01 - Die Sinfonien: Gesamteinspielungen (omi)

  • Wird mal Zeit, auch was zu den omi-Zyklen zu schreiben. Besonders dieser hier bedarf besonderer Erwähnung:


    Wilhelm Furtwängler, Wiener Philharmoniker / Stockholm Philharmonic Orchestra / Orchester der Festspiele Bayreuth, rec. 1948-1954


    Um es kurz zu sagen: Furtwängler war es nicht vergönnt, einen kompletten Studio-Zyklus der Beethoven-Symphonien fertigzustellen. Ab Januar 1950 begann er mit den Wiener Philharmonikern, die ersten Zyklus-Aufnahmen für die EMI zu machen (Nr. 4 und 7). Die wurden noch auf Matrizen mitgeschnitten und erschienen 1950 und 1951 auf Schellack. Doch bereits im November 1952 gab es einen technischen Neustart: nun wurden Tonbänder verwendet, und Furtwängler nahm nun Nr. 6, 1, 3 und erneut 4 auf; Anfang 1954 folgte Nr. 5. Diese fünf Symphonien wurden auf LP veröffentlicht, zusammen mit einer Live-Aufnahme von Nr. 9, die mit dem Festspielorchester Bayreuth im Juli 1951 aufgezeichnet wurde.


    Und dann starb Furtwängler am 30. November 1954. Es fehlten noch die Studio-Aufnahmen von Nr. 2, 7, 8 und 9, doch das Kapitel war leider geschlossen. So wurden die Matrizen-Einspielung der 7. und die Bayreuth-9. in den Zyklus aufgenommen, und so mußte sich der Furtwängler-Jünger abfinden, daß es keine Nr. 2 und 8 gab. Zunächst.


    In den 1970er Jahren kramte die EMI aber doch nochmals tief in den Archiven herum und fand was: 1972 erschien eine Live-Aufnahme der 8., die am 13. November 1948 im Konserthus in Stockholm mit dem dortigen Orchester aufgezeichnet wurde; und 1979 trieben sie die einzige Aufzeichnung einer 2. auf, die am 03. Oktober 1948 mit den Wienern in der Royal Albert Hall in London aufgeführt wurde. So kann man also sagen, daß die EMI ab 1979 einen vermeindlich kompletten Symphonien-Zyklus von Furtwängler in ihren Händen hatten. Bald darauf erschien gleich eine Box mit acht LPs.


    Nun ist der Zyklus als Budget-Box von Warner Classics neu herausgekommen. Auf fünf CDs sind alle Symphonien im jüngsten Remastering von 2010 zu finden. Die Papphüllen haben vorne die originalen LP-Cover aus den 1950er Jahren als Motiv, auf der Rückseite sind Tracklisting und Aufnahmedaten verzeichnet. Das Booklet enthält auf 36 Seiten einen ausführlichen Text über alle Symphonien (in Englisch, Deutsch und Französisch) sowie die Schiller-Ode (ebenfalls in drei Sprachen). Insgesamt ein etwas überdurchschnittlicher Bonus für so eine Veröffentlichung.


    Es folgen die Aufnahmedaten:


    Nr. 1 - Wiener Philharmoniker
    (P) 1956 EMI/HMV ALP 1324
    rec. 24., 27. & 28. November 1952 (Musikvereinssaal, Wien)


    Nr. 2 - Wiener Philharmoniker
    (P) 1979 EMI "Reference" 2C 051-0349
    rec. 03. Oktober 1948 (Royal Albert Hall, London) live


    Nr. 3 - Wiener Philharmoniker
    (P) 1953 EMI/HMV ALP 1060
    rec. 26.-27. November 1952 (Musikvereinssaal, Wien)


    Nr. 4 - Wiener Philharmoniker
    (P) 1953 EMI/HMV ALP 1059
    rec. 01.-03. Dezember 1952 (Musikvereinssaal, Wien)


    Nr. 5 - Wiener Philharmoniker
    (P) 1954 EMI/HMV ALP 1195
    rec. 28. Februar & 01. März 1954 (Musikvereinssaal, Wien)


    Nr. 6 - Wiener Philharmoniker
    (P) 1953 EMI/HMV ALP 1041
    rec. 24.-25. November & 01. Dezember 1952 (Musikvereinssaal, Wien)


    Nr. 7 - Wiener Philharmoniker
    (P) 1951 EMI/HMV DB 21106/10 [Matrizen: 2VH 7180/9]
    rec. 18.-19. Januar 1950 (Musikvereinssaal, Wien)


    Nr. 8 - Stockholm Philharmonic Orchestra
    (P) 1972 EMI "Dacapo" 1C 053-93533 M
    rec. 13. November 1948 (Konserthus, Stockholm) live


    Nr. 9 -
    Elisabeth Schwarzkopf (s), Elisabeth Höngen (a), Hans Hopf (t), Otto Edelmann (b)
    Chor & Orchester der Festspiele Bayreuth

    (P) 1955 EMI/HMV ALP 1286/7
    rec. 29. Juli 1951 (Festspielhaus, Bayreuth) live


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    Zu den Aufnahmen werde ich vielleicht noch später etwas schreiben.



    jd :wink:



  • ..., denn gerade habe ich einmal nachgesehen, was sich in dieser Box, Vol. 2, mit Blick auf Furtwänglers Sinfoniegestaltungen, bezogen auf LvB, verbirgt:



    Da isses nun:


    1. S. RCOA 13.07.1950
    2. S. WP 03.10.1948
    3. S. WP 26./27.11.1952
    4. S. WP 01. bis 03.12.1952
    5. S. BP 27.05.1947
    6. S. WP 24. u. 25.11.1952
    7. S. WP 18. und 19. 01.1950
    8. S. BP 14.04.1953
    9. S. Bay Fest. Orch 29.06.1951 (bei Dir, lieber JD, heißt es übrigens 29.07.1951)
    5. S. BP Allegro con brio 16.10. 1926
    3. S. BP Finale 20.06.1950
    9. S. BP Allegro ma non troppo, un poco maestoso 19.04.1942
    9. S. WP Molto vivace 30.05.1953

  • Damit habe ich mir jetzt ein Fleißkärtchen verdient, gelle?

    Ja, hast du... *yepp*


    Damit weiß man nun, was in der Furtwängler-Box zu finden ist... *hüpf*


    (bei Dir, lieber JD, heißt es übrigens 29.07.1951)

    Richtig, und 29. Juli 1951 ist korrekt. Das war der Eröffnungsabend der ersten Bayreuther Festspiele nach dem Zweiten Weltkrieg.


    Es wurden also die Nr. 1, 5 und 8 ausgetauscht. Putzig finde ich die Einzelsätze von vier Symphonien in anderen Einspielungen, alles von kompletten Einspielungen genommen.



    jd :wink:

    • Offizieller Beitrag

    Mit Erstaunen stelle ich gerade fest, als ich alle Eintragungen im Diskografie-Thread mustere; dass, obwohl es so endlos viele omi-Zyklen gibt; gerade die neueren der letzten 25 Jahre fast ausnahmslos (zwei unter 20 fand ich auf die Schnelle) nicht wirklich für ´nen Appel und 'n Ei zu haben sind. 30 bis 50 Steine muss man in der Regel löhnen, oft sogar mehr (zuweilen Fabelpreise) und das, obwohl die Konkurrenz aus den 50er bis 80ern meist neu aufgelegt wesentlich günstiger zu haben ist. Das verstehe, wer will.

  • Mit den neueren macht man mehr Kohle; die alten Zyklen stehen schon seit Jahrzehnten in den Sammlungen. Wobei man solche Preisgestaltungen immer wieder individuell betrachten muß - je nach Label, Aufnahme und Nachfrage.

    • Offizieller Beitrag

    Wenn man mit den neuen mehr Kohle macht, scheinen aber nicht wir Klassikfreaks die Zielgruppe zu sein, denn in der Regel kaufen wir kaum noch neue Zyklen, da wir saturiert sind. Also muss das dann so laufen, dass jemand, der sonst eher wenig Klassik hört und sich dann entschließt, aus welchen Gründen auch immer einen Beethoven-Zyklus zu erstehen, sich für einen im Vergleich recht teuren neuen entscheidet. Also ich würde ehrlich gesagt keine 50 bis 60 Euro ausgeben, so gut kann keine jüngere GA sein, nicht einmal klanglich.

  • Irgendwie funktioniert das aber nicht: es muß Klassikfreaks geben, die immer wieder neuere Aufnahmen kaufen. Aussagen aus den Foren kannst du nicht gegensetzen - es gibt genug Klassikhörer, die nie online gehen. Und das werden nicht wenige Kunden sein.


    Überlege mal: diese Kunden können kaum den Durchblick haben wie Leute, die im Netz recherchieren. Die sind auf Läden angewiesen und nehmen das mit, was dort zu finden ist. Sowas wie Thielemann wird bestimmt gut weggegangen sein. Sowas wie Krips wird denen kaum bekannt sein (es sei denn, sie hätten vielleicht die LPs). Und Fedoseyev ist schon sehr speziell.


    Wieviele Zyklen können die zusammentragen neben den älteren von Karajan, Walter oder Solti? Wenn es Beethoven-Fans gibt, werden die nicht gleich alles stehenlassen, denn manchmal muß man schnell genug sein, sonst bekommt man es nicht mehr. Gut, nach dem 10. Zyklus überlegt man schon mal, ob noch einer sein soll.

    • Offizieller Beitrag

    Überlege mal: diese Kunden können kaum den Durchblick haben wie Leute, die im Netz recherchieren. Die sind auf Läden angewiesen und nehmen das mit, was dort zu finden ist.


    Das wird es wahrscheinlich sein! Ich habe ja auch so angefangen, aber da war das Angebot auch noch differenzierter als heute.

    • Offizieller Beitrag

    Ich bin ehrlich gesagt nicht damit einverstanden, wenn hier 01 - Die Sinfonien: Gesamteinspielungen (Diskographie) (omi) unvollständige Zyklen gepostet werden. Auch wenn nur eine Sinfonie fehlt, ist das keine GA!! Ich werde das, wenn ich aus dem Urlaub zurück bin, wie bei Bruckner und Mahler handhaben und einen Thread unvollständige GAs installieren.

    • Offizieller Beitrag

    Ich schlottere jetzt schon... *grrr*


    Ich glaube nicht, dass Yorick Dir Angst einjagen wollte, lieber JD — er hat bloß angekündigt, dass er etwas redaktionell einzugreifen gedenkt. Und das ist ja hier auch seine Aufgabe, also für mich: alles gut...

    • Offizieller Beitrag

    Ich danke euch, Jungs; sowohl für die Frotzelei, lieber JD, als auch für die Unterstützung, lieber Travinius. :)


    In der Sache, denke ich, folgen wir hier im Forum ja Prinzipien, die anderen beckmesserisch erscheinen mögen, uns aber wichtig sind. Daher stellt die Umlagerung auch überhaupt kein Problem dar.


  • (P) 1988 Naxos 8.550177/81 (5 einzelne CDs) [338:42]
    (C) 1991 Naxos 8.505065 (5 CDs)


    Nr. 3 & 6:
    rec. März 1988 (Konzerthalle des Radio CSSR, Bratislava)
    CSR Symphony Orchestra
    D: Michael Halasz


    Nr. 5, 2, 8, 1, 7, 4 & 9*:
    rec. September 1988 (Zagreb)
    *Gabriele Lechner (s)
    *Diane Elias (a)
    *Michael Pabst (t)
    *Robert Holzer (b)
    Zagreb Philharmonic Orchestra
    D: Richard Edlinger


    Dies ist der erste Zyklus, den Naxos aufnahm: er entstand noch in der absoluten Frühzeit des Labels, wo es noch häufig auf osteuropäische Orchester zurückgriff, um viele Mainstream-Werke der Klassik zu realisieren. Wenn man unvoreingenommen (oder als Anfänger) zuhört, bekommt man eine handwerklich sauber umgesetzte Einspielung präsentiert, in mittlerem Tempo und feiner Agogik sowie sehr guter Klangqualität. In der 9. tritt außerdem ein gut intonierender Chor und vier Solisten auf, die alle gut verständlich deklamieren und mit solidem Ausdruck ihre Partien bewältigen.


    Sobald man sich aber mit anderen Einspielungen beschäftigt, fällt doch sehr schnell auf, daß diesem Zyklus doch etwas Blasses anhaftet: insgesamt ist der Duktus klar strukturiert, aber der Ausdruck seltsam unverbindlich; es wird mit angezogener Handbremse agiert, die Phrasen schmucklos gespielt, die temporären Ausbrüche bleiben stets geschmackvoll distanziert. Halasz wie auch Edlinger liefern gleichermaßen eine solide Kapellmeisterqualität ab, ohne jedoch zu einer eigenen Handschrift zu kommen - da ist keine Wut, keine Wucht, keine auslotbare Tiefe, sondern ein seichtes Gewässer, in dem die Füße knöcheltief im Wasser stehen. Nett, adrett, freundlich, elegant, distanziert - aber unverbindlich.


    Aber genauso sollte man Beethoven nicht spielen lassen. So harmlos war seine Musik nie, selbst in den freundlichsten Momenten nicht. Und angesichts der Konkurrenz fällt dieser Zyklus doch sehr schnell hinten von der Kante.


    Fazit: solide - aber das reicht einfach nicht... :(

  • Bald kommt der Westminster-Zyklus von Hermann Scherchen nochmals in einer Box heraus:


    27. März 2020:

    • Symphonie Nr. 1-9
    • Wellingtons Sieg op. 91 (inklusive Probenmitschnitt)
    • Leonore-Ouvertüren Nr. 1-3
    • Fidelio-Ouvertüre
    • Coriolan-Ouvertüre
    • König Stephan-Ouvertüre
    • Die Namensfeier-Ouvertüre
    • Die Geschöpfe des Prometheus-Ouvertüre
    • Die Ruinen von Athen-Ouvertüre
    • Die Weihe des Hauses-Ouvertüre
    • Große Fuge für Orchester

    Magda Laszlo, Hilde Rössel-Majdan, Petre Munteanu, Richard Standen

    Orchester der Wiener Staatsoper

    Philharmonic Symphony Orchestra of New York

    Royal Philharmonic Orchestra

    English Baroque Orchestra

    D: Hermann Scherchen

    rec. 1951-1958

  • Hell aus dem dunklen Vergangnen leuchtet die Zukunft hervor!



    Ludwig van Beethoven (1770 - 1827)


    Sinfonie Nr. 3 Es-Dur, op. 55

    - Eroica -

    Sinfonie Nr. 5 c-moll, op. 67


    Royal Philharmonic Orchestra

    Hermann Scherchen


    Hermann Scherchen stellte den romantisierenden und von Pathos gerade so triefenden Beethoven-Interpretationen seiner Zeit einen Interpretationsansatz gegenüber, der den Beethoven-Sinfonien endlich wieder die gleiche Wirkung

    auf die Zuhörerschaft zurückgeben sollte, wie bei ihrer Uraufführung.

    Dazu richtete er sich konsequent nach den Metronomangaben Beethovens und spielte eine harten, wilden, durchaus revolutionären Beethoven.

    Das Establishment hat darauf umgehend reagiert, in dem es die Reihen wieder fest schloss und Scherchen ins Abseits drängte.

    Heute nun ist diese alte Beethoven Wiedergabe nur noch museal, derweil der scherchensche Ansatz bei der historischen Aufführungspraxis fröhliche Urständ feiert.

    Darum poste ich ihn hier als proto-hip.


    Siegfried

    • Offizieller Beitrag

    Darum poste ich ihn hier als proto-hip.


    Schön formuliert. :)


    Wir haben natürlich mit (auch schon Toscanini), Scherchen, Leibowitz, Schuricht und noch anderen eine Traditionslinie, an der die heutigen opi-Fürsten anknüpfen können. Ich wünschte mir oft, all die Haselböcks, Immerseels, Gardiners etc. würden auch ein wenig mehr Geist und Spritzigkeit ihrer Ahnen atmen und den Mut besitzen, über das nur Korrekte hinaus Spannung zu schaffen. Einzig Krivine scheint mir hier im Fahrwasser, vielleicht noch Grimal.