Christus am Ölberge op. 85: Einspielungen (omi)

    • Offizieller Beitrag

    Sehr viele werden sicher wie ich über Rilling mit dem Werk bekannt geworden sein:

    Gächinger Kantorei Stuttgart, Bach-Collegium Stuttgart, Helmuth Rilling, 1994


    CD 72


    Maria Venuti: Sopran (Seraph)
    Keith Lewis: Tenor (Jesus)
    Michel Brodard: Bass (Petrus)


    Gächinger Kantorei Stuttgart
    Bach-Collegium Stuttgart
    Helmuth Rilling

  • Als ich mich mit den großformatigen Vokalwerken Beethovens beschäftigte, mußte ich feststellen, daß ich von Christus am Ölberge gar keine Einspielung hatte. Kurzerhand suchte ich nach einer und enschied mich für diese:


    Serge Baudo (1987)


    (P) 1987 harmonia mundi france HMC 905181 [52:28]
    rec. Juni 1986 (Auditorium Maurice Ravel de Lyon)


    Monica Pick-Hieronimi (s - Seraph)
    James Anderson (t - Jesus)
    Victor von Halem (b - Petrus)
    Choeurs et Orchestre National de Lyon
    D: Serge Baudo


    Ich hatte - warum auch immer - den Eindruck, es handelte sich um eine opi-Einspielung, was sich später beim Hören und Recherchieren als unhaltbar herausstellte: nein, das Orchester spielt mit modernem Instrumentarium, und somit muß diese Besprechung hier landen.


    Die Solisten weisen alle verschiedene Grade von Vibrato auf, klingen aber niemals schwer und unbeweglich. Sopran Monica Pick-Hieronimi hat eine helle Stimme, singt präzise, ist aber etwas schwer verständlich durch die hohe Lage; Tenor James Anderson hat ein feines Timbre und genug Durchschlagskraft in den Höhen, und sein Vortrag paßt sehr gut zur Partie; Victor von Halems Baßstimme ist profund, geht zwar nicht übermäßig tief, aber bleibt stets luftig und vehement. Die Aussprache des Deutschen ist in allen Fällen sehr überzeugend: eine Vokalverfärbung ist mir gar nicht aufgefallen, und der Duktus ist vorzüglich.


    Der gemischte Chor legt ebenfalls eine sehr gute Leistung ab: intonationssicher, sehr geschlossen, deutlich deklamierend und mit ebenso guter Aussprache bewältigt er die wenigen Chorstellen mit Bravour. Das Orchester klingt sehr homogen und präzise, rutscht nie in eine handwerklich unbefriedigende Darstellung ab: in den lyrischen wie auch in den dramatischen Stellen verliert es nie den richtigen Ton, legt eine fein abgestimmte Darstellung ab.


    Baudo erfaßt die Vorstellung einer damaligen Empfindsamkeit ziemlich gut in seiner Interpretation: das Oratorium wirkt über weite Strecken schwärmerisch und unbefangen, läßt Dramatik wirkungsvoll zelebrieren, ohne jedoch zu wuchtig zu werden. Baudo trifft genau den richtigen Punkt zwischen Pathos und Nüchternheit, erstickt nichts in großer klanglicher Soße, sondern bleibt straff und transparent. Auch wenn ich nur diese Aufnahme kenne, so wage ich doch zu behaupten, daß sie von einer erfreulichen Zurückhaltung profitiert, die den Geist des Werkes überzeugend trifft.


    Klanglich ist das Ganze sehr gut eingefangen: eine große Klangbühne mit sehr guter Abstimmung der einzelnen Gruppen - etwas leicht entfernt, aber nicht hallig abgenommen, wodurch ein sehr geschlossener Klang entsteht. Fein... *yepp*


    Fazit: :thumbup: :thumbup: :thumbup: :thumbup: