04 - Sonatæ tam aris quam aulis servientes (1676) C 114-137

  • SONATÆ
    Tam Aris, quam Aulis servientes,
    DEDICATÆ
    CELISSIMO AC REVERENDI-
    SIMO PRINCIPI
    AC DOMINO, DOMINO
    MAXIMILIANO
    GANDOLPHO
    Ex S. R. I.
    COMITIBUS DE KHÜENBURG
    ARCHIEPISCOPO SALISBURG.
    S. SEDIS APOSTOLICÆ LEGATO NATO,
    S. R. I. PRINCIPI,
    Ac GERMANIÆ PRIMATI, &c.
    Domino, Domino suo Clementißimo
    AB AUTHORE
    HENRICO J. F. BIBER,
    Musico & Cubiculario ejusdem Celissimi.
    [...]
    Anno M. DC. LXXVI.


    steht am Titeblatt des ersten gedruckten Werkes von Heinrich Ignaz Franz Biber. Schon der Titel deutet an gewisse Vorbilder hin: Johann Heinrich Schmelzer gab 1659 eine Triosonaten-Sammlung aus, unter dem Titel: "Duodena selectarum sonatarum applicata ad usum tam honesti fori, quam devoti chori" - vom Inhalt gesehen steht der Bibersche druck aber eher einer späteren Sammlung des Wiener Kollegen nahe, dem "Sacroprofanus concentus musicus fidium aliorumque instrumentorum" aus 1662 (dessen Titel später im Fidicinium sacro-profanum wiederklingt), einem Satz von Kirchensonaten, besser gesagt Sonaten die den Typ der sog "österreichischen Kirchenkanzone" folgen, eine dem venezianischen Canzone (wie von Giovanni Gabrieli bekannt) abgeleitete Gattung, bei der eher kurze, voneinander in Tempo abgegrenzte Episoden aufeinander folgen. Öfters findet man in den Stücken diese Episoden übergreifendes, doch eher flüchtig bearbeitetes, thematisches Material.


    Biber knüpft nahtlos an die Tradition der Kirchenkanzone an (ein Nachleben erlebt die Gattung noch in Werken von R. Weichlein und B.A. Aufschnaiter bevor sie von der Corellischen sonata chiesa völlig verdrängt wird). Waren die Stücke von Schmelzer noch recht bunt und unterschiedlich besetzt, so versucht Biber schon ein Grundschema der Besetzung aufzustellen (was aber erst in seiner nächsten Kirchensonaten-Sammlung folgerichtig vollzogen wird): als Grundbesetzung kann man die a 5 Aufstellung ansehen: für zwei Violinen, drei Violen (in Alt- Tenor- und Bassschlüssel), und Bc. (die "Basso di Viola" - wahrscheinlich eine Violone - verdoppelt den Basso continuo) Diese kann zu a 6 mit einem in Sopranschlüssel notierten Viola, oder zu a 8 mit Sopran-Viola und zwei Clarini ergänzt werden. Man findet auch die a 5 Variante, wo einer der Violinen mit einem Clarino ersetzt wird. Es findet letzlich noch die Variante (mit Weglassung des Violenchores) mit zwei Clarini, zwei Violinen und Basso continuo. Typisch ist das chorische Gebrauch der Instrumente, wie auch vereinzelte solistische Passagen.


    Einem Ostinato-Bass - zwar sonst relativ häufig in Bibers Ouvre - bedient sich nur die Sonate VII, die gänzlich darauf aufgebaut ist; sonst findet man eher Wechsel von verschiedenen orchestralen Texturen. Die Clarino-Stimmhefte der Sammlung sind (wahrscheinlich aus ökonomischen Gründen) mit zwölf kurzen Clarinduetten ergänzt.


    Inhalt


    Sonaten C 114-125


    01 Sonata I a otto für zwei Clarini, zwei Violinen, vier Violen (drei Bratschen und "Basso di Viola") und Basso continuo
    02 Sonata II a sei für zwei Violinen, vier Violen (drei Bratschen und "Basso di Viola") und Basso continuo
    03Sonata III a sei für zwei Violinen, vier Violen (drei Bratschen und "Basso di Viola") und Basso continuo
    04 Sonata IV a cinque für Clarino, Violine, drei Violen (zwei Bratschen und "Basso di Viola") und Basso continuo
    05 Sonata V a sei für zwei Violinen, vier Violen (drei Bratschen und "Basso di Viola") und Basso continuo
    06 Sonata VI a cinque für zwei Violinen, drei Violen (zwei Bratschen und "Basso di Viola") und Basso continuo
    07 Sonata VII a cinque für zwei Clarini, zwei Violinen, "Basso di Viola" und Basso continuo
    08 Sonata VIII a cinque für zwei Violinen, drei Violen (zwei Bratschen und "Basso di Viola") und Basso continuo
    09 Sonata IX a cinque für zwei Violinen, drei Violen (zwei Bratschen und "Basso di Viola") und Basso continuo
    10 Sonata X a cinque für Clarino, Violine, drei Violen (zwei Bratschen und "Basso di Viola") und Basso continuo
    11 Sonata XI a cinque für zwei Violinen, drei Violen (zwei Bratschen und "Basso di Viola") und Basso continuo
    12 Sonata XII a otto für zwei Clarini, zwei Violinen, vier Violen (drei Bratschen und "Basso di Viola") und Basso continuo


    Clarinduette C 126-137


    01-12 zwölf kurze Stücke ohne Bezeichnung "a due", für zwei Clarini allein


    LG
    Tamás
    :wink:

    Alle Wege führen zum Bach,
    .................................... wo der kleine Biber lebt!

  • Leider ging die Sammlung während der zwei Weltkriege fast vollständig verloren. Erich Schenk konnte seine Edition nur aus einer Sparte erstelen, die auf Grund der damals noch vollstandigen Stimmbücher im Archiv von Kremsier um 1900 für DTÖ erstellt wurde. Diese moderne Edition ist heute schon urheberrechtsfrei auf imslp.org einsehbar:


    http://imslp.org/wiki/Sonatae_…inrich_Ignaz_Franz_von%29


    LG
    Tamás
    :wink:

    Alle Wege führen zum Bach,
    .................................... wo der kleine Biber lebt!

  • Wegen der besonders attraktiven, wechselnden orchestralen Farben und der teilweise sogar Virtuosität verlangenden Schreibweise findet man Auszüge aus dieser Sammlung auf verschiedenen CDs mit orchestralen Werken Bibers oder als Begleitstücke zu Einspielungen seiner Messen besonders oft; ich möchte hier nur die Gesamteinspielungen vorstellen.
    (Keine der Geamteinspielungen enthält die Clarinduette.)



    The Parley of Instruments, dir.: Roy Goodman & Peter Holman


    Goodman und Holman waren es, die zuerst (in 1985) wagten, diese Sammlung komplett Einzuspielen. Die Aufnahme kann neben den neueren meines Erachtens locker bestehen: die Interpretation ist spielfreudig, elegant und kraftvoll.



    Freiburger Barockorchester Consort


    Die Einspielung des Freiburger Barockochester Consorts ist auf zwei CDs erschienen, einmal mit Werken von Muffat, dann von Schmelzer gepaart. Die beiden CDs waren zwar nicht als Gesamteinspielung der 1676er Sammlung und auch nicht als Vol.1 und 2 markiert, dennoch: auf beiden CDs findet man sämtliche Stücke von Sonatae tam aris, quam aulis servientes versammelt. Die Interpretation ist schön, etwas ruhiger, blasser musiziert, als man es gewohnt ist diese Stücke zu hören, wenn man sich aber drauf einstellt, bieten die zwei CDs sehr schöne Momente.



    Purcell Quartet


    Für das Purcell Quartet ist meistens ein etwas analytisches, trockenes, fast schon teilnahmsloses Klangbild typisch, und das ist auch hier der Fall. Mir gefällt diese etwas englische Art, viele Effekte der Musik finden so eine schöne Ausarbeitung.



    The Rare Fruits Council, dir.: Manfredo Kraemer


    Der pure Gegensatz zu eben erwähnten englischen Einspielung: kraftvoll zupackend musiziert das bunt aus italienischen, österreichischen, deutschen und ungarischen Musikern zusammenstellte Ensemble (man könnte sich vorstellen, dass es zur Zeit von Biber in Salzburg ähnlich bunt aussah). Die beiden Clarinospieler, Anderas Lackner und Herbert Waler zeigen hier wieder, was für Meister der Naturtrompete sie sind (und endlich einmal findet man auf dem Cover den Namen von Balázs Máté richtig geschrieben... :D )



    Combattimento Consort Amsterdam, dir.: Jan Willem de Vriend


    Diese Einspielung kenne ich leider - noch - nicht, aber ihre andere Biber-Einspielung ist phantastisch, so müsste auch diese ganz gut sein.


    LG
    Tamás
    :wink:

    Alle Wege führen zum Bach,
    .................................... wo der kleine Biber lebt!

  • Die Stücke "a due" für zwei Clarini sind bisher nicht vollständig eingespielt worden. Die meisten kann man auf folgenden zwei CDs hören:


    Die Stücke Nr. 1-8, 10, 11 finden sich auf dieser CD mit musica Antiqua Köln unter Reinhard Goebel:


    Nr. 1-6, 10 mit Clemencic Consort:


    LG
    Tamás
    :wink:

    Alle Wege führen zum Bach,
    .................................... wo der kleine Biber lebt!


  • Hat lange gedauert, aber nun habe ich auch diese Einspielung schließlich erworben - und bereue fast, dass ich schon nicht früher mich dazu etschlossen habe: die ist nämlich ganz große klasse - sie hat Referenzwert für mich.


    Was sofort bemerkbar ist, ist die große Spielfreude mit der hier gespielt wird, man scheut auch nicht etwas zu "rumexperimentieren": volksmusikalische Anklänge werden herausgearbeitet, es wird mutig verziert, die stilistischen Bezüge zu den Solowerken Bibers dadurch viel mehr offengelegt, als z.B. bei der schönen, aber etwas zu braven Einspielung des Purcell Quartets.


    Der Klang ist perfekt, transparent, gut schattiert, wenn auch etwas laut - aber das mag ich eigentlich.


    Von den bisher entsandenen 5 Gesamteinspielungen der Sammlung hat für mich eindeutig das Combattimento die Palme. Ganz-ganz große Empfehlung!


    Schade dass sie leider aus dem Katalog ist...


    LG
    Tamás
    *castor*

    Alle Wege führen zum Bach,
    .................................... wo der kleine Biber lebt!