Ueber musikalischen Geschmack

    • Offizieller Beitrag

    ALLGEMEINE
    MUSIKALISCHE ZEITUNG.
    N° 4.


    Den 22ten Oct. 1806


    Unter dem musikalischen Geschmack verstehe ich das Vermögen, sowo(h)l das Schöne, das Erhabene und das Charakteristische, als auch das Technisch-Vollkommene in den mannichfaltigen Gattungen des musikalischen Stils und Ausdrucks leicht und mit Wohlgefallen wahrzunehmen, und vom Hässlichen, Niedrigen, Charakterlosen, Schlechten und Fehlerhaften zu unterscheiden. Dieser Geschmack setzt so mancherley physische und moralische, geisitge und körperliche Bedingungen voraus, und seine freie Aeusserung wird so leicht durch vielerley fremdartige Einflüsse gehindert, dass man eben nicht behaupten darf, er sey etwas Gemeines oder so leicht zu erwerben. Die Anlage zu demselben vermag zwar in der Menschennatur allgemein seyn; allein wie viel Umstände können auch schon vor der Geburt die feine Organisation zerrütten, oder im kleinen Kinde das Gefühl verstimmen, so dass die herrliche Anlage vielleicht nie zur vollen, reinen Entwicklung kommt! Nicht minder oft wird auch bey Erwachsenen der feine Geschmack durch tausenderley Lebensverhältnisse abgestumpft oder verdorben. Wer vermag sich so ganz von der Macht der frühesten Eindrücke loszureissen, welche immer ihren geheimen Einfluss auf Gefühl und Urtheil behaupten?


    Was der Unterricht eingeprägt hat, haftet oft eben so tief, als die frühe Gewohnheit. Doch gehört es zum Vorzuge des Menschen und zum Endzweck jeder wahren Geistesbildung, der Freyheit des Gemüths nachstreben zu können, ohne welche nur einseitige, beschränkte, halbwahre, aber keine liberalen, treffenden Beurtheilungen des Schönen und in jeder Art Beyfallswerthen der Kunst möglich sind. Denn der ächte gebildete Geschmack hängt nicht an ganz individuellen Eindrücken, sondern urtheilt aus einem erweiterten, freyen Standpunkte. Jeder Mensch hat freylich seine Eigenheiten; die Musik kann keinen durchaus auf dieselbe Weise afficiren¹; sie wird zwar auf ähnlich gebildete und gestimmte ähnlich wirken: allein das Temperament, das Nervensystem, die herrschende und die jedesmalige eigen modificirte Gemüthsstimmung, die gefasste Meynung von der Kunst, vom Komponisten, von den Musikern, von der nothwendigen Beschaffenheit einer Komposition oder eines Gesanges, die Angewöhnung an gewisse Arten, die Kunst zu behandeln, die eingesogenen Grundätze des musikalischen Systems, das Ideal von Musik und ihren Wirkungen, die moralische Denkart übber den Werth der Musik und der Künstler - von diesem allen wird mehreres bey Jedem, bald mehr, bald weniger, den Eindruck, den Effekt, die Beurtheilung einer Musik mannichfaltig bestimmen, so dass nicht leicht der Eine ganz dasselbe fühlen, oder auf die nämliche Art urtheilen wird, als der Andre. Jedoch sind wir nicht wo(h)l im Stande, die feinen Verschiedenheiten deutlich anzugeben; und im Totaleindruck, in der Hauptsache, ist immer grosse Annäherung, oft Vereinigung möglich.


    Ja das Schöne macht eben auf diese Einhelligkeit Anspruch, und der grosse Komponist legt eben in sein Werk die Zauberkraft, die Gemüther Aller, die nur für Kunst Sinn haben, mit einem gleichen gemeinschaftlichen Entzücken zu erfüllen, oder mit gleichen erhabenen Empfindungen zu erschüttern. Und diese magische Gewalt erstreckt sich bisweilen nicht nur über verschiedene Nationen, sondern auch Generationen. Händel ist ein Beyspiel davon, und eben so wenig werden die Meisterwerke von J. S. Bach, J. Haydn und Mozart je veralten oder in gänzliche Vergessenheit kommen, wo nur der Kunstsinn nicht einer völligen Barbarey hat weichen müssen.


    Indes ist wahre Liberalität des Geschmacks eben so selten, als einseitige, absprechende Urtheile über Musik gemein² sind. Viele urtheilen ohne allen Geschmack, sie reden nur vom Angenehmen, von dem, was ihrem Individuum gerade jetzt behagte, ihre Ohren und Nerven kützelte, ihr Blut in lebhaftere Wallung brachte, und dennoch verlangen sie, als hätten sie Schönheit gefühlt, die Beystimmung Anderer mit Eigensinn. Andre urtheilen ohne alles Gefühl, ohne Einbildungskraft, blos mit dem kalt vergleichenden und kalkulirenden Verstande. Wenn nur ihr individuelles Kunstsystem, das sie für das einzig wahre halten, gut gehandhabt, wenn die Musik nur im Satze rein, wenn nur alles nach der ihnen geläufigen alten Richtschnur und Form genau gearbeitet ist, so heissen sie die Musik gut, und loben sie, die ihr Herz kalt liess, die sie mit eben der Wirkung auf dem blossen Notenpapier lesen konnten, als sie ihre Töne hörten, und die sie nicht anders in ihrem Geiste betrachteten, als der geübte Rechenmeister ein arithmetisches Exempel durchgeht. Manche hingegen sind nicht gefühllos für das Schöne der Musik, aber von Vorurtheilen zu sehr eingenommen, um über jede Art und Gattung der musikalischen Komposition und Ausführung gerecht zu urtheilen. Sie haben z. B. gewisse Lieblingskomponisten, oder gar nur einen einzigen, und wollen nichts anders hören, als was unter diesem Namen vorkommt. Freylich werden sie bisweilen getäuscht, und könnten doch das Vergnügen nicht verheelen, das ihnen auch ein anderer Komponist gewährte, den sie vorher vielleicht hassten oder verachteten; Glück genug, wenn sie ihr Urtheil nicht gern wieder zurücknehmen und nur noch mancherley an der Musik auszustellen suchen, die ihnen doch unleugbar gefallen hatte, als sie sie unter der beliebten Firma hörten.


    So sind oder waren manche für Hasse, Naumann, Händel, J. S. Bach, Mozart, Haydn, Pleyel u. a. eingenommen, und mochten oder mögen nichts hören, als was diese Männer geschrieben haben, oder allenfalls ganz in deren Stil gearbeitet ist; selbst die geringeren Arbeiten dieser Komponisten verdrängen bey solchen eigensinnigen Kunstfreunden die Aufmerksamkeit, welche die bessern WErke Andrer in dieser Gattung verdienten. Gern erheben sie Einen auf Unkosten des andern, ohne Jeden in seiner Art und Sphäre gelten zu lassen, und bedenken nicht, dass mehrere grosse Meister auch die Grösse anderer, selbst jüngerer, Genies herzlich anerkannten und schätzten, wie es z. B. Mozart gegen die Werke des alten Seb. Bach und Händel, von Bach gegen Händel, von Haydn gegen Mozart, von Cherubini gegen Haydn namentlich bekannt ist. Und schwerlich würden diese Meister die hohe Stufe der Vollkommenheit, den Reichthum, die Gewandheit der künsdtlerischen Darstellung erlangt haben, wenn ihr Kunstgeschmack nicht diese ausgebreitete Empfänglichkeit gehabt, wenn sie ihn nicht durch vielseitige Richtung auf allerley Art des Schönen, Grossen, Vollkommenen in der musikalischen Welt ausgebildet, und mit blinder Verehrung an einem einzigen Vorbilde gehangen hätten. Eine solche enthusiastische Vorliebe wäre jedoch produktiven Genies eher zu verzeihen, vielleicht zu rechtfertigen; es könnte leicht ihre Kraft gestärkt haben, wen sie wirklich das vorzüglichste, lehrreichste, ihrem Geiste verwandteste Musterbild erwählten, - als sie denen unter allen Umständen zu verzeihen ist, welche, ohne Anscht auf Kunstproduktion, blos als Freunde des musikalischen Genusses oder als Mitglieder musikalischer Executionen, absprechende Urtheile fällen und ins Werk setzen. Denn sie geben ihrem eigenen Geschmack damit eine einseitige Richtung, verleiten auch Andre leicht ur Einseitigkeit, und bringen das musikalische Publikum um eine Mannichfaltigkeit und Fülle von ergötzenden interessanten Unterhaltungen, welche der Reichthum der Kunstschöpfung in vielfältigen Gattungen, Arten und formen darbietet.


    Würde man dem nicht Einseitigkeit des Urtheils oder Beschränktheit der Kenntnis Schuld geben, der unter der glänzenden Reihe von Dichtern, auf welche Deutschland stolz ist, nur Einen oder höchstens ein Paar mit Beyfall anerkennen, und diesen Einzigen oder dieses Paar als ewiges Muster für alles Poetische betrachten und Andern aufdringen wollte? Haben nicht Dichter, wie Kleist, Hagedorn, Gellert, Bürger, Göckingk, Voss, die beyden Stolberg, Gleim, Hölty, Uz, Salis, Matthisson, Wieland, Klopstock, Haller, Schiller u. Göthe, denen man eine vielleicht noch grössere Reihe bekannter oder berühmter Komponisten gegenüberstellen könnte, - jeder in seiner Art und Sphäre grossen werth, und dürfte so leicht einer den andern ganz entbehrlich machen? Schöne Popularität, heitre oder ersnte Laune, tiefes Gefühl, frische lebendige Imagination, zarte Innigkeit, feurige Begeisterung, erhabener Schwung, kindliche Naivität, Grösse, Feinheit und Festigkeit in der Ausführung viel befassender Ideen, Reichthum und Glanz, und so manches Andre, was zum Gepräge jeder eigenthümlichen Kunstschöpfung gerechnet werden mag, - verdient nicht jedes dieser Stücke Achtung und Dank?


    Alle Vollkommenheit findet sich nicht so leicht bey einem Meister beysammen; das Genie, welches so vielerley Gestalten annehmen will, büsst darüber vielleicht seinen eigenen Charakter ein, und lässt am Inhalt seiner Darstellungen so viel vermissen, als es am Umfange gewinnen möchte; je mehr es in allen Kunstsphären zu glänzen strebt, desto schwerer wird es jede einzelne befriedigend auszufüllen. Denn die Kraft des Genies hat auch ihre Grenzen, und wenn wir in der musikalischen Welt einige Meister bewundern, welche fast das ganze Gebiet ihrer Kunst erschöpfen, im Kleinen und im Grossen, fast in allen Formen und Gattungen entzückten und befriedigten, und bey längerer Lebenskraft noch so viel hoffen liessen, wie etwa Haydn und Mozart, so gehört diese Vielseitigkeit und Reichhaltigkeit zu den seltensten Ausnahmen. Wenn nun auch (der) ein oder der andre Komponist oder Virtuos Alles, was zu wünschen wäre, zu leisten vermöchte, sollen wir deshalb den verachten oder vernachlässigen, der nur in einem besonderen Felde der Kunst mit der ganzen Eigenthümlichkeit seines Geistes die schönsten Blüthen und Früchte hervorruft?


    Der gebildete liberale Kunstgeschmack lässt jedem musikalischen Verdienst Gerechtigkeit wiederfahren; keine, sonst unschuldige, Vorliebe für irgend eine Manier, für antike oder moderne, populäre oder gelehrte, verwickelte oder einfache Musik, für einzelne Komponisten und musikgattungen, verfälscht oder besticht sein Urtheil, sobald es sich über Privatgültigkeit erheben, nicht etwa blos das Individuell-Angenehme oder Beliebte, sondern das Schöne, in seiner Art Vollkommene, den Kunstwerth an sich, betreffen soll. Die Liberalität des Geschmacks ist empfänglich für jede Eigenheit der Darstellung, des Ausdrucks, der Behandlung, und weiss das, was an sich u. in seiner Art schön ist, zu unterscheiden und zu schätzen.


    Einige Komponisten sind glücklicher in kleineren, als in grösseren Werken, mancher schrieb bessere Lieder, als Sonaten, einem andern gelangen Sinfonieen mehr, als Konzerte, einer setzte schönere Solo's für ein Instrument, als Orchesterstücke, u. die Opern eines Dritten erhielten sich nicht in dem Ansehen, als seine Kirchenkompositionen; einige arbeiteten mit grösstem Erfolg für Vokal- als für Instrumentalmusik; einer behauptete vorzüglich in naiven und launigen Quartetten oder Quintetten für Instrumente seinen Ruhm, machner glänzte mehr in den bewundernswürdigen Künsten der Harmonie, als im kühnen Fluge gewandter Melodieen des pathetischen Ausdrucks; der Eine erschien immer in der ehrwürdigen Gestalt des feyerlichen Ernstes und der edlen Einfalt, während der Andre launig zu scherzen und durch sinnreich verwickelte Wendungen zu bezaubern wusste. Im Adagio riss ein Meister alle fühlende Herzen hin, wiewo(h)l sein Allegro kalt vorrüberrauschte. Wenn der Eine uns mit freurigem Ausbruch bestürmte und erschütterte, rührte uns der Andre dagegen durch sanfte innige Bewegung. Der liberale Geschmack weiss sich an allen diesen so verschieden vertheilten Vollkommenheiten zu freuen, wo er sie auch finden mag. So gerecht er gegen die unendliche Mannichfaltigkeit des Verdienstes in der musikalischen Komposition ist, so bereitwillig empfängt er jedes Schöne u. Charakteristische im Vortrage bey Virtuosen u. Sängern. Auch wirkliche Mängel und Fehler machen ihn nirgends für das Gute und Schätzbare unempfindlich.


    Humanität überhaupt, Sinn und Freundschaft und Religiosität, im edelsten Verstande, scheinen mir die moralischen Bedingungen zur Liberalität des Kunstgeschmacks zu seyn. Die schöne Kunst ist ein Gemeingut der gebildeten und sich bildenden Menschheit. Wer die Menschheit nicht ehrt, nicht liebt, das Göttliche in ihr nicht ahnet, wird auch dessen, was aus ihr Schönes und Grosses hervorgeht, was einzelne Menschen zur Entwicklung u. Ausbildung der schönen Kunst beytragen, sich nicht unbefangen freuen, ihre Kunstfreuden nicht freywillig fördern, an ihrer ästhetischen Sympathie kein lebhaftes Interesse nehmen. Egoismus, Eigensinn, Neid, Stolz verfälschen gar zu leicht auch unsern Geschmack, und vergiften die Quelle unsrer Mitfreunde an allem, was zur Vollkommenheit der schönen Kunstwelt gehört und beytragen kann. Sollte man das aber bey einer Kunst vermuthen, welche Harmonie zu ihrem Gesetz hat, welche so tief ins Herz dringt, welche so vorzüglich geeignet ist, das Gemüth zu erweichen und zur Liebe zu stimmen, u. welche in der Geselligkeit ihre schönste Sphäre findet?


    Uebrigens muss sich zur feinen Empfindung und richtigen Beurtheilung der vielerley Musikgattungen, was Komposition oder Execution betrifft, so manches im Gemüth des Urtheilenden vereinigen, was man wo(h)l in diesem und jenem zerstreut oder in schwachen Graden, aber selten bey einem in vollkommener Beschaffenheit u. Verbindung antrifft. Ich will das Vorzüglichste nennen. Erstens: gesunde, unverstimmte Empfänglichkeit für den sinnlichen Eindruck der Musik im Einzelnen und im Ganzen. Sie die ersten Eindrücke zu schwach oder zu stark, oder verwirren und verfälschen sie sich auf irgen eine Art, so leidet dadurch natürlich der Effekt einer sonst noch so schätzbaren Musik. Denn das Urtheil bezieht sich zuletzt auf die sinnlichen Datas, an u. in denen sich die Kunst darstellt. Zweytens: Zarzheit u. Feinheit des innern Sinnes, und eine gewandte Einbildungskraft, um mit Klarheit sich der musikalischen Empfindungen bewusst zu werden, sie ohne Mühe in ihrem Zusammenhange zu verfolgen und in ein Ganzes zusammenzufassen. Drittens: gebildeter Geschmack für Darstellung u. Ausdruck in der schönen Kunst überhaupt, mithin eine freye Regsamkeit der Einbildungskraft u. des Verstandes, um freye Zweckmässigkeit in harmonischen Formen leicht u. mit Wohlgefallen wahzunehmen u. innerlich nachzubilden. Viertens: einige, wenn auch nur vorläufige und allgemeine Bekannschaft mit den artistischen Regeln der Musik. Fünftens: richtige ansicht der Tonkunst nach dem Umfang und Zweck ihrer Wirksamkeit, Kenntnis ihres Geistes, ihrer Kraft, ihrer Gränzen, um einzusehen, was und wie viel man von ihr fordern und erwarten dürfe oder nicht. Sechstens: Rücksicht auf die wahrscheinliche oder wirtkliche Idee des Künstlers, welche seinem Werk zum Grunde liegt, und auf die Verhältnisse der Zeit oder des Orts, in denen er es entwarf und ausführte. Siebentens: eine durch musikalische Erfahrung bereicherte und im Vergleichen geübte Urtheilskraft, um das Bessere vom Schlechtern, das Alte vom Neuen, den Geist vom Buxchstaben, Hauptsache vom Nebenwerk, und das Originelle von Nachgeahmten leicht zu unterscheiden. Endlich erfordert der musikalische Geschmack in gewisser Rücksicht noch mehr Kultur der Gemüthskräfte, als die Empfänglichkeit für Werke der bildenden Künste. Denn bey der Musik wissen wir die oft langen und verwickelten Reihen einzelner vorübergehender Eindrücke im Gedächtniss behalten, schnell vergleichen und zu einem Ganzen verbinden, während wir bey den bildenden Künsten das bleibende Werk des Bildhauers oder Mahlers immer vor Augen haben, und auf die Theile derselben leicht und willkürlich zurücksehen können, um aus ihnen das Ganze zusammenzusetzen und uns klar zu machen.


    C. F. M.³


    ¹ affizieren: beeinflussen, reizen
    ² i. S. v. allgemein
    ³ Initialen des Philosophen, Musikästhetikers und Schriftstellers Christian Friedrich Michaelis (1770-1834)

    Alles sollte sein wie es war - und nicht wie wir es uns wünschen!

    (HIPpokrates)