal aufzukochen. 1678 stellte er die Tragèdie Lyrique „Psyché“ dem Publikum vor. Er hatte die Handlung des Balletts zusammengekürzt, seine gesamte Musik übernommen, noch einige weitere Szenen hinzukomponiert und die wichtigen Dialoge als Rezitative vertont. Der Erfolg stellte sich wie erhofft ein.


    1679 schrieb er „Bellérophon“. Das Libretto verfasste Thomas Corneille. "Bellerophon" geriet zum Überraschungserfolg, zwar wurde das Libretto kritisiert, doch der König war von dem neuen Werk begeistert. Mittlerweile ersuchten jedoch Lully und Quinault beim König Vergebung für „Isis“. Der König wünschte, künftig solche unangenehmen Anspielungen auf der Bühne nicht mehr erleben zu müssen. 1680 gab man „Proserpine“, Quinault wieder als Librettist. Ein weiterer Erfolg, die zukünftige Zusammenarbeit bestätigen sollte.


    Doch für das nächste Jahr bestellte Louis XIV. bei Lully ein Hofballett in Opernlänge. Lully war einigermaßen erstaunt, aber der König wünschte eine Hommage an die alten Hofballette und hier sollten seine Kinder in den wichtigsten Rollen tanzen. Die Ehe zwischen seinem Sohn - dem Grand Dauphin - und Marie-Anne von Bayern war der offizielle Anlass. 1681 gab man dann „Le Triomphe de l’Amour“. Dieses Werk wurde sehr schnell zu einem der populärsten Werke Lullys. Das Libretto wurde zwar offiziell von Quinault geschrieben, jedoch unter der Aufsicht des alten Isaac de Benserade, der stets die Poesie für die Hofballette verfasst hatte. Man könnte in diesem Werk durchaus den Grundstein für das Opera Ballet, das vor allem im 18. Jahrhundert so populär war, sehen. Das Ballett unterschied sich deutlich von den alten Hofballetten, die rezitierte Poesie verschwand zugunsten der gesungenen Rezitative.



    Louis XIV, Gemälde um 1684


    1682 entschied Louis XIV., dass er fortan in Versailles Hof halten will. Dies bedeute die Verlegung des Regierungszentrum von Paris nach Versailles. Die Bauarbeiten am Louvre wurden entgültig eingestellt. Für diesen Anlass schrieben Lully und Quinault „Persée“, eines der erfolgreichsten Werke. Hier formulieren beide Künstler den zukünftigen klassizistischen Musikstil. Dieses Werk wurde ebenfalls zur Einweihung des Opernsaals in Versailles verwendet mit dem man die Hochzeit des zukünftigen Louis XVI. und Marie Antoinette im Jahre 1770 feierte. Lullys Musik war auch noch hundert Jahre später am französischen Hof aktuell, während man im übrigen Europa schon Symphonien hörte.


    1683 gab man in Paris „Phaeton“: die Aufführung wurde abrupt unterbrochen, als Maria Theresia, die Königin von Frankreich starb. 1684 folgte „Amadis. Lully und Quinault wandten sich von der Mythologie ab und besangen nun die Heldentaten französischen Ritter. Der Hintergrund war das neu erwachte nationale Selbstbewusstsein, das vor allem auch mit der Aufhebung des Ediktes von Nantes einherging. Dieses Edikt, einst von Heinrich IV. erlassen, garantierte den Protestanten Glaubensfreiheit. Mit der Aufhebung des Ediktes wurde Louis XIV. in ganz Frankreich gefeiert, und vortan nannte man in „Louis Le Grand“


    Mit den christlichen Ritterepen waren Lully und Quinault also auf der Höhe der Zeit. Ein Jahr später folgte „Roland“ und 1686 „Armide“. Diese Opern gehören gewissermaßen zusammen, da sie zum einen alle dem Epos des Orlando Furioso entnommen sind und den Sieg des Christentums über die Heiden verherrlichen und den Verzicht auf Liebe zugunsten des Ruhmes propagieren. "Amadis " wird zum größten Erfolg in Lullys Leben. Die Oper wird fortan mindestens einmal jedes Jahr für Louis XIV. gespielt. Und dies bis zum Lebensende des Sonnenkönigs.

  • Jedoch fällt Lully 1685 beim König in Ungnade. Louis hatte ihn sein ganzes Leben mit Ehrungen und Geld überschüttet. Zuletzt wurde Lully zum persönlichen Sekretär des Königs erhoben. Er bot ihm auch den Adelsstand an, jedoch wollte Lully lieber am königlichen Rat teilnehmen. Dem Marquis von Louvois, Kriegsminister, war diese Entscheidung des Königs völlig zuwider. Er sprach Lully nun als „werter Kollege“ mit entsprechendem Unterton an.


    Doch Lully ging einem außerordentlichen ausschweifendem Lebensstil nach. Seine Bisexualität verheimlichte er nun nicht mehr. Obwohl er die schöne Tochter von Michel Lambert heiratete (im gleichen Jahr, in dem auch der König die Ehe einging) und zwei Söhne und einige Töchter hatte (Louis XIV. war bei beiden Söhnen der Pate) verging er sich an den noch minderjährigen Pagen der Kapelle. Viele junge Musiker mussten ihm „zu Diensten“ sein, um überhaupt seine Schüler zu werden, so auch Marin Marais. Als er dann einen der Pagen bei sich wohnen ließ und von seiner Frau und seinen Töchtern im Vollrausch in flagranti erwischt wurde, war der Skandal perfekt.


    Louis XIV. bat den „Sünder“ in sein Kabinett und die Höflinge waren erstaunt, dass der König so aufbrausend und zornig den Superintendanten zurecht wies. Man hörte den Sonnenkönig äußerst selten brüllen. Solch eine Unbeherrschtheit sollte sich der König nur noch ein einziges Mal gestatten: als der Marquis de Louvois stolz berichtete, dass seine Truppen in der Pfalz nur noch verbrannte Erde hinterließen und Heidelberg in Schutt und Asche gelegt hatten, da sprang der König vor Zorn über seinen Schreibtisch und griff nach einem Schürhaken, um damit den Minister zu erschlagen; die Diener und übrigen Minister mussten die königliche Person „berühren“ um das Leben von Louvois zu retten. Vor allem Liselotte von der Pfalz verzieh dem König niemals die Vernichtung ihrer Heimat.


    Lully war untröstlich, doch die nächste Zeit empfing ihn der König nicht mehr. Madame de Maintenon hasste diesen „unzüchtigen Italiener“ und verbat sich, ihn auch nur anzuhören. Sie war ohnehin seit Jahren darauf bedacht, den König von der Faszination für den Florentiner zu befreien. 1685 war ein düsteres Jahr für Lully. Der König schien sich auch noch bei der Uraufführung von "Roland" zu langweilen und dann der Skandal. In Versailles war gerade die Spiegelgalerie fertig geworden, als dieser Skandal, der noch viel weitreichendere Untaten aufdecken sollte, an das Tageslicht geriet. Schon einmal wurde der Hof, der Staat – der König - von einem solchen Skandal erschüttert - die Giftaffären der letzten Jahre, die den Sturz der Montespan und den Tod so vieler Menschen nach sich zog. Und jetzt am Hof des allerchristlichen Königs ein Sex-Skandal. Denn die Affäre Lully brachte nun noch die Machenschaften des Bruders des Königs, Philippe Duc d’Orleans und des Herzogs von Vendôme ans Tageslicht. Sie waren beide bekannt für ihre Homosexualität, wie Madame Palatine, besser bekannt als Liselotte von der Pfalz, oft lautstark durch die Säle ihrem Gatten hinterher brüllte. Diese verruchten Männer hatten wahre Orgien gefeiert und sogar den Sohn des Königs, den Grand Dauphin, verführt. Louis XIV. war außer sich und zog die betroffenen Personen zur Verantwortung. Nicht Lullys Bisexualität und seine Ausschweifungen erzürnten den König, sondern dass er – Lully – nicht dafür gesorgt hatte, das sein eigener Sohn aus diesem Sumpf herausgehalten wurde. Denn nach wie vor verband die Männer eine wirkliche Freundschaft. Lully schrieb Entschuldigung auf Entschuldigung, doch ohne Antwort.


    Für den Marquise de Seignelay, den Sohn des großen Colbert, verfasste er in Zusammenarbeit mit Jean Racine das Divertissement „Idylle sur le Paix“. Es wurde in Sceaux aufgeführt. Zu dem Fest war auch der König geladen worden und er war recht angetan von diesem Werk. Er ließ große Abschnitte wiederholen. Doch Lully empfing er dennoch nicht mehr. Seine Musik wurde jedoch weiterhin am Hof gespielt. Jetzt hatte der König Madame de Maintenon im Geheimen geehelicht und verfiel immer mehr in religiöse Gedanken. Lullys letzte Tragödie "Armide" wurde nicht in Versailles uraufgeführt, sondern in Paris, in der Akademie. Stattdessen gab man in Versailles ein Ballett von Michel Richard Delalande, das "Ballet de la Jeunesse".


    Dennoch sollte "Armide" Lullys absolutes Meisterwerk werden. Doch nach den ersten erfolgreichen Aufführungen in Paris verkündete Quinault, dass er sich nun vom Theater zurückziehen werde.
    Wohl auch deswegen, weil er nicht mehr daran glaubte, dass der König Lully irgendwann verzeihen würde. Für ein „kleines“ Fest im Schloss Anet, dass der Herzog von Vendôme für den Dauphin gab, komponierte Lully sein letztes vollendetes Bühnenwerk „Acis et Galatée“. Lully hatte das Werk dem König gewidmet. Dem Hof gefiel das Werk recht gut, jedoch wurde diese Pastorale nach "Isis" der zweite große Misserfolg, den in Paris versagte man dem Werk seine Zustimmung. Mittlerweile legte sich der Zorn des Königs und Louis XIV. gab eine neue Oper in Auftrag.


    1687 - der König ist krank. Er klagte über Zahnschmerzen, die Ärzte – diese Spezialisten zogen ihm den Zahn ihm Oberkiefer, doch stellten sie sich so ungeschickt an, dass sie dem König einen Teil des Oberkiefer herausrissen. Sie waren gezwungen alle Zähne aus dem Oberkiefer zu entfernen und nun brannte man die stark blutende Wunde mit einem glühenden Eisen aus. Der König brach zusammen und einige Tage sah es so aus, als würde er sterben. Doch schon bald erholte er sich zur Verwunderung Aller von dieser Schlachterei.


    Schon 5 Jahre zuvor musste Louis XIV. eine üble Operation über sich ergehen lassen. Er hatte eine Fistel am Allerwertesten und sein Leibarzt entwickelte eigens dafür eine Lanzette für die bevorstehende Operation. Doch weil man Angst hatte, suchte man im ganzen Königreich nach Männern mit der gleichen Erkrankung und erprobte an ihnen die Behandlung. Ein Großteil starb an den Folgen, doch der König, von Schmerzen überwältigt befahl den Eingriff – und überlebte. Madame de Montespan gab ein „Concert d’esculap“ bei Delalande in Auftrag, um die Genesung des Königs zu feiern. Doch diese Zahnoperation hatte schwerwiegende Folgen: Louis XIV. hatte nun ein Loch im Gaumen und musste sich nach dem Essen einer unangenehmen Spülung unterziehen.


    Der Hof und Lully atmeten auf. Zur Feier der Genesung probte Lully sein 1674 komponiertes Te Deum und erweiterte die Besetzung auf 150 Musiker. Zur gleichen Zeit hatte er ein neue Oper begonnen: „Achille et Polyxène“, doch für die Genesung des Königs unterbrach er die Arbeit und bereitete das Te Deum vor. Lully dirigierte, wie es in Frankreich üblich war, mit einem 2 Meter langen Taktstock. Er stampfte damit dem Takt, sowohl bei Opern als auch bei geistlichen Werken. Doch bei der Aufführung schlug er so temperamentvoll den Takt, dass er sich mit einem gewaltigen Schlag den Stab in den Fuß rammte. Innerhalb weniger Tage entzündete sich die Wunde und Lully starb an Wundbrand.


    Soweit die Legende.




    Jean Baptiste Lully, Stich um 1711


    Fakt ist jedoch, das Lully stets mit einem zusammengerollten Notenblatt seine Musiker dirigierte. Es gibt keine einzige Darstellung von ihm mit dem Stab – auch nicht bei den Stichen, die ihm beim dirigieren der Alceste, oder anderer Werke zeigen. Wahrscheinlich starb Lully an Syphilis, und man setzte die Geschichte mit dem Stab und dem Wundbrand in die Welt, um diesen peinlichen Tod zu verschleiern. Genau wird es man niemals wissen.


    Die Stelle des Supertintentanten wurde nun provisorisch, von den Söhnen Lullys und von Marin Marais (dem Gambenvirtuosen), der auch Lullys liebster Schüler war besetzt. Die angefangene Oper "Achille et Polixène" wurde von seinem Mitarbeiter und Günstling Pascal Collasse (1649-1709) vollendet. Seine Söhne vermochten nicht im Schatten ihres großen Vaters zu bestehen, ihre Werke fielen fast ausnahmslos bei Hofe durch.