Was ist besser? Eine schwache OPI- oder eine starke OMI-Interpretation?

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    Gangbar ist alles, man muß eben bloß konsequent sein (können/wollen) und nicht alles durcheinandermixen oder ignorant sein; Vergleiche omi/omi und opi/opi sind okay, alles andere ist für mich Quark mit Soße.


    Ich hab's schließlich auch gelernt und mich von dem alten Ballast befreien können.


    :)

  • Du weißt, dass dieser Dogmatismus für den gemeinen Klassikfan wie mich ungangbar ist. Aber das ist deine Entscheidung und wenn du glücklich damit bist, ist doch alles in Butter.

    Das verstehe ich nicht. Das hat doch v.a. damit zu tun, was man hören möchte. Ich habe 50 Jahre v.a. Musik mit modernen Instrumenten gehört, nun bin ich neugierig auf die andere Fraktion. Und meine Ohren sind sozusagen erleichtert, weil ich ja schon immer Probleme mit lauten und großbesetzten Orchestern hatte, aber auch Kammermusik mit *opi* *opi* *opi* ist für meine ohren angenehm.



    lg vom eifelplatz, Chris.

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    Das hat nichts mit Konsequenz zu tun. Ich mag auch inzwischen hip und opi sehr und in manchen Sparten will ich nichts Anderes mehr hören; aber zu behaupten, jede opi-Interpretation sei per se besser als die beste omi ist einfach nicht nachvollziehbar; jedenfalls nicht solange, als es keine entsprechende opi-Dichte an Aufnahmen gibt. Und ich persönlich glaube dir dieses Diktum auch nicht, dafür liebst du die Musik zu sehr und kennst etwa einen Norrington, der omi zaubern kann, als wäre es opi. Aber ich werde hier nicht weiter disputieren; jeder soll nach seiner Facon selig werden.

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    Dann glaube mir eben nicht, das ist dann Dein Problem; meinem Prinzip folgend, zuerst das omi/opi-Kriterium anzufassen, fällt omi gleich durch und damit ist die Diskussion bereits beendet, bevor sie begonnen hat. Ich habe früher auch mangels opi-Einspielungen omi gehört (aus heutiger Sicht: hören müssen), inzwischen kann ich mir das extrem gut verkneifen. Lieber warte ich, wenn mir Gardiners Schumann nicht gefällt, auf eine künftige Edition - es gibt genügend andere Musik, die ich in der Zwischenzeit hören kann. Und das nenne ich konsequent.


    Wenn man, was ja leider nie stattfinden wird, omi global boykottieren würde, wäre die Auswahl an z.B. Schumann-Sinfonien, die richtig gespielt sind, auch nicht so mau ...


    Ich weiß, daß ich mir wieder Feinde mache, aber es liegt sowieso gerade wieder in Anbetracht der nahenden Vorweihnachtszeit in der Luft. Am liebsten, das weißt Du, würde ich alle omi-Threads platt machen ... ich schaue da nie und nimmer rein (außer in meiner Funktion als Administrator), weil mich das einfach nicht interessiert und auch nicht der Fokus des Forums ist - und künftig auch nicht sein wird. Gern nochmal: um über omi nachzulesen, gibt's ausreichend andere Foren, das brauchen wir hier nicht.


    Ich ziehe eine schwache opi-Aufnahme einer starken omi-Interpretation in jedem Falle vor und betrachte sie, wenn es sein muß, als Ersteinspielung.


    *opi*


    Mir geht die Scheiße hier sowieso auf die Nerven. Sollten sich nicht binnen 14 Tagen die technischen Probleme für den Umstieg gelöst haben, strecke ich die Flügel ... dann läuft das Forum solange wie es läuft und ich baue mir parallel etwas neues, eigenes - ohne omi - auf. Punktum. Je weniger omi gepostet wird, desto eher bin ich bei Laune zu halten, hier weiter zu machen.

  • Gemach Gemach... :beatnik:


    Es muß ja nicht gleich wieder ein Streichholz an Rom gelegt werden. Wichtiger ist doch, daß man die Trennung omi/opi erstmal etabliert hat, um davon ausgehend die Unterschiede erfahrbar zu machen. Dazu braucht man letztendlich doch beide Sichtweisen, auch in einem Forum, wo das Hauptaugenmerk auf opi legt. Fakt ist: je nach Repertoire ist opi nicht gleich weit verbreitet, und das neue Beispiel Goebel zeigt auch, daß man immer regelmäßig darum ringen muß. Und da sollte man auch einharken.


    In erster Linie ist opi eine Auseinandersetzung mit einer speziellen Aufführungspraxis und der Ästhetik dahinter. Insofern ist Goebels wie auch NHs Argumentationen dazu durchaus treffend, wenn sie eine rein musikhistorische Ausrichtung ablehnen. Allerdings hat Tamás absolut Recht, wenn er Goebels Bemerkungen zur neuen Bach-Aufnahme kritisiert.


    Hier im Thread aber geht es um eine Sichtweise von uns selber als Hörer. Ist es da wirklich so wichtig, welche Aufführungspraxis man bevorzugt? Wie gesagt: zur Vermittlung einer bestimmten Sichtweise braucht man auch die entgegengesetzte Sichtweise, um sich davon abzusetzen; gewiß, man könnte sich auf den Aspekt der Unterschiede beschränken, aber letztendlich würde man sich auch da um wichtige Erkenntnisse bringen - und wenn es auch nur die wären, wie man es nicht mehr ertragen kann... ;)


    Ich plädiere dafür, sich nicht um die Chance zu bringen, einseitig zu werden - wobei ich durchaus keinen Widerspruch sehe, dabei den Fokus auf opi zu legen. Aber dazu ist das Nebeneinander wichtig, das Partnerschaftliche. Ohne das geht es nicht.

  • Gangbar ist alles, man muß eben bloß konsequent sein (können/wollen) und nicht alles durcheinandermixen oder ignorant sein; Vergleiche omi/omi und opi/opi sind okay, alles andere ist für mich Quark mit Soße.


    Ich hab's schließlich auch gelernt und mich von dem alten Ballast befreien können.

    Ich stimme insofern zu, daß alles gangbar ist. Allerdings ist es eine persönliche Entscheidung, OPI als das zunächst alles entscheidende Kriterium anzusetzen, die ich so gerne akzeptiere. Wer das nicht tut, ist aber in meinen Augen keinesfalls ignorant oder in die Kategorie einzuordnen, man schafft es nicht, sich von irgendwelchem Ballast zu befreien.


    Schon aufgrund meiner musikalischen Praxis beschäftige ich mit tagtäglich mit OPI und HIP. Auch würde ich behaupten wollen, daß 70% meines Tonträgerbestandes OPI sind und 80% HIP. Dennoch erkenne ich einen Mehrwert darin, sich auch mit HIP auf modernen Instrumenten oder gar mit Non-HIP zu beschäftigen. Ich denke, wir sind uns darüber einig, daß wir es ja nicht einmal schaffen, trotz erhaltener Originale und heutigen "Kopien" ein Klangbild zu erzeugen, daß wirklich einem Originalklang entsprechen würde. Wir schaffen im besten Fall eine Annäherung. Noch viel schwerer wiegt, daß wir (leider) nicht mehr die Ohren der jeweiligen Epoche haben. Wir schaffen und erleben also immer "modern" (quasi OMI), selbst wenn wir das vermeintlich richtige Instrumentarium (das oft nur bedingt etwas mit originalen Instrumenten, selbst wenn es originale Instrumente der Epoche sind, zu tun hat) verwenden und auf HIP setzen. Daher halte ich auch Vergleiche zwischen OMI und OPI nicht für obsolet, und sei es auch nur um Problematik und Wahrnehmungsunterschiede, die sich aus OMI ergeben, zu studieren.

    Mein zentraler Ansatz ist zunächst die Interpretation: ist die gut oder auch zumindest nur interessant, darf die Aufnahme bleiben, ist sie schwach, "falsch" oder langweilig dann geht die Aufnahme wieder. Das ist für mich zunächst keine Frage der Kategorie OMI/OPI sondern tatsächlich eine reine Frage der Interpretation. Ich bin auch der Auffassung, daß OPI immer die bessere Chance für eine gute Interpretation bietet, als Basis immer vorzuziehen ist. Oft genug wird diese Chance leider aber auch vergeben und es gibt tatsächlich Aufführung OMI, die die OPI-Interpretation weit hinter sich lassen. Das von mir neulich genannte Beispiel der Haydn-Sinfonie ist für mich nach wie vor aktuell und ich beschäftige mich immer noch mit der Analyse der Gründe.


    Die Jagd nach einem vermeintlich authentischen Klang ist in meinen Augen und leider auch in meinen Ohren nicht zu gewinnen. Der vermeintlich originale Klang ist und bleibt für alle Zeit verloren. Es ist und bleibt aber spannend, sich diesem Klang mit den uns zu Verfügung stehenden Mitteln (vermeintlich?) anzunähern. Ich würde so gerne Mäuschen spielen und hören, inwieweit wir mit unseren Bemühungen in HIP und OPI uns wirklich den entsprechenden Zeiten annähern. Das ist für mich aber nicht der entscheidende Punkt. Entscheidend ist auf dem Platz, sprich im Konzert: hier muß ich es schaffen, die Hörer von heute mit ihren mannigfaltigen Hörerfahrungen für das Werk mit meiner Interpretation zu begeistern. Das wird immer eine heutige Interpretation sein, die freilich auf den Regeln und Überlieferungen der Entstehungszeit fußt.

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    Ich möchte auf jeden Fall JD zustimmen und bitte darum, nicht die Dinge zu verwechseln. Das eine ist das Forum mit seiner Ausrichtung; daran rüttelt niemand. Und das andere ist die persönliche Art und Weise, Musik auszuwählen und zu werten. Ersteres versuchen wir gemeinsam zu beachten, zweiteres bleibt jedem selbst überlassen.

    • Offizieller Beitrag

    Was ist besser? Eine schwache OPI- oder eine starke OMI-Interpretation?


    Ein sehr kluger Text, dem im Grunde nichts hinzufügen ist.


    Ich denke, wir sind uns darüber einig, daß wir es ja nicht einmal schaffen, trotz erhaltener Originale und heutigen "Kopien" ein Klangbild zu erzeugen, daß wirklich einem Originalklang entsprechen würde. Wir schaffen im besten Fall eine Annäherung. Noch viel schwerer wiegt, daß wir (leider) nicht mehr die Ohren der jeweiligen Epoche haben. Wir schaffen und erleben also immer "modern" (quasi OMI), selbst wenn wir das vermeintlich richtige Instrumentarium (das oft nur bedingt etwas mit originalen Instrumenten, selbst wenn es originale Instrumente der Epoche sind, zu tun hat) verwenden und auf HIP setzen. Daher halte ich auch Vergleiche zwischen OMI und OPI nicht für obsolet, und sei es auch nur um Problematik und Wahrnehmungsunterschiede, die sich aus OMI ergeben, zu studieren.


    Ich halte das für einen sehr wichtigen Gedanken! Unsere Lebenswelt ist schon rein akustisch eine ganz andere als beispielsweise um 1800. Unsere Ohren hören daher komplett anders. Dass wir auf zeitgenössischen Instrumenten näher dran sind am Original, versteht sich natürlich dennoch.


    Mein zentraler Ansatz ist zunächst die Interpretation: ist die gut oder auch zumindest nur interessant, darf die Aufnahme bleiben, ist sie schwach, "falsch" oder langweilig dann geht die Aufnahme wieder. Das ist für mich zunächst keine Frage der Kategorie OMI/OPI sondern tatsächlich eine reine Frage der Interpretation. Ich bin auch der Auffassung, daß OPI immer die bessere Chance für eine gute Interpretation bietet, als Basis immer vorzuziehen ist. Oft genug wird diese Chance leider aber auch vergeben und es gibt tatsächlich Aufführung OMI, die die OPI-Interpretation weit hinter sich lassen. Das von mir neulich genannte Beispiel der Haydn-Sinfonie ist für mich nach wie vor aktuell und ich beschäftige mich immer noch mit der Analyse der Gründe.


    Ja, das ist auch mein Ansatz; und ja, auch ich ziehe, so vorhanden, mittlerweile eine opi-Einspielung vor. Aber a wird diese Chance tatsächlich oft genug vergeben und b, damit zusammenhängend; fehlt einfach nach wie vor die Bandbreite an opi-Einspielungen, um z.B. aus zwei bis drei Dutzend Schumann-Zweiten die besten sechs herausfiltern zu können. Und diese Bandbreite wird sich, so meine Befürchtung, auch nie mehr einstellen; nicht für den orchestralen Bereich ab der Beethovenzeit und schon gar nicht ab der Spätromantik gegenwärts.


    Die Jagd nach einem vermeintlich authentischen Klang ist in meinen Augen und leider auch in meinen Ohren nicht zu gewinnen. Der vermeintlich originale Klang ist und bleibt für alle Zeit verloren. Es ist und bleibt aber spannend, sich diesem Klang mit den uns zu Verfügung stehenden Mitteln (vermeintlich?) anzunähern.


    Das unterschreibe ich zu 100 Prozent und hier leistet dieses Forum exzellente Arbeit.

  • Wir schaffen und erleben also immer "modern" (quasi OMI), selbst wenn wir das vermeintlich richtige Instrumentarium (das oft nur bedingt etwas mit originalen Instrumenten, selbst wenn es originale Instrumente der Epoche sind, zu tun hat) verwenden und auf HIP setzen.

    Ist nicht von der Hand zu weisen: wobei ich den englischen Begriff "period" sehr passend finde, weil er das Entscheidende in sich trägt: es geht um zeitgenössische Instrumente - und das ist auch der Grund, warum ich auch kein Problem habe, neben Originalinstrumenten aus der jeweiligen Zeit auch Nachbauten solcher Instrumente zu akzeptieren. Natürlich ist der Originalklang verloren - aber ich denke, daß dies für die wirklichen Spezialisten nie wirklich der interessante Punkt war bzw. ist. Es ging darum nachzuvollziehen, wie man damals mit den Instrumenten musizieren konnte, wie man damals musikalisch "dachte" (Affekt, Rhetorik) - kurz: wie man überzeugend interpretierte. Dieser Zweifel am Originalklang ist immer da, aber er ist auch eben unmißverständlich: es gibt keine durchgehende Tradition, und somit kann man nichts anderes machen, als seine Sichtweise dieses Musizierens dem Hörer zu vermittlen. Es ist eine sorgfältige Rekonstruktion, keine Restauration - und sie soll Spaß machen beim Anhören. Davon profitieren alle: Musiker, Hörer, Wissenschaftler.

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    wobei ich den englischen Begriff "period" sehr passend finde


    ... oder eben „on composer's insruments" wie Viviana Sofronitsky das gern nennt. Da ist der Bezug eigentlich noch klarer hergestellt.

  • Zitat

    „on composer's insruments"

    Finde ich genausowenig glücklich wie "period" oder irgendetwas mit "Original". All diese Begriffe suggerieren, daß es die originalen Instrumente der Zeit wären. Sind sie ja nicht, kein Instrument dürfte im originalen Zustand sein. Darüber hinaus hat der Zahn der Zeit dafür gesorgt, daß wir u. A. durch Holzschwund und anderen Gründen das originale Voicing bestenfalls erahnen können. Auch gibt es so gut wie keine Kopien im Gebrauch, sondern Nachbauten, die man "verbessert" hat. Nur ein Teil der Doppelrohrblattbläser spielt auf Rohren, wie man sie im Barock gebaut hat, das Saitenmaterial bei Streichern (und vermutlich auch Tasteninstrumenten) ist anders, allein schon aus biologischen Gründen.
    Das hat viele Gründe, die durchaus interessant zu diskutieren sind. Mir als Musiker wäre aber viel lieber, wir würden zu all diesen Tatsachen stehen und nicht dem Publikum immer wieder unterschwellig suggerieren, wir hätten die originalen Instrumente und den originalen Klang. Das könnten wir uns schon leisten, denn wir erzielen ja in unseren Bemühungen teils phantastischer Ergebnisse, die in ihrer Perfektion "modernen" Instrumenten in nichts nachstehen, sondern sie übertreffen, eben weil sie der entsprechenden Musik gerechter werden.

    • Offizieller Beitrag

    dem Publikum immer wieder unterschwellig suggerieren, wir hätten die originalen Instrumente und den originalen Klang


    Tun wir ja nicht; wir sagen nur, daß es dem Original näher ist als moderne Instrumente.


    Das könnten wir uns schon leisten, denn wir erzielen ja in unseren Bemühungen teils phantastischer Ergebnisse, die in ihrer Perfektion "modernen" Instrumenten in nichts nachstehen, sondern sie übertreffen, eben weil sie der entsprechenden Musik gerechter werden.


    *yepp*