Werbeblock für ein vermeintlich unpopuläres Instrument - die Orgel

  • Unpopulär...


    Gut, ich kann es nachvollziehen, wenn einige Hörer wenig Interesse an der Orgel haben. So mäjestätisch sie klingen kann, so dröge kann sie auch auf den Senkel gehen, wenn die Orgel kein Tutti spielt. Wobei ich persönlich eher meine, daß es vor allem das Repertoire ist, was die Hörer abschreckt. Eine Fantasia, eine Toccata funktioniert nach anderen Prinzipien als eine Symphonie - und sie hat andere Klangideale als ein Symphonieorchester. Ich selber hatte es gemerkt - ich mußte mich an die Orgel auch gewöhnen, wie auch an z.B. Soloinstrumente wie Violine oder Cello, Klavier oder Cembalo, die alleine spielen.


    Das ist der Schlüssel: man muß sich darauf einlassen.


    Vor gut einem halben Jahr habe ich mich mit dem Orgelbau beschäftigt. Es ist unglaublich, was da alles mitwirken muß, damit eine Orgel überhaupt einen einzigen Ton von sich gibt. Windlade, Pfeifen, Manual und Pedal sind nicht eben vom Himmel gefallen, und dann gab es die Orgel - man mußte alles erfinden, perfektionieren, geschickt bearbeiten, damit die Klänge überhaupt so entstehen können. Da steckt eine gewaltige Menge Knowhow dahinter.


    Und dieses Wissen hatte sich im Laufe von rund eintausend Jahren entwickelt. Von einfachen Registern mit Schiebereglern für jede Pfeife zu den pneumatisch-elektronischen Systemen von heute. Von kleinen Truhen, die zwei Mann locker tragen konnten, zu Ungetümen, die ein ganzes Gebäude füllen können. Von einer einfachen Begleitung von Haltetönen zu jenem eigenständigen komplexen Orgelrepertoire, welches heute gepflegt und neu komponiert wird.


    Die ältesten spielbaren Orgel stammen aus dem 15. Jahrhundert und haben bereits einige (1-3) Register besessen. Sie werden auch bereits Manuale gehabt haben, obwohl die erhaltenen zumeist aus dem 16.-17. Jahrhundert stammen. Sie hatten von außen reiche Verzierungen und waren somit auch wertvolle Objekte innerhalb einer Kirche. Das Organistenamt war also keine niedrige Stelle in einer Gemeinde.


    Die ältesten erhaltenen Quellen mit Kompositionen für Tasteninstrumente sind gut siebenhundert Jahre alt und zeigen bereits die Fähigkeit zum eigenständigem Spiel, wenn sich auch bestimmte Floskeln immer wiederholen. Sie sind als Tabulaturen niedergeschrieben. Mehrere Stimmen liegen vor, die unabhängig voneinander gepsielt werden mußten - ein Manual war gewiß zwingend notwendig dafür. Mehr als ein Register ebenso, und sie mußten auch den Ambitus einer Oktave überschreiten können.


    Wie gesagt: ein faszinierendes Thema.



    jd :wink:

  • Dann möchte ich an der Stelle noch zusätzliche Werbung einbringen.
    Kürzlich war ich mit meiner Frau im Bayerischen Orgelzentrum Valley im Landkreis Miesbach, unweit der A8 Richtung Urlaub.


    Herr Lampl verfügt als ehemaliger Denkmalpfleger über einen unglaublichen Schatz an Orgeln, gepaart mit immensem Sachverstand und inniger Liebe zum Instrument.
    Als Räumlichkeiten stehen ihm ein ehemaliges Schloss und eine denkmalgeschützte Werkshalle zur Verfügung, in denen zahlreiche Instrumente spielfähig aufgebaut sind und auch regelmäßig konzertiert wird.
    Samstags gibt es eine öffentliche Führung um zehn. Nehmt Euch Zeit — er kommt halt gerne ins Erzählen und spielt die meisten Instrumente an, so dass leicht zweieinhalb Stunden ins Land gehen (man kann sitzen).


    Ein unbekanntes Juwel ist dieses Zentrum; Sixtus Lampl würde sich über mehr Bekannheit und Nachfrage freuen.


    (Unausgegorener Gedankensplitter....: Forentreffen im Mangfalltal... alle zu Gast bei Sixtus Lampl...)

    Lucius Travinius Potellus
    Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety. (B.Franklin)

  • Die sieben goldenen Regeln des Orgelübens, für all Diejenigen, die mit dem Gedanken spielen, sich auch praktisch mit diesem Instrument auseinandersetzen zu wollen - bitte sehr:


    http://www.trierer-orgelpunkt.de/ruebsam.htm


    Wolfgang Rübsam, praktizierender Organist, Pianist, Schriftsteller, Komponist und Barbier, erklärt.


    BTW: gibt es hier vielleicht jemanden, der die Vierteljahresschrift "Organ - Journal für die Orgel" abonniert hat? Aus Heft 1/2003 würden mich die Artikel


    "Der Glenn Gould der Orgelbank. Wolfgang Rübsam - Grenzgänger zwischen den Welten" (S. 21 - 24) und
    "Vom Primat des Hörens. Interview mit Wolfgang Rübsam" (S. 26 - 32)


    sehr interessieren. Kopier- und Versandkosten würde ich selbstverständlich übernehmen. Kontakt per PN.

  • Architektur, durch die es pfeift,


    Gibt's aber auch; das nennt man dann Bruchbude oder so.
     *salut*

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790

  • Das Eigenleben ist aber sehr amüsant - vermutlich haust da irgendwo ein Nager in der Orgel, der bei dem Krach, den die Organisten verursachen, das Weite sucht. Und er nimmt den schnellsten Weg: den durch die Windladen... :D


    Anscheinend haben die heutigen modernen Orgeln keinen Kippschalter mehr wie die frühen Orgeln: wenn's unschön pfeift, wird die Luft abgelassen.



    jd :wink:

  • Wolfram Syré hat eine Webplattform eingerichtet, auf der eine Vielzahl von ihm selbst aufgenommener Orgelwerke (nach eigenen Angaben derzeit mehr als 950) nachgehört werden können.


    Zitat

    The biggest part of the project is dedicated to baroque and romantic pieces which are never or nearly never played.

    Zitat

    I played my recordings on virtual organ models from the HAUPTWERK-software and real organs

    Aus meiner Sicht handelt es sich um ein hochinteressantes Projekt, das zum Stöbern einlädt, da dort eben auch sehr viel eher wenig bekanntes Repertoire zu finden ist.


    Hier der Link.


    :jubel:

  • 2013 hat sich ein KMD, Gunther Martin Götsche, aufgemacht, um als Kirchenmusiker der deutschsprachigen ev. luth. Gemeinde Jerusalem und Titularorganist der dortigen Erlöserkirche zu wirken. Jedenfalls für mich ist die Beschäftigung mit der israelischen Orgellandschaft noch relativ neu und ich war überrascht hinsichtlich Art und Umfang der dort befindlichen Instrumente. Wenn ich das richtig überblicke, sind in den vergangenen Jahren diverse Instrumente durch die Orgelbaufirma Rieger entweder restauriert oder neu errichtet worden.


    Hier ein Erfahrungsbericht von Herrn Götsche.


    Ein Hörbeispiel der Schukeorgel (1971/1984) der Erlöserkirche (II/21) findet man hier (Gunther Martin Götsche interpretiert Bachs Es Dur Präludium und Fuge).

  • Oooooh, seht mal:



    UPC: 4990355005941


    Camerata Tokyo


    Inhalt:


    *yorick*

  • Die Bauformen dieses Hybrids sind ja recht vielfältig. So gibt z.B. neben der von Dir gezeigten Kombination Cembalo/Orgel auch solche, die ein Tafelklavier (dem Hammerklavier in der Funktionsweise sehr ähnlich) und ein Pfeifenwerk miteinander verbinden. Ein solches Instrument ist z.B. auf dem Cover der nachfolgenden CD-Veröffentlichung von Thomas Schmögner abgebildet (Koproduktion zwischen dem Wiener Kunsthistorischen Museum und dem Label paladino music):



    Es handelt sich um ein Claviorganum, das etwa um 1785 hergestellt wurde und aus der Werkstatt des Wiener Orgel- und Claviermachers Franz Xaver Christoph stammt. Im Pfeifenwerk sind ein Gedackt 8’, ein Fagott 16’, eine Traversflöte 4’ und ein Salicional 8’ (das allerdings nur im Diskant erklingt) verbaut. Klavier und Orgel können hier über eine besondere Steuermechanik miteinander verbunden werden.


    Zitat


    Das Orgelwerk wird über eine unter der Klaviatur befindliche Stechermechanik betätigt, wobei eine Besonderheit aller Kombinationsinstrumente darin liegt, dass durch die Modifikation des Anschlags (scharfer, akzentuierter Anschlag oder weiche, gebundene Spielweise) entweder der Klang des Tafelklaviers oder derjenige der Orgel in den Vordergrund gerückt werden kann. 




    Zitiert aus dem Beiheft der Aufnahme, das man hier nachlesen kann.


    Der Reiz dieser CD besteht für mich darin, dass beide Instrumente miteinander verbunden werden, mithin gleichzeitig erklingen (Mozart, Fantasie), oder eben kontrastierend (Beethoven) gespielt werden. Insbesondere der Klang der Orgel weist hier ein aus meiner Sicht, trotz des Kleinstregisters, erstaunliches Klangvolumen auf. Aufnahmetechnisch ist hier nichts zu beanstanden. Insgesamt handelt es sich also um eine Aufnahme, die die Klangfarbenvielfalt und Kombinationsmöglichkeiten dieses exotischen Hybridinstruments sehr schön verdeutlicht.

  • Selten hatte ich inhaltlich und instrumental gehäuft derart viele Erweckungserlebnisse wie bei dieser Aufnahme:


    hieraus


    Leonhardt spielt Werke von Hassler, Strogers, Byrd, Bull, Gibbons, Pachelbel, Ritter und Bach (J. S. und J. C.). Er verwendet ein Claviorganum von Matthias Griewisch, 2001 und ein Cembalo von Anthony Sidey/Frédéric Bal, Paris, 1995 nach Gottfried Silbermann, 1735 (J. S. Bach: Fantasie, Aria variata, Partita).


    Was da an organistischer und cembalistischer Klangprächtigkeit unter den Händen des Großmeisters produziert wird, ist schon sehr beeindruckend. Insbesondere der Hassler kommt hier auf dem Claviorganum einnehmend betörend klangfarbig, die Tiefen der Musik auslotend, rüber.


    In einer Rezension lese ich:


    Zitat

    Throughout the recital Leonhradt established absolute clarity of expression and certainly doesn’t neglect the more quixotic and humorous elements embedded in a couple of the English pieces – notably, of course, John Bull’s Bull’s Goodnight. But of the English pieces perhaps it’s Gibbons’ Fantasia that benefits most from the choice of instrument. The solemn and noble organ voicings open this magnificent piece before Leonhardt deploys the harpsichord to shadow it. Both elegant and eloquent, the music unfolds with naturalness and true honesty.


    Sehr schön formuliert, dass nämlich die edlen und feierlichen Pfeifenstimmen insbesondere die englischen Stücke (v.a. Gibbons) öffnen, bevor der Interpret (Leonhardt) das Cembalo zur Schattierung einsetzt.


    Auch der Partita O Gott, du frommer Gott (BWV 767), die ja an sich der Organistenzunft anvertraut ist, vermittelt Leonhardt neue, noch etwas unvertraute cembalistische, plausible und gültige Ausdrucksmöglichkeiten, wobei der fabelhaft kernige, zum Teil sehr tieftönende Klang des Instruments, diesen Eindruck aus meiner Sicht sehr nachhaltig unterstützt.

  • Wie ich festgestellt habe, ist das Instrument ziemlich einzigartig:

    Zitat

    The Auerglass Organ is a two-person tracker action pump organ conceived by Tauba Auerbach and Cameron Mesirow (also known as Glasser) and constructed by Parson's Pipe Organs in Canandaigua, NY. Each player has a keyboard with alternating notes of a four octave scale. The instrument cannot be played alone because each player must pump to supply wind to the other player’s notes. Auerbach and Mesirow composed and performed a piece of music on the Auerglass in 2009. The instrument is now in residence at Future-Past studio in Hudson, New York.

    [Quelle]