Das deutsche Kunstlied und seine Interpreten - Muttersprachler vor Ausländern?

  • Da wir das Thema hier Ausländische Sänger in deutschen Opern in anderem Zusammenhang haben und ich nicht mehr weiß, ob ich hier oder anderswo dazu schon referierte, noch einmal kurz der Problemaufriss. Wenn es um das Idiomatische geht, um die akzentfreie und sozusagen "normale" Wiedergabe einer bestimmten Muttersprache, kann ich bei Werken wie Beethoven-9 oder Mahler-8 noch mit Kompromissen leben, weil sich diese nicht im Sprachlichen erschöpfen.


    Purist und radikal bin ich persönlich nur beim deutschen Kunstlied. Deutsche Gedichte, deutsche Lyrik von deutschen Komponisten in Töne gesetzt; MÜSSEN für mich idiomatisch klingen! Ich komme ja eigentlich vom gesprochenen Wort her, liebe Hörbücher und Deklamation, messe auch dem Verhältnis von Wort und Ton in der Sakralmusik eine enorme Bedeutung bei. Beim muttersprachlichen Lied also kann ich Akzent nicht tolerieren; bei Opern bin ich mit Ausnahme von Wagner oder Strauss nicht ganz so empfindlich.


    Aus diesem Grund hat bei mir die Hyperion-Box der Schubert-Lieder, die auch mit Nichtmuttersprachlern aufwartet; einen viel schwereren Stand als die von Naxos, die nur mit deutschsprachigen Sängern arbeitet. Das hat jetzt alles mit der rein musikalischen Qualität wenig bis nichts zu tun; manch Engländer versteht sich besser auf Schubert oder Mahler als diverse deutsche Stimmfach-Kollegen. Und sogar ganz ausländisch können sogar Muttersprachler klingen; ein überall gelobter und hofierter Kaufmann klang in meinen Ohren beim allerersten Kontakt nicht wie ein Landsmann Hölderlins oder Heines.


    Wie steht ihr zu diesem Thema?

    "Die zwei Hauptprobleme der gegenwärtigen Welt: demographische Expansion und genetische Degeneration sind unlösbar. Die liberalen Prinzipien verhindern die Lösung des ersten, die egalitären die des zweiten." Nicolás Gómez Dávila (1913-1994)

  • In meinem Fall kommt natürlich erschwerend eine Sozialisation durch Dietrich Fischer-Dieskau und Peter Schreier hinzu; die beide dem stark akzentuierten Wort eine Aufmerksamkeit widmeten, die so recht einzigartig war in der Welt der Sänger und zumindest bei FiDi in mittleren und späten Jahren schon Sängerisches verdrängte und zuweilen überintellektuell, artifiziell und manieriert wirkte.

    "Die zwei Hauptprobleme der gegenwärtigen Welt: demographische Expansion und genetische Degeneration sind unlösbar. Die liberalen Prinzipien verhindern die Lösung des ersten, die egalitären die des zweiten." Nicolás Gómez Dávila (1913-1994)

  • Mir persönlich ist die Aussprache inzwischen völlig gleichgültig geworden; wenn es sich nicht gerade um Kanackendeutsch handelt. In dem Bewusstsein, daß ich es bei mir einigermaßen geläufigen Sprachen (Italienisch, französisch und - mit Würgen - modernem englisch) auch nicht perfekt kann: Akzente setzen Akzente. Ich mag insbesondere ungarische deutsche Satzbautechnik :D und Aussprache (meine Clavierlehrerin war eine ungarische Konzertpianistin, meine damalige beste Freundin (Bibliothekarin meiner Schule dito, viele meiner Mandanten heute ebenfalls).


    Ich finde: man hört, ob der/die Interpret/in den Text verinnerlicht hat oder nicht, das zählt. Wohin das sonst führt, hat DiFiDi gezeigt. Das ist definitiv nicht meine Baustelle.


    Egal, ob Kunstlied, Oper oder weiß der Geier: ein gurrendes „ü“ im Gesang ist einfach nur geil.


    Nicht ganz zum Thema passend, aber gerade von mir assoziiert: Texte wurden teilweise der angeblich leichteren Singbarkeit wegen geändert/angepasst. Im (aktuellen) Falle von Mozarts „Entführung“ erinnere ich mich dunkel, daß der Text „Denn nun hab' ich vor euch Ruh'“ aus Osmins Owiewillichtriumphieren-Arie in „Denn nun hab' ich Ruh vor euch“ geändert wurde (oder umgekehrt?, das habe ich gerade nicht 100% auf dem Schirm...). Kann ich leider nicht nachvollziehen. Achtet mal auf die Prä-1990er Einspielungen, wie das dort gesungen wird...

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790

  • Das Thema hat ja schon etwas Staub angesetzt, aber ich will mal trotzdem meinen Senf abgeben. *senfabgeb*


    Bei mir ist es eine Entscheidung von Fall zu Fall. Ein leichter Akzent stört nicht, ein stärkerer schon eher. Und auch im Lied (nur mit Klavierbegleitung) vielleicht eher als in der Kantate oder Oper (mit Orchester). Die Interpretation spielt evtl. auch eine Rolle, gefällt sie mir sehr, wiegt der Akzent vielleicht weniger stark, usw.

    Aktuelles Beispiel: Happy new ear: Neuerwerbungen (2019) Über Yoricks Beitrag bin ich auf zwei CDs aufmerksam geworden (2x CPE auf CPO 8-)) und habe mal in die Hörschnipsel gelauscht. Bürgercapitainsmusik hatte bei mir keine Chance, der Akzent der Solistin hat mich irgendwie gestört. Gut, fairerweise muß ich zugeben, daß das Vibrato sicher auch nicht geholfen hat, die zittert wie die Merkel bei der Nationalhymne. Die mit den Festkantaten ist dagegen schon fast gekauft...


    Es stört mich also manchmal so stark, daß ich sage: so nicht! *crash*

  • Da muss ich wohl auch mal meinen Senf dazugeben. Das Wort im deutschen Lied ist mir heilig, ich kann es überhaupt nicht leiden, wenn ausländische Sänger z.B. die Winterreise oder sonst was singen. Es stört mich wahnsinnig, wenn die Sprache "verknobelt" ist. Ich bin aber eh ein Fanatiker von korrekter Aussprache, schon bei meinen Schülern lege ich großen Wert darauf.

    In Opern deutscher Komponisten geht es mir genau so, ein Wagner mit asiatische Besetzung geht garnicht für mich. Aber leider sind die Häuser überwiegend mit ausländischen Sänger besetzt. Irgendwo las ich jetzt von einem Brahms Requiem, das auch wieder nicht mit deutschen Sängern besetzt wird. ...Ihr habt nun Traurigkeit.... mit Akzent? Wo sind unsere Sänger?

  • Hallo Musica, :wink:

    Wo sind unsere Sänger

    Ich bin jetzt nicht aus der "Branche", so wie Du, kann also nur von ganz hinten an den Stehplätzen in der Holzklasse aus kommentieren. Aber, und dafür muß man den Asiaten durchaus Respekt zollen, die scheinen eine ziemliche Nachwuchsförderung zu betreiben, von der wir uns durchaus ein Scheibchen abschneiden könnten. Schau Dir mal die Teilnehmer bei internationalen Wettbewerben an, egal was, z.B. der Queen Elizabeth Competition in Brüssel. Hier ein Bild der zwölf Preisträger 2019, wenn ich das richtig interpretiere. Neben Königin Matilde von Belgien und Bruno Vessiez zähle ich acht Asiaten und nur fünf Westeuropäer. Das Zahlenverhältnis spricht für sich. Wobei die Chinesen uns natürlich auch rein zahlenmäßig überlegen sind, und so jede Menge junge Talente ins Ausland schicken können. Ich vermute mal, daß es im Bereich Gesang wohl ähnlich sein dürfte. Der junge Nachwuchs drängt also irgendwann auch in größeren Zahlen ins Ausland, z.B. an die europäischen Bühnen.

  • Das ist ja eben das Problem, die Asiaten und Osteuropäer haben eine ganz andere Ausbildung und...das muss ich eingestehen...und sehr schöne Stimmen. Sie drängen in die Opernhäuser und natürlich in die Wettbewerbe. Trotzdem habe ich etwas dagegen wenn sie deutschsprachige Opern singen oder, wie schon erwähnt als Beispiel, die Winterreise u.a. Es ist für mich ein Unding, wenn ein Asiat den Florestan singt. Seitdem alles in Originalsprache gesungen wird, nehmen natürlich die Sänger aus dem Ausland zu. Natürlich muss es für die Italiener auch manchmal komisch sein, wenn unsere Sänger in der Originalsprache singen, aber immer noch anders, als wenn Jemand kaum deutsch spricht und dann mit Akzent singt.

    Da hatten wir es zu meiner Zeit einfacher, es wurde alles in deutscher Sprache gesungen.... :)

  • stimme voll zu, gut, dass ich das nicht mehr erlebe. :boese:

  • Dieser Beitrag aus dem Discogs-Forum ist zwar schon drei Jahre alt, aber er wirft ein interessantes Licht auf das Interesse der Asiaten an klassischer Musik aus Europa (Hervorhebung von mir):


    Zitat

    Vor ca. 15 Jahren ging es loß mit den Japanern die nach Deutschland kamen um Klassikplatten einzukaufen,

    dann kammen vor ca. 10 Jahren die ersten Taiwanesen und nun seit ein paar Jahren die Chinesen.

    Es sind also die Asianten die seit Jahren den Klassikmarkt in Europa leerkaufen. Ich stehe in Kontakt mit einer Person aus China die jeden Monat kommt um bis zu 30.000 Lps zu kaufen, einen kleinen Container voll, Monat für Monat. Und das ist nur eine Person, jetzt rechnet euch mal aus wieviel alle Aufkäufer zusammen hier in Europa Monat für Monat einkaufen, und das geht schon seit Jahren so.

    Wie Tarantoga schon geschrieben hat wird vor allem Kammermusik, Sinfonien, Piano und Streicher gesucht,

    damit die armen asiatischen Kids das zu Hause anhören und nachspielen können.

    Quelle (discogs.com)


    Ob das Interesse jetzt aus Liebe zur Musik oder eher durch den Wunsch nach sozialem Aufstieg des Nachwuchses befeuert wird, sei mal dahingestellt. Aber man erahnt, daß da ein nennenswertes Interesse vorhanden sein muß, welches ultimativ den Nachwuchs befeuert, der ganz am Ende der Kette hier in die Musikwettbewerbe und an die Bühnen drängt, um den Bogen wenigstens pro forma wieder zum Thema schlagen. ;)

  • Die Asiaten tun sehr viel für ihren Nachwuchs. Unsere Gruppe Bel-Voce Gesangssolisten sind seit 16 Jahren auf der Insel Mallorca und immer im selben Hotel, in dem wir auch Konzerte singen. Vor zwei Jahren waren wir in den Osterferien dort und trauten unseren Ohren nicht. Anwesend war eine große Gruppe von Kindern aus ...schätze mal Japan...die dort einen Kurs für Streicher absolvierten, die sog. Suzuki-Methode. Die jüngsten waren 4 Jahre und geigten schon wie die Alten.

    So ist es auch beim Gesang, strenge Auflagen und Schule, die es so bei uns nicht gibt. Das Ergebnis...die Opernhäuser sind übersät mit Asiaten.

  • Mir sind eine ganze Reihe Instrumentalsolisten aus dem Fernen Osten bekannt, die alle auf höchstem Niveau spielen und auch keine Angst vor seltenem Repertoire haben, Sänger dagegen kenn ich keinen einzigen, nichtsdestotrotz ist mir aber die Akzentproblematik bewußt und zwar hauptsächlich mit Sängern aus dem angelsächsischen Sprachraum.

    Und da find ich das schlimmer, weil es eben auch genügend Sänger aus dieser Ecke gibt, die es eben auch akzentfrei schaffen.


    Siegfried

  • nichtsdestotrotz ist mir aber die Akzentproblematik bewußt und zwar hauptsächlich mit Sängern aus dem angelsächsischen Sprachraum.

    Und da find ich das schlimmer, weil es eben auch genügend Sänger aus dieser Ecke gibt, die es eben auch akzentfrei schaffen.

    In der Tat. Ich habe auch schon Bachkantateneinspielungen wieder vom Wunschzettel genommen, weil ich beim Probehören dachte: Och nö, lieber nich...

    Dabei wäre sogar Abhilfe greifbar. Es gibt heutzutage Sprachtrainer, die auf sowas spezialisiert sind. Die werden z.B. gerne bei Film- oder Fernsehproduktionen engagiert, wenn es darum geht, den Schauspielern bestimmte Akzente oder Sprechweisen beizubringen. Steht dann oft im Abspann drin.