07 - Mensa sonora (1680) C 69-74

  • MENSA SONORA
    SEU
    MUSICA INSTRUMENTALIS,
    Sonatis aliquot liberiùs sonantibus
    AD MENSAM,
    [...]


    oder, verdeutscht:


    Die Klingende Taffel/
    oder
    Istrumentalische Taffel=Music/
    mit frisch=lautenden Geigen=Klang
    Dem Hochwürdigisten/ Hochgebornen Fürsten
    und Herrn/ Herrn
    MAXIMILIANO
    GANDOLPHO,
    Erzbischoffen zu Salzburg/
    Legaten deß H. Apostol. Stuls zu Rom/
    Und
    Grafen von Khüenburg/ &c. &c.
    GERMANIÆ PRIMATI.
    Zu gehorsambisten Diensten angestimmet/
    Durch
    Hainrich I. F. Biber / Hochfürstl. Vice-Capellmaistern.
    M. DC. LXXX.


    Etwa ein Jahr nachdem Biber am 12. Dezember 1678 zum Vizekapelmeister ernannt worden war, widmete er eine Sammlung von sechs Suiten - oder wie er sie nennt: Partes (nach der auf deutschem Boden üblichen italienischen Bezeichnung, "Partita") - sozusagen als "Dankeschön" dem Erzbischof. Diese Stücke markieren bereits den Weg zum kammermusikalischen Stil von Fidicinium Sacro-Profanum. Alle Stücke sind vierstimmig, für Violine, zwei Bratschen (im Alt- und Tenorschlüssel) und aus Cembalo und Violone gebildeten Basso Continuo gesetzt. Die Bratschen haben auch hier eine prominente Rolle, es kommt sogar öfters vor, dass bei Vollstimmigkeit die Mittelstimmen die Melodie tragen, oder sie die homophon gestaltete Melodie mit bewegten Linien umspielen: ein besonders schönes und eingängiges Beispiel ist die Sarabande von Pars I, wo zwischen den beiden Bratschen die die Haupstimme umspielenden Figuren hin und hergeworfen werden. Die Stücke beinhalten aber auch Stellen, wo der Violine eine prominentere, solistisch anmutende Rolle zu Teil wird. Die Suiten sind eher kurz, jedoch sehr sorgfältig ausgearbeitet, es finden sich wahre Perlen unter den kurzen Sätzen.


    Inhalt C 69-74


    01 Pars I in D-dur
    Sonata (Grave-Allegro) - Allamanda - Courante - Sarabanda - Gavotte - Gigue - Sonatina (Adagio)
    02 Pars II in F-dur
    Intarada (Alla breve) - Balletto (Alla breve) - Sarabanda - Balletto (Alla breve) - Sarabanda Balletto (Alla breve)
    03 Pars III in a-moll
    Gagliarda (Allegro) - Sarabanda - Aria - Ciacona - Sonatina (Adagio-Presto)
    04 Pars IV in B-dur
    Sonata (Grave-Allegro-Adagio) - Allamanda - Courante - Balletto - Sarabanda - Gigue (Presto) - Sonatina (Adagio)
    05 Pars V in E-dur
    Intrada (Allegro) - Balletto - Trezza - Gigue - Gavotte (Alla breve) - Gigue - Retirada
    06 Pars VI in g-moll
    Sonata (Adagio-Presto) - Aria - Canario (Presto) - Amener - Trezza - Ciacona - Sonatina (Adagio-Presto)


    LG
    Tamás
    :wink:

    Alle Wege führen zum Bach,
    .................................... wo der kleine Biber lebt!

  • Ich weiß derzeit über vier Gesamteinspielungen der Sammlung:



    Musica Antiqua Köln, Leit.: Reinhard Goebel


    Die erste Gesamtaufnahme der Sammlung, bis heute mit Referenzwert. Man hört hier sehr gut gewählte, aber eher moderate Tempi, die mit akkuratem, kraftvollem Spiel belebt werden. Aus irgendeinem Grund, hat Goebel hier vorgezogen, längere Strecken fast Tenuto zu spielen, wodurch ein stark rhytmisiertes Klangbild entsteht, doch gefällt mir das nicht immer so gut. Ein zweites Problem - das aber alle Einspielungen der Sammlung gemein haben - ist, das die Altbratsche durch eine Violine besetzt wurde, was mE zu einem verzerrten Klangbild führt: die zweite Stimme wird so der ersten angenähert, statt dass sie der dritten angeknüpft wäre. So hat man den Eindruck eines Violinduos in der Oberstimme, statt einer solistischen Violine.



    La Follia Salzburg


    Die Aufnahme würde mir sehr gut gefallen, wären da nicht einige Kleinigkeiten: einerseits ist die Altbratsche auch hier mit Violine besetzt, aber das größte Problem ist eher klangtechnisch: man wollte scheinbar das Continuo-Cembalo besonders hörbar machen, so befindet es sich aber so sehr im Vordergrund, dass es die Streicher sogar fast verdeckt, als hörte man Cembalokonzerte.



    The Purcell Quartet


    Eine sehr ausgeglichene Aufnahme, die mir sehr gut gefällt. Mein einziges Problem ist hier nur die Entscheidung die zweite Stimme statt Altbratsche mit Violine zu spielen. Die Interpretation ist vielleicht nicht so expressiv, wie die von Goebel, aber sehr angenehm zu hören und schön durchhörbar.



    Baroque Band, Leit.: Garry Clark


    Diese ist bisher die einzige Einspielung, wo man sich für ein mehrfach besetztes Ensemble entschied. Ich habe die Einspielung nicht gehört, aber es gibt im Netz eine nicht sehr schmeichelhafte Besprechung über sie. Wie es scheint werden die Altbratschen auch hier mit Violinen besetzt.


    LG
    Tamás
    :wink:

    Alle Wege führen zum Bach,
    .................................... wo der kleine Biber lebt!

  • Pars III ist das Erfolgsstück der Sammlung, meistens ist diese Suite für das Programm verschiedener Auswahl-CDs gewählt. Nach meinen Schätzungen liegt dieser Stück der Sammlung in den meisten Einspielungen vor. Hier einige Beispiele:



    Dazu kommen noch natürlich die Gesamteinspielungen der Sammlung.


    Aus dieser Suite in a-moll beschäftigt mich seit Langem die Ciacona, die ich für eines der genialsten Ostinato-Sätzen Bibers halte (und er hat nicht wenige geschrieben). Da ich mir vor Kurzem die Partiturausgabe der DTÖ gekauft habe (Fidicinium Sacro-Profanum wollte ich auch, ist aber leider vergriffen ;( ), habe ich mich entschlossen, diesen Satz kurz vorzustellen.


    Es ist zwar einfach als Ciacona betitelt, trägt aber auch Züge einer Passacaglia, inwieweit, das möchte ich gleich zeigen.


    Zunächst wird das zweiteilige Thema vorgestellt: der erste Teil basiert auf den absteigenden Tetrachord (a-g-f-e) und führt eine Melodie vor, die leicht auf die Passacaglia für Solovioline aus den Rosenkranzsonaten erinnert (dort ja ebenfalls über den absteigenden Tetrachord in g-moll). Der melancholisch absteigenden Linie dieser Melodie wird im zweiten Teil eine zackigere, entschiedenere, aber ebenfalls absteigende Melodie gegenübergestellt, der Bass dazu richtet sich auf vom Grundton a bis zur Dominante um dann wieder auf a zu schließen. Beide Teile sind zwischen Wiederholungszeichen gesetzt.


    Nun kommen lediglich nur zwei Variationen: interessant dabei, dass nur der erste Teil variiert wird, der zweite kehrt - ähnlich der Rondo-Prinzip der Lullischen Passacaille - nach den beiden Variationen unverändert wieder.


    Die beiden Variationen dehnen das originale viertaktige Thema aus: in der ersten wird eine einfache, aber in ihrer Instrumentiereung wunderbar ausgearbeitete Skala-Motiv dem Tetrachord-Bass gegenübergestellt, der Bass wird dabei 5mal wiederholt. Diese Skalen-Motivik kommt am Anfang der zweiten Variationsreihe der Passacaglia für Solovioline auch vor. Bei der Variation werden die Konturen des Basses langsam aufgelöst, bis sie bei der dritten Wiederkehr soweit verschwinden, dass sie in Septimen nach oben schießen (A-g-f'-e'') über Violone-Tenorbratsche-Altbratsche. Bei der fündten und somit schließenden dieser Variation werden in der Violine die Themen des zweiten Teils (erster Takt) mit dem ersten (zweiter Takt) kombiniert (NB: über den Bass des ersten Teils!)


    Die unveränderte Wiederkehr des zweiten Teils leitet zur zweiten Variation rüber.


    Eine chromatich absteigende Linie in der Altbratsche eröffnet die Variation und wird imitativ von der Violine auch aufgegriffen. Dazu gesellt sich zunächst in der Tenorbratsche die Melodie des ersten Teils des Themas um dann mit dem chromatischen Motiv zu folgen, das Thema des ersten Teil erklingt nun auf der Violone, dazu knüpft die Violine kurz an die Skalenmotivik der erstenvariation an, um schließlich auch das Thema des ersten Teil zu übernehmen - im Bass erkingt nun das chromatische Motiv - eine verkappte Doppelfuge also.


    Der Satz wird vom unveränderten zweiten Teil geschlossen.


    Biber gelingt es hier eine große Dichte an Varitionsmöglichkeiten aufzuzeigen, wie bei einer Passacaglia, entfernt er sich teilweise vom ursprünglichen Bassmotiv (um die Melodie als Bassthema zu benutzen, oder ihn in Oktaven aufzulösen), und nutz das Formprinzip der zweiteiligen Ariavariation um eine Reminiszenz an das Passcaglia-Rondo zu bilden, und entwickelt dabei sogar eine imitative Struktur. Ich finde den Satz einfach nur bewundenswert und genial.


    LG
    Tamás
    :wink:

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  • Baroque Band, Leit.: Garry Clark


    Diese ist bisher die einzige Einspielung, wo man sich für ein mehrfach besetztes Ensemble entschied. Ich habe die Einspielung nicht gehört, aber es gibt im Netz eine nicht sehr schmeichelhafte Besprechung über sie. Wie es scheint werden die Altbratschen auch hier mit Violinen besetzt.


    Gestern Abend habe ich die erste Hälfte der Aufnahme aufmerksam durchgehört.



    Ich sehe die Eispielung bei Weitem nicht so negativ, wie die erwähnte Besprechung im Netz. Die etwas größere Besetzung (5-4-2-2) macht sich gut bezahlt, obwohl sie auch mir etwas unausgeglichen vorkommt. Es gibt sehr viele Stellen, die ich sehr gut gelöst und ausgearbeitet finde, eigentlich so, wie ich das mir wünsche - nur wirkt die ganze Interpretation leider etwas steif und einstudiert, es fehlt die spielfreude. Und das macht den Unterschied zwischen einer guten und einer mittelmäßigen Einspielung.


    Da ich aber mit keiner der bisherigen Einspielungen restlos zufrieden bin, fällt auch diese Aufnahme nicht erheblich von den anderen ab. Hoffentlich kommt bei Ars Antiqua Austria auch diese Sammlung mal an die Reihe... *flirt*


    LG
    Tamás
    *castor*

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    .................................... wo der kleine Biber lebt!


  • Eine kleine Bemerkung zur Aufbau der Sammlung und der Suiten:


    Es ist augefällig, dass die Sammlung auf zwei gleich angelegte Teile zu gliedern ist, zu zwei Dreiergruppen:


    die je erste Partita mit einer gewöhnlicheren Tanzfolge zwischen einer Sonata als Eröffnungs- und einer Sonatina als Schlusssatz.
    die je zweite fängt mit einer Intrada an, und stellt ein Tanztypus in den Mittelpunkt (in II die Sarabanda, in V die Gigue - je zweimal)
    und die je dritte hat neben veralteten Tanzformen (Gagliarda resp. Canario) eine Aria und eine Ciacona und als Schlussatz eine Sonatina.


    Beide Ciaconen gehören - trotz ihrer Kürze - zu den ausgefeiltesten Ostinato-Kompositionen Bibers. Die erste habe ich oben genauer beschrieben, die zweite spielt ausgiebig mit dem Stimmentausch und ist noch mehr auf kontrapunktische Spielereien angelegt, als die der Dritten Partita.


    LG
    Tamás
    *castor*

    Alle Wege führen zum Bach,
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