01 - Kurzbiographie

  • Als Stoff für das erste Drama, das ich für Martini bestimmte, hatte ich den 'Gutherzigen Griesgram' gewählt. Ich machte mich ans Werk. Kaum war dieser Plan Casti bekannt, als er sich auch, von dem doppelten Verlangen beherrscht, Hofpoet zu werden und sich meiner zu entledigen, beeilte, überall auszubreiten: der Stoff wäre für eine Opera buffa schlecht gewählt. Er hatte die Kühnheit, diese Worte von dem Souverän zu wiederholen, der mir sagen zu müssen glaubte: "Da Ponte, Ihr Freund Casti behauptet, Ihr 'Gutherziger Griesgram' würde nicht zum Lachen reizen."


    "Sire", antwortete ich, "ich wäre glücklich, wenn er ihn zum Weinen reizte."


    "Das hoffe ich", setzte Joseph II. hinzu, der sogleich den Doppelsinn begriff. Die Oper wurde aufgeführt und gefiel von Anfang bis zum Ende. Man sah mehrere Zuschauer und den Kaiser selbst sogar die Rezitative darin applaudieren. "Wir haben gesiegt", sagte Joseph II. leise zu mir, als er nach der ersten Vorstellung neben mir in der Vorhalle der Logen, wo ich mich aufgestellt hatte, vorüberging. Diese drei Worte hatten höheren Wert für mich, als hundert Seiten voll Lobeserhebungen.¹


    Lorenzo da Ponte (1749-1838) logierte seit 1781 in Wien, wo er 1785 auf Vicente Martín y Soler (oben als Martini benannt) traf. Die erste Zusammenarbeit ließ den Erfolg der Oper Il Burbero di buon cuore, dramma giocoso in zwei Akten, ernten, als das Stück am 4. Jan. 1786 im Burgtheater erstmals in Szene ging. Das Textbuch hatte da Ponte von Carlo Goldoni (1707-1793) adaptiert. Die Kooperation ließ im gleichen Jahr Una Cosa rara, o sia Belezza ed onestà nach Luis Vélez de Guevara (1579-1644) La luna della Sierra folgen, uraufgeführt am 17. November 1786, ebenfalls im Burgthater Wien. Mit diesem Werk fegte Martín y Soler Mozarts im Mai uraufgeführte Le Nozze di Figaro (zu welcher da Ponte ebenfalls das Libretto dichtete) regelrecht vom Tisch.


    Una cosa rara (eine seltene Sache) war ein Werk, das ganz dem damaligen Wiener Geschmack huldigte; schon bald gab es die üblichen Coverversionen: Martín y Soler brachte selbst (1795) verschiedene Divertimenti für Bläser mit Themen aus seiner Oper heraus, eine Harmoniemusik von Johann Nepomuk Wendt (1745-1801) kursierte neben einer Streichquartettfassung eines heute nicht mehr eruierbaren Arrangeurs. Niemand anderes als Emanuel Schikaneder (1751-1812) klinkte sich in den Erfolg ein und schuf das Textbuch zu Der Fall ist noch weit seltener als Fortsetzungsgeschichte zur Cosa rara. Das Stück wurde am 10. Mai 1790 mit Musik von Benedikt Schack (1758-1826) uraufgeführt. Mozart erwähnt das Werk gleich kurz nach der Uraufführung Anfang Juni 1790: ...gestern war ich in dem zweyten Theil von der Cosa rara - gefällt mir aber nicht so gut wie die Antons.² ('Die Antons' war ein beliebter Mehrteiler aus Schikaneders Feder, Musik von diversen Komponisten). Und schließlich war es auch Mozart selbst, welcher die Cosa rara - trotz ihrer Untat gegenüber dem Figaro - in unsere Tage hinüberrettete: es kann als Beweis der Beliebtheit dieser Oper gelten, daß Mozart die Arie O quanto un si bel giubilo aus Martín y Solers gefeiertem Werk im Finale II seines Don Giovanni zitiert: so freut sich Leporello, als er die Töne erkennt: Bravi! "Cosa rara"! (man beachte die vorbildliche Quellenangabe zu jenen Zeiten, wo das Copyright noch mehr oder minder ein Fremdwort war). Mozart verarbeitet die Rivalität der Cosa zu seinem Figaro natürlich nicht ohne einen gewissen (nicht boshaften) Spott, so daß er nach einer Melodie aus Giuseppe Sartis (1729-1802) komischer Oper Fra due litiganti il terzo gode selbstverständlich auch seinen Figaro zitiert.



    Vicente Martín y Soler (1754-1806)


    Atanasio Martín Ignacio Vicente Tadeo Francisco Pellegrin y Soler wurde am 2. Mai 1754 in Valencia geboren. In seiner Kindheit war er als Chorsänger an der dortigen Kathedrale mit Musik in Berührung gekommen. Er studierte Musik bei Giovanni Battista Martini (1706-1784) in Bologna (offenbar in einem Crashkurs) und kehrte 1775 nach Spanien zurück, wo er als gerade einmal zwanzigjähriger mit Il tutore burlato in Madrid debütierte. Das Libretto basiert auf La finta semplice von P. Milotti und wurde 1778 als La Madrileña (in spanischer Sprache als Zarzuela) erneut aufgelegt. Zum Geburtstag von König Ferdinand I. von Neapel-Sizilien (1751-1825) wurde er ebenso mit einem Auftragswerk bedacht, wie für dessen Namenstag. So entstanden Ifigenia in Aulide (Neapel, 12. Januar 1779) und Ipermestra (30. Mai 1780), letztere auf ein Libretto Pietro Metastasios (1698-1782). Der blutjunge Komponist wurde weiter in Italien herumgereicht und komponierte für Turin Andromaca (UA 26. Dezember 1780) und für Lucca Astartea (1782, Metastasio). Neapel knöpfte dem Opernwunder 1782 gleich zwei Werke ab: Partenope (Februar 1782, Metastasio) und L'amor geloso (Sommer 1782). Für Venedig lieferte er im Herbst 1782 In amor ci vuol destrezza ab, es folgten Vologeso (Turin, Karveval 1783), Le burle per amore (Karneval 1784, Venedig) und für Parma La vedova spiritosa (Karneval 1785), bevor er nach Wien kam.


    Zusammen mit Lorenzo da Ponte wurde hier noch ein drittes Werk produziert: L'arbore di Diana (UA 1. Oktober 1787). Da Ponte, der gleichzeitig an Libretti für Mozart, Martini und Antonio Salieri arbeitete, berichtet über seine Tätigkeit: Salieri verlangte kein Originalstück. Er hatte in Paris die Musik zur Oper Tarare geschrieben und wünschte nun diese Musik einem italienischen Texte anzupassen. Er brauchte also nur eine freie Übersetzung. Was Mozart und Martini betrifft, so überließen diese mir die Wahl des Sujets. Ich bestimmte für den ersten 'Don Giovanni', der entzückt davon war, und für den zweiten den 'Baum der Diana', einen mythologischen Stoff, der aber mit seinem Talent im Einklang stand, denn dieses war voll von jenem süßen Melodienreichtum, welcher zwar mehr als einem Komponisten angeboren ist, den aber nur seltene Ausnahmen wiederzugeben verstehen. [...] Ich unterzog mich also der Pflicht, zwölf Stunden täglich hintereinander mit nur kurzen Unterbrechungen zu arbeiten, und führte dies zwei Monate lang durch. [...] So zwischen dem Wein von Tokaj, dem Schnupftabak von Sevilla, der Klingel auf meinem Tische und der schönen Österreicherin, die der jüngsten Musen glich, schrieb ich die erste Nacht für Mozart die beiden ersten Szenen des 'Don Giovanni', zwei Akte vom 'Baum der Diana' und mehr als die Hälfte des ersten Aktes von 'Tarare', welchen Titel ich jedoch in 'Axur' umänderte. Am nächsten Morgen trug ich die Arbeit zu meinen drei Komponisten, die ihren Augen nicht recht trauen wollten. In zwei Monaten waren 'Don Giovanni' und der 'Baum der Diana' beendigt, auch bereits mehr als das Drittel der Oper 'Axur' fertig. Der 'Baum der Diana' wurde zuerst aufgeführt: er wurde ebenso glänzend wie 'Cosa rara' aufgenommen. Vom 'steinernen Gast' und der Oper für Salieri ist weiter nicht die Rede.


    Für eine Aufführung seiner Oper Il Bubero di buon core im Wiener Burgtheater am 9. November 1789 komponiette Mozart zwei Einlagearien: Chi sà, chi sà, qual sia KV 582 und Vado, ma dove? - oh Dei! KV 583, beide für die Sopranistin Louise Villeneuve und beide auf Texte von Lorenzo da Ponte.


    Die Erfolge in Wien ließen einen Ruf der Zarin Katharina II. (1729-1796) nicht lange ausbleiben. Ende 1788 siedelte Martín y Soler nach St. Petersburg über und wurde hier mit der Anwesenheit Domenico Cimarosas (1749-1801) konfrontiert, der hier die italienische Hofoper leitete. Martín y Soler hatte am Hofe eher die persönlichen musikalischen Berlange der Zarin zu bedienen. In seiner Funktion als Hofkapellmeister schrieb er allerdings auch drei Opern in russischer Sprache, an deren Libretti zum Teil seine Arbeitgeberin selbst mitgewirkt hatte: Gorebogatyr'Kosometovič (Der traurige Held Kosometovič, UA 9. Februar 1789), Pesnoljubije (18. Januar 1790) und Fedul' s det'mi (Fedul und seine Kinder, 27. Januar 1791). Einen erfolglosen Versuch, an seine europäischen Erfolge anzuknüpfen startete Martini, indem er 1794 da Ponte nach London folgte. Hier wurde zunächst die Oper La capricciosa corretta (UA 27. Januar 1795) gegeben. Die Oper, die (wohl eher zufällig) an Mozarts Geburtstag uraufgeführt wurde, trug den Untertitel La scuola dei maritati und knüpft damit nochmals an da Pontes Kooperation mit Mozart an (Cosí fan tutte, o sia: La scuola dei amanti). Am 26. Mai desselben Jahres folgte L'isola del piacere. Durch die verhaltenen Stimmen demotiviert, gab es schließlich nur noch ein Pasticcio aus früheren Werken des Komponisten: Le nozze de'contadini spagnuoli (28. Mai 1795). Enttäuscht kehrte Martín y Soler nach St. Petersburg zurück. Hier komponierte er noch zwei Opern neben der Tätigkeit als Lehrer und der Verrichtung seines Amtes: Camille ou Le souterrain (UA 1. März 1796) und La festa del villaggio (26.01.1798).


    Der Komponist verstarb am 11. Februar 1806 in St. Petersburg.


    ¹Lorenzo da Ponte. Mein abenteuerliches Leben. (Übers. Eduard Burckhardt)
    ²Mozart. Briefe und Aufzeichnungen. Gesamtausgabe, Band IV.

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est.