10 - Programmmusik

  • Neben den "Rosenkranz-Sonaten" sind wohl die größten "Hits" von Biber heute seine Programmmusiken. Es fasziniert Vielen von uns heute, wie er Tiere, Schlachten, eine Prozession im Dorfe,oder ganz einfach die nächtliche Stimmung von Salzburg des 17. Jhts. in Töne setzt. Vor nicht so langer Zeit war Programmmusik ja noch verpönt: wie es kommt, dass wir heute wieder einen Zugang dazu gefunden haben, dürfte auch eine Diskussion Wert sein.


    Man kann folgende Stücke von Biber zu dieser Kategorie rechnen:


    - Balletti Lamentabili à 4, in e-moll, C 59
    - Battalia à 10, in D-dur, C 61
    - Serenada à 5, in C-dur ("Nachtwächter-Serenade") C 75
    - Sonata à 6 die pauern-Kirchfahrt genandt, in B-dur, C 110
    - Sonata violino solo representativa, in A-dur, C 146


    (freilich kann man auch die "Rosenkranz-Sonaten", C 90-105, dazuzählen, die werden aber gesondert besprochen)


    LG
    Tamás
    :wink:

    Alle Wege führen zum Bach,
    .................................... wo der kleine Biber lebt!

  • Dieses Stück für Violine und Basso continuo gehört wohl zu den bekanntesten Werken Bibers. Über ihre Entsehung ist relativ wenig bekannt: sicher ist, dass sie noch in Kremsier komponiert wurde, also zwischen 1668 und 1670. Aus 1669 ist ein Brief überliefert, wonach der Olmützer Bischof, Karl Liechtenstein-Castelcorn bei Johann Heinrich Schmelzer (der ja auch für seine Programmmusiken bekannt ist und womöglich auch war) ein Stück bestellt hat, in dem "Vogelgesang" zu hören sein sollte. Wenig später (31. Januar 1669) soll das Stück schon fertig geworden sein, alle nicht-programmatischen Teile waren notiert,

    Zitat

    aber die stimb der Vögel und Geschrey der anderen thier müesten aus dem Kopf studiert werden

    . Ob das eine improvisierte Vortragsweise bedeutet, oder dass Schmelzer nicht willens war, seine Praktiken in Notenschrift preiszugeben, kann man nur erraten. Fest steht aber, dass wir die Sonate von Biber haben, als Pendant zum verlorenen Schmelzer-Stück. (Spannenderweise gibt es für mehrere Stücke Bibers ein Pendant oder Urbild in Schmelzers Schaffen - darauf möchte ich später in einem anderen Thread noch engehen...)


    Jedoch ist nicht nur diese verschollene Schmelzer-Sonate die einzige Quelle für Biber: viele der Tierstimmen übernimmt er wortwörtlich aus der damals umfassendsten musiktheoretischen Studie, der Musurgia unversalis von Athanasius Kircher (wir wissen sogar, dass er die lateiniche Ausgabe des Werkes benutzt haben muss, da in der deutschen Übersetzung die Bildtafel fehlt - das zeugt auch von der große Bildung von Biber).


    Jedem Tier widmet Biber einen eigenen Satz, oft mit einem kleinen (nicht-programmatischen) Nachsatz ergänzt.


    Der Verlauf des Stückes
    - (Sonata) Allegro
    - (Gigue) 6/4 (über das Thema der Sonata)
    - "Nachtigal"
    - (Nachsatz)
    - "Cu cu"
    - (Nachsatz)
    - "Frosch"
    - (Nachsatz) Adagio
    - Allegro: "Die Henn" und "Der Hann"
    - (Nachsatz) Presto
    - Adagio: "Die Wachtel"
    - (Nachsatz)
    - "Die Katz" (zweiteilige Aria)
    - "Musquetir Mars" (ob damit Biber andeuten will, die Soldaten seien eine Art Tier? - wie später ein anderer Komponist die Pianisten für welche gehalten hat...?)
    - Allemande


    Der Schluss mit einer Allemande ist etwas ungewöhnlich: sonst steht dieser Tanz meistens am Anfang: ob das ein gewollter Streich ist oder eine Andeutung: "hier fängt eine Suite an", ist eine Frage, die wohl ohne Antwort bleibt.


    Von diesem Werk gibt es bereits unzählige Einspielungen. Da mir eine komplette Diskographie dazu (noch?) fehlt, begnüge ich mich damit, meine Lieblingseinspielung zu empfehlen:



    Andrew Manze interpretiert die programmatischen Teile mit viel Freiheit, um einer barocken Tierdarstellung möglichst nachzukommen (s. oben die Anweisung Schmelzers!) und um den Witz der Biberscher Musik bis zum letzten Tropfen auszukosten - ob der Herr Biber auch so gemacht hat, können wir ja nicht wissen, so viel Humor verzaubert aber mich ganz.


    LG
    Tamás
    :wink:

    Alle Wege führen zum Bach,
    .................................... wo der kleine Biber lebt!

  • Guten Tag


    Zitat

    Sonata violino solo representativa [...] Von diesem Werk gibt es bereits unzählige Einspielungen.


    Erstmals hörte ich vor gut 40 Jahren noch auf LP die Sonate auf dieser



    Einspielung mit den Concentus Musicus Wien. Damals wirklich was Neues. Reinhard Goebel hat mit seiner musica antiqua Köln ebenfalls in seiner Aufnahme



    von Bibers "Mensa Sonora" die Tiersonate homogen und mit zügigen Tempi mit aufgenommen.


    Gruß :wink:


    aus der Kurpfalz


    Bernhard

    «Es ist wurscht, ob das jemand versteht, aber es muss gesagt werden» (Samuel Beckett)

  • Hier, ohne die Absicht der Vollständigkeit, einige weitere CDs, die die Sonata representativa enthalten:





    Zu den Einspielungen von Lucy van Dael und Gunar Letzbor fand ich keine Bilder.


    Ich kenne noch zwei "omi" Aufnahmen, beide auf LP:


    Ernst Kovacic hat sie zusammen mit den Sonaten I und IV aus der Violinsonaten-Sammlung aus 1681 für polyhymnia eingespielt.


    Eine schöne Interpretation mit Eduard Melkus kann man auf der Supraphon-LP, mit dem Titel: "Hudba na zámku v Kromerizi, 16.-18. století" hören (zusammen mit Instrumental- und Vokalwerken von Jacobus Gallus, Anton Neumann, Alessandro Poglietti, Giacomo Carissimi, Johann Pezel, Paul Vejvanovsky, Jan Tomás Kuznik, Johann Schmelzer und Jan Kritel Tolar)


    LG
    Tamás
    :wink:

    Alle Wege führen zum Bach,
    .................................... wo der kleine Biber lebt!

  • Zu den Einspielungen von Lucy van Dael und Gunar Letzbor fand ich keine Bilder.


    Die Einspielung von Gunar Letzbor mit Ars Antiqua Austria ist inzwischen bei Pan Classics wiederveröffentlicht worden:


    Eine hörenswerte Interpretation!


    LG
    Tamás
    :wink:

    Alle Wege führen zum Bach,
    .................................... wo der kleine Biber lebt!

  • Guten Tag


    Ein nicht minder originelles Werk ist Bibers Sonata à 6 in B-Dur „Die Pauernkirchfahrt genannt“ . Die Besetzung besteht aus Violine I-III , Viola I + II sowie B.c. , und wurde vor 1670 in Kremsier komponiert. Diese drastische Programmmusik schildert einen ländlichen Prozessionsfeiertag. Der einleitende Sonata , ein zweigeteilter Satz (Adagio – Presto) stellt in stilisierter Form eine Versammlung von Leuten zu einer Prozession dar. In dem als "Pauernkirchfahrt" bezeichneten nächsten Satz hört man eine Übertragung des Gesanges auf Streichinstrumente, die hohen für die Frauen, die tiefen für die Männer, eine choralähnliche Melodie. Das Herannahen, Vorbeiziehen und Sich-Entfernen einer Prozession wird durch crescenti und descrescent musikalisch ausgedrückt. Im folgenden Adagio erreicht die Prozession die Kirche, durch Bogenvibrato geht der Streicherklang in Orgelklang über und soll wohl einen eingeschalteten Tremunlanten imitieren. Die folgende Aria stellt ein inbrünstig gesungenes Kirchenlied dar. Nach der Kirche geht es selbstverständlich in eine Dorfschenke, ein derber Tanz wird dort aufgespielt, das reizvolle Stück endet mit einem höfischen Andante.


    Von der Pauernkirchfahrt habe ich drei Einspielungen:



    eine ansprechende Aufnahme von 1971 mit dem Concentus musicus Wien,


    diese aus 1990 stammende, impulsive Einspielung



    mit der musica antiqua Köln,


    diese etwas zurückhaltend musizierte Aufnahme



    mit dem Ensemble Armonico Tributo,


    und diese neue Einspielung



    mit dem dynamisch spielenden und etwas an die Harnoncourtaufnahme erinnerten Concerto Stella Matutina.



    Gruß :wink:


    aus der Kurpfalz


    Bernhard

    «Es ist wurscht, ob das jemand versteht, aber es muss gesagt werden» (Samuel Beckett)

  • Von der Pauernkirchfahrt habe ich drei Einspielungen:


    zu die drei die du erwähnt hast, kann ich noch folgende drei hinzufügen, damit es sieben sind... :D



    Eine sehr ansprechende, lebendige Einspielung mit dem New London Consort unter der Leitung von Philipp Pickett.



    Eine etwas getragene, aber sehr Stimmungsvolle Einspielung mit der Wiener Akademie (Konzertmeister: Gunar Letzbor) unter Martin Haselböck



    Und meine Lieblingseinspielung mit dem Combattimento Consort Amsterdam unter Willem de Vriend: witzig, farbig und mitreißend.


    Von den Einspielungen, die du erwahnst hat, kenne ich die Einspielung mit dem Concerto Stella Matutina noch nicht, aber das wird sich schon am Montag, oder Dienstag ändern... *hüpf*


    LG
    Tamás
    :wink:

    Alle Wege führen zum Bach,
    .................................... wo der kleine Biber lebt!

  • Guten Tag


    Am fürstbischöflichen Hof zu Salzburg wurde nicht nur gebetet und fromme Lieder gesungen, wohl zur Feier des Karnevals komponierte Heinrich Ignaz Franz Biber 1673 zur Unterhaltung auch eine Schlachtenmusik mit dem Titel:


    „Battalia / das liederliche Schwärmen der Musquetier, Mars /
    Die Schlacht Undt das Lamento der Verwundten mit Arien /
    imitiert Undt Baccho decidiert /
    von H. Biber / Ao. 1673 /
    à / 3 Violin / 4 Viol. / 2 Violone / 1 Cembalo.“


    Die Schlachtenmusik ist wohl unter Zeitdruck komponiert worden, Biber schrieb:


    Das ist in Eyl abcopirt worden


    In dieser Sonate hat Biber keine Tier- oder Vogelstimmen, sondern eine Schlacht musikalisch imitiert, eine „Kriegsberichterstattung“, Biber wurde bestimmt durch das Baletto „Die Fechtschuel“ seines Freundes und Lehrers (?) Johann Schmelzer inspiriert. Die Battalia beginnt mit einer Sonate in der bestimmte Töne mit dem Holz des Bogens gespielt werden. Biber gab hierzu genaue Anweisungen:


    NB: wo die Strich sindt mus man anstad des Geigens
    mit dem Bogen klopfen auf die Geigen, es mus wol probiert werden
    .“


    Der 2. Satz trägt den Titel „Die liederliche Gesellschaft von allerley Humor“ in dem gleichzeitig acht betrunkene Musketiere verschiedene volkstümliche Weisen durcheinander singen.
    Einige der Lieder wurden zwischenzeitlich identifiziert:


    - Ne takes my mluvuel
    - Kraut und Rüben haben mich vertrieben
    - Vojansky figator
    - Nambli wol kann ietz jetzt glauben


    Dazu schrieb Biber:


    Hier ist alles dissonat, denn
    so sind es die Betrunkenen gewohnt, verschiedene Lieder zu brüllen
    “.


    Dem Bild des betrunkenen Soldaten folgt ein Presto, eine elegante Fechtszene der Offiziere.
    Danach der Satz „Der Mars“, den Marsch der Musketiere durch angedeutete Klänge der Pfeifen und Trommeln imitierend. Biber macht zum Marsch die Anmerkung:


    Der Mars ist schon bekannt, aber ich hab ihn nicht bösser wissen zu verwenden,
    wo die Druml geht im Bass mues man an die Seiten ein Papier machen das es einem Strepitum gibt, in Mars aber nur allein.


    Die Zuhörer werden vielleicht den „Mars“ schon aus seiner "Sonata violino solo representativa" gekannt haben ?
    Ein 2. Presto, ein Reiterstück und eine Aria, in der die Soldaten von besseren Zeiten
    oder ihrer Liebsten träumen, folgen. Das Herzstück der Battalia ist die musikalische Darstellung der Schlacht. Trompetengeschmetter und Schüsse aus Kanonen (Stuck) hört man knallen, die Hitze des Gefechtes wird auch durch Signale und Tremolieren angedeutet.
    Bibers Anmerkungen hierzu lauten:


    Die Schlacht mus nit mit dem Bogen gestrichen werden , sondern mit der rechten Handt die Saite geschnelt wie die Stuck. Undt starck !


    Den Abschluss bildet das „Lamento der Verwundten Musquetier“, man scheint Schmerzen und Wehklagensstimmung zu hören.


    Von Biber "Battalia" habe ich einige Einspielungen:



    Zwei Einspielungen durch den concentus musicus Wien von 1966



    und von 1971



    Die Battalia war lange das Paradestück von Harnoncourts Truppe bei ihren Konzerten, habe sie 1972 bei den Schwetzinger Festspielen gehört. Damals hat solch eine Programmmusik bei den Zuhörern noch etwas Verwunderung ausgelöst. Harnoncourts Aufnahmen gehören seit Jahrzehnten noch immer zu meinen Favoriten.


    Flott gestrichen wird auch in Aufnahme mit der Musica antiqua Köln:





    Etwas hallig wirkt diese



    Einspielung mit dem Ensemble Le Concert des Nations


    Ein gegensätzliches Klangbild zu den Einspielungen hört man auf dieser



    Einspielung durch das Ensemble Il Giardino Armonico


    Etwas gediegen musiziert auf dieser



    Aufnahm das Ensemble Armonico Tributo.



    Gruß :wink:


    aus der Kurpfalz


    Bernhard

    «Es ist wurscht, ob das jemand versteht, aber es muss gesagt werden» (Samuel Beckett)

  • Ergänzed möchte ich noch folgende Einspielungen erwähnen, die ich kenne:



    Eine sehr amüsante Einspielung durch das New London Consort.



    Treffend dargeboten von der Wiener Akademie. Die Darbietung der "liederlichen Gesellschaft" gefällt mir hier am meisten.



    Eine etwas zurückhaltende, sehr englische Auffassung vom dem Purcell Quartet



    Und eine herzhaft-chaotische, stellenweise sogar erschreckende vom Combattimento Consort Amsterdam


    LG
    Tamás
    :wink:

    Alle Wege führen zum Bach,
    .................................... wo der kleine Biber lebt!

  • Etwas brav und steif aber klanglich sehr gut ist die Aufnahme der Battalia mit der Baroque Band aus Chicago unter Gary Clarke:



    LG
    Tamás
    *castor*

    Alle Wege führen zum Bach,
    .................................... wo der kleine Biber lebt!

    • Offizieller Beitrag

    Die sogenannte Nachtwächter-Serenade und die Sonata Representativa sind auch auf dieser vor Spielfreude strotzdenden CD enthalten:


    [imgwidth=250]http://www.eroica-klassikforum…ny/photo-324-b655067f.jpg[/img]


    Ensemble „Eine liederliche Gesellschaft von allerley Humor“


    Die "Representativa" hat einen durchaus ungewöhnlichen Schluß, der so sicherlich nicht in den Noten steht... ob das historisch informierte Tiere sind?


    *lol*


    Zu beziehen ist diese CD nicht im freien Handel, sondern lediglich über die Homepage des Ensembles.

    Alles sollte sein wie es war - und nicht wie wir es uns wünschen!

    (HIPpokrates)