Hörgewohnheiten

  • Ich lese zumeist die Booklets vor dem Hören durch, Partituren dagegen verwende ich nie - Infos aus dem Internet werden auch häufig aufgesucht, wenn nötig. Grundsätzlich gibt es das aufmerksame Hören vor den Boxen oder das Nebenherhören am PC. Genauere Recherche muß ich nicht immer haben, weil das Werk unmittelbar auf mich wirken soll. Doch das ist auch je nach Werk oder Aufnahme unterschiedlich: ich mache den Aufwand nicht in jedem Fall. Wäre einfach zuviel.


    Allerdings bin ich nach nunmehr zehn Jahren so in der Materie drinne, daß ich gewisse Sachen einschätzen kann: wann das Werk entstanden sein kann, wie es aufgebaut ist (falls es einem traditionellen Schema folgt), ob es mir gefällt oder nicht. Anfangs habe ich öfters Quellen im Netz durchgeforstet, um mir einen Grundstock anzueignen; heutzutage sind nur noch Detailfragen nötig.


    Früher war ich wie ein trockener Schwamm, der ins Wasser fiel - nun bin ich vollgesogen und genieße das, indem ich mir Zeit lasse und das abchecke, was ich habe. Das ist übrigens viel. Wenn ich allein das nur "verwalte", würde ich schon mehr als genug beschäftigt sein.


    Ansonsten gilt natürlich: Tipps von anderen können nützen, aber letztendlich muß man seinen eigenen (Hör)Weg gehen.

  • Ergänzend zu dem von mir in diesem Thread weiter oben schon Gesagten und zu dem in den vielen anderen Threads kann ich zunächst nur wiederholen, dass ich mir nichts mehr wünsche, als wieder überwiegend ausschließlich in quasi autistischen Hörsitzungen Musik zu genießen, wie ich es früher gehalten habe, als die technischen Möglichkeiten beschränkter waren und das Angebot an Tonträgern noch überschaubar blieb. Also auf die Couch, Augen zu und lauschen, konzentriert und nicht abgelenkt von Lektüre, Alltag oder Mitmenschen.


    Inzwischen ist es auch so, dass ich am Liebsten wieder ganz alleine Musik höre, wenn ich so eine Hörsitzung abhalte. Selbst meine Frau möchte ich dann nicht dabeihaben; ihre Anwesenheit würde mich richtiggehend stören. Ich ziehe sie ja öfter zu Rate, wenn ich an bestimmten Problemen knoble und ihre Meinung brauche, aber das ist etwas anderes. So intensiv Musik zu hören wie früher, als ich auch immer allein war, ist eben eine intimere Sache sogar als Sex, wie ich finde; und dabei möchte ich nicht beobachtet werden. Daher nehmen Hörliegungen in der aberwitzig heißen Wanne zu und Livekonzerte konsequent ab.


    Unter Alkoholeinfluss wird es noch ärger, aber dazu später.

  • Lest Ihr Booklettexte vor, während, nach oder zwischen dem Hören?

    Ja, genau! Das kommt darauf an ...


    Bei unbekannten Werken/Komponisten wird es in jedem Falle gelesen, meistens habe ich aber bereits vorher schon einige Informationen gesammelt, die ja schließlich auch maßgebend waren, eine Musik anzuschaffen. Insofern (meistens): Prima la musica, è poi le parole. Zwischen dem Hören kommt durchaus spontan vor, wenn ich auf etwas Unerhörtes stoße und hoffe, etwas genau darüber im Booklettext finden zu können. Bei den 08/15- und 4711-Werken lese ich eher seltener, wobei ich aber doch immer wieder auf neue Erkenntnisse stoße oder eben Altes auffrischen kann. Bei Opern/Oratorien sind Booklets für mich unerlässlich (der Libretti wegen; besonders bei Ausgrabungen, da wird es oft schwierig, die Libretti online zu finden).

  • Und auch: was ist Euer kognitiver Modus? Oft wird die reine (vielleicht emotionale) Welt der Musik betont, andere verknüpfen Höreindrücke mit visuellen und metaphorischen Vorstellungen nicht nur bei Programmmusik bzw. aufgrund der eindeutigen (z.B. Passionen oder Battaglien) oder zumindest nahegelegten Realzusammenhängen (z.B. als Nebentiteln bei Symphonien). Was stellt Ihr Euch vor bzw. - und ja, das dürfte gar nicht allgemein und auch überhaupt nicht leicht zu versprachlichen sein - in welchen Zustand versetzt Euch Musik, sofern sich das kondensieren lässt? Ich meine das weniger als Beschreibung dessen, was Euch schon widerfahren ist, sondern im Sinne dieses Threads mehr in die Richtung: beabsichtigt Ihr in dieser Hinsicht etwas, wenn Ihr Musik hört, und was tut Ihr als Hörer dafür, dass Euch dieses angestrebte Erlebnis gelingt?

    Ganz recht: schwer zu formulieren ... generell soll bei mir die Musik ein Glücksgefühl hervorrufen (was aber nicht unbedingt heißt, daß ich vor dem Musikhören unglücklich gewesen wäre; meist im Gegenteil: in schlechter Stimmung habe ich auch keine Lust, Musik zu hören). Je nach ausgewähltem Werk können ekstatische Zustände erreicht werden; im Falle diverser Opernfinali (Mozart) oder Sinfonien (Bruckner) wird die Musik so laut aufgedreht, daß sie „lebensecht“ herüberkommt und ich mittendrin bin - quasi wie eine dieser Noten, die herumtanzen. Ich stelle mir meist ein „volles Haus“ vor und genieße die Begeisterung des virtuellen Publikums ebenso wie die Angespanntheit und den Schweiß der Musiker ... ab und zu (ja, klingt jetzt doof, ist aber leider wahr) stelle ich mir vor, selbst der Komponist zu sein und atme tief ein und aus; ich schäme mich deswegen nicht, habe ich ja die Erfahrung als Komponist auch bereits mehrfach selbst live erlebt; das Gefühl ist ziemlich geil - da kommen auch keine mir bekannten Drogen mit. Dazu gehört natürlich auch, daß ich stets die Uraufführung höre bzw. „dabei“ bin - so kryptisch das klingt: es funktioniert. Ich höre jedes Werk so, als hörte ich es zum ersten Male. War es nicht Julien Green*, der formulierte (sinngemäß): ich würde gerne Beethovens „Eroica“ (?) noch einmal zum ersten Mal hören dürfen ...? Just come here ... !!


    *Edit: Ohja

  • Du hast zwar nicht direkt danach gefragt oder ich habe es überlesen, aber Vollständigkeit halber:


    Beim bewussten Vergleichshören habe ich stets mein Notizheft aufgeschlagen, dazu jede Menge spitze Stifte ... viele Ersteindrücke gehen so schnell verloren, weil die Musik schon fortgelaufen ist, bevor ich zuende gedacht habe; und die Erinnerung daran mit ihr, so daß ich es mir angewöhnt hatte, sofort mitzuschreiben: einige Worte, Gekrakel, Assoziationen, Gedankenfetzen ... meist unmittelbar danach habe ich auch die entsprechenden Beiträge hier resp. in T-Rex verfasst (solange ich meine Notizen noch lesen konnte), denn je frischer die Gedanken waren, desto besser liessen sie sich für mich gleich online konservieren. Später geht zu viel verloren ...

  • Danke für Eure Antworten, Ich finde die Vielfältigkeit faszinierend, sie legt Zeugnis ab für die Einzigartigkeit dessen, was Musik kann, wenn sie auf Hörende trifft.


    Besonders Ulli hat sich der schwierigsten Frage gewidmet, nämlich der nach dem kognitiven Modus beim Hören. Und ich kann seine Darlegungen zur persönlichen Identifkation mitten in den Noten und als Schöpfer nachvollziehen. Bei der Musik geht es mir zwar weniger so, aber bei Literatur (wo ich eher vom Fach bin) und noch mehr bei Filmen geht es mir auch so. Sehe (und erlebe!) ich da etwas Mittelmäßiges oder gar Mieses, dann nehme ich das persönlich - gerade so als sei ich verantwortlich, als habe ich Mist gebaut, als müsse ich weiter daran arbeiten, damit es vorzeigbar werde. Das war nun unter negativer Perspektive formuliert, aber andersherum ist es ganz genau so: die Freude ist groß, wenn mich etwas Gelungenes ergreift, gerade als sei es mir gelungen, und ich teile den Stolz, den ich den jeweiligen Kunstschaffenden zugestehe (als ob mir letzteres zu Gebote stünde), und fühle mich als glücklich unter ihnen. Das ist zunächst mal ein Gefühl, aber es ist ohnehin und nachgedacht wahr: das Kunstwerk wird erst mit (und in) dem Rezipienten (vorläufig zuende)geschaffen. Das Publikum ist Teil der Schöpfung und zugleich Teil des Kunstwerks - ich kann nachvollziehen, dass das zu kultivieren zu besonderen Ebenen des Genusses führen kann. Und da ist nichts, aber auch gar nichts Peinliches dran.


    Meine Fragen sind offen und schwierig, weil man sie bzw. die Antworten kleinteilig differenzieren müsste. Worum geht es jeweils? Erschließe ich eine mir unbekannte Oper oder eine bestimmte Fassung einer Oper oder eine bestimmte Einspielung oder Aufnahme einer Oper? Erste Anbahnung einer Begegnung mit Unbekanntem? Dabei wiederum: was ist schon völlig unbekannt? Josquin wies bereits darauf hin, dass man mit jeder wie auch immer gearteten Auseinandersetzung dazu lernt (und übrigens auch wieder vergisst), dass manche Kontexte zunehmend bekannt sind, wenn auch manche konkreten Kunstwerke es noch nicht sind. Ich war schon immer gut darin, grob einordnen zu können. Da gibt es zwar auch grobe Fehler und zum Glück schwarze Flecken (sonst gelangte man auch schnell ans Ende), aber ich habe in Vielem eine grobe, teils detailliertere innere Landkarte, auf der auch Werke (ob nun Literatur, Musik, bildende Kunst usw.) verzeichnet sind, die ich noch gar nicht wirklich wahrgenommen habe, genauer: denen ich mich noch nicht ausgesetzt habe, die ich (um obigen Gedanken einzubinden) noch nicht mitgeschaffen habe. Dennoch bleibt die Frage: wie finde ich heraus, was an irgendeinem beliebigen Werk das Besondere ist, und warum sollte ich es mit ihm versuchen? Verlasse ich mich auf mein bisheriges Rüstzeug und schaue, was ich damit anfangen kann, wo ich den Fuß in die Tür bekomme und was mich überrascht und irritiert (letzteres nebenbei bemerkt ideal, um voran zu kommen)? Oder nutze ich bereits ausgetretene Pfade, eigne mir jenseits, vor, nach während der Begegnung an, was von anderen als das Besondere, das Hörenswerte (z.B. musikgeschichtlich, z.B. Emotional, z.B. technisch) ausgemacht worden ist? Ja, das ist mal so mal so und mal mehr und mal weniger. Gerade deshalb spannend, dem einmal nachzuspüren: ist es zufällig, ist es willkürlich, ist es planmäßig - deshalb, siehe oben, danke für die bisherigen Antworten.


    Wenn ich beim Hören etwas tiefer einsteigen will, geht das auch nur mit Notizheft. Darin bleiben dann Bemerkungen zu Struktur und Ablauf, besonderen Momenten und Auffälligkeiten, Reflektionen zu eigenem Erleben und Zustand sowie Interpretationsansätze und Assoziationen bestehen. Abscheifend hierzu: wenn ich Wilhelm von Humboldt mit "Sprache ist Arbeit des Geistes" und Kleists "Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden" nehme und im für eigentliches Sprechen und Reden als notwendiges Gegenüber die Sprache selbst nehme (als die ich sie oft erlebe), dann wird klar, wie ich mir im Dialog mit meiner Sprache und damit mir selbst, so den Zugang ebnen kann.


    *sante*



    Prima la musica wurde von Ulli genannt und wie es Zufall will - oder die Willkür oder das Planmäßige... - stolperte ich gestern über folgende Podiumsdiskussion mit Reich-Ranicki, Joachim Kaiser und Klaus Everding zu eben diesem Thema im Zuge der Richard-Strauss-Tage 1995. Da werden (in gesund zelebrierter Streitkultur, nämlich einer freundschaftlichen und humorvollen) einige Dinge angesprochen, die auch in diesen Thread passen (und viele mehr). Vielleicht hat ja wer Lust, in die immerhin 2:14 hineinzuschauen (eigentlich etwas weniger, denn bei 1:44 gibt es einen Aussetzer und die Aufnahme springt nochmal ein gutes Stück zurück):


    Es gibt viele, die nicht reden, wenn sie verstummen sollten, und andere, die nicht fragen, wenn sie geantwortet haben.
    Johann Georg August Galletti (1750-1828)

  • Besonders Ulli hat sich der schwierigsten Frage gewidmet, nämlich der nach dem kognitiven Modus beim Hören.

    Diese Fragen sind interessant, scheinen aber verkopft und überintellektualisiert oder bin ich da gerade überempfindlich? :)


    Meine Erstzugänge zur Musik jeglicher Art waren immer - obwohl (oder weil) ich ein reiner Kopfmensch bin - emotional bis irrational und sie sind es bis heute eigentlich geblieben, auch wenn sich inzwischen Jahrzehnte an Hörerfahrung wie Firnis darübergelegt haben. Das lässt sich immer wieder bei seltener werdenden Neubegegnungen erfahren und selbst bei 30 Jahre bekannten Werken. Dass ich bewusst an bestimmte Werke herangehe, in ausschließlicher Konzentration und mit Partitur oder Zweithörer, verfolgt immer einen Zweck und sei es der, über sie im Forum zu schreiben.


    Ansonsten aber sucht die Musik mich aus und überredet (um das Vokabular des Strafrechts zu vermeiden) mich zum einvernehmlichen Sex. Dabei unterscheide ich bzw. wohl eher mein Unterbewusstes ganz klar, welcher Teil von mir angesprochen wird - Gehirn (Geist), Seele oder Leib und Lenden. Paradebeispiele sind hier für mich Bach und Wagner: Bach fickt meinen Kopf und er vermählt sich mit meiner Seele; Wagner spüre ich quasi körperlich südlich des Bauchnabels und durch allgemeine Erregungszustände am Rande klinischer Symptome. Beide sind für mich unendlich wichtig; wichtiger als die meisten anderen Komponisten. Dabei sind beide nicht vollkommen; Wagner fehlt das, was die GBV mit meinem Kopf machen (ihn entleeren und füllen mit kosmischer Harmonie - man verzeihe das Pathos); Bach, der immerhin schon intellektuell und herzerwärmend wirkt, geht das Sinnliche so ziemlich ab. Mein musikalischer Übermensch hieße also Johann Wagner.


    Die meiste Musik also, die mich anspricht; tut das durch Überwältigung mit anhaltender Faszination; da gibt es also keinen kognitiven Modus, zumindest keinen mir bewussten. Das ändert aber nichts daran, dass ich mir bestimmte Komponisten wie Sibelius, Mahler oder Schostakowitsch über Jahre und Jahrzehnte erarbeiten musste, weil ich dranblieb mit dem Vorsatz, es schaffen zu wollen. Aber es führte etwa bei Mahlers Neunter erst zum Erfolg, als ich Ullis Methode kopierte.

  • Diese Fragen sind interessant, scheinen aber verkopft und überintellektualisiert oder bin ich da gerade überempfindlich? :)

    Ich verstehe schon, was Du meinst. Allerdings denke ich, dass die beste Sprache, um mit ihr über Musik zu sprechen, die Musik wäre. Solange wir also nicht zusammen musizieren, bleibt mir nichts anderes als derlei Fragen, seien sie auch mitunter (zu) verstiegen, was nicht an ihrem Inhalt, sondern am Wesen der Musik und dem Versuch, in Worte zu übersetzen liegt. In diesem Sinne solltest Du sie auch nicht zu ernst nehmen, was für mich zwar in den Worten "verkopft" und "überintellektualisiert" mitschwingt, nicht aber in Deiner Antwort, was mir wiederum gefällt.


    *sante*

    Es gibt viele, die nicht reden, wenn sie verstummen sollten, und andere, die nicht fragen, wenn sie geantwortet haben.
    Johann Georg August Galletti (1750-1828)

  • Solange wir also nicht zusammen musizieren


    Ich könnte derzeit nur mit der Triangel mittun oder baritonal singen wie nur je ein Schlachtenkrieger ...

    In diesem Sinne solltest Du sie auch nicht zu ernst nehmen, was für mich zwar in den Worten "verkopft" und "überintellektualisiert" mitschwingt, nicht aber in Deiner Antwort, was mir wiederum gefällt.

    Ähm, wie meinen? :)

  • Fragen über Fragen - herzlichen Dank für diesen profunden Beitrag, lieber pm.diebelshausen. Ich denke einmal darüber nach und melde mich demnächst dazu.


    *sante*

    *wirds**wait*:boese:*flirt*

    Es gibt viele, die nicht reden, wenn sie verstummen sollten, und andere, die nicht fragen, wenn sie geantwortet haben.
    Johann Georg August Galletti (1750-1828)

  • Ich habe letzthin meine Hörgewohnheiten dahingehend geändert, dass ich nun bei Vokalmusik meistens den Text mitlese. Dadurch wird das bildliche Sich-etwas-Vorstellen, das mir über längere Zeit eher albern vorgekommen war, reaktiviert. Das war aber natürlich nicht der Zweck der Sache, und ist nach wie vor eher nebensächlich.


    Interessant ist ja doch die Frage, was man beim Musikhören bezweckt, und die Aufforderung, dahingehend die Hörerfahrungen zu analysieren. Genuss und Erkenntnis resp. Nachvollzug von Urteilen sind die beiden Aspekte, ohne die ich wohl keine Lust hätte, Kunst zu konsumieren. In beiden Fällen gehe ich aber nicht zum Extrem. Vertiefen in Fachliteratur und in eigene Analyse können dazu führen, dass ich etwas längere Zeit gar nicht mehr hören mag. Und Genusssteigerung durch oftmalige Wiederholung der Zufuhr habe ich auch abgestellt, am meisten interessiert mich, etwas genießen zu lernen, das mir bislang nicht so nahe war, oder, das schon stark verblasst ist. Das ist nun ohnehin der Dauerzustand, da meine Sammlung auf Werkvielfalt abzielt, und mein Gedächtnis stark überfordert (also ich weiß, was ich habe, aber nicht genau, wie es klingt).


    Ich fürchte aber, dass ich wieder an den Fragen vorbeigeschrieben habe.

  • Und Genusssteigerung durch oftmalige Wiederholung der Zufuhr habe ich auch abgestellt, am meisten interessiert mich, etwas genießen zu lernen

    Ich denke, das ist ein guter Ansatz; alles andere wäre Fressen bis zum Erbrechen; das passiert mir leider noch viel zu oft, d.h. ich kann einfach mit dem Konsum ein und desselben Werkes oder einer bestimmten Einspielung nicht stoppen (dto. bei Getränken, Essen). Komischer, also entgegengesetzer, Weise kann ich jahrelang morgens zum gleichen Bäcker gehen und das gleiche Zeugs kaufen, daß mir (auch jahrelang) nicht schmeckt. Beim täglichen Einkaufen, Kochen wird mir aber schnell langweilig, wenn sich Dinge (zu oft) wiederholen. Was gut ist, kann man ja durchaus des öfteren mal genießen (essen, trinken, hören), aber Musik, die nicht schmeckt, würde ich sofort abschalten. Aber ich kann gute Musik solange hören, bis sie mir final auf den Geist geht ... dann ist sie aber wenigstens verinnerlicht. Wie bei Gin. Das Thema habe ich jetzt durch. Nun ist Whisk(e)y dran. Und Kalbsleber.


    Es ist (bei mir) doch recht unterschiedlich bei gewissen Konsumgütern: jahrzehnte lang rauchte ich Slim-Zigaretten. Alle meinten, das sähe zu schwul aus; mir war's egal: ich fand's genau passend, es war mein Markenzeichen; inzwischen finde ich es zu schwul. Ich wechsle nunmehr recht häufig die Marken (ausschließlich Methol) ... auch das wird sich womöglich ab dem 20.V. ändern (müssen).


    Doch zurück zur Musik: früher, als es für mich nur eine Hand voll Aufnahmen gab, konnte ich diese ständig hören (eine andere Chance gab es nicht; die Alternative war nichts hören); es war ja das einzige Vergnügen ... dann natürlich so lange, bis ich wirklich wusste, wann jeder Floh hustet. Im Prinzip hat mir das nichts ausgemacht. Warum? Keine Ahnung. Heute geht es prinzipiell etwas schneller: Aufnahmen, die ich nicht wirklich mag oder schätze, werden generell nicht gehört (Zeitverschwendung), anderes hingegen - so es die Zeit erlaubt - so oft wie möglich. Liegt natürlich am Überfluss an Verfügbarem ... insofern ist die einzelne Wertschätzung vermutlich eher gesunken. Schade, aber wahrscheinlich normal.

  • Was gut ist, kann man ja durchaus des öfteren mal genießen (essen, trinken, hören), aber Musik, die nicht schmeckt, würde ich sofort abschalten.

    Durch meine Methode der ständigen Selbstschulung - also Hinterfragen der nicht befriedigten Erwartungshaltung, Nachvollziehen, warum etwas beliebt/berühmt ist, daraus folgend die Entwicklung der Genussfähigkeit - gibt es das fast nicht, dass ich Musik höre, die nicht schmeckt - schließlich habe ich den Player unter Kontrolle.

    :saint:

    Da ich weniger nach spontanem Gefallen als nach Geltung sammle, ist die Gefahr gering, dass bedingt durch temporäre Geschmacksverwirrung Sondermüll in der Sammlung lagert. Die nun wirklich "Unberühmten" wie bspw. Emil Bohnke werden auch ab und an wieder mal gehört (wie alles andere auch) und sie gefallen mir immer noch, nur ganz weniges finde ich eher doof, und das ist wohl fast ausschließlich jünger als 50 Jahre, z.T. von den Komponisten geschenkt, was soll man da machen ...


    Aber selbst Musik, die ich nicht schätze, stört mich erst ab einer gewissen Spieldauer oder Wiederholungsfrequenz. Grundsätzlich finde ich wohl inzwischen jede Musik erstmal irgendwie interessant und lasse mich (zumindet kurz) darauf ein. Das ist also eine Art wissenschaftlichen Zugangs, auch wenn ich dann nicht wissenschaftlich arbeite. Da ich keiner Zwangsbeschallung unterliege (und die paar Minuten im Supermarkt stören mich auch nicht mehr) kann ich meine Offenheit gut bewahren, ich höre in Summe wahrscheinlich vergleichsweise wenig Musik.

  • Verlasse ich mich auf mein bisheriges Rüstzeug und schaue, was ich damit anfangen kann, wo ich den Fuß in die Tür bekomme und was mich überrascht und irritiert (letzteres nebenbei bemerkt ideal, um voran zu kommen)?

    Nun gut, die Frage nach dem Rüstzeug und wie es vermittelt worden ist, ist für mich zentral. Papa Orgelbauer und als, was man heutztage C-Organist nennt, im Sprengel der Landeskirche H. unterwegs. Da wurde schon einiges in der Phase meines Heranwachsens vorgeprägt. Hinzukommt eine auch heute noch bestehende enge Verbindung zur kirchenmusikalischen Infrastruktur, einschließlich bestehender Netzwerke. Bisweilen durfte ich meinen Vater, was für mich besondere Ereignisse waren, zu diversen Restaurierungsarbeiten in den Ferien begleiten. Dabei habe ich eine Vielzahl von Menschen kennengelernt, denen die Kirchenmusik, die Pfeifenorgellandschaft und deren unverfälschter Erhalt ein wichtiges Anliegen war und ist. Claviermusik (wohlgemerkt mit C geschrieben) , Chormusik steht für mich persönlich auch heute im Zentrum meines Interesses. Bach, Mendelssohn, Scheidemann, Buxtehude, Bruhns, Sweelinck und einige andere mehr nehmen dabei naturgemäß eine nicht unwichtige Rolle ein. Verschweigen sollte ich allerdings nicht, dass ich in Zeiten einer, aus meiner höchstpersönlichen Sicht, unbedarften Herangehensweise eher breiter, auch omi-mäßig, aufgestellt war (insoweit lasse ich heute nur einige handverlesene Ausnahmen gelten).


    Zu den weiteren Fragen:


    Booklets lese ich nur selten, es sei denn die Registrierungen sind verzeichnet.


    Neuentdeckungen im Hinblick auf neues Repertoire gibt es immer wieder, zuletzt Mattheson, Krieger. Ansonsten verstehe ich den Begriff Neuentdeckungen auch dahingehend, dass mir neue interpretatorische Sichtweisen (einschließlich verwendeter Registrierungen) aufgebügelten Repertoires, zum Teil auch abhängig vom verwendeten Instrument, begegnen.


    Musik höre ich möglichst nicht angekränkelt von äußeren Störgeräuschen. Dabei steht wohl eher der analytische, weniger der emotionale, Aspekt im Vordergrund. Alk, Fluppen oder eine gewisse Abgedunketheit benötige ich dazu nicht.


    Und ja, bisweilen traktiere ich auch selbst irgendwelche Tastaturen und Pedale, wenn man mich denn lässt und Not am Mann oder der Frau ist, soll heißen, wenn sonst niemand will oder kann (aus zeitichen Gründen). Aber auch dann nur, wenn ich vorher noch etwas üben darf, schließlich lege ich es nicht darauf an, mich zu blamieren.


    Meine Repertoirelücken, insbesondere im sinfonischen Bereich, sind enorm, was mich aber nicht weiter kümmert.

  • Wie haltet Ihr's denn mit der Uhrzeit?


    Matinee oder Mati NEE! Für mich ist klass. Musik (insbes. die 'härteren Sachen') am Vormittag ein NoGo; z.B. 11°° Eroica/Egmont im Konzert ... das geht GAR nicht; ganz abgesehen von Mahler/Bruckner etc. Konzert ist abends ... Ich höre auch vor 17°° sicher nichts aktiv/bewusst ... genau wie mit dem Alkohol ...


    Für mich auch völlig kirre, unverständlich, wahnsinnig: wie Beethoven seine Kreutzer-Bridgetower-Sonate morgens um 8°° uraufführen konnte ...


    ||:wacko:*beiss**sm*

  • Wird bei mir 90% fremdbestimmt. Arbeitsbedingt wenig Klassik am Abend, wenn mir dann sogar bei Kopatschinskajas Beethoven die Augen zufallen.

    Lucius Travinius Potellus
    Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety. (B.Franklin)

  • Da geht es mir ähnlich, aber nicht ganz. Der Vormittag und die Mittagszeit ist wenn, dann meiner Vorstellung einer Matinee vorbehalten: keine große Herausforderung bitte, aber ohne Verzicht auf Qualität. Vielleicht hat das mit der Kindheitserfahrung des sonntäglichen Vormittagsprogramms im Fernsehen zu tun, jedenfalls denke ich bei Matinee zuerst in Richtung tschechischer Märchenfilme.


    Und dann: am Nachmittag geht prinzipiell alles inlusive konzentriertem Hören, aber da ich abgesehen von beruflicher Erschöpfung abends und nachts am wachesten bin, gehört da auch die fokussierte Zielsetzung beim Hören hin, wie auch beim Lesen, Schauen, Trinken und Machen. Könnte sein, dass dem so wegen der leichter fallenden Gelassenheit ist. Wenn ich das Tagewerk um mich herum als beendet und die Stadt um mich herum als genießend, ihren privaten Dingen fröhnend oder auch einfach schlafend denken kann, fällt es mir leichter, selber vom alltäglichen Gebraus zu lassen, möglicherweise. Oder anders: tagsüber Gebräu, ab abends distinguierter, gerne auch irritierender. Allein die Dunkelheit reduziert schon Reize und die Tageszeit anscheinend auch, derzeit ist um 19:35 Uhr Sonnenuntergang.


    Da ist so eine Konzertnacht von 20:00 bis 1:00 Uhr herrlich und perfekt für mich, aber auch ein Konzerttag wie dieser von 11:00 bis 22:00 Uhr war völlig reizvoll im Tagesverlauf, der Bewegung durch Ortswechsel und die sich entwickelnden Stimmungen und eigenen Befindlichkeiten und Perspektiven zu unterschiedlichen Tageszeiten.


    Bloß schwer zu erkennen, was an den eigenen Vorlieben nun persönlichkeitsgebunden und was aus gesellschaftlicher Zeitstruktur geboren ist. Bzw.: blöder Satz, da beides wechselwirkend ein und dasselbe ist.


    *sante*

    Es gibt viele, die nicht reden, wenn sie verstummen sollten, und andere, die nicht fragen, wenn sie geantwortet haben.
    Johann Georg August Galletti (1750-1828)

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