Die Symphonien: Gesamteinspielungen

  • Wellesz begann erst mit knapp 60, Symphonien zu schreiben. Zwischen 1945 und 1971 entstanden neun Symphonien und ein Symphonischer Epilog:


    • Symphonie Nr. 1 op. 62 (1945)
    • Symphonie Nr. 2 op. 65 (1947–48) "Die Englische"
    • Symphonie Nr. 3 op. 68 (1949–51)
    • Symphonie Nr. 4 op. 70 (1951–53) "Austriaca"
    • Symphonie Nr. 5 op. 75 (1955–56)
    • Symphonie Nr. 6 op. 95 (1965)
    • Symphonie Nr. 7 op. 102 (1967–68) "Contra torrentem"
    • Symphonischer Epilog op. 108 (1969)
    • Symphonie Nr. 8 op. 110 (1970)
    • Symphonie Nr. 9 op. 111 (1970–71)


    -----


    cpo war so freundlich, eine GA zu veröffentlichen:



    (C) 2008 cpo 777 183-2 (4 CDs)


    Radio-Symphonieorchester Wien
    D: Gottfried Rabl


    darin:


    Nr. 4, 6 & 7

    (P) 2002 cpo 999 808-2


    Nr. 2 & 9

    (P) 2003 cpo 999 997-2


    Nr. 1, 8 & Epilog

    (P) 2004 cpo 999 998-2


    Nr. 3 & 5

    (P) 2005 cpo 999 999-2



    Alle CDs haben einen ausführlichen Text zu Wellesz und den einzelnen Symphonien aufzuweisen; Rabl hat übrigens alle Notentexte neu editiert.



    jd :wink:

  • Ich möchte einige Eindrücke von Wellesz' Symphonien schildern.


    Ganz grob teilt sich Wellesz' symphonische Arbeit in zwei Blöcken auf: der erste beginnt mit Ende des Krieges 1945 und hält bis 1956 an, der zweite geht von 1965-1971. D.h. Symphonien Nr. 1-5 bilden den ersten Block, Nr. 6-9 plus Symphonischer Epilog den zweiten.


    Stilistisch gesehen gibt es zwischen Symphonie Nr. 1 und Nr. 9 keinen größeren Unterschied: die 1. steht voll und ganz in einer tonalen Tradition der Spätromantik mit einem gewissen zugänglichen Anteil an Melodien und Phrasen, wie es in England gerne gehört wurde; die 9. hat kaum Spuren einer Tonalität und hat sogar den üblichen Aufbau einer symphonischen Komposition hinter sich gelassen. Die Tonsprache ist anders geworden, folgt einer eigenen Dramaturgie als der traditionellen mit z.B. Sonatensatzform im Kopfsatz.


    Tatsächlich erinnert mich die 1. ein bißchen an Bruckner: zugängliche Motive in klarer Tonalität werden durchgearbeitet und bauen eine stringente Form auf, ohne in dessen Episodenhaftigkeit zu fallen. Leichte Intervallverschiebung wie bei Mahler treten auf und veredeln die markanten Stellen der Partitur.


    Die 2. beschreibt England musikalisch mit einer unterschwelligen Inbrunst, die jedoch nicht in Kitsch verfällt; dafür häufen sich die mahlerischen Momente zu sehr, ohne dessen Ironisierungen zu übernehmen. Es ist ein kraftvolles Werk mit wirkungsvoller Tonsprache, mit klarer Tendenz zum Aufbrechen der tonalen Strukturen.


    Die 3. zeigt deutlich, daß Wellesz sich immer mehr von der Romantik abwendet hin zu Schönbergs atonaler Zwölftonmusik: die Tonalität wird deutlich aufgebrochen, doch bleibt sie immer noch die Basis für Wellesz' Motivik. In der 4. wird das nochmals gesteigert, der Rahmen wird weiter verschoben hin zu einer Art Zwitter romantisch-atonaler Struktur, in der die Tonsprache an der Grenze einer neuen Klanglichkeit herantritt.


    In der 5. ist dieser Prozeß abgeschlossen: dies ist ein rein atonales Werk mit deutlicher Zwölftonmotivik, die ganz in Schönbergs Techniken erarbeitet ist. Das einzige Traditionelle ist die Satzartenfolge (etwa Andante - Scherzo - Adagio - Allegro) und die Struktur von Motivik, Durcharbeitung, Coda.



    Erst 1965 begann Wellesz, die letzten vier Symphonien anzugehen. In den neun Jahren Pause hatte er ganz offensichtlich darüber nachgedacht, in welcher Richtung seine Kompositionstechniken und Tonsprache eigentlich gehen sollte. Zuerst vollzog er den Wandel zur Atonalität, aber er hatte noch nicht wirklich zu sich selber gefunden. Doch das geschah nun endgültig.


    Alle Symphonien Nr. 6-9 haben nur noch drei Sätze mit den Tempo schnell - langsam - schnell. Die Sonatensatzform ist verschwunden, die Zwölftoncharakteristik hat sich verschoben zu einem eigenen Tonvorrat. Die Techniken beschränken sich darauf, das motivische Material zu variieren, ohne einer festgelegten Dramaturgie zu folgen; vielmehr ergibt sich aus dem Material eine individuelle Form, die jeden Satz einzigartig macht. Auch hat sich Wellesz auf eine spezifische Klanglichkeit verdichtet, die vorher nie zu hören war. Er selbst nannte es seinen "Altersstil", der tatsächlich einzigartig geblieben ist.


    Altersstil - wie soll man den beschreiben? Mir erscheint, daß er trotz Atonalität und großer Freiheit sich für eine musikalische Stimmung entschieden hat, die er in sich hören konnte und die in den Werken herauskommen sollte. Man könnte fast sagen, er entwickelte ein gleichbleibendes Tongeschlecht, dem er treu blieb. Auch seine Formen in den Abläufen wurden kanalisiert, aber wohl nicht so streng wie bei den Tönen. Es fällt auch auf, daß diese Spätwerke zueinander enger verwandt sind als die Frühwerke miteinander und daß sie als Cousinen gelten können, die jeder eigene Elemente in ähnlicher Verarbeitung aufweisen.


    Dennoch hat es Wellesz verstanden, die wirkungsvolle Instrumentierung seiner früheren Symphonien zu seinen späteren hinüberzuretten: der Wechsel vom Blech über tiefe Streicher bis zu Schlagwerk und hohen Streichern erfolgt immer noch mit der Kraft eines großen Atlantikdampfers. Wuchtig fährt das majestätische Schiff an einem vorbei und verursacht großes Heckwasser mit einer Menge Verwirbelungen. So bleiben auch die späteren Symphonien und der Epilog einer abwechslungsreichen Struktur verbunden, die jede Schematik verhindert.



    Mich beeindruckt schon, was sich Egon Wellesz mit 60 Jahren neu erarbeitet hat: er hatte die symphonische Form bis dato nie verwendet und baute sich eine eigene klangliche Welt auf, in der er experimentieren, erproben und seine Linie verfolgen konnte. Mit 86 hatte er seine 9. abgeschlossen und sich seine Nische fertiggebaut. Was übrigbleibt, ist ein eher seltenes Werkmerkmal: eine Reise durch Metamorphosen der musikalischen Ausdrucksweise, die am Ende in seinem Innern endet.


    Toll! :jubel:



    jd :wink:

  • Das hört sich für mich sehr spannend an, besonders was die Symphonien 6-9 betrifft. Bisschen merkwürdig, wie die Symphonien auf den CDs kombiniert sind. Auch stellt sich die Frage, wie einsteigen, denn die späten interessieren mich eben am meisten. Gleich die Box, erscheint mir ein wenig verwegen, aber teuer ist sie natürlich auch nicht. Vielleicht 2+9? Vielen Dank für die Beschreibungen.
    :wink:

  • Bisschen merkwürdig, wie die Symphonien auf den CDs kombiniert sind.


    Das ist bestimmt deshalb so gemacht worden, um diesen klanglichen Bruch bei Wellesz bewußt zu machen - aber natürlich gibt es auch einen profaneren Grund: das Sperrige dem Hörer unterzujubeln, wenn er sich mit Wellesz beschäftigt. Bleibt nur die Frage, was das Sperrige ist: Block Eins oder Block Zwei... :D


    Grundsätzlich würde ich die Box empfehlen, dann hat man sie alle zusammen. 2/9 und 1/8/Epilog sind die extremen Enden, die sicherlich klar den eigenen Geschmack für das Eine oder das Andere ausbilden lassen - mit 3/5 ist nur die frühe Phase vorhanden, 4/6/7 hat mehr von der späteren Phase zu bieten; die sind also etwas gemäßigter.


    -----


    Aber bei amazon sind die marketplace-Preise für die Einzel-CDs sehr hoch (bei jpc sind sie einzeln ausverkauft), so daß sich eher die Box für 24,99 € lohnt (bei jpc gelistet).



    jd :wink: