01 - Kurzbiographie

  • Joseph Boulogne Chevalier de Saint Georges
    geb. Weihnachten 1745 auf der Insel Goudeloupe in der Karibik, gest. 1799 in Paris.


    Saint Georges gehört sicherlich zu den außergewöhnlichsten Figuren der Revolutionsepoche und des Musiklebens des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Und zusammen mit François-André Danican Philidor (1726 - 1795) war auch zu Lebzeiten nicht in erster Linie für seine musikalische Tätigkeit bekannt.



    Von der Karibik nach Frankreich


    Joseph Boulogne Chevalier de Saint Georges war ein illegitimer Sohn des George de Bologne de Saint-Georges (1711–1774), eines Plantagenbesitzers und der damals 16 jährigen Sklavin Annen Nanon. So wird er auch gemeinhin als "Mozart Noir" genannt. Der Vater hatte sich in einen Streit verstrickt der in einem Duell mündete. Er verletzte seinen Kontrahenten, der wenige Tage darauf verstarb. Duelle waren unter Edelleuten verboten und wurden hart bestraft - und so traf es auch George de Bologne de Saint-Georges:
    Er wurde zum Tode verurteilt durch den Strang und all seine Besitztümer wurden eingezogen. Der Verurteilung und Hinrichtung entging der Vater durch Flucht. Eben bei dieser Flucht von der Karibischen Insel nahm George de Bologne de Saint-Georges seine Geliebte, die Sklavin Anne Nanon und ihren Sohn Joseph mit nach Frankreich.



    Karriere in Frankreich


    Joseph erhielt eine umfassende Ausbildung am Collège Saint-Louis in Angoulême, was darauf hindeutet, dass er von seinem Vater anerkannt wurde: ab 1763 benutzte er auch offiziell dessen Titel was nach dem Adelsrecht ohne Legitimation unmöglich gewesen wäre. Ebenso erklärt dies auch seine umfassende Ausbildung: Zur Ausbildung eines adeligen Knaben gehörte neben dem gewöhnlichen Schulstoff auch die Ausbildung zum Fechten, diesen Unterricht genoss er in der weit gerühmten Fechtakademie des Nicolas Texier de la Boëssière. Dieser prophezeite, Joseph würde einmal der beste Fechter Europas werden - und sollte Recht behalten. Auch eine musische Ausbildung erhielt er. Er lernte das Violinspiel bei Pierre Gaviniès (1728 - 1800) einem der berühmtesten Geigenvirtuosen Frankreichs zur damaligen Zeit.
    Sowohl im Fechten als auch auf der Violine zeigte Joseph beeindruckendes Talent. Ein weiterer Beweis für seine Anerkennung durch den Vater ist sein Eintritt in die "Garde du Corps du roi" also die Leibgarde des Königs, wie an allen Höfen Europas stellte die Garde du corps die absolute Elite im Militär - die militärische Ausbildung gehörte ebenfalls zur Ausbildung eines Adeligen.


    Schnell wurde er in die Pariser Gesellschaft eingeführt und auch in Versailles.
    Er fiel nicht nur durch seine Hautfarbe auf, sondern eben auch durch seine vielseitigen künstlerischen Talente, seinen sportlichen Höchstleistungen, sowie seine vollendete Erziehung als Edelmann.
    Joseph war sehr schnell von zahlreichen Damen umschwärmt. Als Sportler war er nicht nur als Fechter erfolgreich (er gewann in der Regel jedes Turnier) auch als Schwimmer und Eisläufer errang er beachtliche Erfolge.
    Als Musiker tat er sich bis jetzt nur in den Pariser Salons hervor.



    Chevalier de Saint Georges als Musiker


    1769 trat er dem Concert des Amateurs bei, Amateur hatte jedoch damals eine andere Bedeutung, es bezeichnete Personen, die etwas aus Leidenschaft taten (meist eine künstlerische Betätigung) ohne diese Tätigkeit als professionellen Beruf (d.h. zum Broterwerb) auszuüben - es sagt nichts über Qualität der Ausführenden aus. Zum damaligen Zeitpunkt wurde das Orchester von Gossec geleitet und hatte ein außerordentliches Renomée. Joseph wurde sehr schnell zum 1. Violinist und führte mit diesem Orchester auch bald seine eigenen Werke auf.
    1773 wurde er Gossecs Nachfolger. Bei Hofe, und besonders bei der Königin beliebt, war Joseph als Direktor der Academie Royale de Musique (die Pariser Oper) im Gespräch. Er wird auch ernannt. Aber Rassimus und Neid sind keine Erfindung unserer Zeit, einige Sänger weigerten sich unter einem "Mulatten" zu singen und der Widerstand zwang den König die Ernennung zu widerrufen.
    Auch Mozart weigerte sich unter dem Chevalier de Saint Georges im Concert des Amateurs zu spielen oder eines seiner Werke aufführen zu lassen.
    1777 gab er mit "Ernestine" sein Operndebut an der Comediè Italiènne, leider ohne Erfolg.
    Madame de Montesson (die heimliche Gattin des Herzogs von Orlèans) bat ihn um einige private Konzerte. Er erhielt zudem die Leitung der Jagdgesellschaft des Herzogs, ein äußerst begehrtes und wichtiges Hofamt. 1785 ging bereiste er Europa, vor allem England um wieder bei Schaukämpfen aufzutreten.




    der Chevalier de Saint Georges und Haydn


    1787 kehrte er erneut nach Paris zurück um seine Konzerttätigkeiten wieder aufzunehmen.
    Das Concert des Amateurs war indess wegen ständiger Finanznot aufgelöst worden. Saint Georges gründete das "Concert de la Loge Olympique". Denn wie Mozart und Haydn war auch Joseph Mitglied bei den Freimaurern.
    Dieses Orchester bestand aus ca. 60 - 70 professionellen Musiker und war das größte und beste Orchester der damaligen Zeit in Europa. Diese Orchester war sehr beliebt und muss nicht nur ein akustischer Genuß gewesen sein, denn die Mitglieder trugen alle hellblaue Seidenanzüge und begeisterten durch ihre Eleganz. Joseph kontaktierte seinen Logenbruder Haydn um Sinfonien in Auftrag zu geben, als Finanzier trat der Count D'Ogny auf, der ebenfalls Mitglied der Freimaurer gewesen ist.
    Haydn, der keine rassistischen Vorurteile hegte, stimmte sofort zu und schrieb für dieses gerühmte Orchester seine 6 Pariser Simphonien, die dann von Joseph in Paris mit großem Erfolg uraufgeführt wurden.



    die Revolution


    1789 brach die Revolution aus und das kulturelle Leben brach in Paris vorerst zusammen. Sechs Monate nach dem Bastillesturm und den sich überschlagenden Ereignissen wurde auch das "Concert de la Loge" aufgelöst und Saint Georges floh nach England. Auch diesmal verdiente er sich seinen Lebensunterhalt mit Schaukämpfen - er hatte sogar die Gelegenheit vor dem Prinzen von Wales zu kämpfen.
    1790 kehrte er wieder nach Frankreich zurück und schloss sich einer Truppe von Musikern und Schauspielern an, welche durch Nordfrankreich reiste. Doch dieses Leben als umherziehender Musiker war nicht das Richtige für ihn - er beschloss zurück in den Militärdienst zu gehen.


    In Lille wurde er Hauptmann der Nationalgarde unter dem General Theobald Dillon.
    Nach einem misslungenen Versuch, die belgische Stadt Tournai einzunehmen, wurde Dillon von seinen eigenen Soldaten ermordet - Joseph der auch in Lille ein kleines Laienorchester gegründet hatte, komponierte daraufhin ein Requiem für seinen General. Im Sommer 1792 stellte er die Légion Nationale du Midi auf. Diese Truppe mit ca. 1000 Mann stand unter seinem direkten Befehl. Sie setzte sich hauptsächlich aus Männern afrikanischer Herkunft zusammen. Der Vater des Alexandre Dumas war einer seiner Offiziere.
    Allerdings hatte diese Truppe keine militärischen Erfolge zu verbuchen und da sie unter dem Kommando von Dumouriez stand und diese Armee eine fatale Niederlage erlitt, wurde eine Untersuchung angesetzt, da man mangelnden Patriotismus vermutete.
    Mittlerweile war die Zeit der Schreckensherrschaft, des Terreur angebrochen.
    Saint Georges wurde denunziert, seines Kommandos enthoben und wanderte für 18 Monate ins Gefängnis.



    Als er entlassen wurde, führte er zunächst ein Vagabundenleben im revoltierenden Frankreich.
    1796 reiste er mit einem Freund in die Karibik, genauer nach St. Domenique (Hispaniola) zurück und schloss sich dort der Revolution des François-Dominique Toussaint L'ouverture an. Da jedoch das Gemetzel hier noch grenzenloser war als in Frankreich, reiste er enttäuscht zurück. Wieder in Paris arbeite er für kurze Zeit als Leiter eines neu gegründeten Orchesters "Cercle l'Harmonie".
    Letztendlich hatte er zur Musik zurückgefunden, 1799 starb er in Paris.


    Sein musikalisches Werk ist nicht allzu groß, was wohl an seinem mehr als bewegten Leben lag.
    Die meisten seiner Instrumentalwerke sind in Paris zwischen 1772 und 1779 erschienen.
    Hauptsächlich Violinkonzerte, Quartette und konzertante Simphonien, aber auch 6 Opern, von denen jedoch nur "l'amant anonym" aus dem Jahr 1780 erhalten geblieben ist.