01 - Kurzbiographie

  • Allgemeine musikalische Zeitung (AmZ) vom 29. Oktober 1806.


    Der Tod Sr. königl. Hoheit, des Prinzen Louis Ferdinand von Preußen, obschon allen unsern Lesern aus politischen Blättern bekannt, muss doch auch hier wenigstens mit einigen Zeilen erwähnet werden, da dieser Prinz von jeher ein so grosses musikal. Talent, eine so ausgezeichnete Virtuosität als Komponist und ausübender Musiker, und eine so lebendige, thätige Achtung gegen wahrhaft ausgezeichnete Künstler bewiesenhat, als dies - wenigstens vereinigt - noch nie an einem Manne seines Standes bemerkt worden ist - ohne dass er darum, wie Jedermann weiss, für Wissenschaften oder seinen militairischen Beruf geichgültiger geworden wäre. Schreiber¹ dieses, der sich seiner persönlichen Bekanntschaft rühmen kann, u. dem kaum Einige der jetztlebenden berühmtesten Klavierspieler fremd sind, fand sein Spiel, in Kompositionen von grossem, leidenschaftlichem, kräftigem Charakter, erstaunenswerth und nur von wenigen übertroffen. - Alles, was die jetzige Kunstsprache mit dem Ausdruck: grosses Spiel - sowol im Ausdruck, als in Besiegung der grössten Schwierigkeiten gewisser Art - bezeichnen will, besass er in seltenem Grade, in seltener Vollkommenheit. Seine neuern Kompositionen sind sämmtlich - wenigstens, soweit sie öffentlich bekannt geworden sind - in demselben Charakter geschrieben, und verlangen dieselbe Spielart, wenn sie ihre volle, kräftige Wirkung thun sollen. Was von ihm vor verschiedenen Jahren, z. B. bey Erards in Paris, herausgekommen, achtete er in der letzten Zeit wenig, ohngeachtet es bekanntlich überall mit vielem Beyfall aufgenommen worden war; er wünschte jene frühern Arbeiten durch die Suiten Quartetten und Trios (sämmtlich mit vorherrschendem Pianoforte), die er dem Verleger dieser Blätter zur Bekanntmachung anvertrauete und die eben, als er seinem Tode entgegenging, herauskamen - vergessen zu machen.


    ¹(Johann) Friedrich Rochlitz (1769-1842), ehemaliger Knabensopranist der Leipziger Thomasschule, übernahm 1798 die Redaktion der Allgemeinen Musikalischen Zeitung und blieb deren Redakteur bis 1818. Offiziell hatte sich Rochlitz als Redakteur des bei Breitkopf & Härtel erschienenen Blattes bereits 1804 verabschiedet, versprach aber, gelegentlich weiterhin Artikel beizusteuern. Er hat es aber fortan zu vermeiden gewusst, seine 'Recensionen' namentlich kenntlich zu machen. In der AmZ vom 30. Dezember 1818 nimmt er seinen endgültigen Abschied und veröffentlicht eine Liste aller Artikel, die er 'anonym' verfasst hat: Hiermit scheide ich von Dir, geehrter Leser, nicht nur für dieses Jahr, sondern für immer, inwiefern ich nämlich Redacteur dieser Blätter von ihrem Entstehen bis heute gewesen bin. In der Ausgabe vom 19ten August 1807 schreibt er eine weitere Rezension anlässlich der Veröffentlichung der Elégie harmonique sur la mort de S. A. R. le Price Louis Ferdinand de Prusse, einer Sonate auf den Tod des Prinzen Louis Ferdinand von Preußen von Johann Ladislaus Dussek (1760-1812), welche dem Prinzen Franz Joseph Maximilian Lobkowitz (1772-1816) gewidmet und bei Breitkopf & Härtel in Leipzig im Druck erschienen ist:


    Louis Ferdinand, dieser vom Freund' und Feinde verehrte Prinz, der bekanntlich am 10ten October bey Saalfeld für sein Vaterland, oder vielmehr für eine noch weiter greifende Idee, sein Leben freywillig zum Opfer brachte - denn wahrlich, da er, wie Schillers schönster Held, Max Piccolomini, alles aufgeben musste, wollte er auch, wie dieser, das Leben, doch theuersten Kaufes, dabringen - Louis Ferdinand, sag' ich, gebohren mit einem so universellen Talent, mit solch einer Summe von innerer Lebenskraft, mit so einem weiten, alles Edle und Schöne warm und lebendig umfassenden Herzen, wie dies vereinigt, in Jahrhunderten kaum Einigen verliehen wird, warf sich, von den frühern Jünglingsjahren an, da ihm nun einmal ein Thron versagt war, in wunderbarem Wechselden verschiedenen Wissenschaften in die Arme. Das ist bekannt, weniger aber Folgendes, was mir doch so auszeichnenswerth scheint und besonders auch diesen trefflichen Geist so bestimmt charakterisieren hilft. Er fragte durchaus nicht, ob die Wissenschaft, welcher er sich jetzt ergab, schwierig oder leicht, trocken oder unterhaltend, mit seinen übrigen Neigungen zu vereinigen oder nicht, ob sie im Kreise seiner eigentlichen Thätigkeit vortheilhaft oder gleichgültig sey [...] Endlich - denn da ich hier für ein musikalisches Blatt schreibe, muss ich hierauf zu kommen eilen - endlich schien es, als ob er in den letzten Jahren, vornämlich durch leidenschaftlichen Antheil an den Angelegenheiten seines Vaterlandes und Deutschlands überhaupt, durch gewaltsames Drängen seiner Kräfte nach diesem Punkte, ohne eigentlichen, oder doch ihm genügenden Würkungskreis, durch Einsicht in die Nichtigkeit des gewöhnlichen Lebens auch in sogenannten höheren Verhältnissen, wie nicht weniger in die Nichtigkeit des Treibens der meisten ihm nahne Wissenschaftler etc. es schien, sag' ich, als sey er dadurch in einem so gewaltsamen Zwiespalt mit sich selbst gesetzt worden, dass sich sein inneres Wesen gleichsam in zwey einander entgegenstrebende, einander bekämpfende, einander wechselseitig besiegende und von neuem entflammende Theile zerlegte: das böse Princip riss ihn tief in betäubende sinnliche Zerstreuungen, das gute zog ihn mächtig zu der Kunst hin, die es weniger als irgend eine andere Beschäftigung des Geistes und Herzens mit der Erde zu thun hat - zur Tonkunst. Jetzt musste er eine Welt zu zerstören und dann schöner neu schaffen versuchen [...]


    In dieser letzten Zeit - ich meyne ohngefähr die letzten fünf, sechs Jahre seines Lebens - wo er mit voller, glühender Seele zur Musik zurückkehrte, um sich frey auszulassen und bessere Zerstreuung, vielleicht auch, wenigstens stunden lang, beglückende Ruhe zu finden. [...]



    Louis Ferdinand von Preußen
    Gemälde von Jean-Laurent Mosnier, 1799


    Als dritter Sohn des Prinzen August Ferdinand von Preußen (1730-1813) und seiner Gemahlin Anna Elisabeth Luise von Brandenburg-Schwedt (1738-1820) wurde Prinz Friedrich Ludwig Christian von Preußen am 8. November 1772 geboren. Seine musikalische Ader wird erstmals in einem Tagebucheintrag seiner Schwester Luise von Preußen (1770–1836) im Jahre 1783 erwähnt. Erste Werke, die er veröffentlichte, entstanden unter dem Einfluß Ludwig van Beethovens, der Mitte 1796 in Berlin weilte und den Prinzen kennen und schätzen lernte. So äußert sich der zwei Jahre jüngere Komponist über Prinz Louis: der Prinz spiele gar nicht königlich oder prinzlich, sondern wie ein tüchtiger Klavierspieler. 1804 treffen sich Beethoven, der den Prinzen menschlich wie musikalisch hoch achtete, und Louis Ferdinand erneut, diesmal in Beethovens Wahlheimat Wien: hier hat der Prinz Gelegenheit, die dritte Sinfonie Beethovens (Eroica) mehrfach (!) zu hören (zweimal im Sommer 1804 auf Schloss Eisenberg - einem Landsitz des Prinzen Lobkowitz - sowie Anfang Januar 1805 in dessen Wiener Palais). Beethoven widmete dem Prinzen sein drittes Clavierkonzert (c-moll op. 37) und man könnte aus der Programmatik der Eroica - composta per festeggiare il sovvenire di un grand Uomo (komponiert um das Andenken eines großen Mannes zu feiern) - eine versteckte nachträgliche Umdedikation an den Prinzen lesen, denn dieser Untertitel wurde 1806 (!), dem Todesjahr des Prinzen, im Rahmen der ersten Printausgabe hinzugefügt (der offizielle Widmungsträger kann damit wohl kaum gemeint sein).


    Der Prinz komponierte überwiegend Kammermusik, sämmtlich mit vorherrschendem Pianoforte (Rochlitz s.o.): 3 Claviertrios, 2 Clavierquartette, 1 Clavierquintett sowie eine Hand voll Einzelstücke nebst einem Oktett und zwei orchesterbegleiteten Rondi. Prinz Louis Ferdinand war auch dem bereits erwähnten J. L. Dussek sehr verbunden. Dussek spielte das prinzliche Clavierquartett op. 5 und ein Notturno op. 8 öffentlich. Am 10. Oktober 1806 wurde der blaublütige Komponist vom französischen Unteroffizier Guindey vom 10. Husarenregiment tötlich getroffen und starb im zarten Alter von nur 34 Jahren als Kommandant einer preußischen Vorhut im Gefecht bei Saalfeld als einer von 1.700 Preußen und 200 Franzosen. Er hinterließ leider viel zu wenig Musikalisches, jedoch drei illegitime Kinder: Caroline Henriette Bentley (1789-?), Heinrich Ludwig von Wildenbruch (1803-1874) und Emilie Henriette Luise Blanca von Wildenbruch (1804-1887).


    Sechs Fuß hoch aufgeschossen,
    Ein Kriegsgott anzuschaun,
    Der Liebling der Genossen,
    Der Abgott schöner Fraun,
    Blauäugig, blond, verwegen,
    Und in der jungen Hand,
    Den alten Preußendegen –
    Prinz Louis Ferdinand.


    Heinrich Theodor Fontane (1819-1898)

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)