01 - "Rosenkranz-Sonaten": Einspielungen - Versuch eines Rankings

  • Anfangs, in einem anderen Forum noch, habe ich versucht die Einspielungen mit Hilfe von :jubel: -Punkte zu werten: von eins bis fünf wurden sie ausgeteilt. Schnell wurde mir aber bewusst, dass ich mich mit dieser Bewertung schwer tue, da man sehr verschiedener Weise sehr gut sein kann, und dann es aber keinen Sinn mehr macht, wenn alle Aufnahmen vier oder fünf Punkte bekommen.


    Nun habe ich dann damit begonnen, nur meine Eindrücke zu schildern, möglichst nüchtern nur das zu beschreiben, was ich höre, und nicht die gefühle die erweckt werden. Sagen wir mal "objektiv", oder so.


    Je mehr die Aufnahmen aber wurden in meiner Sammlung, haben sich für mich waage "Klassen" ausgebildet, die in etwa festlegen, wie tief die Interpretation reicht, und was erreicht wird. Dadurch entsteht letztendlich ein gewisses Ranking, wenn auch eher zwischen diesen "Klassen".


    Ich habe heute Morgen versucht die waagen Konturen zu konkretisieren, und bin auf Folgendes gekommen. Eine Diskussion darüber würde mich wirklich freuen, wenn ihr meint eine Aufnahme soll in eine andere kommen, oder es sollten weitere klassen hinzugefügt werden - bitte redet mit!


    Klasse 1: die alles Auslotenden
    Diese Interpretationen haben gemeinsam, dass sie einen ganz eigenen Weg gehen und das so konsekvent durchschreiten, dass sie dabei bis ins Extreme gehen - und vielleicht noch darüber hinaus. Dank meisterlichen musikalischen Gespürs ensteht hier eine geballte Kraft von Musikalität und Ausdruck, die das Vorstellbare übersteigt. Die Klasse des Olymp.



    Klasse 2: die Ausdrucksstarken
    Diese Interperation meiden das Extreme, schrecken vielleicht davor zurück - erreichen aber in persönlicher Note und Ausdruck alles was vorstellbar ist. Die besten der Besten, was darüber liegt, ist wirklich nur der Bereich der Götter. Diese ist also die Königsklasse.




    Klasse 3: die Individuellen:
    Diese Interpretationen sind im Ausdruck nicht so überwältigend, wie die vorherige, haben aber eine eindeutige persönliche Vision der Sonaten, die auch mit Erfolg dargelegt wird. Meistehafte, eigenwillige Aufnahmen.




    Klasse 4: die Gefühlvollen
    Hier finden wir die Einspielungen, wo die persönliche Note des interpreten schon weniger präsent ist, der Ausdruck vermeidet die große Gestik und Dramatik, doch sind sie voller Emotion und Sensibilität. Fragile, anziehende Interpretationen.


    und die Einspielung von Sonya Monosoff


    Klasse 5: die Mutigen
    Diese Einspielungen sind wiederum durchaus individuell, doch hinkt die Interpretation hier und da. Sie wagen viel, der ganz große Wurf gelingt doch nicht. Doch sind diese Interpretationen von ihrer tief empfundenen Menschlichkeit her sehr sympatisch. Die Prometheusklasse.





    Klasse 6: die Schönen
    Bei manchen Interpreten scheint die Klangschönheit an erster Stelle zu stehen, und die technische Perfektion der Ausführung. Diese Interpretationen machen mich am meisten zweifeln. Sie sind so tadellos, das man nichts objektiv daran aussetzen kann, und dennoch fühle ich eine gewisse Leere der Einstudiertheit.

    Anmerkung: ich war unschlüssig, ob ich die Einspielung von Strehlke hier oder in die Klasse 4 einordnen soll - die steht irgendwo dazwischen.


    Klasse 7: die Virtuosen
    Hier gilt dann auch die Klangschönheit nicht mehr, nur die technische Perfektion, oft mit rasendem Tempo gepaart. Einige sind nüchtern-kühl, andere dramatisch - doch am Ende zählt nur das Feuerwerk.


    Anmerkung: innerhalb der einzelnen Klassen sind die Einspielungen in chronologischer Reihenfolge aufgeführt.


    LG
    Tamás
    *castor*

  • Vielen Dank für diese mich sehr ansprechende Darstellung, die mich veranlasst das lange aufgeschobene Rosenkranzunternehmen endlich einmal anzugehen. Bei mir schlummern übrigens Manze/Egarr und Lautenbacher im Regal, also nach Deiner Lesart eine "alles auslotende" und eine "gefühlvolle" Interpretation.

  • *yepp* Damit hast du zwei ausgezeichnete Einspielungen! Wenn's mehr sein sollte, dann würde ich dir noch eine von den dramatischeren empfehlen: Letzbor (klar), Roussel oder Tur Bonet.


    Eine Aufstellung der Einspielungen nach dramatisch/nüchtern folgt demnächst auch noch von mir. 8-)


    LG
    Tamás
    *castor*

  • Bin schon ein wenig traurig, dass die mir so werte Göbelaufnahme so klassifiziert wird, schluchz. Allein, Tamàs hat natürlich einen ganz anderen Überblick.

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Ich werde jedenfalls aus den Klassen 2 bis 6 noch jeweils eine Aufnahme erstehen!

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Ich werde jedenfalls aus den Klassen 2 bis 6 noch jeweils eine Aufnahme erstehen!


    Interessant, dass du Klasse 1 ausklammerst... :D Oder hast du sie schon?


    Darf ich dir Empfehlungen machen? - ich versuche dabei deinen Geschmack zu beachten, soweit ich mir darüber ein Bild gemacht habe:


    Klasse 2: sehr schwierig, am liebsten würde ich Tur Bonet oder Roussel empfehlen, da mir im Moment diese beiden am liebsten sind, doch habe ich das dumpfe Gefühl die von Odile Edoard stünde dir da vielleicht näher.


    Klasse 3: Wärst du nicht so ein Klangfanatiker auch, wäre es für mich keine Frage, und würde dir Maier empfehlen, den würdest du sicher in den Himmel loben - klanglich gibt's da aber bessere, die Aufnahme ist ja recht alt. Die Schumann-Aufnahme ist klanglich unerreichbar, die beste von allen Aufnahmen, die Interpretation würde dir auch zusagen, wenn auch nicht in dem Maße, wie die von Maier. Vermute ich.


    Klasse 4: In erster Linie Siedel. Da wirst du Augen machen. Aber ich wäre auch nicht überrascht, wenn dir Alice Pierot den Kopf verdrehen würde. Viele lieben ihre Einspielung wegen des wunderbaren Violinklanges am besten.


    Klasse 5: Diese Gruppe ist die schwierigste. Ich bin aber zum Schluss gekommen, dass du die Ronez-Aufnahme doch kennenlernen solltest. Oooder die von Melkus. Die sit aber schwer zu kriegen, und geht vielmehr in Richtung Virtuosität, als die sakrale, ruhige Ronaz-Einspielung. Aber sei gewarnt: der Violinklang von Ronez ist gewöhnungsbedürftig.


    Klasse 6: Eindeutig Sepec. Obwohl, Strehlke hat vielleicht mehr Seele.


    LG
    Tamás
    *castor*


  • Interessant, dass du Klasse 1 ausklammerst... :D Oder hast du sie schon?

    Klar, hattest du doch schon hier Happy new ear: Neuerwerbungen (2015) befohlen, außerdem auf meine Nachfrage auch schon via PN erläutert. :)

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Klasse 2: sehr schwierig, am liebsten würde ich Tur Bonet oder Roussel empfehlen, da mir im Moment diese beiden am liebsten sind, doch habe ich das dumpfe Gefühl die von Odile Edoard stünde dir da vielleicht näher.

    Leider nicht lieferbar. 8-)


    Klasse 3: Wärst du nicht so ein Klangfanatiker auch, wäre es für mich keine Frage, und würde dir Maier empfehlen, den würdest du sicher in den Himmel loben - klanglich gibt's da aber bessere, die Aufnahme ist ja recht alt. Die Schumann-Aufnahme ist klanglich unerreichbar, die beste von allen Aufnahmen, die Interpretation würde dir auch zusagen, wenn auch nicht in dem Maße, wie die von Maier. Vermute ich.

    Da Schumann 3 CDs teuer werden, lieber Maier ... :)


    Klasse 4: In erster Linie Siedel. Da wirst du Augen machen. Aber ich wäre auch nicht überrascht, wenn dir Alice Pierot den Kopf verdrehen würde. Viele lieben ihre Einspielung wegen des wunderbaren Violinklanges am besten.

    Natürlich Berlin Classics ... *yes*


    Klasse 5: Diese Gruppe ist die schwierigste. Ich bin aber zum Schluss gekommen, dass du die Ronez-Aufnahme doch kennenlernen solltest. Oooder die von Melkus. Die sit aber schwer zu kriegen, und geht vielmehr in Richtung Virtuosität, als die sakrale, ruhige Ronaz-Einspielung. Aber sei gewarnt: der Violinklang von Ronez ist gewöhnungsbedürftig.

    Dann Ronez, sakral und ruhig klingt gut; zudem sollte man bei so vielen Einspielungen auch mal ein Risiko eingehen ... 8-)

    Klasse 6: Eindeutig Sepec. Obwohl, Strehlke hat vielleicht mehr Seele.

    Sobald er unter 20 liegt ... :D


    Darf ich dir Empfehlungen machen? - ich versuche dabei deinen Geschmack zu beachten, soweit ich mir darüber ein Bild gemacht habe:

    Ich bin gespannt und danke dir vielmals. :love:

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Da 14 Aufnahmen bei Spotify einhörbar sind, werde ich umfassend probehören. Schumann etwa klingt mir zu "gut"; Roussel so eigenartig, wie ich es eigentlich deinen Worten nach bei Ronez erwartet hätte, die mir nun ausnehmend gut gefällt. Manze schlägt alle, Letzbor bleibt mir fremd.

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Auf Spotify abrufbar:


    - Sirkka-Liisa Kaakinen-Pilch
    - Elizabeth Wallfisch
    - Annegret Siedel
    - Reinhard Goebel
    - Riccardo Minasi
    - Andrew Manze
    - Anne Schumann
    - Patrick Bismuth
    - Rüdiger Lotter
    - Pavlo Beznosiuk
    - Gunar Letzbor
    - Susanne Lautenbacher
    - Marianne Rônez
    - Fabien Roussel


    Hier sind also einige der von Tamás sehr gelobten Aufnahmen zu hören und man kann seine spannende Systematik für sich selbst überprüfen.

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Schumann etwa klingt mir zu "gut"; Roussel so eigenartig, wie ich es eigentlich deinen Worten nach bei Ronez erwartet hätte, die mir nun ausnehmend gut gefällt. Manze schlägt alle, Letzbor bleibt mir fremd.


    *yepp* Freut mich dass dir Ronez gefällt, ich liebe ihre Aufnahme auch sehr!


    Manze schlägt alle - das ist wohl wahr. Die Interpretation von Letzbor ist dann sozusagen komplett das gegenteil der von Manze. Und ich meine beide machen das fantastisch.


    LG
    Tamás
    *castor*

  • Ich habe oben mit der Podger-Einspielung ergänzt. Obwohl die Einspielung nicht ganz mein Typ ist, muss ich zugeben, dass sie in Klasse 2 gehört. Wäre ich streng gewesen, hätte es nur für Klasse 3 gereicht.


    LG
    Tamás
    *castor*


  • *yepp* Freut mich dass dir Ronez gefällt, ich liebe ihre Aufnahme auch sehr!

    Ronez lässt mich erstmals an einen Vergleich mit Bachs Cello-Suiten glauben; hier verstehe ich, dass beide Werke gleichberechtigt genial sind.

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Ronez lässt mich erstmals an einen Vergleich mit Bachs Cello-Suiten glauben; hier verstehe ich, dass beide Werke gleichberechtigt genial sind.


    Es ist so schön, dass jeden Menschen eine andere Einspielung am meisten anspricht. Einen der Letzbor, anderen die Alice Pierot, wieder einen anderen Rachel Podger - und dich dann die von Ronez.


    Ich kann mich gut erinnern, Klawirr aus dem P-Forum war von ihrer Einspielung eher abgestoßen: ich habe sie immer gemocht, obwohl ich hin und wieder Zweifel gehabt habe aufgrund der eher schlechten Meinung anderer. Umso mehr freut es mich, dass du mich jetzt in meinem Anfangsurteil bestätigst!


    LG
    Tamás
    *castor*

  • Ich glaube übrigens, dass du mit deinen Einstufungen die Preise hochtreibst! 8-) Ich konnte Manze noch für knapp 20 Mäuse erwerben, das ist vorbei ... *yes*

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793