08a - op. 133 (Große Fuge): Einspielungen (opi)


  • Ludwig van Beethoven (1770-1827)
    Streichquartett B-Dur op. 130
    Große Fuge op. 133


    Edding Quartet


    Baptiste Lopez, Violine italienischer Herkunft, 1890
    Caroline Bayet, Violine Claude-Augustin Miremont, Paris 1872
    Pablo de Pedro, Viola unbek. Herkunft, 1. Hälfte des 17. JHs
    Ageet Zweistra, Violoncello Paolo Maggini, 1596


    Die Edding's sind wohl tatsächlich die ersten, die sich trauen späten Beethoven auf Originalinstrumenten käuflich erwerbbar darzubieten; dazu noch gleich eines der m. E. heikelsten Werke überhaupt: die „große Fuge“ B-Dur op. 133, welche dem später nachkomponierten Schlußsatz des Quartetts op. 130 leider weichen musste, dafür aber jetzt einen exponierten Platz auf dem Thron der Streichquartettmusik einnehmen darf. Auf dieser CD wird der spätere Schlußsatz weggelassen (auch nicht alternativ bereitgehalten), das Quartett also in seiner Urfassung mit der Fuge als großem Finale präsentiert.


    Die „große Fuge“ ist eines der wenigen Werke, dessen Komplexität zu entschlüsseln ich mich schlichtweg weigere; nicht, weil ich es nicht kann - ich möchte nicht, weil es mir den jedesmal neuaufkommenden Zauber dieser Musik nehmen würde; da bin ich ganz sicher. Ich genieße also jedesmal von Neuem für mich quasi völlig neue Musik, die mir in Fetzen bekannt ist, über deren Details ich mich aber jedes Mal aufs neue freue.


    Die von mir jetzt einfach mal unterstellte Angst anderer HIP-Ensembles, sich der späten Beethovenschen Kammermusik anzunehmen, scheint mir, wenn ich die faszinierende Produktion des Edding-Quartetts höre, völlig unbegründet. Allerdings besitze ich einen Radiomitschnitt einer Livedarbietung der „großen Fuge“ durch das Quatuor Mosaïques, bei der man durchaus die Fragilität und damit verbundene Schwierigkeit der Darbietung nicht bloß erahnen kann; nichtsdestotrotz gefällt mich auch deren Anstrengung, das Werk darzubieten, überaus.


    Die Intonation der Eddings könnte - für mein Empfinden - kaum sauberer sein, das gänsehautige Schaben über die Saiten bei Piano- und Pianissimostellen ist derart nah aufgenommen, daß ich meine, der Bogen streiche mir direkt durchs Hirn; kurzum: das Werk wird hier mit einer drängenden - beinahe arroganten („Na? Komponier' eine Fuge, sonst tu' ICH es!") - Überzeugungskraft dargeboten, der ich mich nicht entziehen kann; ich fühle mich durchaus in eine Ecke gedrängt, aus der es kein Entfliehen gibt. Ein wenig empfinde ich Kafkas „kleine Fabel“, wobei ich die Maus und Beethovens Schöpfung die Katze ist:


    »Ach«, sagte die Maus, »die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, daß ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, daß ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, daß ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.« – »Du mußt nur die Laufrichtung ändern«, sagte die Katze und fraß sie.

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790

  • Die Edding's sind wohl tatsächlich die ersten, die sich trauen späten Beethoven auf Originalinstrumenten käuflich erwerbbar darzubieten;

    So besteht wohl wenig Aussicht, dereinst auch eine opi-GA der Streichquartette überhaupt, nicht nur der späten, zu erleben?

    "Die zwei Hauptprobleme der gegenwärtigen Welt: demographische Expansion und genetische Degeneration sind unlösbar. Die liberalen Prinzipien verhindern die Lösung des ersten, die egalitären die des zweiten." Nicolás Gómez Dávila (1913-1994)

  • ... in später Zukunft wohl schon. In absehbarer Zeit wohl eher nicht. Was für ein Dilemma!

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790

  • In absehbarer Zeit wohl eher nicht. Was für ein Dilemma!

    Eben, wenn man schon rechnen muss; ist das traurig. Wer ist denn für dich die einzig halbwegs akzeptable omi-Alternative?

    "Die zwei Hauptprobleme der gegenwärtigen Welt: demographische Expansion und genetische Degeneration sind unlösbar. Die liberalen Prinzipien verhindern die Lösung des ersten, die egalitären die des zweiten." Nicolás Gómez Dávila (1913-1994)

  • Na, die, wo Du vorhin schon reingeschaut hattest ... aber als Alternative würde ich das inzwischen nicht mehr bezeichnen, eher als Notlösung (betrifft auch insgesamt die späten Quatuors).

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


  • Die Mosaïques kommen hier an die Eddings bei weitem nicht heran; gleichwohl mag ich auch diese Aufnahme, spricht mir doch die GF generell direkt aus dem verworrenen Verstand. Die aggressivere Herangehensweise der Eddings sagt mir deutlich mehr zu; der Insanitätsfaktor bei den Mosaïques ist eher schwach (was aber keine Wertung sein soll, sondern persönliches Empfinden und Geschmack - zumal im direkten Vergleich mit den Eddings). Nachdem seit der Komposition der GF knapp 200 Jahre vergangen sind, muß das „insane“ wohl deutlich mehr hervorgehoben werden, damit es auch heute noch so wirkt wie vor gut 200 Jahren. Die Welt ist auch bescheuerter, aggressiver und unverständlicher geworden ...


    :/


    Der (freilich unterstellte) Versuch der Mosaïques, das Werk „anhörbar“ zu präsentieren, glückt für meine zu allen Qualen bereiten Ohren zu gut. Der Kick fehlt mir hier gänzlich ... gleichwohl registriere ich eine (wie bei den Eddings) beeindruckend gute Intonation; das Ohrenmerk wird hier m. E. eher auf die lyrischen Momente gelenkt, was sicher kein Fehler ist.


    Die „große Fuge“ ist für mich nachwievor die „größte Fuge aller Zeiten“.


    :jubel::umfall:

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790