HILFE! Wir hören nur Reproduktionen!

  • Keine Panik, eigentlich möchte ich über das Thema gar nicht diskutieren. Und eigentlich sollte es jedem klar sein (was es wohl auch ist), aber bewusst wird es einem eher selten.


    Der Gedanke verfolgt mich seit einigen Wochen, wenn ich einmal wöchentlich an einer Plakatwerbung für das Musical „Bodyguard" vorbeifahre. Jedesmal denke ich: Boah, nee, dann lieber das Original. Also der Film. Mit Whitney Houston und Kevin Costner ... und im selben Moment denke ich: hm, komisch. Bei den Opern hören wir ja auch nicht (mehr) die Originale, die - wie der originäre Film - genau auf die jeweiligen Acteure und Acteusen zugeschnitten waren, sondern Reproduktionen, von denen sich jede irgendwie mal mehr, mal weniger unterscheidet. Eigentlich finde ich als das Suchender nach dem Original(klang) nicht wirklich befriedigend.
    *leberwurst*

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)

  • Bei den Opern hören wir ja auch nicht (mehr) die Originale, die - wie der originäre Film - genau auf die jeweiligen Acteure und Acteusen zugeschnitten waren,


    Aber hatte das der Komponist nicht eingeplant? Schon die Aufführung des Werkes an einem anderen Ort als den der Uraufführung bedeutete andere Interpreten. Und mit Sicherheit war den allermeisten Komponisten daran gelegen, dass ihr Werk, in das sie so viel Kraft und Arbeit investiert haben, nicht nur an einem Ort und auch nicht nur für eine Serie gespielt werden sollte. Und sicherlich hatte auch nicht jeder die Möglichkeit, sein Werk direkt auf Interpreten zuzuschneiden. Das "hören wir ja auch nicht (mehr) die Originale" würde ja fast in letzter Konsequenz darauf hinauslaufen, dass wir die Werke gar nicht mehr hören können/dürfen, weil die ursprünglichen Interpreten zwangsläufig nicht mehr zur Verfügung stehen.


    Folglich müssen wir bereit sein, Werke so zu hören, wie sie dem inneren Ohr des Komponisten, das wir ja auch nicht kennen, möglicherweise nicht entsprechen. Von daher habe ich kein Problem damit, Werke in veränderter Form wahrzunehmen.


    Was das obige Beispiel angeht, nervt mich nur die jetzige Mode in den Theatern: 'Wir bringen das Theaterstück zum Film, zum Buch.' Als wenn ihnen nichts Eigenes einfallen könnte/sollte.

  • Aber hatte das der Komponist nicht eingeplant? Schon die Aufführung des Werkes an einem anderen Ort als den der Uraufführung bedeutete andere Interpreten. Und mit Sicherheit war den allermeisten Komponisten daran gelegen, dass ihr Werk, in das sie so viel Kraft und Arbeit investiert haben, nicht nur an einem Ort und auch nicht nur für eine Serie gespielt werden sollte. Und sicherlich hatte auch nicht jeder die Möglichkeit, sein Werk direkt auf Interpreten zuzuschneiden. Das "hören wir ja auch nicht (mehr) die Originale" würde ja fast in letzter Konsequenz darauf hinauslaufen, dass wir die Werke gar nicht mehr hören können/dürfen, weil die ursprünglichen Interpreten zwangsläufig nicht mehr zur Verfügung stehen.

    Die ganze Barockzeit über haben die Komponisten ihre Opern tatsächlich nur für eine Serie an einem Ort mit einer Besetzung geschaffen. Manchmal sogar nur für einen einzigen Anlass. Und wenn eine Oper dann doch noch mal an einem anderen Ort wiederverwertet oder noch einmal aufgenommen wurde, dann allermeistens mit Veränderungen/Anpassungen. Ich glaube, es hat sich erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts allmählich dahin entwickelt, dass Opern teilweise um die Welt gegangen sind.



    Was das obige Beispiel angeht, nervt mich nur die jetzige Mode in den Theatern: 'Wir bringen das Theaterstück zum Film, zum Buch.' Als wenn ihnen nichts Eigenes einfallen könnte/sollte.

    Einfallen würde denen wahrscheinlich schon etwas, ich habe eher den Eindruck, dass sich Produktionen, die das Publikum quasi schon kennt, besser verkaufen lassen als originelle Hervorbringungen, die für die potenziellen Ticketkäufer unbeschriebene Blätter sind ...

  • Andererseits eröffent diese Reproduktion aber die Chance, neue Künstler kennenzulernen, die ja sonst nicht ihre Qualitäten zeigen könnten. Da bin ich persönlich eher bereit, Teilaspekte jeder Inszenierung oder die musikalische Umsetzung nicht immer streng zu beurteilen. Original bedeutet heutzutage nunmal "Original" - das Abbild einer Möglichkeit. Dabei geht es nicht nur um opi/HIP oder die Theorie der damaligen Epoche, sondern auch um die Umstände der jetzigen Umsetzung. Kompromisse sind nötig.


  • Einfallen würde denen wahrscheinlich schon etwas, ich habe eher den Eindruck, dass sich Produktionen, die das Publikum quasi schon kennt, besser verkaufen lassen als originelle Hervorbringungen, die für die potenziellen Ticketkäufer unbeschriebene Blätter sind ...


    Ich denke, da hast Du recht; heute wie früher: entweder ein altbewährter Metastasio oder ein Büchlein, das verboten (und gerade deswegen bekannt) wurde ...


    Das Buch zum Film, der Film zum Buch, das Shirt zum Theaterstück, die Tasse zur Serie; ein wunderbar weites (Merchandising-) Feld.


    Mordent schrieb:

    Die ganze Barockzeit über haben die Komponisten ihre Opern tatsächlich nur für eine Serie an einem Ort mit einer Besetzung geschaffen. Manchmal sogar nur für einen einzigen Anlass.


    Selbst bei Donizetti soll das (noch resp. im Einzelfall (wenn man die heute bekannten abzieht, verbleiben sicher 5 Dutzend oder mehr ...)) so gewesen sein.

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)